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Pawlowa (eBook)

oder Wie man eine Eselin um die halbe Welt schmuggelt

(Autor)

eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
172 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-75184-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Pawlowa - Brian Sewell
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Die bezaubernde Geschichte eines Mannes, der alles stehen und liegen lässt, um eine junge Eselin zu retten.

Auf einer Reise in Pakistan sieht Mr B, ein britischer Gentleman, eine kleine Eselin: Ihr Rücken ist vollbepackt, ihre dünnen Beine zittern unter der schweren Last. Kurzerhand springt Mr B aus dem Wagen, fest entschlossen, sich um das Tier zu kümmern und es mit nach Hause zu nehmen. Das einzige Problem: Sein Zuhause liegt in London und ein Esel kann nicht im Flugzeug reisen. Also begeben sich Mr B und Pawlowa, wie er die Eselin von nun an nennt, auf eine lange Reise durch den Nahen Osten bis nach Europa - zu Fuß ...

Ein wunderbares Geschenkbuch über Freundschaft und die farbenprächtige Vielfalt der Welt - für alle Reisenden und Fernwehleidenden, für alle Liebhaber von Eseln, von englischen Gentlemen und Geschichten, die man sein Leben lang mit sich trägt - so elegant, augenzwinkernd und charmant geschrieben, wie es nur die Briten können.



<p>Brian Sewell, geboren 1931 in London, galt als der »berühmteste und umstrittenste« (The Guardian) Kunstkritiker und Kolumnist Großbritanniens. Er verfasste zudem mehrere Autobiographien und war als großer Hunde- und Tierfreund bekannt. Er verstarb mit 84 Jahren in London. <em>Pawlowa </em>ist sein erstes Buch auf Deutsch.</p>

Brian Sewell, geboren 1931 in London, galt als der »berühmteste und umstrittenste« (The Guardian) Kunstkritiker und Kolumnist Großbritanniens. Er verfasste zudem mehrere Autobiographien und war als großer Hunde- und Tierfreund bekannt. Er verstarb mit 84 Jahren in London. Pawlowa ist sein erstes Buch auf Deutsch. Claudia Feldmann, geboren 1966, studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf und übersetzt seit mehr als zehn Jahren aus dem Englischen und Französischen. Unter anderem hat sie Eoin Colfer und Ewan Morrison ins Deutsche übertragen.

II
Faruk der Apotheker


Da stand Mr B nun und zitterte ein wenig in der Kälte, die abends vom Himalaya auf Peschawar herabsinkt. Denn obwohl es dort tagsüber für einen Engländer glühend heiß sein kann, sind die Nächte so kalt wie in seiner Heimat zu Weihnachten. Die ganze Zeit über hatte das Eselfohlen dicht bei ihm gestanden und sich an seinen Oberschenkel geschmiegt, wie es große Hunde oft bei ihrem Herrchen tun. Als er spürte, dass die kleine Eselin ebenfalls zitterte, nahm er seine warme, winddichte Jacke aus dem Rucksack, legte sie ihr um und knotete die Ärmel um ihren Hals, so dass zumindest ihre Schultern bedeckt waren. Dann zog er den Gürtel aus seiner Hose, der vom langjährigen Tragen ganz weich war, und schlang ihn ebenfalls um ihren Hals, wie ein Hundehalsband mit Leine. Alle Geschäfte hatten mittlerweile geschlossen, nur eines, das sich mit leuchtend heller Schrift als APOTHEKE auswies, war noch geöffnet, und das war genau das, was Mr B brauchte.

Er und die Eselin überquerten die Straße und blieben höflich vor der Tür stehen, denn Mr B nahm an, dass ein Apotheker vielleicht nicht so gerne einen Esel in seinem Geschäft haben wollte. Als er versuchsweise »Guten Abend« in den Eingang rief, kam ein alter Mann mit sorgfältig gestutztem Bart zur Tür. Mr B erklärte ihm, dass er etwas brauchte, um die vier Wunden auf dem Rücken der Eselin zu desinfizieren, und dann noch etwas, um diese während der Heilung vor den Fliegen zu schützen. Der alte Mann schmunzelte. Er war so alt, dass er sich noch an die Zeit erinnern konnte, als Pakistan und Indien ein großes, ungeteiltes Land waren und zum Britischen Weltreich gehörten. Er war so alt, dass er Schulen besucht hatte, die so englisch gewesen waren wie jede damalige Schule in England selbst, und sein Englisch war ebenso gebildet, korrekt und präzise wie das von Mr B. Und er war so alt, dass er sehr genau wusste, wie beharrlich die Engländer in ihrer Tierliebe sein konnten.

Sein Name war Faruk, was Mr B sehr erheiterte, denn er war in der Torheit seiner Jugend einmal einem entthronten ägyptischen König begegnet, der genauso hieß. Doch er begriff, dass diese Geschichte hier nichts zur Sache tat, und behielt seine Erinnerung für sich.

