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City (eBook)

eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
336 Seiten
Atlantik Verlag
978-3-455-17142-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

City -  Alessandro Baricco
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Die Mutter ist in einer psychiatrischen Anstalt, der Vater ein General der U.S. Army, irgendwo in den Vereinigten Staaten stationiert. Doch der zwölfjährige Wunderknabe Gould ist nicht einsam, denn er hat sich zwei Bodyguards ausgedacht: stumm der eine, riesig der andere. Und außerdem hat er gerade bei einer Telefonumfrage die dreißigjährige Shatzy Shell kennengelernt, die nun bei ihm einzieht und sich als sein Kindermädchen ausgibt. Langweilig wird es dem ungleichen Paar nie, denn sie haben sich die seltsamsten Geschichten zu erzählen.

Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm bei Hoffmann und Campe Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur (2018) und The Game. Topographie unserer digitalen Welt (2019).

Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschienen von ihm bei Hoffmann und Campe Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur (2018) und The Game. Topographie unserer digitalen Welt (2019).

Cover
Titelseite
Prolog
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Epilog
Anmerkung des Autors
Über Alessandro Baricco
Impressum

Prolog


»Was ist nun, Herr Klauser, soll Mami Jane sterben?«

»Von mir aus können alle zum Teufel gehen.«

»Heißt das ja oder nein?«

»Was glauben Sie?«

Im Oktober des Jahres 1987 beschloss das Verlagshaus CRB, das seit zweiundzwanzig Jahren die Abenteuer des legendären Ballon Mac veröffentlichte, seine Leser in einer Meinungsumfrage darüber entscheiden zu lassen, ob Mami Jane sterben solle. Ballon Mac war ein blinder Superheld, der tagsüber als Zahnarzt arbeitete und nachts das Böse mit den sehr speziellen Kräften seines Speichels bekämpfte. Mami Jane war seine Mutter. Bei den meisten Lesern war sie sehr beliebt: Sie sammelte alte Indianerskalpe und trat abends als Bassistin in einer Bluesband auf, die ausschließlich aus Schwarzen bestand. Sie selbst war weiß. Die Idee, sie abkratzen zu lassen, kam vom kaufmännischen Leiter der CRB – einem sehr ruhigen Herrn, der nur eine einzige Leidenschaft hatte: Modelleisenbahnen. Er war der Ansicht, dass Ballon Mac auf einem toten Gleis gelandet sei und neuen Antrieb brauche. Der Tod der Mutter – die auf der Flucht vor einem paranoiden Weichensteller von einem Zug überrollt werden sollte – würde ihn in eine explosive Mischung aus Wut und Traurigkeit verwandeln, also in das genaue Abbild seines Durchschnittslesers. Die Idee war bescheuert. Aber der Durchschnittsleser von Ballon Mac war ebenfalls bescheuert.

Und so wurde im Oktober 1987 im zweiten Stock der CRB ein Büro freigeräumt und mit acht jungen Damen besetzt, deren Aufgabe darin bestand, Anrufe entgegenzunehmen und die Meinung der Leser einzuholen. Die Frage lautete: Soll Mami Jane sterben?

Von den acht jungen Damen waren vier Angestellte der CRB, zwei hatte das Arbeitsamt geschickt, eine war die Nichte des Verlagsleiters. Die achte, eine junge Frau um die dreißig aus Pomona, absolvierte hier ein Praktikum, das sie für die richtige Antwort bei einem Radioquiz gewonnen hatte (»Was hasst Ballon Mac am meisten auf der Welt?« – »Zahnsteinentfernen.«). Sie lief immer mit einem kleinen Kassettenrecorder herum. Ab und zu schaltete sie ihn an und sprach etwas hinein.

Sie hieß Shatzy Shell.

Um 10 Uhr 45 des zwölften Tages der Umfrage – der Tod von Mami Jane war mit 64 zu 30 Prozent fast beschlossene Sache (die restlichen sechs Prozent waren der Meinung, dass die ganze Mannschaft zum Teufel gehen solle, und hatten lediglich angerufen, um das mal loszuwerden) – klingelte bei Shatzy Shell zum einundzwanzigsten Mal das Telefon; sie notierte die Zahl 21 auf den vor ihr liegenden Fragebogen und nahm den Hörer ab. Dann entspann sich folgende Unterhaltung.

