Gesammelte poetische Werke: Epen, Verserzählungen & Gedichte (eBook)
1772 Seiten
e-artnow (Verlag)
978-80-268-7344-0 (ISBN)
Zweites Buch
War, den Substanzen nach, kein Werk gemess'ner Zeiten,
Obgleich ein steter Fluß die Form der Dinge treibt,
Und ihr verstärkter Lauf stets größern Kreis beschreibt.
Nein, wie im ersten Buch die Musen uns gelehret,
Hat stets ihr wandelnd Seyn dem Schöpfer gleich gewähret;
Sie hängt an seiner Macht, und zöge die sich ab,
So sänke gleich das All ins Undings finstres Grab.
Doch wie wirkt diese Kraft? Wie weit wird's uns gelingen,
Ins Unermeßliche mit schwachem Blick zu dringen?
Der ältsten Weisen Schaar, vom Trismegist gelehrt,
Hat jenen Wahn gezeugt, den noch der Indus ehrt,
Den einst Plotin16 erneut, Jochaides17 verdunkelt,
Und der mit blassem Schein in Böhms Aurora18 funkelt.
Die allzu fruchtbare, zu warme Phantasei
Ist die Gebärerin von dieser Schwärmerei;
Sie mischt und wechselt stets die Bilder mit den Sachen,
Die durch die Bilder uns der Witz soll sichtbar machen.
Der Irrthum dieser Schaar ergießt durch manchen Arm
Sein schlammicht Wasser aus. Der ernsten Zenons19 Schwarm
Läßt ein astralisch Licht das ganze All umfließen,
Und Leben und Verstand in alle Wesen gießen.
Plotin macht Gott zum Meer, aus dem die Geisterwelt
In tausendfachem Grad verschiedner Klarheit quellt;
Der Schaum, der diese Flut gleich einer Rinde decket,
Ist der entseelte Stoff, der alles Uebel hecket.
Jochaids Mißgeburt tiefsinn'ger Schwärmerei
Borgt von Plotin den Grund zum seichten Lehrgebäu,
Das er rabbinisch schmückt mit morgenländ'schen Bildern.
In unermeßlichen ätherischen Gefildern
(So träumt er) wallt ein Licht, das, rein und unbegränzt
Von allem Dunkel, frei die Ewigkeit durchglänzt:20
Es hält, was durch die Zeit aus ihm hervorgeflossen,
Die Samen aller Ding' in seinen Schooß verschlossen.
Der Erstling seiner Kraft geußt den empfangnen Schein
Mit ungleich reinem Licht in zehn Canäle ein,
Die immer weniger vom Ursprungsglanze schmücket,
Je weiter sich ihr Lauf dem Mittelpunkt entrücket.
Dieß ist die höchste Welt, die helle Aziluth,
Der unvermischte Strom aus Ensophs reiner Gluth.
Mit etwas blasserm Schein gießt Briah ihre Strahlen
Der Welt der Geister zu, die, in gestirnte Schalen
(Ein dunkler Kleid) gehüllt, die finstre Unterwelt,
Den unbelebten Stoff, mit mattem Licht erhellt.
Doch Muse, schweig', und scheu' die heil'gen Dunkelheiten;
Ihr unsichtbares Licht glänzt nicht den Ungeweihten!
So zeugt der Irrthum sich in dem fruchtbaren Schooß
Der heißen Phantasie, und wird vom Beifall groß!
Kaum tilgt ein Hercules den hundertköpf'gen Drachen,
Der immer sich ergänzt und dräut mit neuen Rachen.
Du, Weisheit, dämpfest ihn, dein Blitz zerstreut den Wahn;
Komm, Göttin, zeige mir der Wahrheit sichre Bahn.
Die ganze Welt regt sich von thätigen Vermögen,
Die sich durch innre Kraft verändern und bewegen.
Die innerliche Form, der Wesen Unterscheid,
Hängt bloß an dieser Kraft und ihrer Thätigkeit.
