Habe Mut . . .
Hille, Ch (Verlag)
978-3-939025-86-3 (ISBN)
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sind Zwischenrufe und Einmischung in der Tradition Lessings
wichtig. Er greift in seinem Beitrag den 1784 von Immanuel
Kant propagierten Wahlspruch Habe Mut, dich deines eigenen
Verstandes zu bedienen! auf und bringt auf diese Weise das Gedankengut
und das Potential der Aufklärung in den kritischen
Diskurs um gegenwärtige gesellschaftliche Probleme ein.
Meine Damen und Herren – willkommen! Heute erleben Sie zum 3. Mal hier in St. Annen die »Kamenzer Rede«. In Lessings Geburtsstadt Kamenz sprechen Dichter und Publizisten im Geiste Lessings und der Aufklärung über Fragen der Zeit. Nach Friedrich Schorlemmer, dem Theologen und Bürgerrechtler, dem kritischen Geist unserer Tage, zum Auftakt, sprach im Vorjahr an dieser Stelle der türkisch-deutsche Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Er, der Moslem, sprach in einer sehr poetischen Rede über den Islam, über seine Stigmatisierung und Selbststigmatisierung bei uns in Deutschland. Zaimoglu forderte uns Deutsche zur Toleranz auf, aber nicht weniger nachdrücklich auch die Muslime. Es war und ist Zaimoglus empathische Überzeugung, dass der Fremde lernen muss, das Gastland zu lieben. Wie kann andernfalls sein Aufenthalt von Dauer sein? Ich erinnere an die wunderbare Diskussion nach den Reden mit dem Publikum – eine Debatte, für die ich nur der Vermittler bin. Es wird auch heute wieder so sein: Sie formulieren Ihre Fragen nach der Rede an unseren Gast. Wer ist unser Gast hier in St. Annen zur »3. Kamenzer Rede«? Heute Abend wird der Dichter, Romanautor und Essayist Jörg Bernig zu uns sprechen. Er lebt ganz in der Nähe von diesem Ort – verglichen mit Schorlemmer und Zaimoglu – nämlich in Radebeul bei Dresden. Geboren ist er 1964 in Wurzen. Er hatte sicher nicht gedacht, dass er sein 1985 aufgenommenes Studium der Germanistik und Anglistik im Jahr der deutschen Wiedervereinigung abschließen und seine ersten beruflichen Schritte als Assistenzlehrer in Schottland und als Lektor am germanistischen Seminar in Wales machen wird. Seit Mitte/Ende der 90er Jahre ist er freier Autor, mithin seit rund 20 Jahren. Debütiert auf dem deutschen Buchmarkt hat er 1998 mit einem Lyrikband:Winterkinder – wobei ich wohl sagen muss: Er hat nicht auf dem deutschen Buchmarkt debütiert, sondern auf dem Dresdner, denn der Band mit dem Titel Winterkinder ist im kleinen Dresdner Verlag Die Scheune erschienen, den es heute schon nicht mehr gibt. 1999 kam dann Bernigs erster Roman Dahinter die Stille in der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart heraus – also in einem Verlag, der ihn wahrnehmbar machte auf dem deutschen Buchmarkt. Für mich noch nicht wahrnehmbar – ich räume es ein. Ich habe für mich den Schriftsteller Jörg Bernig 2002 mit seinem Roman Niemandszeit entdeckt. Seitdem hat Bernigs Literatur mich nicht wieder losgelassen. In Niemandszeit geht das Erzählen in das Jahr 1945 zurück – an einen Ort an der Grenze zwischen Tschechien und Deutschland. Niemandszeit und Niemandsort, denn es ist die Stunde, da die verhassten Deutschen über die Grenze abgeschoben werden – sie werden vertrieben von Haus und Hof und werden zu Flüchtlingen. Bernig hat es da schon – das große Thema des 20. Jahrhunderts und offensichtlich auch des 21. Jahrhunderts: Flucht und Vertreibung. Sudetendeutsche auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart. Ein großer Roman, wie ich bis heute finde, und ein mutiger Roman gegen den Meinungsstrom der Zeit, denn die sprach vor allem von den Verbrechen der Sudetendeutschen an den Tschechen. Aber es waren nicht alle Sudetendeutsche Faschisten, und es gab die Benes-Dekrete, mit denen 1945 etwa 2,9 Millionen Deutsche in der Tschechoslowakei zu Staatsfeinden erklärt und ihre Enteignungen und Abschiebungen gerechtfertigt wurden. Jörg Bernig, selbst Sohn von Vertriebenen, erzählt vom Schicksal derer, die über Nacht zu Flüchtlingen wurden – und er gibt ihnen, den deutschen Flüchtlingen, als Autor seine ganze Empathie. Er drehte bereits Anfang der 2000er Jahre das Thema von heute um – Deutsche auf der Flucht und angewiesen auf Hilfe, auf Aufnahme. Das ist keine schriftstellerische Prophetie, das ist keine Wahrsagerei – das ist die Aufnahme lebendiger Geschichte in die Literatur. Jörg Bernig macht bereits Anfang der 