Faruk wies Mr B an, die Eselin um den Häuserblock herum zu seiner Hintertür zu führen, wo das baufällige Geschäft in einen Schuppen überging, der ihm als Lager diente; dort würde er sich um ihre Wunden kümmern. Er säuberte sie vorsichtig, nähte sie geschickt mit ein paar Stichen (wobei die Eselin keinen Laut von sich gab – aber Tiere wissen ja oft instinktiv, wann Menschen ihnen Gutes wollen, selbst wenn es wehtut) und klebte Pflaster darüber, um die Fliegen fernzuhalten. Er vermutete, dass sie erst drei oder vier Monate alt war, ganz sicher noch die Milch ihrer Mutter brauchte und niemals hätte Lasten tragen dürfen. Und dann kam die Überraschung: »Ihnen ist ja sicher klar, dass sie noch viel zu jung ist, um viertausend Meilen zu gehen. Sie werden sie tragen müssen.« Obwohl er dies mit einem Lachen in der Stimme und in den Augen sagte, war es ihm vollkommen ernst.

Faruk war Mr Bs erster Glücksfall. Nachdem er die Eselin verarztet hatte, stellte der Apotheker ihm eine Liste mit Dingen zusammen, die sie fressen durfte, und eine mit Dingen, die ihr nicht bekommen würden. Er erklärte ihm, wie viel Wasser sie trinken sollte, und zwar sauberes Wasser aus einem Eimer, nicht schmutziges Wasser aus einer Pfütze. Und er sagte Mr B, dass sie möglichst im Schatten gehen sollte – wie sie in der Natur ja auch im Schatten ihrer Mutter gehen würde –, nicht mehr als fünf Meilen am Tag, und diese fünf Meilen niemals an einem Stück. Es gab noch weitere Anweisungen, zum Beispiel dass sie nachts eine Decke brauchte, damit sie nicht fror, etwas Wetterfestes, damit sie bei Regen und Sturm nicht nass wurde, und vielleicht einen Hut, damit ihr Kopf nicht der Sonne ausgesetzt war. Die Liste wurde immer länger, und allmählich dämmerte Mr B, dass seine ursprüngliche Vorstellung – sie trug sein Gepäck, während er den Schirm über sie beide hielt, und sie schafften zwanzig Meilen am Tag – himmelweit von der Wirklichkeit entfernt war.

»Woher wissen Sie so viel über Esel?«, fragte Mr B.

»Ach, ich bin so alt, ich stamme aus einer Zeit, als es noch nicht überall Autos gab. Damals hatte jede Familie einen oder zwei Esel, und wir Kinder mussten uns um sie kümmern. Meine Mutter hat ihre Einkäufe immer auf einem Esel erledigt, und als meine Brüder und ich noch klein waren, haben wir oft vor ihr gesessen, wenn sie zum Markt geritten ist. Damals war die Luft in Peschawar viel sauberer, aber für Esel war das Leben oft hart und kurz, denn fast alle mussten viel zu schwer arbeiten. Wenn es Ihnen gelingt, Ihre Eselin nach England zu bringen, wird sie vielleicht dreißig Jahre lang Ihre Gefährtin sein. Unsere Esel wurden meistens etwa zehn Jahre alt, aber manche mussten so sehr schuften, dass sie schon nach fünf Jahren starben.«

»Sie halten mich sicher für verrückt«, sagte Mr B.

»Keineswegs«, erwiderte Faruk mit einem Schmunzeln, während er sich daranmachte, aus plattgedrückten Kartons und anderem Verpackungsmaterial ein Nachtlager für die Eselin zu bereiten. »Vielleicht für ein wenig exzentrisch. Jetzt gebe ich ihr, was ich an Obst und Gemüse dahabe, und auch wir müssen etwas zu Abend essen.«

Faruk wohnte über dem Geschäft, und er lebte allein, denn seine Frau war schon vor vielen Jahren gestorben, und seine Söhne hatten Besseres zu tun, als eine Apotheke zu führen, die rund um die Uhr geöffnet war. »Das ist mein Beruf«, sagte er, als Mr B ihn vorsichtig fragte, warum er mit achtzig Jahren noch so viele Stunden arbeitete. »Was soll ich denn sonst tun? Und dieses Gespräch führen wir überhaupt nur, weil ich diesen Service anbiete. Ist das nicht gut? Ist das nicht besser für Sie, als wenn Sie vor verschlossener Tür gestanden und nicht gewusst hätten, was Sie mit Ihrer armen kleinen Eselin bis zum Morgen tun sollen?« Dann bot er Mr B ein Bett an, doch der hatte bereits beschlossen, dass er die Nacht lieber bei seiner neuen Gefährtin verbringen würde, sofern Faruk das nicht als Beleidigung auffasste. Und so streckte er sich neben der Eselin im Schuppen auf den Kartons aus, wie er es in Wimbledon, dem Vorort von London, wo er wohnte, mit seinen Hunden machte, nur dass sie da alle in seinem großen, bequemen Bett lagen.

