Die Wutausbrüche der Engel (eBook)
240 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-74839-8 (ISBN)
Josef Winkler, der in einem von katholischen Engeln und Teufeln besetzten Kärntner Dorf, in dem es keine Bücher gab, aufgewachsen ist, schildert in Die Wutausbrüche der Engel die Frühzeit seines Kampfs um Sprache und Bilder. Nachdem seine Mutter einmal gesagt hatte: »Für Bücher haben wir kein Geld!«, begann er Geld zu stehlen. Zuerst der Mutter, für Karl-May-Bücher und -Filme, wovon im ersten Teil »Winnetou, Abel und ich« berichtet wird. Später dem Vater, für Bücher von Camus, Hemingway, Sartre, Peter Weiss und Jean Genet. Er reiste mit einem befreundeten Maler nach Paris, um sich die expressiven Bilder des russisch-jüdischen Malers Chaim Soutine anzusehen, und im zweiten Teil »Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär« erzählt er von Soutines Leben, von Kindheit und Jugend des Dichters und Diebs Jean Genet - vor allem aber von der umstürzenden Wirkung großer Literatur auf das eigene Leben.
Die Wutausbrüche der Engel vereinigt die beiden Bücher Winnetou, Abel und ich (2014) und Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär (2011).
<p>Josef Winkler wurde am 3. März 1953 in Kamering bei Paternion in Kärnten geboren. 2008 erhielt er den Georg-Büchner-Preis.</p>
Josef Winkler wurde am 3. März 1953 in Kamering bei Paternion in Kärnten geboren. Nach der Volksschule besuchte er drei Jahre die Handelsschule in Villach. Nachdem er zunächst im Büro einer Oberkärntner Molkerei beschäftigt war, besuchte er die Abendhandelsakademie in Klagenfurt und arbeitete tagsüber im Betrieb eines Verlags, der Karl-May-Bücher produzierte. Seit 1971 war er in der Verwaltung der neuen Hochschule für Bildungswissenschaften in Klagenfurt tätig. In seiner Freizeit besuchte er germanistische und philosophische Vorlesungen. Seit 1982 ist Josef Winkler freier Schriftsteller. Er lebt derzeit in Klagenfurt.
SELKI LATA UND SCHÖNER TAG
Du Länderdieb!« rief Intschu tschuna und schlug mit dem Kolben seiner Silberbüchse auf Old Shatterhand ein. Als der Häuptling der Apachen zum zweiten Hieb ausholte, warf Old Shatterhand seinen Bärentöter zur Seite und versetzte dem Indianer mit der rechten Faust mehrere Hiebe gegen die Schläfe. Intschu tschuna ließ seine Büchse fallen, röchelte und fiel zu Boden. Hinter seinem Rücken hörte Old Shatterhand die jubelnde Stimme von Tangua, dem Häuptling der Kiowas, der sein Messer zückte, sich auf den Besinnungslosen stürzen und ihn skalpieren wollte: »Das ist Intschu tschuna, der oberste der Apachenhunde! Ich muß sein Fell, seinen Skalp haben!« Old Shatterhand drängte ihn zur Seite und rief: »Laß die Hand davon! Den habe ich besiegt, er gehört nicht dir, sondern mir!« – »Schweig, weißes Ungeziefer! Der Häuptling ist mein!« Tangua stach Old Shatterhand ins linke Handgelenk, Old Shatterhand sprang ihm an den Hals, drückte seine Kehle zusammen, bis er die Besinnung verlor und sich nicht mehr bewegte.
Einen Augenblick später hörte Old Shatterhand ein Geräusch hinter sich, drehte sich um und erhielt, noch ehe er sich orientieren konnte, einen fürchterlichen Kolbenhieb auf seine Schulter, der eigentlich seinem Kopf gegolten hatte. Winnetou war es, der zum tödlichen Kolbenhieb ausholte, aber glücklicherweise nur Old Shatterhands Schulter traf. Winnetou ließ sein Gewehr fallen, zog sein Messer aus dem Gürtel, stürzte sich auf seinen Feind und holte zum Stoß gegen seine Brust aus. Das Messer fuhr Old Shatterhand in die linke Brusttasche, traf die Sardinenbüchse, in der er seine Papiere verwahrt hatte, glitt vom Blech ab, drang ihm, über dem Hals, innerhalb der Kinnlade in den Mund und durchstach die Zunge. Die Todesangst verdoppelte die Kräfte von Old Shatterhand, er konnte Winnetou zu Boden werfen, legte sich mit seinem gesamten Gewicht auf den Indianer und wollte ihm nun erklären, daß er nicht sein Feind, sondern sein Freund sei, aber mit der durchstochenen Zunge konnte er nicht sprechen, er brachte nur mehr ein Lallen hervor. Das Blut schoß in Strömen aus seinem Mund in Winnetous Gesicht. Während der schwer keuchende Winnetou versuchte, Old Shatterhand von seinem Körper zu stoßen, drückte ihm Old Shatterhand mit den Fingerspitzen den Kehlkopf so fest zu, daß ihm der Atem wegblieb und Winnetou betäubt war. Old Shatterhand spuckte das Blut aus, das in fingerdickem Strahl aus seinem Mund lief, wollte sich erheben, aber in diesem Moment hörte er einen zornigen indianischen Schrei, bekam mit einem Gewehrkolben einen Schlag gegen den Kopf und verlor die Besinnung.
