Jon Skovron wurde in Columbus, Ohio, geboren. Er arbeitete unter anderem als Schauspieler, Musiker und Webdesigner, doch seine wahre Leidenschaft gehörte schon immer dem Schreiben. In seiner Heimat Amerika hat er sich mit verschiedenen Jugendbüchern und Kurzgeschichten bereits einen Namen gemacht, bevor er mit Empire of Storms - Der Pakt der Diebe seinen ersten Fantasy-Roman für Erwachsene veröffentlichte. Der Autor lebt mit seinen beiden Söhnen in der Nähe von Washington, D.C.
1
Kapitän Sin Toa bereiste diese Meere schon seit vielen Jahren als Händler, und so etwas hatte er bereits gesehen. Das machte es nicht einfacher.
Bleak Hope war eine kleine Gemeinde, die auf einer der kalten Südlichen Inseln am Rande des Imperiums lag. Öde Hoffnung, der Name des Dorfs, war irgendwie passend. Kapitän Toa war einer der wenigen Seeleute, die überhaupt so weit in den Süden segelten, und auch nur im Sommer. Während der Wintermonate, wenn sich eine dicke Eisschicht auf dem Wasser bildete, war das Dorf nahezu unerreichbar.
Doch der getrocknete Fisch, die Walfischbarten und das einfache Lampenöl, das die Bewohner Bleak Hopes aus dem Fischtran pressten, gaben eine gute Fracht ab, die Toa in Steingrat oder New Laven zu einem vorteilhaften Preis verkaufen konnte, und die Dorfbewohner waren auf die ihnen eigene wortkarge, südländische Art immer freundlich und zuvorkommend gewesen. Ihre Gemeinschaft hatte in dem rauen Klima seit Jahrhunderten überlebt, und das flößte Toa Respekt ein.
Traurig betrachtete er die Überreste des Dorfs. Während sie in den engen Hafen einliefen, suchte er die ausgetretenen Pfade und Steinhütten nach einem Lebenszeichen ab, doch er konnte keines entdecken.
»Was ist, Sir?«, fragte Crayton, sein Erster Offizier. Ein guter Kerl. Auf seine Art zuverlässig, wenn auch nicht ganz ehrlich, wenn es darum ging, seinen Teil der Arbeit zu erledigen.
»Hier gehen wir nicht an Land«, sagte Toa leise. »Dieser Ort ist tot.«
»Tot, Sir?«
»Hier ist keine Menschenseele mehr.«
»Vielleicht halten sie gerade irgendeinen religiösen Ritus ab«, sagte Crayton. »So weit im Süden haben die Leute ihre eigenen Sitten und Bräuche.«
»Ich fürchte, das ist es nicht.«
Mit einem dicken, vernarbten Finger deutete Toa auf den Kai. Eine mannshohe Tafel war dort ans Holz geschlagen worden. Das Schild zeigte ein schwarzes Oval mit acht schwarzen Linien, die nach unten liefen.
»Gott schütze sie«, flüsterte Crayton.
»Genau das hat er nicht getan«, sagte Toa. »Er hat sie nicht beschützt.«
Die beiden Männer starrten auf das Zeichen. Alles war still, bis auf den eisigen Wind, der an Toas langem Wollmantel und seinem Bart zerrte.
»Was sollen wir jetzt tun, Sir?«, fragte Crayton.
»Nicht an Land gehen, das ist mal sicher. Sag den Männern, sie sollen den Anker auswerfen. Es ist schon spät. Ich will nicht im Dunkeln durch das seichte Gewässer steuern, also bleiben wir über Nacht hier. Mit dem ersten Tageslicht stechen wir wieder in See. Wir werden nie mehr auch nur in die Nähe von Bleak Hope zurückkehren.«
Früh am nächsten Morgen setzten sie die Segel. Toa hoffte, innerhalb von drei Tagen die Insel Galemoor zu erreichen. Wenn alles gut ging, würden ihm die Mönche dort genug Bier verkaufen, damit er den Verlust, den er durch die Zerstörung Bleak Hopes erlitten hatte, wieder ausgleichen konnte.
Den blinden Passagier fanden sie in der zweiten Nacht.
