C. S. Pacat wurde in Australien geboren und studierte an der University of Melbourne. Sie ist viel gereist und hat bereits in den verschiedensten Städten gelebt, u.a. in Tokio und in Perugia. Die Autorin lebt und arbeitet in Melbourne.
2
Laurent erwachte langsam. Das Licht war gedämpft, und irgendetwas schränkte seine Bewegungsfreiheit ein. Seine Hände waren hinter dem Rücken zusammengebunden, und ein pochender Schmerz an seinem Hinterkopf verriet ihm, dass man ihn niedergeschlagen haben musste. Außerdem stimmte irgendetwas nicht mit seiner Schulter. Sie schien ausgerenkt zu sein.
Als er flatternd die Augen öffnete und sich ein wenig bewegte, nahm er vage seine Umgebung wahr. Die modrige Luft und die kühle Temperatur ließen vermuten, dass er sich unter der Erde befand. Er musste aus dem Hinterhalt überfallen worden sein. Jetzt befand er sich unter der Erde, und da sich sein Körper nicht anfühlte, als habe man ihn tagelang transportiert, musste das wohl bedeuten, dass …
Er öffnete die Augen ganz – und sah direkt in das flachnasige Gesicht Govarts, der ihn anstarrte.
»Guten Morgen, Prinzessin.«
Panik ließ seinen Puls in die Höhe schnellen. Laurent versuchte, seine Reaktion zu unterdrücken, aber das Blut pulsierte weiter mit unerbittlicher Heftigkeit gegen seine Haut. Er ermahnte sich, ruhig zu bleiben und sich nicht zu bewegen.
Dann sah er sich um. Die Zelle, in der er sich befand, maß etwa vier Meter und war mit einer Tür aus Eisenstäben verschlossen. Fenster gab es keine. Durch die Gitterstäbe konnte Laurent einen aus groben Steinen gemauerten Gang in flackerndem Licht erkennen. Das Flackern, stellte er erleichtert fest, stammte von einer Fackel und nicht wie befürchtet von dem Schlag, den er auf den Hinterkopf bekommen hatte. In seiner Zelle befand sich nichts weiter außer dem Stuhl, an den man ihn gefesselt hatte. Es sah aus, als hätte man das schwere Sitzmöbel aus Eichenholz eigens für ihn hierher befördert, was man sowohl als höfliche wie auch bedrohliche Geste verstehen konnte, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man die Sache betrachtete. Das Licht der Fackel reichte aus, um den Schmutz zu erkennen, der sich über Jahrzehnte auf dem Zellenboden angesammelt haben musste.
Mit einem Mal traf ihn die Erinnerung, was mit seinen Männern geschehen war. Nur mit Mühe konnte er den Gedanken beiseiteschieben. Er wusste jetzt, wo er sich befand. Dies waren die Gefängniszellen von Fortaine.
Laurent wurde klar, dass er dem Tode geweiht war. Doch bevor es so weit war, würde er noch eine lange Phase voller Schmerzen erdulden müssen. Kurz wallte die absurde Hoffnung in ihm auf, dass jemand kommen und ihm helfen würde, doch er verdrängte den Gedanken schnell wieder. Seit seinem dreizehnten Lebensjahr, seit dem Tod seines Bruders, gab es niemanden mehr, der ihn hätte retten können. Er überlegte, ob es eine Möglichkeit für ihn gab, sich in dieser Situation wenigstens einen kleinen Rest Würde zu bewahren, schob den Gedanken aber ebenso rasch weg, wie er gekommen war. Das hier würde nicht würdevoll enden. Stattdessen fragte er sich, ob er das Ende schneller herbeiführen könnte, wenn die Situation unerträglich wurde. Es war nicht schwer, Govart zu tödlicher Gewalt zu provozieren. Laurent musste daran denken, dass Auguste ganz gewiss keine Angst gehabt hätte, allein und verletzlich einem Mann ausgeliefert zu sein, der vorhatte, ihn zu töten. Seinem jüngeren Bruder sollte es also genauso wenig ausmachen.
Doch noch härter als seinen eigenen Tod traf es ihn, dass die Schlacht ohne ihn stattfinden würde … dass der Zeitpunkt gekommen und verstrichen war, und dass er auf das, was gerade an der Grenze passierte, keinen Einfluss nehmen konnte. Der akielische Sklave würde (daran hatte Laurent keine Zweifel) annehmen, dass ihn die Veretier verraten hatten, und sich ohne zu zögern in einen ebenso heroischen wie selbstmörderischen Kampf bei Charcy stürzen, aus dem er gegen alle Wahrscheinlichkeiten vielleicht sogar siegreich hervorgehen mochte.
Wenn er ignorierte, dass er verletzt und gefesselt war, konnte sich Laurent einreden, dass seine Chancen im Kampf eins gegen eins eventuell gar nicht schlecht standen. Hinter all dem konnte er die unsichtbare Handschrift seines Onkels erkennen, der, wie schon so oft, die Fäden zog.
Eins gegen eins – er sollte darüber nachdenken, was er im besten Fall erreichen konnte. Selbst wenn er in Topform wäre, könnte er Govart in einem Ringkampf nicht besiegen. Außerdem war seine Schulter ausgekugelt. Ohne seine Fesseln hätte er ungefähr genauso viel gegen ihn ausrichten können wie mit ihnen, nämlich nichts. Immer wieder sagte er sich das, um den unbedingten Wunsch nach einem Kampf in sich niederzuringen.
»Wir sind allein«, sagte Govart. »Nur du und ich. Sieh dich genau um. Es gibt kein Entkommen. Nicht einmal ich besitze einen Schlüssel. Sie werden zurückkehren, um die Zellentür zu öffnen, nachdem ich mit dir fertig bin. Was hast du dazu zu sagen?«
»Wie geht es deiner Schulter?«, fragte Laurent.
