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10. ?Der Bund?-Essaywettbewerb: «Die heutige Jugend - ein Ausbund an Tugend?» (eBook)

Die 20 besten Essays 2016
eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
212 Seiten
Zytglogge (Verlag)
978-3-7296-2135-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

10. ?Der Bund?-Essaywettbewerb: «Die heutige Jugend - ein Ausbund an Tugend?» -  Till Beer,  Anna Milena Sutter,  Pascal Köstinger
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Wie tickt die Jugend? - Die besten Texte des diesjährigen ?Der Bund?-Essay-Wettbewerbs - Junge Talente und versierte Autoren/-innen geben Einblick in die ?Black Box? Jugend - Überraschende, nachdenkliche, pointierte Essays - und in jedem Fall authentisch «Man muss jung sein, um grosse Dinge zu tun», wusste schon Geheimrat Goethe. Rebellisch, unbequem, innovativ: Die Jugend ist oft eine Projektionsfläche unserer eigenen Träume und Ängste. Aber wie ist sie denn wirklich, die Jugend heute? Man sagt der jungen Generation nach, sie sei angepasst, brav und funktioniere reibungslos. Tatsächlich? Und Hand aufs Herz: War früher wirklich alles wilder und unkonventioneller? Die Berner Tageszeitung ?Der Bund? fragte und erhielt zahlreiche Antworten. 126 Autorinnen und Autoren nahmen am mittlerweile 10. ?Der Bund?-Essay-Wettbewerb teil und gewährten Einblicke in die ?Black Box? Jugend. Die 20 besten Essays liegen nun als Buch vor. Texte der Schriftstellerin und Jury-Präsidentin Meral Kureyshi (?Elefanten im Garten?), des Jury-Mitglieds und Jungautors Silvan Aeschlimann (?Ungehört?) und der Slam-Poetin Hazel Brugger, die im April 2016 in Bern die Preisverleihung moderierte, sowie weitere journalistische Beiträge runden die Essay-Sammlung ab.

ALEXANDER SURY Geb. 1964, Studium Geschichte und Germanistik. Dramaturg, Autor und Journalist, Redaktor der Berner Tageszeitung ?Der Bund?. Bücher: ?«Fürs Leben gern». 20 Begegnungen? (Huber Verlag), ?Ruth Binde. Ein Leben für die Literatur? (Wörterseh Verlag 2013). Er lebt in Wohlen bei Bern.

ALEXANDER SURY Geb. 1964, Studium Geschichte und Germanistik. Dramaturg, Autor und Journalist, Redaktor der Berner Tageszeitung ‹Der Bund›. Bücher: ‹«Fürs Leben gern». 20 Begegnungen› (Huber Verlag), ‹Ruth Binde. Ein Leben für die Literatur› (Wörterseh Verlag 2013). Er lebt in Wohlen bei Bern.

Pascal Köstinger: Kollision im Dämmerlicht


Vielleicht habe ich ihn angerempelt, kann schon sein. Faktisch sauf ich ja, anstatt zu trinken. Er herrscht mich an, und wirr im Kopf schau ich hoch zu ihm. Stocknüchtern diese Unreife so tief in der Nacht. These und Antithese des Menschseins, stehen wir uns gegenüber. Aber Schuld findet hier keinen Platz. Jeder trägt sie oder niemand. In letzter Konsequenz ist Hineinlaufen und Im-Weg-Stehen nämlich identisch.

Anders als diesem Musterknaben will es mir nicht gelingen, den Tag auch ohne Sünde zu verbringen. Ich lass mich lieber treiben, schnurstracks in die Kneipen. Das Weiterreimen fällt mir schwer. Ich bin zu schnell gequält und leide. Aber dann füllen sich mir die Gedanken. Betrunken stolpernd über Stunden, meine Ärmel eingefroren vom Luftzug des baldigen Tages, bin ich nicht im Stande, meinem Gegenüber die Hand zu reichen.