Toa wurde durch ein Hämmern an seiner Kabinentür geweckt.
»Käpt’n«, rief Crayton. »Die Nachtwache … Sie haben … ein kleines Mädchen gefunden.«
Toa stöhnte. Er hatte zu viel Grog getrunken, und jetzt pochte ein unangenehmer Schmerz hinter seinen Augen.
»Ein Mädchen?«, fragte er nach einem Moment.
»J-j-ja, Sir.«
»Wasser der Hölle«, murmelte er, während er aus seiner Koje kletterte. Er zog seine kalte, feuchte Hose an, den Umhang und die Stiefel. Eine Frau an Bord, und sei es nur ein kleines Mädchen, brachte auf den südlichen Meeren Unglück. Das wusste jeder. Toa überlegte bereits, wie er seinen blinden Passagier wieder loswerden sollte. Doch als er die Tür öffnete, sah er mit Erstaunen, dass Crayton allein dastand und seine Wollmütze in den Händen knetete.
»Also? Wo ist das Mädchen?«
»Im Heck, Sir«, sagte Crayton.
»Warum bringst du sie nicht zu mir?«
»Wir … ähm, das heißt, die Männer bekommen sie nicht hinter der verstauten Takelage hervor.«
»Sie bekommen sie nicht …« Toa seufzte tief und fragte sich, warum keiner seiner Leute auf die Idee gekommen war, das Kind einfach zu packen und aus seinem Versteck herauszuzerren. Es sah seinen Männern gar nicht ähnlich, dass sie gleich weich wurden, nur weil sie ein kleines Mädchen vor sich hatten. Vielleicht lag es an Bleak Hope. Vielleicht hatte das schlimme Schicksal des Dorfs sie daran gemahnt, was ihnen selbst im Himmel bevorstehen würde.
»Gut«, sagte er. »Bring mich zu ihr.«
»Aye, Sir«, sagte Crayton, sichtlich erleichtert, dass nicht er den Unmut des Kapitäns zu spüren bekam.
Toa fand seine Mannschaft um den Frachtraum versammelt, wo die Ersatztakelage verstaut war. Die Luke stand offen, und die Männer starrten in die Dunkelheit, murmelten einander zu und schlugen das Zeichen, mit dem man böse Flüche abwehrte. Toa nahm einem von ihnen die Laterne aus der Hand und leuchtete in das Loch hinab, während er sich fragte, was an diesem kleinen Mädchen so besonders war, dass es seine Männer derart verunsicherte.
»Hör mal, Kleine, du machst jetzt besser …«
Sie hatte sich hinter dem Stapel schwerer Taue verkrochen, und abgesehen davon, dass sie schmutzig und halb verhungert war, sah sie für ein Mädchen von etwa acht Jahren halbwegs normal aus. Auf diese südländische Art war sie eigentlich sogar recht hübsch: blasse Haut, Sommersprossen und Haare von einem Blond, das beinahe weiß wirkte. Doch wenn sie einen direkt ansah, lag da etwas in ihrem Blick. Ihre Augen waren leer … schlimmer als leer: Es waren Abgründe aus Eis, die jede Wärme im Innern ihres Gegenübers vertrieben. Es waren uralte Augen. Gebrochene Augen. Augen, die zu viel gesehen hatten.
»Wir haben versucht, sie rauszuziehen, Käpt’n«, sagte einer der Männer. »Aber sie steckt fest. Und, also … sie ist …«
»Aye«, sagte Toa.
Er kniete sich neben die Luke und zwang sich, dem Mädchen in die Augen zu sehen, auch wenn er sich lieber abgewandt hätte.
»Wie heißt du, Kleine?«, fragte er, mittlerweile viel ruhiger.
Sie starrte ihn an.
»Ich bin der Kapitän dieses Schiffs«, sagte er. »Weißt du, was das bedeutet?«
Langsam nickte sie.
»Das bedeutet, dass jeder auf diesem Schiff mir gehorchen muss. Das heißt, auch du. Verstanden?«
Wieder nickte sie.
Er streckte seine gebräunte, haarige Hand in den Lagerraum.
