Jerry Cotton Sonder-Edition 50 (eBook)
80 Seiten
Bastei Entertainment (Verlag)
978-3-7325-4623-7 (ISBN)
Der Mann kam aus Los Angeles. Er hatte nicht viel Gepäck, aber es enthielt ein tödliches Arsenal. Sein Auftrag lautete: Mord. Er kam nach New York, um sein siebtes Opfer zu erledigen. Im letzten Augenblick wurden Phil und ich alarmiert und nahmen an einem rauschenden Fest der Unterwelt teil ... Und damit begann ein mörderisches Wochenende!
1
Es war Sonnabend. Mein Wecker klingelte um sieben Uhr früh. Ich wachte auf, gähnte und starrte zur Decke, um meine fünf Sinne zu sammeln.
Manchmal hatte selbst ein G-man ein freies Wochenende, nur gehörte ich in dieser Woche nicht zu den Glücklichen. Mein Name stand neben einigen anderen auf der Liste für die Bereitschaften, die von Samstag bis Montag früh neun Uhr im Distriktgebäude einsatzbereit zu sein hatten.
Eine Dreiviertelstunde später hielt ich an der Ecke, wo mein Freund immer zusteigt. Phil ließ mich geschlagene fünf Minuten warten, bevor er endlich aufkreuzte.
»Hast du gewartet?«, fragte er naiv.
»Nein«, erwiderte ich. »Ich habe hier übernachtet.«
»Scherzkeks«, sagte Phil, rekelte sich in seinem Polster und blinzelte hinaus auf die leeren Straßen. Es war prächtiges Wetter, Wochenende – und halb New York hatte sich schon gestern Abend aufgemacht, um entweder in die Berge der Adirondacks oder zum Strand von Long Island zu fahren. Alles sprach dafür, dass wir im Distriktgebäude zwei ruhige Tage verleben würden.
Kurz darauf stellte ich den Jaguar auf den Hof in den Schatten der Halle der Fahrbereitschaft ab. Für die frühe Stunde war es beachtlich warm, und es sah ganz danach aus, als erlebe New York wieder einmal einen dieser Tage, wo man fürchten musste, dass einem der Asphalt unter den Füßen wegschmolz.
Im Aufenthaltsraum für die Bereitschaften saßen Jimmy Stone, Joseph McGarry, Leon Eisner, Steve Dillaggio und George Baker. Kurz nach uns kam Zeerookah herein, ein Agent, der seiner Herkunft nach ein reinrassiger Indianer ist.
»Dann wollen wir mal!«, sagte Leon Eisner, kaum, dass sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte.
Er zog ein Fünf-Cent-Stück aus der Hosentasche, wir losten aus, wer von neun bis zwölf Uhr die anfallende Arbeit zu übernehmen hatte. Zeery und ich blieben daran hängen.
Jimmy Stone rieb sich zufrieden die Hände. »Ich hab’s gewusst, dass ich heute Glück habe. Ich muss die Akten von meinem letzten Fall abschließen, und ich habe zugesagt, dass sie bis heute Mittag im Büro des Bundesanwaltes sein werden.«
Ich gab der Zentrale Bescheid, dass sie bis zwölf Uhr alle eingehenden Anrufe in mein Büro durchstellen sollte, dann begaben Zeery und ich uns dorthin.
Phil trottete hinter uns her. »Ich komme mit. Bei uns liegt auch noch eine Menge Papierkram herum, der mal aufgearbeitet werden müsste.«
Zeery war frisch aus dem Urlaub zurückgekommen und hatte keine Arbeit herumliegen, die auf ihn wartete.
»Ich«, sagte er grinsend, »ich werde mir mal den Luxus gönnen, während des Dienstes die Zeitung zu lesen.«
Er war über die zweite Seite noch nicht hinausgekommen, als das Telefon klingelte. Ich nahm den Hörer. Die Vermittlung kündigte mir ein Dienstgespräch vom FBI aus Los Angeles an.
Los Angeles?, dachte ich. Bei denen muss es fast noch Nacht sein.
»Hier ist Cotton«, sagte ich. »Geht ihr da drüben überhaupt nicht mehr ins Bett?«
Durch die Leitung drang eine müde Männerstimme, die überraschend nah klang, wenn man überlegte, dass immerhin rund viertausend Meilen zwischen uns lagen.
»Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, Cotton«, sagte die Stimme. »Ich bin seit gestern Früh nicht aus den Schuhen gekommen. Wegen einer Rauschgiftgeschichte. Übrigens: Sie sprechen mit Agent Forrester.«
»Schön. Und was können wir für euch tun?«
»Vor einer halben Stunde bekam ich in einer Kneipe einen Tipp, der euch da drüben am Atlantik interessieren müsste. Sagt Ihnen der Namen Gal Flint etwas?«
»Nein. Wer ist das?«
»Hier an der Pazifikküste ist der Name ziemlich bekannt. Flint ist siebenundzwanzig Jahre alt, mittelgroß, schlank und fast hager. Gewicht höchstens hundertvierzig Pfund. Er hat braune Augen und kurzes dunkelblondes Haar. Am linken Handgelenk besitzt er eine kleine Tätowierung, nicht größer als ein Daumennagel. Sie stellt eine Schlange dar, die sich um einen Dolch windet.«
Ich hatte die Angaben mitgeschrieben. »Was ist mit diesem tätowierten Burschen? Ist er euch abhandengekommen?«
»Er müsste jetzt schon in New York sein. Angeblich will er eure Stadt mit seinem Besuch beehren. Da es heißt, dass er schon sechs Morde auf dem Gewissen hat, werdet ihr euch über so einen Besucher bestimmt freuen.«
»Was will er hier?«
Durch die Leitung drang ein deutliches Schnaufen. »Was soll er wollen? Seinem Job nachgehen, vermute ich. Er ist der zurzeit gefährlichste Killer an der Westküste!«
***
»Zeery und ich müssen raus«, sagte ich am Haustelefon. »Wer ist nach uns an der Reihe?«
»Phil und Steve«, erwiderte Jimmy Stone aus dem Aufenthaltsraum.
»Phil sitzt schon hier. Schick Steve in unser Büro!«
»Okay.«
Ich griff nach dem Hut. Zeery stand bereits in der Tür.
»Feine Sache«, sagte er, während wir das Distriktgebäude verließen. »Siebenundzwanzig Jahre, mittelgroß und schlank. Dunkelblondes Haar und braune Augen. Alltäglicher geht’s nicht mehr. Da könnte jemand stundenlang neben ihm im Flugzeug gesessen haben, und er würde sich nicht an ihn erinnern. Wenn er wenigstens zwei Nasen im Gesicht hätte.«
»Ein Vollbart bis zum Bauchnabel genügt auch schon«, sagte ich.
Wir stiegen in den Jaguar. Nach der angenehmen Kühle unseres Büros kam es mir jetzt schon spürbar wärmer vor als bei unserer Ankunft. Ich bedachte Zeerys Seidenhemd mit einem misstrauischen Blick.
»Keine Angst«, tröstete Zeery und grinste. »Ich habe vier frische Hemden mitgebracht.«
»Die amerikanische Textilindustrie sollte dir einen Orden verleihen.«
Wir fuhren die Park Avenue hinauf nach Norden. Vor einer kleinen Bierkneipe hielt ich an
»Bleib im Wagen!«, sagte ich. »Wenn wir zu zweit hineingehen, riechen sie gleich, von welcher Firma wir kommen.«
Zeery nickte und zog seine Bügelfalten gerade. Ich gab meinem Hut einen kleinen Stoß, damit er ein wenig ins Genick rutschte, sah mich flüchtig um und schob die Schwingtür der Kneipe auf.
Wer aus dem hellen Sonnenschein kam, hätte in der Bude eine Taschenlampe brauchen können. Ich musste ein paar Sekunden warten, bis sich meine Augen an das düstere Zwielicht gewöhnt hatten. Im Grunde war dies keine Kneipe, sondern eine Höhle aus der Steinzeit.
An der Theke hockten trotz der frühen Vormittagsstunde schon an die fünfzehn Männer. Die meisten waren unrasiert, und viele von ihnen waren entweder noch oder schon wieder betrunken. In einer Ecke saß ein ältlicher Mann schwer bestimmbaren Alters an einem runden Tisch, auf dem sechs vertrocknete Scheiben Weißbrot und ein kleiner Berg von Wurstresten lagen. Neben seinem Stuhl lehnten zwei Besen an der Wand.