2000er Jahre im Kern seines literarischen Denkens vor, was Feridun Zaimoglu im vergangenen Jahr in seinem Roman Siebentürmeviertel fortsetzt: Auch in diesem Roman sind Deutsche auf der Flucht. Hier erhalten sie Aufnahme und Hilfe in der Türkei der 30er und 40er Jahre. In der Zeit des Faschismus wird die Türkei für diese Deutschen zum sicheren Zufluchtsland. Plötzlich erleben wir Literatur hineingestellt in die Debatten unserer Tage. Das ist nicht ihr einziges Vermögen: Position zu beziehen in tagespolitischen Debatten. Das ist sogar ihr Schwerstes, denn gelingt es nicht, sich über den tagespolitischen Anlass zu erheben, droht dieser Literatur ein Verfallsdatum. Bernig wie Zaimoglu ist es gelungen, durch ihr Erzählen ein Gefäß aus Sprache zu schaffen, in das die Gegenwart, aber auch vergangene und künftige Zeiten ihre Geschichten legen können. So funktioniert gute Literatur! Wir werden eine Rede hier in St. Annen hören, die sich der Sorgen unserer Tage annimmt mit den Möglichkeiten der Aufklärung, so wie Lessing es vorgemacht hat – also eben nicht als dunkles Raunen noch dunklerer Ressentiments, sondern als Versuch, durch Sprache, durch die Gabe der Formulierung das noch nicht Benannte oder falsch und vorschnell Benannte zum Text zu machen und damit zur Position. Bernig hat dies bereits Ende Dezember vergangenen Jahres gemacht. In seinem Aufsatz Zorn allenthalben, den die Sächsische Zeitung am 21. Dezember 2015 veröffentlicht hat und worin er bereits damals nicht einfach dem WIR SCHAFFEN DAS von Angela Merkel das Wort redet, sondern über Begleitumstände spricht, die mit der Aufnahme von Flüchtlingen aus anderen Kulturen verbunden sind. Bernig trat nicht an mit dem Ruf, die Türen zu schließen, rechnete nicht Obergrenzen aus, sprach aber umso nachdrücklicher von dem Risiko, das die Aufnahme von einer Million Flüchtlinge in Deutschland bedeutet. Solches anzumahnen, kann in Zeiten wie unseren das Amt des Dichters sein. Aufklärung verlangt Mündigkeit – Mündigkeit ist dem Wort nach nichts anderes, als die Gabe etwas auszusprechen (mit dem Mund), was noch nicht ausgesprochen worden ist. Das Unaussprechliche benennbar und damit aussprechbar zu machen. Ein universelles Amt des Dichters, ein beglückendes – er muss dazu nicht Politiker werden. Das Amt des Dichters wird gern als altmodische Bezeichnung abgetan. Günter Grass war so einer, der daran glaubte, dass ihm der Nobelpreis ein Amt gegeben habe: das Amt des Dichters, der über alles und jedes sprechen müsste. Das haben seine Kritiker gesagt und den Alten lieber schweigend gesehen. Lassen wir diesen unsicheren Begriff vom Amt des Dichters, lassen wir es auch, uns dazu bei Lessing zu versichern, blicken wir auf den Dichter Jörg Bernig. Ich habe kürzlich eines seiner Gedichte in einer Reihe unter der Überschrift »Sommergedichte 2016« vorgestellt. Ich will es Ihnen auch vorstellen – für einmal heißt es. für einmal wieder ziehn die falter irre kreise zwischen rote gelbe blaue blüten mischt sich grün die katze hockt in einem sonnenfleck und blinzelt weise derweil vereinzelt wolken übern himmel fliehn wieder gelingt es uns heraus- und einzutreten in eine beinah ganz verlorne welt sie nimmt uns ohne betteln ohne beten auf weil sie das ihre gern zusammenhält wieder träumen wir in parks und alten gärten und sehen schöne fraun und elegante herrn für stunden liegen sie im tiefschlaf unsere beschwerden und können uns den weg für einmal nicht versperrn ... Die beinah ganz verlorne Welt, die der Dichter Bernig in einem Vers aufruft, ist eine friedliche, eine zum Träumen, in der wir schönen Fraun und eleganten Herrn begegnen, wo unsere Beschwerden im Tiefschlaf liegen. Das tun sie im Moment nicht – nicht hier an diesem Ort, wo Jörg Bernig eingeladen ist zur »3. Kamenzer Rede in St. Annen«. Michael Hametner
| Erscheinungsdatum | 21.02.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Dresden |
| Sprache | deutsch |
| Einbandart | geklebt |
| Themenwelt | Literatur ► Essays / Feuilleton |
| Schlagworte | Flüchtlingspolitik • Förderpreis des Freistaats Sachsen • Gotthold Ephraim Lessing • Immanuel Kant • Kamenzer Reden • Lessingrezeption • Michael Hametner • Roland Danz |
| ISBN-10 | 3-939025-86-0 / 3939025860 |
| ISBN-13 | 978-3-939025-86-3 / 9783939025863 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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