»Also, Kleine. Ich will, dass du jetzt da rauskommst und meine Hand nimmst. Ich verspreche dir, dass dir auf diesem Schiff nichts passieren wird.«
Lange regte sich nichts. Dann streckte das Mädchen vorsichtig seine magere Hand aus und legte sie in Toas riesige Pranke.
Toa und das Mädchen gingen zurück ins Kapitänsquartier. Er vermutete, dass die Kleine eher anfangen würde zu reden, wenn nicht ein Dutzend hartgesottener Seebären sie anstarrten. In seiner Kabine angekommen, reichte er ihr eine Decke und einen Becher heißen Grog. Er wusste, dass man Kindern keinen Alkohol geben sollte, aber es war das einzige Getränk, das er außer frischem Wasser an Bord hatte, und Wasser war zu kostbar, um es zu verschwenden.
Er saß an seinem Schreibtisch und sie auf seiner Koje, die Decke fest um die Schultern gewickelt, den Becher dampfenden Grogs in den winzigen Händen. Sie nippte daran, und Toa erwartete schon, dass sie wegen des beißenden Geschmacks das Gesicht verziehen würde, doch sie trank in kleinen Schlucken und starrte ihn weiter mit diesen leeren, gebrochenen Augen an. Sie waren von einem kalten Blau, kälter, als er es je gesehen hatte, tiefer als die See selbst.
»Ich frage dich noch einmal, Mädchen«, sagte er. Sein Tonfall war immer noch sanft. »Wie ist dein Name?«
Sie schwieg.
»Woher kommst du?«
Immer noch keine Regung.
»Bist du …« Er konnte den Gedanken selbst kaum fassen, geschweige denn, dass er es laut aussprach. »Bist du aus Bleak Hope?«
Sie blinzelte, als würde sie aus einer Trance erwachen.
»Bleak Hope.« Nachdem sie so lange nicht gesprochen hatte, klang sie ganz heiser. »Ja. So ist es.« Ihr Tonfall jagte Toa einen Schauder über den Rücken, den er zu unterdrücken versuchte. Die Stimme des Mädchens war so leer wie ihre Augen.
»Wie bist du auf mein Schiff gekommen?«
»Das war danach«, sagte sie.
»Wonach?«, fragte er.
Als sie den Blick jetzt auf ihn richtete, waren ihre Augen mit einem Mal nicht mehr leer. Sie waren voller Seele. So voll, dass sich Toas salziges altes Herz in seiner Brust anfühlte wie ein verwitterter Lumpen, den jemand auswrang.
»Ich erzähle es dir«, sagte sie, und ihre Stimme war so schwer und seelenvoll wie ihre Augen. »Aber ich erzähle es nur dir. Und nur ein einziges Mal. Danach werde ich nie wieder darüber sprechen.«
Das Mädchen war draußen auf den Felsen gewesen. Deshalb hatten sie sie nicht gefunden.
Das Mädchen liebte die Felsen. Große, zerklüftete schwarze Felsbrocken, auf denen sie über die tosenden Wellen hinwegklettern konnte. Mama versetzte es in Angst und Schrecken, wenn sie dort über die Steine sprang. »Du wirst dir wieder wehtun!«, hatte die Mama immer gesagt. Und sie hatte sich wehgetan. Häufig. Ihre Schienbeine und Knie waren übersät mit Schorf und Narben von den scharfkantigen Steinen. Aber das war ihr egal. Das Mädchen liebte die Felsen trotzdem. Und bei Ebbe blieben immer Schätze am Grund zurück, halb vergraben im grauen...
| Erscheint lt. Verlag | 13.2.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Empire of Storms-Reihe | Empire of Storms-Reihe |
| Übersetzer | Michelle Gyo |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Hope & Red - The Empire of Storms Book 1 |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction | |
| Schlagworte | Abenteuer • Diebe • eBooks • Fantasy • Fantasy-Epos • High Fantasy • Jon Skovron • Krieger • Magie • Magier • Rache-Epos • Schlachten • Serien |
| ISBN-10 | 3-641-19428-8 / 3641194288 |
| ISBN-13 | 978-3-641-19428-4 / 9783641194284 |
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