Nach einem Bombenattentat am Brandenburger Tor ist der Berliner Sonderermittler Faris Iskander zu einer Art Undercover-Joker geworden. Man setzt ihn auf den mutmaßlichen Terroristen Muhammad al-Sadiq an, der aus dem Gefängnis heraus einen Terroranschlag in Berlin plant. Um an Sadiq heranzukommen, muss sich Faris als Islamist ausgeben und seine terroristischen Absichten glaubhaft unter Beweis stellen. Doch das ist nicht sein einziges Problem: Im Laufe der Ermittlungen stellen er und sein Team fest, dass außerdem ein rechtsradikaler Anschlag vorbereitet wird. Das Unterfangen wird immer gefährlicher, zumal in seiner Einheit nicht alle mit offenen Karten spielen ...
Eine Stadt in Angst und ein skrupelloser Gegner - Faris Iskanders härtester Fall.
Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.
2. Kapitel
Die Geräusche der nahen Stadtautobahn klangen lauter als sonst, weil es die halbe Nacht hindurch geregnet hatte. Das Rauschen der vorbeifahrenden Autos drang durch das gekippte Schlafzimmerfenster. Mit hinter dem Kopf verschränkten Händen lag Faris Iskander auf dem Bett und starrte gegen die Decke. Julia schlief neben ihm auf dem Bauch. Ihr linker Arm ruhte auf seiner Brust. Schweiß perlte zwischen ihrer und seiner Haut. Es kitzelte, wenn Faris Atem holte.
»Kannst du wieder nicht schlafen?« Julias Stimme war ein träges Gemurmel, halb erstickt von den Falten des Lakens, das sie vor dem Gesicht zusammengeknüllt hatte, als müsse sie ihm ein Geständnis abpressen. Sie schälte sich aus dem Stoff und wandte den Kopf so, dass sie Faris ansehen konnte.
Das Licht der Straßenlaterne, das von draußen hereinfiel, zeichnete ihre Züge weich.
»Doch«, antwortete er auf ihre Frage. »Ich bin eben erst wach geworden.«
Es war die Wahrheit. Was er jedoch verschwieg, war der Traum, aus dem er nur wenige Minuten zuvor hochgeschreckt war. Dieser sonderbare Traum, der alle Albträume, die er jemals gehabt hatte, in den Schatten stellte.
In diesem Traum saß er mit jemandem auf einer beigefarbenen Couch. Er wollte den Kopf wenden, um nachzusehen, wer es war, aber er konnte es nicht. Er war dazu verdammt, absolut regungslos dazusitzen, ein Gefühl, das in ihm ein tiefes Grauen auslöste. Er bekam keine Luft.
Die Gestalt neben ihm streckte eine Hand aus und berührte ihn am Unterarm. Er wollte aufspringen. Wollte schreien. Sich übergeben. Er konnte keinen Muskel rühren. Alles, was er tun konnte, war dazusitzen und auf diese Hand zu starren, die ihn festhielt. Auf die Hand und auf das Lederarmband, das um das Gelenk geschlungen war.
Ein abgenutztes Lederarmband mit arabischen Schriftzeichen. Er kannte es gut. Es hatte einmal ihm gehört, aber Andrea Roth, seine Therapeutin, hatte es ihm weggenommen. Es erinnere ihn zu sehr an seine tote Exfreundin, hatte sie ihm gesagt. Er solle versuchen, nicht mehr so oft an sie zu denken. Er solle nach vorn schauen.
Nach vorn schauen!
Faris schnaubte leise.
Andrea hatte ihm auch erklärt, dass der Traum eine Art Ausweichmanöver seines Unterbewusstseins war. Er hatte so viele furchtbare Dinge erlebt und durchlitten, dass er wahrscheinlich genug Stoff für 365 verschiedene Albträume gehabt hätte, für jede Nacht des Jahres einen. Aber sein Geist hatte sich entschieden, alle in einen einzigen zusammenfließen zu lassen und das Grauen, das er empfand, auf dieses an sich harmlose Detail, das Armband, zu richten.