Doch ist die Kraft nicht selbst das, was aus ihr entspringet,
So wie die Nachtigall nicht das ist, was sie singet.
Die Wirkung dieser Kraft, die ihr Geschlecht und Art
Durch das, was sie gebiert, den andern offenbart,
Ist bei der Creatur in Grade eingeschlossen,
Und nie der Quelle gleich, aus der sie ausgeflossen.
Nur Gott ist was er ist, und bleibt sein eigner Grund,
Da uns hingegen stets in seinem öden Schlund
Das wesenlose Nichts gleich todten Schatten quälte,
Wenn nicht der Kräfte Quell die unsre stets beseelte.
Jetzt zeigt sich unserm Geist das ewig feste Band,
Das die Geschöpfe knüpft an die allmächt'ge Hand.
Durch sie nur lebt der Trieb, der in den Wesen schläget,
Die einen körperlich, die andern geistig reget:
Obgleich die Aenderung der Kraft, die er beflammt,
Nicht von der Gottheit selbst, nein, von den Wesen stammt,
So bleibt der Schöpfer stets in gleicher Wirkung stehen,
Und schafft nie weniger, nie mehr als sonst geschehen.
›Auch hier verleitet leicht zu einem falschen Schluß
›Die Täuscherin, die ich so oft bekämpfen muß.
›Ein Werk, worauf Lysipp die Schöpferkunst verwendet,
›Wird mit dem letzten Druck der Künstlerhand vollendet.
›Sein Schaffen hat ein Ziel; steht deine Paphia,
›Praxiteles, einmal ganz glatt und fertig da,‹
Bedarf sie dein nicht mehr, und kann, um fortzuwähren,
Des Künstlers, den sie nun weit überlebt, entbehren.
Drum schließt die Phantasie: was einst geschaffen sey,
Besteh' nun durch sich selbst, von fremdem Beistand frei.
Doch läßt dieß Gleichniß auch sich auf den Schöpfer wenden?
Der Künstler gibt den Stein, der unter seinen Händen
Mit fremder Schönheit reizt, die ihm Kassandra leiht,
Nur eine neue Art der vor'gen Wirklichkeit;
Er schuf ihn nicht aus Nichts. allein die Kraft der Wesen
Kann nie sich von der Hand des ew'gen Schöpfers lösen;
Der Grund, warum sie nicht aus eigner Macht besteht,
Hört niemals auf zu seyn; so sehr sie sich erhöht,
Wird sie doch nie zu Gott, und was sie einst empfangen,
Muß jeden Augenblick sie stets von ihm erlangen.
Sing', Muse, nun, wie Gott den besten Zweck erfüllt,
Und was das Muster war, wornach er uns gebild't.
Der Wesen Inbegriff soll seinen Meister preisen,
Und seine Herrlichkeit im schönsten Abdruck weisen;
Drum schafft Gott eine Welt, die seiner Huld genießt,
Und jenes Licht empfängt, das schaffend aus ihm fließt.
Dieß ist der Zweck, den uns die Wahrheit heißt bemerken,
Der Gottheit Ehre liegt im Glück von ihren Werken.
Je mehr sie sichtbar wird, je mehr wird sie geehrt;
Was uns beseligt, ist, was ihren Ruhm vermehrt.
Dieß ist der Felsengrund, der zwei Kolossen träget,
Auf deren sichres Haupt sich unser Lehrbau leget.
Der eine stützt den Satz: daß, was empfindlich ist,
Der Wesen ganze Schaar, die Schöpfung in sich schließt.
Im andern gründet sich das Glück der Geistigkeiten,
Der Triebe Gegenstand, die Hoffnung bess'rer Zeiten.
Ist der Geschöpfe Glück des Schöpfers einzig's Ziel,
So stößt sein Allmachtshauch Empfindung und Gefühl
In so viel Wesen ein, als in der Möglichkeiten
Uneingeschränktem Reich sich ihrer Hoffnung freuten.