»Dem Himmel sei Dank, daß Ihr wieder bei Euch seid, lieber Sir!« rief frohlockend Sam Hawkens, der ihm mit der Hand liebevoll über das Gesicht strich. »Wie hat man Euch denn niedergeschlagen?« Old Shatterhand brachte nur undeutliche Worte hervor, denn sein Mund hatte sich wieder mit Blut gefüllt: »Intschu tschuna gekämpft … Winnetou dazu … Mund gestochen … Kolbenhieb auf Kopf …« Danach fiel er wieder in Ohnmacht. Ein paar Stunden später hörte er die Huftritte vieler Pferde und bemerkte, daß er auf der Haut des Grizzlybären lag, den er niedergerungen und erstochen hatte. Die Bärenhaut hing, als Hängematte zusammengeschnürt, zwischen den beiden trabenden Pferden. Old Shatterhand steckte so tief im Fell, daß er nur die Köpfe der beiden Pferde und den wolkenlosen Himmel sehen konnte. Im Pueblo der Apachen erwachte er aus einer neuerlichen Ohnmacht. »Wißt Ihr, wie lange Ihr hier gelegen habt?« fragte Sam Hawkens. »Drei Wochen, ganze drei Wochen. Ihr hattet ein fürchterliches Wundfieber und seid dann in Starrkrampf verfallen. Die Apachen wollten Euch schon einscharren, aber ich habe Winnetou so lange gebeten, bis er mit seinem Vater sprach und dieser die Erlaubnis gab, Euch erst bei Eintritt der Fäulnis einzugraben.« Old Shatterhand hörte Schritte, spürte eine Hand, die ihn betastete, und vernahm Winnetous Stimme: »Es ist ein großes Wunder geschehen. Es wäre besser, wenn Selki lata« – so nannte er Old Shatterhand in der Sprache der Mescalero-Apachen – »tot geblieben wäre. Er ist jetzt, um zu sterben, ins Leben zurückgekehrt!« »Aber er ist doch der beste Freund der Apachen!« erwiderte Sam Hawkens. »Er hat mich zweimal niedergeschlagen«, beteuerte Winnetou. »Die Bleichgesichter sind alle Lügner und Betrüger. Ich habe nur einen einzigen Weißen gekannt, in dessen Herz die Wahrheit wohnte. Das war Klekih-petra, der von euch weißen Hunden ermordet worden ist. In Old Shatterhand hätte ich mich beinahe getäuscht. In seinen Augen sah ich zuerst Güte und Aufrichtigkeit, und ich glaubte ihn lieben zu können, aber er ist genau ein solcher Länderdieb und Indianermörder wie die anderen. Warum hat der Große Geist einen solchen Mann geschaffen und ihm ein so falsches Herz gegeben?« Schwer fiel das dichte blauschimmernde Haar Winnetous, das er zu einem Schopfe aufgewunden hatte, auf seinen Rücken. Seine Gesichtsfarbe war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch. Am Hals trug er einen bunt bestickten Medizinbeutel und das Calumet des Friedens. Seine Mokassins waren mit Stachelschweinborsten und die Nähte seiner Leggings und des Jagdrockes mit feinen roten Nähten geschmückt. Winnetou wandte sich von Sam Hawkens ab und sprach nun Old Shatterhand an: »Sei aufrichtig zu mir! Wenn man vom Tode erwacht, kann man keine Unwahrheit sagen. Habt ihr vier Männer uns wirklich retten wollen?« Old Shatterhand, der immer noch nicht sprechen konnte, nickte zweimal. Winnetou machte eine verächtliche Handbewegung und rief im Tonfall der Empörung: »Lüge! Lüge! Lüge! Selbst am offenen Grab Lüge, nichts als Lüge! Wir werden dich sorgfältig pflegen, damit du schnell wieder gesund und kräftig wirst, damit du die Qualen, die dich erwarten, lange aushalten mußt. Als kranker, schwacher Mann schnell zu sterben, das ist keine Strafe.« Daraufhin entfernte sich Winnetou vom Krankenlager.