»CRB, guten Tag.«

»Guten Tag, ist Diesel schon da?«

»Wer?«

»Okay, dann ist er noch nicht da …«

»Sie sprechen mit dem Verlagshaus CRB

»Ja, weiß ich.«

»Sie müssen sich verwählt haben.«

»Nein, nein, ist schon richtig, hören Sie …«

»Entschuldigung …«

»Ja?«

»Hier ist CRB, wir machen eine Umfrage zum Thema ›Soll Mami Jane sterben?‹«

»Danke, weiß ich.«

»Wären Sie so freundlich, mir Ihren Namen zu sagen?«

»Mein Name tut nichts zur Sache …«

»Den müssten Sie mir aber schon nennen.«

»Okay, okay … Gould … Mein Name ist Gould.«

»Herr Gould.«

»Ja, Herr Gould. Dürfte ich jetzt vielleicht –«

»Soll Mami Jane sterben?«

»Wie bitte?«

»Ich hätte gern Ihre Meinung … ob Mami Jane sterben soll oder nicht.«

»Aber ich –«

»Sie wissen doch, wer Mami Jane ist?«

»Ja, natürlich, aber …«

»Schauen Sie, ich möchte von Ihnen nur wissen, ob –«

»Würden Sie mir bitte einen Moment zuhören?«

»Selbstverständlich.«

»Gut. Dann tun Sie mir einen Gefallen und schauen Sie sich kurz um.«

»Ich?«

»Ja.«

»Hier?«

»Ja, im Zimmer, seien Sie doch bitte so nett.«

»Okay, ich schaue mich um.«

»Gut. Sehen Sie zufällig einen kahlrasierten jungen Mann mit einem sehr großen Kerl an der Hand, einem wirklich großen Kerl, einer Art Riese, mit unglaublich großen Schuhen und einer grünen Jacke?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja, ich bin sicher.«

»Gut. Dann sind sie noch nicht da.«

»Nein.«

»Okay, aber eins müssen Sie wissen.«

»Ja?«

»Die beiden sind nicht böse.«

»Nein?«

»Nein. Wenn sie da sind, werden sie erst mal alles kurz und klein schlagen, und mit größter Wahrscheinlichkeit werden sie sich Ihr Telefon schnappen und Ihnen die Schnur um den Hals wickeln oder irgendwas in der Art, aber sie sind nicht böse, wirklich nicht, bloß –«

»Herr Gould …«

»Ja?«

»Darf ich fragen, wie alt Sie sind?«

»Dreizehn.«

»Dreizehn?«

»Zwölf … Um genau zu sein, zwölf.«

»Hör mal, Gould, ist deine Mama vielleicht irgendwo in der Nähe?«

»Meine Mama ist vor vier Jahren abgehauen, jetzt lebt sie mit einem Professor zusammen, der Fische studiert, die Lebensgewohnheiten der Fische, ein Ethologe, um genau zu sein.«

