Die Brücke der Gezeiten 6 (eBook)
570 Seiten
Blanvalet Taschenbuch Verlag
978-3-641-18113-0 (ISBN)
Der Krieg tobt um die Mauern der heiligen Stadt Shaliyah und auf dem ganzen Kontinent, doch die Truppen des Ostens schöpfen neue Kraft - und der Kampf um Urte ist noch nicht entschieden. Denn der Schlüssel zum Sieg befindet sich nicht in den Waffen der Soldaten, sondern in einem uralten Artefakt. Doch das liegt in den Händen von Ramita. Sie, die Witwe des größten Magiers aller Zeiten, trägt die Macht in sich, den Krieg zu beenden - oder die Welt zu zerreißen.
Der neuseeländische Schriftsteller David Hair wurde für seine Jugendromane bereits mehrfach ausgezeichnet. Die Brücke der Gezeiten ist seine erste Fantasy-Saga für Erwachsene. Nach Stationen in England, Indien und Neuseeland lebt er nun in Bangkok, Thailand.
Brochena in Javon, Antiopia
Rajab (Julsept) 929
Dreizehnter Monat der Mondflut
Gurvon Gyle umklammerte den Gnosisstab und schloss die Augen, damit der gedämpfte Lärm der Stadt und die langsam über den Boden des Turmzimmers kriechenden Sonnenstrahlen ihn nicht ablenkten. Bis auf die verbrannten Überreste von Elenas Trainingsmaschine Bastido war der Raum vollkommen leer. Gurvon wusste selbst nicht recht, warum er den verkohlten Holzhaufen aufhob, aber irgendetwas gefiel ihm daran. Er atmete aus, stellte sich das geheime kaiserliche Siegel vor und sandte seinen Geist aus, schickte ihn auf die Suche nach einem weiteren solchen Siegel im Äther, jenem Ort, der weder ganz zu dieser Welt gehörte noch zu der dahinter. Dann sah er die anderen. Sie warteten bereits.
Edle Herren, edle Dame, begrüßte er sie.
Magister Gyle, willkommen. Mater-Imperia Lucia Fasterius war die Höflichkeit selbst, Erzprälat Dominius Wurther setzte ein freundliches, wenn auch distanziertes Lächeln auf. Die anderen zeigten sich weniger erfreut: Tomas Betillon und Kaltus Korion schnaubten nur leise, Calan Dubrayle würdigte ihn keines Blickes. Aber da war noch eine weitere Präsenz, eine, die Gurvon nicht kannte: ein keckes, selbstzufriedenes Gesicht mit dunklem Haar und einem üppigen, von grauen Strähnen durchzogenen Schnauzbart.
Magister Gyle?, fragte der Fremde. Ich bin Jean Benoit.
Gurvon versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Gildemeister Benoit … das ist eine Überraschung. Er schaute hinüber zu Lucia. Ich wusste nicht, dass die Händlergilde nun auch Zutritt zu unserem Kreis hat.
Es wird bei diesem einen Mal bleiben, warf Tomas Betillon verärgert ein. In Hebusal sehe ich den Scheißkerl schon oft genug.
Tomas!, tadelte Lucia sanft. Benehmt Euch.
Gurvon rief sich das erste Treffen ins Gedächtnis, als er der Gruppe seine Pläne für den Dritten Kriegszug dargelegt hatte. Eines der wichtigsten Ziele war es gewesen, die Macht der Händlermagi zu brechen, und jetzt war Jean Benoit hier, der Gildemeister persönlich. Gurvon erinnerte sich noch gut an Lucias grenzenlose Verachtung für die Händler, vor allem für die, die ihren Reichtum darauf verwendeten, Magi-Kinder zu kaufen, um Nachkommen mit ihnen zu zeugen. Wäre Elena Anborn zugegen gewesen, hätte ihn das kaum mehr überraschen können.
Mater-Imperia, fragte er, Ihr habt dieses Treffen sehr kurzfristig einberufen. Gibt es ein Problem?