Old Shatterhand lag auf mehreren Grizzlybärfellen in einem rechteckigen Raum mit steinernen Wänden. Eine schöne, indianische Santillodecke war über seinen Körper gebreitet. Neben der Tür saßen zwei Indianerinnen, die ihn zu pflegen und zu bewachen hatten, eine alte und eine junge. Die achtzehnjährige Indianerin war schön, sogar sehr schön. Sie trug ein langes, hellblaues, hemdartiges Gewand, das den Hals eng umschloß und an der Taille von einer Klapperschlangenhaut als Gürtel zusammengehalten wurde. Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haar, das in zwei starken, bläulichschwarzen Zöpfen weit über die Hüften hinunterreichte. Dieses schöne Haar erinnerte Old Shatterhand an die Haare Winnetous. Sammetschwarz waren ihre Augen, von indianisch vorstehenden Backenknochen keine Spur, weich und warm waren ihre vollen Wangen, die Farbe ihrer Haut war Kupferbronze mit einem Silberhauch. Wenn sie leise mit der Alten sprach und ihren Mund öffnete, blitzten die schön gereihten elfenbeinweißen Zähne zwischen den roten Lippen hervor. Es war Winnetous Schwester.
»Uff! Aguan inta-hinta!« ›Uff‹ ist der Ausdruck des Erstaunens, und ›aguan inta-hinta‹ bedeutet soviel wie: Er ist aufgewacht! Das Indianermädchen blickte vom weißgegerbten Ledergürtel auf, den es mit roten Arabesken verzierte, und sagte zu Old Shatterhand: »Sprich leise oder nur durch Zeichen! Nscho-tschi hört, daß dich das Reden schmerzt!« – »Nscho-tschi ist dein Name?« – »Ja!« Nscho-tschi heißt soviel wie ›Schöner Tag‹. »Von Winnetou, meinem Bruder, habe ich den Auftrag, dich zu pflegen.« Nscho-tschi blickte Old Shatterhand forschend in die Augen und fragte: »Warum hast du meinen Bruder töten wollen!?« – »Nein!« entgegnete Old Shatterhand. – »Aber du hast Winnetou, den noch keiner besiegen konnte, zweimal zu Boden geschlagen!« – »Ja, einmal, um ihn vor dem betrunkenen, blindwütigen Rattler zu retten, der Klekih-petra erschossen hat, und das andere Mal, weil Winnetou mich töten wollte. Ich habe Winnetou liebgehabt, gleich als ich ihn zum erstenmal gesehen habe!«
»Willst du dich waschen?« fragte Nscho-tschi. »Ich weiß nicht, ob ich es kann!« antwortete Old Shatterhand achselzuckend. Die alte Indianerin brachte eine ausgehöhlte, mit Wasser gefüllte Kürbishälfte. Nscho-tschi setzte sich neben Old Shatterhand und reichte ihm ein handtuchähnliches Geflecht aus feinem, weichem Bast. Old Shatterhand versuchte sich zu waschen, aber es ging nicht, er war noch zu schwach. Nscho-tschi tauchte einen Zipfel des Geflechtes ins Wasser und reinigte dem vermeintlichen Todfeind ihres Bruders und ihres Vaters Hände und Gesicht. Mit mitleidigem Lächeln fragte sie: »Bist du immer so hager gewesen?« Old Shatterhand beugte sich über den Kürbis und fuhr erschrocken zurück, denn es blickte ihm aus dem Wasser der Kopf eines Gespenstes, eines Skeletts entgegen. »Welch ein Wunder, daß ich noch lebe!« rief Old Shatterhand. »Ja, Winnetou sagte das auch. Du hast sogar den langen Ritt in der Hängematte des Grizzlybärenfells überstanden. Der große, gute Geist hat dir einen starken Körper gegeben, denn ein anderer hätte den Fünftageritt nicht überlebt.« – »Fünf Tage waren wir unterwegs? Wo befinden wir uns?« – »Im Pueblo der Mescalero-Apachen am Rio Pecos!«
An einem schönen, sonnigen Spätherbstmorgen brachte Nscho-tschi Old Shatterhand wieder das Frühstück und setzte sich, während er aß, länger als sonst an seine Seite. Ein paar Tränentropfen rollten über ihre Wangen. »Du weinst, was ist geschehen, warum bist du so betrübt?« fragte Old Shatterhand. »Der Abschied von den Kiowas, mit denen wir Frieden schließen wollen,...
| Erscheint lt. Verlag | 17.1.2017 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Bücher • Franz Nabl - Preis 2005 • Georg-Büchner-Preis • Georg-Büchner-Preis 2008 • Georg-Büchner-Preisträger • Großer Österreichischer Staatspreis 2007 • Liebe zur Literatur • ST 4745 • ST4745 • suhrkamp taschenbuch 4745 • Winnetou |
| ISBN-10 | 3-518-74839-4 / 3518748394 |
| ISBN-13 | 978-3-518-74839-8 / 9783518748398 |
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