»Tut mir leid.«

»Das muss Ihnen nicht leidtun. So ist das Leben, da kann man nichts machen.«

»Wirklich?«

»Wirklich. Meinen Sie nicht?«

»Doch … wahrscheinlich … Sicher bin ich nicht, aber ich denke schon.«

»Es ist traurig, aber so ist es.«

»Du bist zwölf Jahre alt, sagst du?«

»Morgen werde ich dreizehn.«

»Phantastisch.«

»Phantastisch.«

»Herzlichen Glückwunsch, Gould.«

»Danke.«

»Du wirst sehen, es ist phantastisch, dreizehn zu sein.«

»Hoffentlich.«

»Ich wünsche dir wirklich alles Gute.«

»Danke.«

»Dein Vater ist nicht zufällig in der Nähe?«

»Nein. Der ist arbeiten.«

»Verstehe.«

»Mein Vater arbeitet beim Militär.«

»Phantastisch.«

»Finden Sie immer alles so phantastisch?«

»Wie?«

»Finden Sie immer alles so phantastisch?«

»Ja … ich glaube schon.«

»Phantastisch.«

»Das heißt … meistens.«

»Was für ein Glück.«

»Selbst die merkwürdigsten Situationen.«

»Ich glaube, dann haben Sie wirklich Glück.«

»Einmal war ich in einer Imbissstube an der Autobahn, gleich vor der Stadt, ich hielt an der Imbissstube, ging hinein und stellte mich an; an der Kasse war ein Vietnamese, der praktisch nichts verstand, deshalb ging es nicht weiter; die Leute sagten ›Einen Hamburger‹, und er fragte ›Was?‹, vielleicht war es ja sein erster Arbeitstag, keine Ahnung; ich hab mich ein bisschen in der Imbissstube umgeschaut, da standen fünf oder sechs Tische, und überall saßen Leute und aßen, so viele verschiedene Gesichter, und jeder hatte etwas anderes vor sich stehen, ein Kotelett, ein belegtes Brötchen, Chili con Carne, alle aßen, und jeder war so gekleidet, wie es ihm gefiel, jeder war am Morgen aufgestanden und hatte sich etwas ausgesucht, die rote Bluse, das eng anliegende Kleid, was ihm eben gefiel; jetzt waren sie hier, und jeder hatte ein Leben hinter sich und eins vor sich, sie waren alle nur vorübergehend hier, am nächsten Tag würde das Ganze wieder von vorn beginnen, die blaue Bluse, das lange Kleid; bestimmt lag die Mutter der sommersprossigen Blondine mit völlig verrücktspielenden Blutwerten in irgendeinem Krankenhaus, aber die Blondine war hier, schob die etwas angebrannten Pommes frites an den Tellerrand und las in einer Zeitung, die an einem Salzstreuer in Form einer Zapfsäule lehnte; einer war wie ein Baseballspieler gekleidet, obwohl er bestimmt seit Jahren kein Baseballfeld mehr betreten hatte, er war mit seinem Sohn da, einem kleinen Jungen, den er andauernd mit leichten Schlägen an den Kopf und gegen den Hinterkopf traktierte, jedes Mal schob sich der Junge seine Mütze wieder zurecht, eine Baseballmütze, und zack!, gab ihm der Vater noch eine Kopfnuss, und das beim Essen, unter einem an der Wand hängenden Fernseher, der nicht lief, dazu der Lärm, der in Schüben von der Straße hereindrang, und in der Ecke saßen zwei sehr elegante Männer in Grau, man konnte sehen, dass einer von ihnen weinte, es war verrückt, aber er weinte, vor einem Steak mit Kartoffeln weinte er lautlos vor sich hin, und der andere, der ebenfalls ein Steak vor sich stehen hatte, zuckte mit keiner Wimper, aß ganz normal weiter, aber irgendwann stand er auf, ging zum Nebentisch, nahm die Ketchupflasche, ging an seinen Platz zurück und goss, darauf bedacht, seinen grauen Anzug nicht zu bekleckern, dem anderen, der weinte, Ketchup auf den Teller und flüsterte ihm etwas zu, ich weiß nicht, was, dann schraubte er die Flasche zu und aß weiter; die beiden da in der Ecke und das ganze Drumherum, auf dem Boden klebte ein Amarenaeis, und an der Toilettentür hing ein Schild mit der Aufschrift Außer Betrieb, ich sah das alles, und natürlich konnte man dazu nur sagen: Zum Kotzen, Kinder, zum Kotzen traurig das Ganze, aber als ich da in der Schlange stand und der Vietnamese immer noch nichts kapierte, dachte ich: Gott, ist das schön, und ich musste sogar fast lachen, mein Gott, ist das alles schön, alles, wie es da ist, selbst der kleinste plattgetretene Krümel auf der Erde und die dreckigste Serviette, ohne zu wissen, warum, wusste ich, dass all das verdammt schön...

Erscheint lt. Verlag 17.3.2017
Übersetzer Anja Nattefort
Verlagsort Hamburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Boxen • Geschichten • Kindermädchen • Paar • USA • Western • Wunderkind
ISBN-10 3-455-17142-7 / 3455171427
ISBN-13 978-3-455-17142-6 / 9783455171426
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