Fein, sein junger Rücken ist gerade. Das macht Eindruck. Jedoch auch solche Goldstücke lassen sich verkrümmen. Dann sitzen sie da, ganz still in sich versunken. Zukunft nennt sich diese Gegenwart und hat nicht mit ihnen begonnen oder bei uns geendet. Jedes Alter fällt ihr zum Opfer und senkt den Kopf, um in einem kleinen Bildschirm nach der Welt zu suchen.

Fortan leben wir von Küche bis Bad, ein paar Schritte in jede Richtung, von einer Sitzgelegenheit zur nächsten. Solange der elektrische Strom noch fliesst, ist alles in Harmonie, und ins Waschbecken tropft, was einmal Verlangen nach mehr war. Es ist an der Zeit, sich ins Netz zu legen, weil das zum Mitschwimmen dazugehört. Meinen Protest vernimmt nur die Stille. In einer solchen Welt schau ich unter dem Kanaldeckel hervor.

Jetzt zieht es praktisch jeden auf die Bühne. Freund oder der Fremde lädt zum Verfolgen ein. Des Charmes willen haben sie sich die Schatten amputiert. Daumen applaudieren und Meinungen entstehen schon. Als ob sich Intimität erübrigte, besteht das Miteinander bloss noch durch Fotografien. Unser Dasein variiert zwischen Vergessen und Weitermachen. Und der gläserne Mensch muss kräftig polieren, da die allgemeine Aufmerksamkeit ansonsten auf dem Weg nach woanders ist.

Die Fahnen haben sich gedreht, und die Zukünftigen wissen, woher der Wind weht. Wer jung ist und noch ansehnlich, hat zum Bestauntwerden die besseren Chancen. Zu schlecht verpackt ist das Alter. Fremde Erwartungen lassen sich so nicht länger schlucken. Also bitte keine Pausen für Flausen. Meidet die Läden voller Spirituosen, denn die Flaschen dort werden mit Tagen bezahlt. Für Selbstzweifel fehlt die Zeit. Deswegen unversehens alles Lobenswerte aus sich hervorgekehrt.

Reine Formsache und kinderleicht: Das Gewagte ist sowieso gewöhnlich. Der gute Bürger spielt zur Erbauung Anarchist, schätzt gleichzeitig alles und nichts. Schwarz und Weiss sind ergraut, und wenn Che Guevara von zu vielen T-Shirts starrt, ist der Überblick verloren gegangen.

Und seht doch, wie schön unsere Jugend ist. Was für strahlende Augen und dieses gewinnende Lächeln. Jeder behauptet, ihr gehöre die Welt, die Liebe und bald auch das Geld. Die Jugend, dieser Ausbund an Tugend, geht vorbildlich der Moderne entgegen: So wurde es in künstlichem Licht erdacht und auf viele Blätter geschrieben.

Aber Blätter, die fallen, und alles Tugendhafte ist nur ein Traum und bereits vergangen. Wie auch ein Ausbund nur das nach aussen gebundene Prachtvolle ist, was den Kern einer Sache umschliesst und ihren wahren Wert schwer zu bezeugen macht. Genauso glänzt Tugend. Ihrem Charakter gemäss läuft sie dem Gewillten aber stetsfort den entscheidenden Schritt voraus.

Deswegen findet sich das Schlechte ebenso unter den Jungen. Auch ihr Herz ist nicht allzu rein. Ich habe es bemerkt, wie es spät wurde, schielten ihre Augen den unseren nicht unähnlich. Ja, es gibt solche Revoluzzer unter den Heranwachsenden, die verweigern gar das Lächeln. Wer mir nicht glaubt, kann gehen, wohin er wünscht, dort findet er Junge genug, die sind nicht anders als wir.

Keineswegs weniger hungrig, aber genauso übersättigt. Nicht minder stürmisch, aber gleichermassen bezähmbar. Beständig ängstlich, aber unverändert sorglos. Immer noch verletzlich, aber stetig am Verhärten. Gleichfalls zu bedauern, aber auch wie wir haben sie Hoffnung. Ex aequo komplex, aber, von derselben Art, erfreut über jeden einfachen Schluss.