Julia drehte sich auf die Seite und bettete den Kopf auf den angewinkelten Arm. Die andere Hand ließ sie auf seiner Brust liegen. Sie krümmte die Finger ein wenig, sodass er ihre kurz geschnittenen Nägel spüren konnte. »Ich erkenne immer noch nicht, wann du mich anlügst.« Es lag kein Vorwurf in ihrer Stimme, nur diese leichte Verwunderung, die sie stets zu verspüren schien, wenn sie ihn ansah, und die er sich nie erklären konnte.
Er schloss die Augen.
»Woran denkst du?« Julia nahm die Hand von seiner Brust. Leicht legte sie sie an seine Wange, sodass er den Bart spüren konnte, den er sich seit einiger Zeit wachsen ließ.
Dann verschwand die Hand wieder.
Faris spürte an Julias Bewegung, dass sie sich auf den Ellenbogen stützte, um ihn betrachten zu können. Langsam öffnete er die Augen. Das Laken hatte rote Striemen an ihrer Wange hinterlassen, er fuhr sie mit dem Zeigefinger nach.
Als er nach mehreren Minuten noch immer nichts gesagt hatte, seufzte sie, setzte sich auf und zog die Bettdecke um ihren nackten Leib. Im Schneidersitz starrte sie die Brandnarbe und die beiden frisch verheilten Schusswunden auf seiner Brust an. »Gott, Iskander«, sagte sie. »Du bist ganz schön kaputt, weißt du das?«
Er wusste nicht, ob sie seinen Körper oder seine Seele meinte.
»Liegst hier mit mir in der Kiste. Warum stehst du nicht auf und gehst? Zu ihr?« Bei den letzten beiden Worten lag ein ganz kleines Beben in ihrer Stimme, und er beschloss, so zu tun, als habe er es nicht gehört.
Ihre Worte hatten in ihm Erinnerungen wachgerufen, Erinnerungen an einen regnerischen Abend. Mit Gewalt schob er sie von sich.
»Ich bin jetzt hier bei dir«, sagte er ruhig.
»Ja.« Sie schnaufte.
Ihre blonden Haare waren kurz geschnitten, so wie immer.
Bei ihrem ersten gemeinsamen Abendessen hatte er ihr erzählt, dass er lange Haare mochte, und aus irgendeinem Grund war er erleichtert gewesen, als sie tags darauf zum Friseur ging und ihren für Einsätze so praktischen Kurzhaarschnitt nachschneiden ließ.
»Seit drei Wochen schlafe ich besser«, sagte er. »Besser jedenfalls als früher.«
Früher hatte er oft nächtelang gar nicht schlafen können. Er hatte sich wie ein Junkie auf Entzug gefühlt. Monatelang. Vor drei Wochen dann hatte Julia ihn zum ersten Mal hierher mit zu sich nach Hause genommen.
»Nur Sex!«, hatte sie gekeucht, als er sie noch im Flur gegen die Wand gepresst und in wilder Verzweiflung geküsst hatte. Mit aller Kraft hatte sie ihn von sich weggedrückt und ihm bestimmt in die Augen gesehen. »Nur Sex, keine emotionalen Verwirrungen, okay?«
Und er hatte es ihr versprochen. Er war froh über ihre Worte gewesen, denn schon einmal hatte er versucht, dieses elende schwarze Loch tief in seinem Innersten zu füllen, indem er sich an den warmen Körper einer Frau klammerte.
Ira.
Der Name war da, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.
Warum gehst du nicht zu ihr?
Im Gegensatz zu damals bereitete ihm das hier mit Julia jedoch kaum Schuldgefühle, was der Grund dafür war, weshalb er seit dieser ersten wilden Nacht schon mehrfach wieder hergekommen war.
»Nur Sex!«, sagte Julia jetzt warnend, und er ahnte, dass sich seine Gedanken auf seine Züge gestohlen hatten.
»Klar«, murmelte er und ließ sie in dem Glauben, dass er über sie nachgedacht hatte.
Sie öffnete den Mund, aber das Klingeln ihres Handys kam ihr zuvor. Sie verdrehte die Augen, dann lehnte sie sich nach hinten, um nach dem Telefon zu angeln, das sie zusammen mit ihrer Dienstpistole neben das Bett auf eine als Nachttisch dienende Seemannskiste gelegt hatte. Beiläufig schob sie dabei die Waffe ein Stück zur Seite. Als sie auf das Display sah, rümpfte sie die Nase. »Tromsdorff«, sagte sie. »Sorry, da muss ich rangehen.« Sie nahm den Anruf an. »Lautenschläger?«
Tromsdorff war der Gründer und Leiter der SERV, einer Sondereinheit des LKA Berlin, die zuständig war für die Ermittlung bei religiös motivierten Verbrechen. Er war Faris’ direkter Vorgesetzter, nicht jedoch der von Julia.
