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Wenn die Nacht am hellsten ist (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
463 Seiten
Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
978-3-7325-3960-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Wenn die Nacht am hellsten ist -  Nadia Hashimi
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Fereiba führt in Kabul ein glückliches Leben - bis die Taliban ihr die Arbeit als Lehrerin verbieten und ihren Mann hinrichten. Fereiba sieht sich gezwungen, mit ihren drei Kindern zu fliehen. Mithilfe von Schleppern und gefälschten Pässen will sie sich zu ihrer Schwester in London durchschlagen. Doch in Athen wird ihr ältester Sohn Saleem von der Familie getrennt. Schweren Herzens setzt Fereiba die Reise ohne ihn fort. Werden Mutter und Sohn sich jemals wiedersehen?

'Ein wunderschöner Roman mit tiefgründigen Charakteren vor dem dramatischen Hintergrund einer Welt, die verrückt geworden ist. Eine Geschichte unserer Zeit.' Bookreporter

'Eine Geschichte, die von Herzen kommt. Sie erzählt von Mut inmitten einer Welt, der es an Mitgefühl mangelt.' Toronto Star

'Nadia Hashimi hat sich auf ihre afghanischen Wurzeln besonnen und vor allem eine einfühlsame und wunderschöne Familiengeschichte geschrieben. Ein schillerndes Porträt Afghanistans in all seiner Pracht.' Khaled Hosseini über 'Hinter dem Regenbogen'

Kapitel 1


Fereiba


Mein Schicksal wurde am Tag meiner Geburt mit Blut besiegelt. Während ich darum kämpfte, in diese verrückte Welt zu gelangen, gab meine Mutter ihren Kampf auf und nahm mir damit jede Chance, zu einer guten Tochter zu werden. Die Hebamme durchschnitt die Nabelschnur und enthob meine Mutter damit allen weiteren Verpflichtungen mir gegenüber. Der Körper meiner Mutter erblasste, während ich rosiger wurde, und ihr Atem erstarb, während ich schreien lernte. Ich wurde gebadet, in eine Decke gewickelt und meinem Vater vorgestellt, der meinetwegen nun Witwer war. Er fiel auf die Knie, und alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Padar-jan selbst erzählte mir später, dass er drei Tage brauchte, ehe er es über sich brachte, die Tochter in den Arm zu nehmen, die ihm die Ehefrau geraubt hatte. Ich wünschte, ich könnte mir nicht ausmalen, welche Gedanken ihm dabei durch den Kopf gingen, aber leider kann ich es. Ich bin mir so gut wie sicher, dass er, hätte er eine Wahl gehabt, meine Mutter mir vorgezogen hätte.

Mein Vater tat, was er konnte, aber er war seiner Aufgabe nicht gewachsen. Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass es damals nicht einfach war. Und nicht nur damals. Padar-jan war der Sohn eines Wesirs von einigem lokalen Einfluss. Die Einwohner der Stadt wandten sich in rechtlichen Fragen an ihn, er vermittelte in Streitigkeiten und vergab Kredite. Mein Großvater, Boba-jan, war gelassen, entschieden und weise. Er traf schnelle Entscheidungen und geriet angesichts von Meinungsverschiedenheiten nicht ins Wanken. Ich weiß nicht, ob er immer recht hatte, aber er konnte so überzeugend sprechen, dass die Leute annahmen, dass es so war.

Kurz nach seiner Eheschließung kam Boba-jan durch einen klugen Handel an weitläufige Ländereien. Die Früchte dieses Landbesitzes beherbergten und ernährten unsere Familie über viele Generationen. Meine Großmutter, Bibi-jan, die zwei Jahre vor meiner tragischen Geburt starb, hatte ihm vier Söhne geschenkt, deren jüngster mein Vater war. Alle vier Söhne genossen die Privilegien, die ihr Vater für sie gesichert hatte. Die Familie wurde in der Stadt respektiert, und alle meine Onkel verheirateten sich gut und erbten ein Stück des Grundbesitzes für ihre eigene Familie.

Auch mein Vater besaß ein Stück Land – einen Obstgarten, um genau zu sein – und arbeitete als städtischer Beamter in unserer Heimatstadt Kabul, der geschäftigen Hauptstadt Afghanistans inmitten von Zentralasien. Die geografische Lage unseres Landes würde allerdings erst später Bedeutung für mich gewinnen. Padar-jan war eine Art blasse Blaupause meines Großvaters, ohne die Willenskraft, um starke Charaktere zu beeinflussen. Er hatte Boba-jans gute Absichten, aber es fehlte ihm an Entschlossenheit.