An alte Seelen in jungen Körpern, daran glaub ich nicht. Ich glaube an älter werdende Kindsköpfe. Was nützt die schönste Hülle, wenn der Inhalt nicht standhält, oder unser poliertes Glas ohne den Wein darin? Ich traue mehr dem Herzen als dem Auge und will keinen Alptraum voller Zuversicht. Mensch ist Mensch und wird es bleiben. Und ohne Fehler, wie könnte er da die Lehren daraus ziehen? Weise zu sein, tapfer, besonnen oder gerecht, das klingt preiswürdig, aber erst indem wir die Schönrederei preisgeben, sprechen wir tatsächlich von uns selbst.

Unsere gemeinsame Natur ist zweideutig und führt mit sich die Form der Verneinung. Wäre alles nur ein beständiges Gelingen, in diesem Gedanken fehlt mir der Kompromiss. Festsitzend im Treibsand dieser Beständigkeit passierten wir die Schwelle des Todes noch lebendig. Vergnüglicher wird da ein Fortschreiten zu einem hoffentlich besseren Ende sein. Überdrüssig des Menschengeschlechtes verwandeln wir uns eher in eine Ameise und nicht in den erhofften Schmetterling.

Denn auch mit Erfolg in den Hosenbeinen und dem schnittigen Schuh dazu ist das Leben eine Komödie, die zu Tränen rührt. Dagegen helfen keine Schlauheit und keine Medizin, die Sternschnuppen, die wir schauen, verbrennen wiederholt zu nichts. Auch die Jugend von heute wird, wie die Jugend davor, zu dem werden, was wir schon sind, zu Gästen mit kalten Händen, die schauen, wo das nächste Feuer brennt. Wir schwärmen von der neuen Generation, weil keiner zu sagen getraut, wie schrecklich er selber ist. Deshalb ist ein wenig besser sein als schlecht prinzipiell schon gut genug.

Meine Hypothese: Wir brauchen weniger Hypothesen. Mehr Unsinn, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Auf der Suche nach Unerlässlichem erfährt man, dass einem ohnehin alles genommen wird. Ich bin am Verderben, ein Glas in Scherben: Nichts Neues beginnt. Tage füllen sich mit Stunden, Haare wachsen aus immer mehr Löchern und Zähne gehen kaputt. Manchmal sehe ich mich im Spiegel, mein Körper ein undeutlicher werdendes Unterfangen, und was bleibt vom Vergangenen, nur der Abendstern.

Helles zeigt sich dunkler, und Kinder fangen an, sich zu fürchten, da nichts scheint, wie es einmal war. Als Freund des Ungerechten werde ich mein Ende umso gerechter empfangen. Den Verfall trank ich schon von der Brust meiner Mutter. Daraus führt kein gutgemeintes Wort hinaus.

Jede Generation hat ihre zeitgerechten Probleme und sollte sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, den Vorangegangenen oder den nach ihr Kommenden alles zu sein. Genauso ist auch jeder Einzelne mit seinem persönlichen Schicksal bereits ausreichend beladen und die Lobhudelei dementsprechend ein fürchterliches Glück. Meistens ohne Bedenken wird eines schrecklichen Tages das Gelobte als Versprechung zurückverlangt. Was willkürlich zu verwenden war, darüber muss im Nachhinein Rechenschaft abgelegt werden. Aber mit was soll die knittrig gewordene Jugend dann bezahlen?

Nicht jeder, der einen starken Rücken hat, sollte deswegen schon als Atlas gelten. Nicht jeder, der wie ein Engel wirkt, gehört zwangsläufig in den Himmel. Und nicht jeder, der für eine ganze Generation herhalten muss, kann infolgedessen schon für sich selbst geradestehen. Es gibt keinen Weg für alle gemeinsam, nur einen, den man umsäumt von anderen alleine geht. Was gut ist und was schlecht, dieses Mass kann von Gelegenheit zu Gelegenheit, von Mensch zu Mensch, von Alter zu Alter verschieden sein. Aber masshalten im Masshalten wäre alleweil das Beste. Denn erst wenn es gelegentlich flattert oder zwickt, merkt man, wie der eigene Anzug sitzt.