Ich hoffe nur, es hat nichts mit mir zu tun. Er dachte an die Lage in Javon: König Francis Dorobon schien zufrieden und ahnte nichts von seiner bevorstehenden Entmachtung. Die Söldnerlegionen fügten sich immer besser in Brochena ein, auch die Versorgung von Kaltus Korions Truppen war gewährleistet, wie Lucia verlangt hatte. Der javonische Adel war zerstritten und konnte sich nicht auf einen neuen König einigen – und das, obwohl jeder wusste, dass dies einem Todesurteil für den jungen Timori Nesti gleichkam. Ceras Anhörungen im Bettlerhof spalteten die jhafische Priesterschaft und lenkten sie ab. Selbst Elenas Anschläge hatten aufgehört. Gurvon war vorsichtig optimistisch, dass er Javon so gut wie in der Tasche hatte.
Die Mater-Imperia räusperte sich. Auch während der bisherigen Kriegszüge ergab sich etwa um diese Zeit eine Situation, bei der wir den Gildemeister hinzuziehen mussten. Ich werde nun an den kaiserlichen Schatzmeister übergeben, da die Angelegenheit hauptsächlich ihn betrifft.
Die im Äther schwebenden Gesichter wandten sich Dubrayle zu.
Und?, fragte Kaltus Korion müde. Der General sah angespannt aus. Seit der Schlacht bei Shaliyah war sein Heeresflügel damit beschäftigt, Aufstände in beinahe jedem Dorf und jeder Stadt niederzuschlagen. Natürlich war damit zu rechnen gewesen, dennoch war es nicht leicht. Kaltus hatte die Offensive abbrechen und sich bis nach Hallikut zurückfallen lassen müssen, um dort im zweiten Jahr der Mondflut eine große Verteidigungsschlacht zu führen.
Dass ich ihm drei Legionen gestohlen habe, wird die Sache nicht besser gemacht haben, dachte Gurvon. Er hatte Adi Paavus, Has Frikter und Staria Canestos bestochen, damit sie ihre Söldnerlegionen abzogen und sich ihm in Javon anschlossen. Kaltus war außer sich deshalb, aber Lucia hatte nichts dagegen tun können.
Das Problem betrifft den Geldfluss, begann Dubrayle.
Fließt denn nicht genug in Euer Säckel?, murmelte Betillon.
Dubrayle ignorierte die Bemerkung und hob zu einem endlosen Vortrag über Zahlen, Prozentsätze und Entwicklungen an, die mit der rondelmarischen Währung und den Goldreserven zu tun hatten. Gurvon hatte eigentlich geglaubt, etwas von Geld und Finanzen zu verstehen, aber die schiere Menge von Zahlen, die Dubrayle in seinem Monolog anführte, überforderte ihn. Eines wurde allerdings überdeutlich: Der Schatzmeister verfügte über Tausende von Informanten im gesamten Kaiserreich. Bankenmitarbeiter, Beamte und Buchhalter, die zusammen ein Netz bildeten, das Gyles Netzwerk aus Magusspionen und ein paar hundert gewöhnlichen Bürgern in den wichtigsten Städten wie einen Kindergarten aussehen ließ.
Halt, halt!, unterbrach Wurther. Ich mag ein frommer Mann und nicht so weltgewandt sein wie Ihr anderen, aber bin ich wirklich der Einzige, der kein Wort von Eurem Vortrag verstanden hat, Calan?
Ich bin nicht mal sicher, ob er überhaupt Rondelmarisch spricht, brummte Betillon.
Lucia lächelte milde. Eure Ausführungen waren vielleicht etwas zu detailliert, Calan. Wie wäre es mit einer kurzen Zusammenfassung?
Dubrayle schien nicht erfreut. Nun gut. Vereinfacht ausgedrückt, regiert während jeder Mondflut eine Zeit lang der Wahnsinn. Innerhalb eines Tages kann der Wert einer Ware um das Zehnfache steigen und dann wieder einbrechen. So schlimm wie diesmal war es allerdings noch nie. Die Kosten für den Kriegszug sind ins Unermessliche gestiegen, sie leeren die kaiserlichen Schatzkammern. Der Wert eines rondelmarischen Gulden hat sich innerhalb des letzten Jahres verdreifacht, Schuldscheine sind im Umlauf, als würden sie auf den Bäumen wachsen, alles Geld fließt nach Pontus und Antiopia, und die Preise steigen wie nie zuvor.