Er erhielt seinen Anteil am Grundbesitz der Familie, jene Obstplantage, als er meine Mutter heiratete. Fortan widmete er sich dem Garten mit Hingabe, pflegte ihn von morgens bis abends und kletterte auf die Bäume, um meine Mutter mit den saftigsten Beeren und Früchten zu verwöhnen. In heißen Sommernächten schlief er inmitten der Bäume, wie verzaubert von den bemoosten Ästen und dem süßen Duft reifer Pfirsiche. Einen Teil des Obstertrags tauschte er gegen Ware für den Haushalt ein und war offenbar mit dem zufrieden, was er auf diese Weise einbrachte. Er war genügsam und schien darüber hinaus nichts zu vermissen.

Meine Mutter muss nach allem, was ich über sie gehört habe, eine sehr schöne Frau gewesen sein. Über ihre Schultern fielen dichte Locken rabenschwarzen Haars. Sie hatte warme Augen und königliche Wangenknochen. Sie sang bei der Arbeit, trug immer einen grünen Schmuckanhänger und war bekannt für ihr köstliches aush, eine Nudelsuppe mit scharf gewürztem Hackfleisch und etwas Joghurtsoße, das in harten Wintern von innen wärmte. Mein Vater sprach nur selten über meine Mutter, aber wenn er es tat, füllten sich seine Augen mit Tränen. Ich gehe daher davon aus, dass ihre kurze Ehe sehr glücklich war. Ich verbrachte viel Zeit damit, alles zusammenzutragen, was ich über meine Mutter in Erfahrung bringen konnte, um mich davon zu überzeugen, dass sie mir wahrscheinlich meine Sünde gegen sie längst vergeben hatte. Zwar würde ich sie nie zu Gesicht bekommen, aber es war mir ein Bedürfnis, ihre Liebe zu spüren.

Etwa ein Jahr nach der Hochzeit brachte meine Mutter einen gesunden Jungen zur Welt. Als mein Vater die robuste Statur seines Sohnes sah, nannte er ihn Asad, der Löwe. Mein Großvater flüsterte den azaan, den Gebetsruf, in Asads Neugeborenenohren und machte ihn so zum Muslim. Allerdings bezweifele ich, dass Asad damals anders war als heute. Vermutlich hörte er nicht auf Boba-jans azaan, denn schon als Baby war er viel zu übermütig und ignorierte den Aufruf zur Rechtschaffenheit.

Asad schien zu glauben, dass ihm die ganze Welt gehörte. Immerhin war er der erstgeborene Sohn meines Vaters und damit der Stolz der ganzen Familie. Er würde unseren Familiennamen weitergeben, den Landbesitz erben und im Alter für unsere Eltern sorgen. Als ob er wüsste, was ihm bevorstand, nutzte er Mutter und Vater nach allen Regeln der Kunst aus. Er wurde gestillt, bis meine Mutter wund und erschöpft war. Mein Vater stellte unermüdlich neues Spielzeug für seinen Sohn her, plante seine Erziehung und arbeitete hart, um genügend Geld heimzubringen. Seiner Frau, der jungen Mutter, sollte es gut gehen, und sie sollte immer wohlgenährt sein.

Meine Mutter war sehr stolz darauf, ihrem Gatten einen Sohn geschenkt zu haben, der obendrein auch noch kerngesund war. Aus Furcht, Nachbarn oder Familienmitglieder könnten mit Neid reagieren und ihn mit dem bösen Blick, dem nazar verfluchen, nähte sie ein Amulett in Form eines kleinen, blauen Steins in die von ihrer Schwägerin übernommene Babykleidung. Dieser Stein schützt vor dem bösen Blick. Meine Mutter kannte ein ganzes Arsenal von Tricks, um den nazar zu bekämpfen. Wenn Asad zugenommen hatte oder ein Besucher seine rosigen, dicken Wangen bemerkte, blickte sie auf ihre Fingernägel und kommentierte alle Komplimente mit einem nam-e-khoda, einem Lobpreis des Namens Gottes. Arroganz zog nämlich den nazar mit der Gewalt eines Blitzschlags auf freiem Feld an.