Faris verschränkte die Arme hinter dem Kopf und versuchte, nichts zu empfinden. Es gelang nicht. Es störte ihn, dass Robert Tromsdorff Julia anrief, auch wenn er nicht genau wusste, warum.
Julia lauschte eine ganze Weile lang schweigend. Faris konnte die Stimme am anderen Ende der Leitung nur als undeutliches Gemurmel wahrnehmen, aber an der Art, wie Julia sich plötzlich aufrechter hinsetzte, erkannte er, dass ihr nicht gefiel, was sie hörte.
»Verstehe«, murmelte sie. »Bist du sicher?«
Wieder redete Tromsdorff. Julia bestätigte mehrmals. Einmal sah sie Faris dabei nachdenklich an. Und mit den Worten »Ich bin unterwegs« legte sie schließlich auf. Auf der Unterlippe kauend, starrte sie aus dem Fenster in die Dunkelheit hinaus.
Faris wartete, ob sie ihm sagen würde, was geschehen war, aber sie schwieg. Lange.
»Julia?« Er bohrte beide Ellenbogen in die Matratze. »Was ist los?« Seine Narben ziepten leicht.
»Ich wusste, es ist keine gute Idee«, sagte sie.
»Was?«
»Mit dir ins Bett zu gehen.«
Ihre Worte trafen ihn an einer Stelle tief in der Brust. »Wieso?«
Julia beugte sich über ihn und gab ihm einen langen Kuss auf den Mund. Sie schmeckte noch nach dem indischen Curry, das sie gestern Abend gegessen hatten. Ihre Haut roch nach Schweiß und seinem eigenen Aftershave. »Wie sagt man so schön? Never fuck the company!«
Er verstand nicht. Ratlos schaute er an sich hinab. Eine der Kugeln, die ihn bei seinem letzten Einsatz getroffen hatten, schien immer noch in seinem Schulterblatt zu stecken. Ein kalter Knoten, der Schmerzen in seinen Arm ausstrahlte wie ein Stück Trockeneis.
Mit einer schnellen, zornig aussehenden Bewegung schwang Julia die Beine aus dem Bett, ließ die Decke fallen und warf das Handy auf den Nachtschrank. Das helle Narbengewebe dicht über ihrer Hüfte hob sich deutlich sichtbar gegen ihre leicht gebräunte Haut ab. Faris wusste nicht, ob Julias Bräune von regelmäßigen Solariumbesuchen herrührte oder von einem noch nicht lange zurückliegenden Urlaub. Was er jedoch wusste, war, dass auch sie schon einmal im Dienst angeschossen worden war.
»Julia!«, mahnte er. »Was ist los?«
Sie begann, ihre Sachen zusammenzuraffen. »Zieh dich an!«, blaffte sie. »Ich weiß zwar nicht, warum, aber offenbar bekommst du endlich den Einsatz, auf den du dich schon so lange vorbereitest.«
Die U-Bahn ruckelte über eine Weiche, und das Licht flackerte dabei. Aus. An. Aus.
Amira umklammerte die Griffe der Tasche, die sie auf dem Schoß stehen hatte, und atmete tief durch. Genau wie sie es gelernt hatte, zu Hause, wo die Bomben am Ende fast täglich vom Himmel fielen und der Wind den Trümmerstaub über das Land wehte wie das Leid der Menschen. Gelbe Erde. Das war es, was Amira einfiel, wenn sie an...
| Erscheint lt. Verlag | 19.12.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Faris-Reihe | Faris-Reihe |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Schlagworte | Anschlag • Berlin • Bombe • eBooks • Ermittler • Extremisten • Gefängnis • Islam • Politthriller • Rechtsradikalismus • Religion • Serien • Terror • Thriller • undercover |
| ISBN-10 | 3-641-17583-6 / 3641175836 |
| ISBN-13 | 978-3-641-17583-2 / 9783641175832 |
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