Ich schob mich zur Theke durch, an ein paar Männern vorbei, die einen Spielautomaten umstanden, und bestellte einen eisgekühlten Fruchtsaft. Der Wirt streifte mich mit einem forschenden Blick. Er war ein Kerl von mehr als zweihundert Pfund Gewicht. Wortlos schob er mir das Glas hin. Ich rutschte auf einen Barhocker und zündete mir eine Zigarette an.
Ich hatte gerade ausgetrunken, als der Alte in der Ecke sein Frühstück beendete. Er kam zur Theke.
»Ich fege dir jetzt den Hof, Eddy«, sagte er zum Wirt. »Soll ich anschließend den Gehsteig machen?«
»Wenn du schon dabei bist, Rip. Hier, rauch eine Zigarre!«
»Oh, danke.«
Der Mann griff lächelnd nach der langen Virginia, klemmte sich die beiden Besen unter den Arm und schlurfte zum Hinterausgang, wo man zu den Toiletten und auf den Hof gelangen konnte. Ich ließ noch einmal fünf Minuten verstreichen, bevor ich mich umsah, als ob ich den Weg zu den Toiletten suchte.
Es gab nur zwei Kabinen, eine davon war bereits besetzt. Ich betrat die andere, riegelte ab und pfiff irgendetwas, während ich mit dem Fuß ein bestimmtes Signal klopfte.
»Okay, G-man«, kam die Stimme des Alten durch die dünne Holzwand von nebenan. »Ich habe schon gewartet. Was ist los?«
»Schon mal den Namen Flint gehört?«, fragte ich leise.
»Nein. Wer ist das?«
»Jemand von der Westküste. Er soll nach New York gekommen sein. Wir möchten wissen, wo er sich aufhält. Und wir möchten es möglichst schnell wissen.«
»Was ist euch die Information wert?«
Es hatte keinen Zweck, mit dem alten Rip zu feilschen. Es war so viel wert, wie wir zu investieren bereit waren. Rip ernährte sich davon, dass er von einer Kneipe zur anderen zog und mit seinen Besen in Aktion trat. Er kannte Gott und die Welt und hörte mehr, als ihm die meisten zutrauten.
»Was überlegen Sie so lange?«, fragte er, während ich nachdachte.
»Rip, die Sache ist ernst«, erwiderte ich. »Flint ist ein Killer.«
Nebenan wurde ein leiser, aber scharfer Pfiff laut.
»Wenn er nach New York gekommen ist«, fuhr ich leise fort, »um einen Auftrag auszuführen, dann möchten wir Flint kriegen, bevor er dazu kommt. In dem Falle ist es uns zwanzig Bucks wert.«
»Ich könnte ein paar Freunde mobilisieren«, meinte Rip. »Aber da brauche ich einen Vorschuss. Ihre Taubheit hört erst auf, wenn sie einen Dollar in der Tasche haben.«
Ich kramte und schob eine Fünfer-Note unter der Zwischenwand hindurch, die eine Handbreit über dem Fußboden endete. Der Geldschein kam postwendend zurück.
»Fünf einzelne«, verlangte Rip. »Es fällt auf, wenn ein Mann wie ich irgendwo einen Fünfer wechseln will.«
Daran hätte ich selbst denken müssen. Ich durchsuchte...
| Erscheint lt. Verlag | 11.4.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton Sonder-Edition | Jerry Cotton Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • alfred-bekker • Bastei • Bestseller • Dedektiv • Detektiv • Deutsch • Deutsche Krimis • eBook • E-Book • eBooks • Ermittler • erste-fälle • gman • G-Man • Hamburg • Horst-Bosetzky • international • Kindle • Komissar • Kommisar • Kommissar • Krimi • Krimiautoren • Krimi Bestseller • Kriminalgeschichten • Kriminalroman • Krimis • krimis&thriller • letzte fälle • martin-barkawitz • Mord • Mörder • nick-carter • Polizei • Polizeiroman • Polizist • Reihe • Roman-Heft • schwerste-fälle • Serie • Soko-Hamburg • spannend • spannende Krimis • Spannung • Spannungsroman • stefan-wollschläger • Tatort • Terror • thomas-herzberg • Thriller • uksak • Verbrechen • Wegner |
| ISBN-10 | 3-7325-4623-3 / 3732546233 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-4623-7 / 9783732546237 |
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