Was hilft's dem todten Stoff, daß er den Geistern nützt?
Was hilft's der Sonnenglut, daß sie die Welt erhitzt?
Kennt Vandycks Malerei den Reiz von ihren Zügen?
Kann sie ein schmeichelnd Glas wie Sylvien vergnügen?
Empfindet sie die Lust, die Phrynens Busen bläht,
Wenn der Bewundrer Heer bezaubert um sie steht?
Nein, unbekannt sich selbst, ergötzt sie fremde Blicke,
Und schlägt mit taubem Ohr das eitle Lob zurücke.
Zwar hat das Alterthum ein Wesen stets mißkennt,
Das bloß Ideen wirkt, vom Stoffe ganz getrennt;
Die Geister, denen es Empfindung beigeleget,
Sind von gestirntem Feu'r, das, wenn es sich beweget,
Gedanken fühlend zeugt, und unverweslich ist,
Weil, frei von trübem Stoff, sein reiner Lichtstrom fließt.
Auch unsre Zeiten hat der Irrthum noch beflecket,
Und aus dem alten Schutt sein stolzes Haupt gestrecket.
In Geister, welche sich vom Stoffe nie befrei'n,
Flößt er sein schleichend Gift sanft und unmerklich ein.
Das Laster hofft durch ihn sich vor des Richters Blitzen,
Vor gegenwärt'ger Angst und künft'ger Qual zu schützen.
Sein Freund, der Witz, hilft auch mit dienstbarem Bemühn,
Ihm trüglich die Gestalt der Wahrheit anzuziehn.
O Thor, um kurze Lust, und die kaum halb zu schmecken,
Soll dich mit ew'ger Nacht des Todes Grabmal decken?
Verachtet schmäht dein Sinn das Glück der Ewigkeit,
Und doch genießt er kaum die Hülsen von der Zeit.
Sie, welche jederzeit den Wahn erzeugt und nähret,
Die Phantasie, hat auch des Irrthums Wuchs vermehret,
Den ich bekämpfen will; aus ihrem Bilderschatz
Schmückt sie ihn reizend aus, und nimmt der Gründe Platz.
Fragt nur den Freigeist an, und dringt in ihn mit Gründen
Kaum wird er zweiflerisch sich aus dem Netze winden.
Was, spricht er höhnisch, was denkst du beim Worte Geist?
Ist's nicht ein leerer Schall, der dich mit Unsinn speis't?
Kann was entkörpert seyn, und ganz vom Stoff sich trennen?
Wär' es nicht eben das, was wir das Leere nennen?
So schloß schon ein Lucrez, und ohne roth zu seyn,
Stimmt noch zu unsrer Zeit manch falscher Weiser ein.
Man zweifelt, ob ein Geist (nach unsers Leibnitz Lehren)
Solch eine große Zahl von Bildern kann gebären,
Von Bildern, welche doch sein innres Wesen scheut,
Das keinen Sinn berührt, und Stoff und Dehnung meid't.
Und endlich (dieses ist der Kern von ihren Schlüssen)
Wer sagt uns, daß vom Stoff wir alle Kräfte wissen?
Betrogne...
| Erscheint lt. Verlag | 15.2.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Prague |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Essays / Feuilleton |
| Literatur ► Lyrik / Dramatik ► Lyrik / Gedichte | |
| Schlagworte | Antike • Aufklärung • Byron • Deutscher Dichter • Epen • Friedrich Schiller • Gedichte • Goethe • Hann und Gulpenhehoder • Heinrich Heine • Hermann Bahr • Ilias • Liebe • Literarischer Stil • Ludwig Anzengruber • Olymp • Rilke • Romantik • Shakespeare • Verserzählungen |
| ISBN-10 | 80-268-7344-0 / 8026873440 |
| ISBN-13 | 978-80-268-7344-0 / 9788026873440 |
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