Tag für Tag wurde Asad von der Muttermilch dicker. Sein Gesicht wurde rund und seine Oberschenkel pummelig. Vierzig Tage nach seiner Geburt atmete meine Mutter erleichtert auf, weil ihr Sohn die gefährlichste Zeit überstanden hatte. Sie hatte miterlebt, wie das Baby einer Nachbarin zwei Wochen nach seiner Geburt steif und von Krämpfen geschüttelt wurde, als hätte eine Woge des Bösen es gepackt. Das Neugeborene starb, ehe es einen Namen bekommen hatte. Erst später erfuhr ich, dass die Nabelschnur mit einem schmutzigen Messer durchtrennt worden war und das Blut des Säuglings offenbar mit schlechten Bakterien vergiftet hatte. Ob das nun stimmte oder nicht – wir Afghanen halten daran fest, unsere Hühner erst vierzig Tage nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei zu zählen.

Wie viele andere Mütter auch, baute Madar-jan fest auf die Kraft wilder Rautesamen, die man bei uns espand nennt. Sie ließ eine Handvoll der schwarzen Samen über einem offenen Feuer schwelen, wedelte mit der Hand den Rauch über Asads Kopf und sang dabei:

Es bannt das Böse, es ist espand,

Der gute Segen von König Naqshband.

Augen, die leer sind, Augen, die kennen,

Augen, die einen, Augen, die trennen,

Wer dir Böses will, soll in dieser Kohle brennen.

Die Beschwörung hat ihren Ursprung in der vorislamischen Religion der Zoroastrier, aber auch Muslime glauben an ihre Kraft. Mein Vater sah zu und freute sich darüber, wie intensiv seine Frau sich um die Sicherheit seiner Nachkommenschaft bemühte. Und offenbar half die Beschwörung. Der Tod meiner Mutter wirkte sich auf das Leben meines Bruders weit weniger aus als auf meines. Er blieb der Erstgeborene meines Vaters, und er war erfolgreich im Leben, wenngleich meist auf Kosten anderer. Seine Gedankenlosigkeit verletzte seine Mitmenschen – und besonders oft mich –, und doch schien er immer wieder unversehrt aus allem hervorzugehen. In den beiden kurzen Jahren, in denen meine Mutter ihn umsorgte, sammelte er genügend Kraft, um sich seinen Platz in der Welt zu sichern.

Leider starb meine Mutter, ehe sie ein Amulett an meine Kleider nähen, das nam-e-khoda flüstern, auf ihre Fingernägel schauen und espand über meinen Kopf fächeln konnte. Mein Leben wurde zu einer Folge von Missgeschicken, möglicherweise weil es meiner Mutter verwehrt blieb, den bösen Blick von mir abzuwenden. Meine Geburt wurde durch den Tod meiner Mutter überschattet, und während Boba-jan einen traurigen azaan in mein Ohr flüsterte, wurde am ausgelaugten Körper meiner Mutter ein ganz anderes Gebet gesprochen. Der von meinem Großvater gesprochene azaan durchdrang mein Innerstes wie ein Faden ein Gewebe und forderte mich auf, meinem Glauben treu zu bleiben. Meine Erlösung war, dass ich darauf hörte.

Meine Mutter wurde auf einem erst kürzlich eröffneten Friedhof in der Nähe unseres Hauses begraben. Ich besuchte ihr Grab nicht häufig, einerseits, weil niemand mich mitnahm, und andererseits wegen meines immer noch lauernden Schuldgefühls. Ich wusste, dass ich sie dorthin gebracht hatte, und die Leute erinnerten mich ständig daran.

Mein Vater wurde zum jungen Witwer mit einem zweijährigen Sohn und einer neugeborenen Tochter. Mein Bruder, den die Abwesenheit meiner Mutter nicht zu stören schien, ging...

Erscheint lt. Verlag 16.3.2017
Übersetzer Ulrike Werner-Richter
Verlagsort Köln
Sprache deutsch
Original-Titel When the Moon is low
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 20. - 21. Jahrhundert • Afghanistan • Afghanistan Romane • Arabische Welt • Besonders • Bücher • Drachenläufer • Familienroman • Familiensaga • Fereiba • Flucht • Flüchtling • Flüchtlinge • Flüchtlinge Roman • Flüchtlingskrise • Flüchtlingslager • Frauen in Afghanistan • Frauenrechte • Geflüchtete • Hosseini • interessant • Islam • Kabul • Khaled Hosseini • mahmood • Muslime • Naher Osten • Odyssee Flüchtling • Rolle der Frau • Roman • Romane • Saleem • Schicksale und Wendepunkte • Schlepper • Sonstige Belletristik • Taliban
ISBN-10 3-7325-3960-1 / 3732539601
ISBN-13 978-3-7325-3960-4 / 9783732539604
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