Mr B wurde früh wach, mit Schmerzen in allen Gelenken, und als die Eselin hörte, dass er sich rührte, stand sie ebenfalls auf, wenn auch ein wenig schwankend. Er bemerkte, dass sie nur aus Haut und Knochen bestand, und als er mit der Hand über ihr Fell strich, konnte er jede einzelne Rippe fühlen. Auf ihren wackeligen, geradezu absurd langen Beinen saß ein Körper, der kaum größer war als der eines Schäferhunds. Er maß alle Tiere anhand der großen Schäferhündin, die zu Hause auf ihn wartete, und als er die Eselin hochhob (was ihr nichts auszumachen schien), fand er, dass sie auch ungefähr gleich schwer waren. Draußen im hellen Morgenlicht sah er, wie hübsch sie war; ihr Fell war weich und seidig wie das eines Windhunds – und er hatte auch einen Windhund zu Hause, genau in der gleichen Farbe wie die Eselin, wie ein sehr heller Milchkaffee. »Mit deinen langen Beinen könntest du glatt eine Ballerina werden«, sagte er leise. »Und deshalb werde ich dich Pawlowa nennen – Kleine Miss Pawlowa, bis du groß bist.« Seine Gedanken wanderten zu einer anderen Pawlowa, der Pawlowa, jener wunderschönen russischen Balletttänzerin, die an dem Tag gestorben war, an dem Mr B das Licht der Welt erblickt hatte, und die immer noch so berühmt ist, dass Ballettfreunde, die viel zu jung sind, um sie auf der Bühne gesehen zu haben, und sie nur von zerkratzten Schwarzweißfilmen kennen, voller Ehrfurcht von ihr sprechen.1

Als Faruk mit dem Frühstück für Pawlowa kam – einem frischen Heuballen –, sagte er: »Ich habe gute Neuigkeiten für Sie. Ein Freund von mir fährt morgen nach Quetta, um eine Bestellung für mich abzuholen, und er kann Sie mitnehmen. Das bedeutet für Sie einen Umweg von etwa fünfhundert Meilen, und es zwingt Sie, erst nach Süden und dann nach West-Nordwest zu reisen, aber dafür müssen Sie nur eine Grenze überqueren. Wenn Sie nach Norden gehen, ist die Reise wesentlich kürzer, aber wahrscheinlich werden Sie ein Dutzend Grenzen passieren müssen, und einige davon – vor allem in Afghanistan, Kaschmir und Russland – sind gefährlich und unberechenbar. An jeder davon können Sie verhaftet werden, und wenn man Sie von Ihrer Eselin trennt, bedeutet das fast sicher den Tod für sie.«

Mr B wünschte, er hätte eine Karte. Er hatte zwar eine in seinem Kopf, aber das Einzige, woran er sich deutlich erinnern konnte, war, dass die ausgedehnte, bergige Masse von Afghanistan im Weg lag (und das war für einen Engländer noch nie ein sicherer Ort gewesen). Die Schlichtheit von Faruks längerer Route gefiel ihm, denn sie ersparte ihm nicht nur die mühsame Kletterei und die Eiseskälte des Hindukusch (der nur wenig niedriger war als der Himalaya, in den er überging), sondern er musste auch nur ein Land durchqueren (wenn auch ein recht großes), bevor er zur türkischen Grenze kam, und in der Türkei hatte er Freunde. »Kommen Sie«, sagte Faruk. »Wir müssen für die Reise einkaufen.«

Sie besorgten einen kleinen Plastikeimer, aus dem Pawlowa trinken konnte, zwei flache Wasserflaschen aus Plastik, für den Notfall,...

Erscheint lt. Verlag 8.3.2017
Übersetzer Claudia Feldmann
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Original-Titel The White Umbrella
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 20. Jahrhundert • 21. Jahrhundert • 50plus • Best Ager • England • Esel • Europa • Fernweh • Freunde • Freundebuch • Freundschaft • Generation Gold • Glück • Golden Ager • Großbritannien • Heimat • Indischer Subkontinent • insel taschenbuch 4659 • IT 4659 • IT4659 • Naher Osten • Naher und Mittlerer Osten • Pakistan • Prosa • Reise • Rentner • Rentnerdasein • Ruhestand • Seidenstraße • Senioren • The White Umbrella deutsch • Tier • Vereinigtes Königreich Großbritannien • Wandern • Wanderung • Westeuropa • Zu Fuß
ISBN-10 3-458-75184-X / 345875184X
ISBN-13 978-3-458-75184-7 / 9783458751847
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