Betillon runzelte die Stirn. Ähm … das heißt, unsere Währung ist stärker geworden, Handel und Investitionen blühen, und unsere Truppen werden ausreichend versorgt. Was ist Eurer Meinung nach schlecht daran?
Wie ich bereits sagte, erwiderte Dubrayle gequält, haben die hochspekulativen Investitionen in Form von Schuldscheinen ein nicht mehr hinnehmbares Ausmaß angenommen, und wie Ihr wisst … Nein, lasst es mich so ausdrücken: Wie Ihr wissen solltet, stellen alle Banken, auch die kaiserliche Schatzkammer, ohnehin mehr Schuldscheine aus, als durch Goldreserven gedeckt sind. Um einen funktionierenden Handel dauerhaft zu gewährleisten, muss der Markt jedoch Vertrauen in die Institutionen haben, die diese Schuldscheine ausstellen. Solange das der Fall ist, werden die Kaufleute sie wie echtes Geld behandeln und sie gegen echte Ware eintauschen. Nur so funktioniert das System. Normalerweise werden Schuldscheine bis zu einer Höhe ausgestellt, die dem Zehnfachen der Golddeckung entspricht. Das gilt für die privaten Banken genauso wie für die der Gilden. Die Differenz regulieren wir über den Goldpreis. Diesmal sind allerdings unautorisierte kaiserliche Schuldscheine aufgetaucht, das heißt, sie tragen unser Siegel, kommen aber von innerhalb der Armee. Ich versuche nach wie vor, den Ursprung dieser »Kriegszügler-Schuldscheine« zu finden, jedoch ohne Erfolg. Ihr Weg ist zu verschlungen. Nach konservativen Schätzungen beläuft sich der Wert der momentan im Umlauf befindlichen Schuldscheine auf knapp das Achtzigfache unserer Goldreserven.
Gurvon stieß einen leisen Pfiff aus. Hört, hört. Das habe sogar ich verstanden. Er schaute Gildemeister Benoit an. Aber muss ausgerechnet er das wissen?
Benoit wirkte in der Tat beunruhigt, und als er Gurvons Blick sah, richtete er sogleich das Wort an ihn. Magister Gyle, dergleichen passiert während jedes Kriegszugs. Allerdings hatten wir in der Vergangenheit nur mit einer Verdopplung der Ausstellungsrate von Schuldscheinen zu tun, das heißt mit dem Zwanzigfachen der tatsächlichen Golddeckung – nicht achtzig Mal so viel. Er wandte sich wieder an Dubrayle. Meine Gilde trifft dieser Punkt ganz empfindlich. Die kaiserlichen Schuldscheine befreien unsere Händler von der Notwendigkeit, Gold mit sich zu führen. Alle Zahlungen werden damit abgewickelt, sie sind unsere wichtigste Währung. Daher sind diese Kriegszügler-Schuldscheine für uns wie Falschgeld, auch wenn das Siegel echt zu sein scheint.
An dieser Stelle übernahm Dubrayle wieder das Wort: Unsere Armee hat schon öfter eigene Schuldscheine ausgestellt, jedoch nie in diesem Ausmaß. Wir befinden uns in einer noch nie dagewesenen Lage. Hinzu kommt, dass jemand es wagt, Schuldscheine mit meinem persönlichen Siegel darauf auszustellen.
Ich war’s nicht, auch wenn ich Euer Siegel habe, warf Kaltus Korion schnippisch ein. Besonders schwer zu fälschen ist es ja …
Ich werde dieser Angelegenheit auf den Grund gehen,...
| Erscheint lt. Verlag | 17.4.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Brücke der Gezeiten | Die Brücke der Gezeiten |
| Übersetzer | Michael Pfingstl |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Unholy War (The Moontide-Quartet 3) Part Two |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction | |
| Schlagworte | Artefakt • eBooks • Fantasy • Fremde Welten • Für Leser von George R.R. Martin • Game of Thrones • Gefährten • High Fantasy • Magie • Robert Jordan • Serien |
| ISBN-10 | 3-641-18113-5 / 3641181135 |
| ISBN-13 | 978-3-641-18113-0 / 9783641181130 |
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