Der Fausthieb ließ ihn zurückzucken. Dennoch genoss er den Ausdruck auf Govarts Gesicht. Genauso, wie er – wenn auch auf etwas masochistische Art – den Schlag genossen hatte. Offenbar konnte er die Freude darüber nicht wirklich verbergen, denn Govart schlug ihn ein zweites Mal. Laurent kämpfte den Drang nieder, in hysterisches Lachen auszubrechen. Sonst würde die Sache hier schneller zu Ende sein, als ihm lieb war.
»Ich habe mich immer gefragt, was du gegen ihn in der Hand hattest«, sagte Laurent und zwang sich, ruhig zu sprechen. »Ein blutiges Laken und ein unterzeichnetes Geständnis?«
»Du hältst mich für dumm«, stellte Govart fest.
»Ich glaube, du verfügst über ein Mittel, mit dem du einen sehr mächtigen Mann unter Druck setzen kannst. Und ich glaube, dass es, was es auch ist, nicht für immer funktionieren wird.«
»Das würdest du gern glauben«, sagte Govart zufrieden. »Willst du wissen, warum du hier bist? Weil ich ihn um dich gebeten habe. Er gibt mir, wonach ich verlange. Egal, um was es sich handelt. Selbst seinen unantastbaren Neffen.«
»Nun, ich bin eine lästige Sache für ihn, genau wie du. Das ist der Grund, warum er uns zusammenbringt. Früher oder später wird einer von uns beiden den anderen erledigen.« Sein Ton war frei von jeglichen Empfindungen, er beschrieb nur Tatsachen. »Das Problem ist allerdings, dass meinen Onkel kein Druckmittel der Welt zurückhalten wird, wenn er erst einmal König ist. Wenn du mich umbringst, wird das, was du gegen ihn in der Hand hast, keine Rolle mehr spielen. Dann werden nur noch du und er übrig sein, und er wird dich in einen ebenso dunklen Kerker werfen lassen wie mich jetzt.«
Auf Govarts Gesicht breitete sich langsam ein verschlagenes Grinsen aus. »Er hat vermutet, dass du so was sagen würdest.«
Der erste Fehler, und er hatte ihn selbst begangen. Laurent spürte, wie sein Herz unregelmäßig klopfte. »Und was hat mein Onkel noch gesagt?«
»Er sagte, du würdest versuchen, mich am Reden zu halten. Er sagte, du habest ein Mundwerk wie eine Hure. Er sagte, du würdest lügen, mir schmeicheln, vor mir kriechen.« Das Grinsen wurde breiter. »Er sagte: Der einzige Weg, um meinen Neffen daran zu hindern, sich freizureden, besteht darin, ihm die Zunge herauszuschneiden.« Während er sprach, zog Govart ein Messer hervor.
In Laurents Wahrnehmung schrumpfte der Raum um sie herum. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Mann vor ihm gerichtet.
»Und doch möchtest du unbedingt hören, was ich zu sagen habe«, provozierte er Govart. Das hier hatte gerade erst begonnen, und bis zum Ende würde es ein steiniger, blutiger Weg werden. »Du willst alles hören, jede Silbe. Es gibt eine Sache, die mein Onkel in Bezug auf dich nie verstanden hat.«
»Ach ja, und was soll das sein?«
»Du wolltest schon immer zu denjenigen auf der anderen Seite der Tür gehören.« Laurent sah ihm fest in die Augen. »Und jetzt ist es so weit.«
Nach einer Stunde (die ihm sehr viel länger vorgekommen war) schmerzte Laurents ganzer Körper, und er war sich nicht mehr sicher, wie viel er hinausgezögert oder kontrolliert hatte – wenn überhaupt irgendetwas. Sein Hemd war inzwischen bis zur Taille geöffnet und schlackerte ihm lose um den Körper. Der rechte Ärmel war tiefrot verfärbt. Seine Haare waren zerwühlt und von Schweiß durchtränkt. Seine Zunge war erfreulicherweise noch intakt, dafür steckte das Messer in seiner Schulter. Als es passiert war, hatte Laurent es als Sieg verbucht. Immerhin verfügte Govart nun über keine Waffe mehr. In einer solchen Situation mussten schon kleine Dinge als Erfolgserlebnis zählen. Der Griff des Messers ragte in einem merkwürdigen Winkel aus seiner ausgerenkten rechten Schulter. Langsam fiel ihm das Atmen schwer.
Siege. Er war so weit gekommen. Hatte seinen Onkel immer wieder aus der Fassung gebracht, ihn ein- oder zweimal aufhalten können, ihn gezwungen, seine Pläne umzuwerfen. Er hatte es ihm nicht einfach gemacht. Doch jetzt lagen dicke Wände aus Stein zwischen ihm und der Welt dort draußen. Es war genauso unmöglich, etwas zu vernehmen, wie es unwahrscheinlich war, dass ihn hier drinnen jemand hören würde. Sein einziger Vorteil bestand darin, dass er es geschafft hatte, seine linke Hand von den Fesseln zu befreien. Das durfte er sich auf keinen Fall anmerken lassen. Alles, was es...
| Erscheint lt. Verlag | 9.1.2017 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Prinzen-Serie | Prinzen-Serie |
| Übersetzer | Melike Karamustafa |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Captive Prince Book 3 |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction | |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | C.S. Pacat • Der verschollene Prinz • eBooks • Erotik • Fantasy • gay romance • historische Fantasy • Liebesromane • Romantasy • Romantische Fantasy • Serien |
| ISBN-10 | 3-641-18528-9 / 3641185289 |
| ISBN-13 | 978-3-641-18528-2 / 9783641185282 |
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