Trotzdem sind Träume nicht schlecht. Selbst am Nachmittag mach ich gern ein Schläfchen. Aber ich bevorzuge das wahre Leben und seine Annehmlichkeiten. Dann werde ich je nach Lust und Laune wild oder zärtlich. Manchmal bleibt mir vor Angst auch das Herz stehen, und dennoch nenn ich ‹Übermut› als mein Lieblingswort.

Ich bin ein Widerspruch und gerade das gefällt mir. Die Gesten des Lebens ermuntern mich zu spielen, auf die zuweilen eine leichte Ohrfeige folgt. Meine Augen werden weiss, und der Bauch wölbt sich gegen den Himmel. Vor Erregung muss ich schluchzen. Es wird mir heiss und es wird mir kalt dabei. Rosen und Lilien, alles soll sich für mich vermischen. Feucht wird der Boden und bebt. Es zuckt das Leben. Meine Wimpern verkleben und auch kleine Löckchen an der Schläfe voll mit Tropfen von Schweiss der Besinnungslosigkeit.

Ja, wir müssen schon leben. In zu viele Abgründe, die sich erforschen lassen, gilt es noch zu stürzen für jemanden, der sich von Geheimnissen angezogen fühlt. Mag andernorts der Braten auch fett sein und das Gemüse schön farbig, und jeder denkt an die feine Gesellschaft vom gestrigen Abend. Ich aber will mein Gehirn schonungsloser beschäftigen, aufgewacht in einem Bett ohne weiches Kissen.

Doch auch du sollst nicht schlafen, während andere über dich wachen. Hab mehr Misstrauen und sei nicht still. Kontrollier den Blutstand in deinem Herzen und sei so, wie keiner dich haben will. Vollführe Handstände beim Urinieren und singe schön schief dabei. Nutze Gegenwind für Kapriolen und hau dir deinen guten Ruf entzwei. Finger an Finger zur langen Nase gereiht, gaukelst und schaukelst du bald und versäumst die Zeit.

Nicht nur den Sonnenaufgang teilt mein frühes Gegenüber mit...

Erscheint lt. Verlag 13.2.2017
Verlagsort Basel
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Essays / Feuilleton
Schlagworte Adam • Aeschlimann • Anna • Anna Milena Sutter • Annik • Annik Hosmann • Barbara • Barbara Rebsamen • Bärtschi • Beer • Berner • Berner Tageszeitung • Brogli • Brugger • Bund • Bund-Essay-Wettbewerb • Christian • Christian Fischer • Christian Zingg • David • David Bärtschi • der • Der Bund • donati • Essays • Essay-Wettbewerb • Fahr • Fischer • Generation • Glauser-Maurer • Hazel • Hazel Brugger • Hosmann • journalistische Beiträge • Jugend • Jungautoren • jutzi • Kappeler • Köstinger • Kureyshi • Lars • Lars Kappeler • Laura • Laura Saia • Luca • Luca Moser • Manuela • Manuela Donati • Meral • Meral Kureyshi • milena • Moritz • Moritz Rudolph • moser • Nuria • Nuria Piller • PASCAL • Pascal Köstinger • Peter • Peter Fahr • piller • Projektionsfläche • Rebsamen • Roland • Roland Glauser-Maurer • Rolf • Rolf Brogli • Rudolph • Saia • Selina • Selina Adam • Silvan • Silvan Aeschlimann • Stephanie • Stephanie Jutzi • stringer • sutter • Tageszeitung • Till • Till Beer • Vivien • Vivien Stringer • Zingg
ISBN-10 3-7296-2135-1 / 3729621351
ISBN-13 978-3-7296-2135-0 / 9783729621350
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