Die Baugrube (eBook)
240 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-74773-5 (ISBN)
»Die Unterdrückung der Baugrube hat die russische Prosa um fünfzig Jahre zurückgeworfen«, urteilte einst Joseph Brodsky. Wie kein zweiter Autor lässt Andrej Platonow die Atmosphäre einer Epoche spüren, die voll war von Utopien und Prophezeiungen einer künftigen Welt.
Am Rande einer Stadt heben Arbeiter eine Grube aus, um ein 'gemeinproletarisches Haus' zu bauen. Vom Kriegsinvaliden über den Handlanger bis zum Ingenieur bildet sich unter den freiwilligen Sklaven eine Hierarchie, die den sozialen Verhältnissen in Stalins Sowjetunion entspricht. Sie setzen alle ihre Kräfte ein, die glückliche Zukunft der Menschheit durch ihrer Hände Arbeit herbeizuführen - und werden doch von der Wucht dieser Aufgabe erdrückt.
<p>Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 20er Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke, <em>Tschewengur</em> (1926) und <em>Die Baugrube</em> (1930), konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 80er Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.</p>
Am dreißigsten Jahrestag seines persönlichen Lebens gab man Woschtschew die Abrechnung von der kleinen Maschinenfabrik, wo er die Mittel für seine Existenz beschaffte. Im Entlassungsdokument schrieb man ihm, er werde von der Produktion entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit.
"Woschtschew nahm in der Wohnung die Sachen in einen Sack und ging nach draußen, um an der Luft besser seine Zukunft zu verstehen. Aber die Luft war leer, die bewegungslosen Bäume hielten behutsam die Hitze in den Blättern, und öde lag der Staub auf der menschenlosen Straße – in der Natur war Ruhelage. Woschtschew wusste nicht, wohin es ihn zieht, und am Ende der Stadt stützte er sich auf die niedrige Einfriedung eines Gutshauses, in dem man alleinstehenden Kindern Arbeit und Nutzen beibrachte. Danach brach die Stadt ab – dort gab es nur eine Bierhalle für die Abgänger und geringbezahlten Kategorien, die stand, wie eine Einrichtung, ganz ohne Hof, aber hinter der Bierhalle ragte ein Lehmhügel auf, und ein alter Baum wuchs darauf, allein unter dem heiteren Wetter. Woschtschew trottete bis zur Bierhalle und ging dort hinein, auf die innigen menschlichen Stimmen hin. Hier waren unbeherrschte Leute, die sich dem Vergessen ihres Unglücks hingaben, und unter ihnen wurde es Woschtschew dumpfer und leichter. Bis zum Abend war er in der Bierhalle anwesend, als der Wind eines wechselnden Wetters zu brausen begann; da ging Woschtschew ans offene Fenster, um den Beginn der Nacht zu bemerken, und sah den Baum auf dem Lehmhügel – er schwankte von den Unbilden, und mit heimlicher Scham wendeten sich seine Blätter. Irgendwo, wahrscheinlich im Garten der Sowjethandelsangestellten, verzehrte sich ein Blasorchester; die eintönige, unerfüllte Musik wurde vom Wind in die Natur getragen durch das Heideland um die Schlucht. Woschtschew lauschte der Musik mit dem Genuss der Hoffnung, weil ihm selten eine Freude zukam, aber nichts der Musik Gleichbedeutendes konnte er ausrichten und brachte seine Abendzeit bewegungslos hin. Nach dem Wind trat wieder Stille ein, und sie wurde zugedeckt von noch stillerer Dunkelheit. Woschtschew setzte sich ans Fenster, um die sanfte Finsternis der Nacht zu beobachten, auf die verschiedenen traurigen Töne zu lauschen und sich im Herzen zu quälen, das umgeben war von festen steinigen Knochen.
»He, Speisebedienter!«, tönte es im schon stummen Lokal. »Gib uns doch zwei Krug – in den Schlund zu kippen!«
Woschtschew hatte längst festgestellt, dass die Menschen immer paarweise in die Bierhalle kamen, als Bräutigam und Braut, und manchmal in ganzen einträchtigen Hochzeiten.
Diesmal servierte der Speiseangestellte kein Bier, und die beiden eingetroffenen Dachdecker wischten sich die dürstenden Münder mit den Schürzen.
»Der arbeitende Mensch sollte dir, Bürokrat, mit dem kleinen Finger befehlen, und du bist stolz!«
Aber der Speisebediente schonte seine Kräfte vor dienstlichem Verschleiß für sein persönliches Leben und ließ sich nicht in Händel ein.
»Die Einrichtung, Bürger, ist geschlossen. Beschäftigt euch in eurer Wohnung.«
Die Dachdecker nahmen von einem Tellerchen jeder einen Salzkringel in den Mund und gingen hinaus und davon. Woschtschew blieb allein in der Bierhalle.
»Bürger! Sie haben nur einen Krug verlangt und sitzen hier unbefristet. Sie haben für das Getränk bezahlt, nicht für das Lokal!«
Woschtschew griff seinen Sack und zog aus in die Nacht. Der fragende Himmel leuchtete über Woschtschew mit der quälenden Kraft der Sterne, aber in der Stadt waren die Lichter schon gelöscht, und wer die Möglichkeit hatte, der schlief, sattgegessen vom Abendbrot. Woschtschew stieg über Erdbrocken hinab in die Schlucht und legte sich dort auf den Bauch, um einzuschlafen und von sich abzustehen. Aber für den Schlaf brauchte es die Ruhe des Verstandes, seine Zutraulichkeit zum Leben und das Verzeihen durchlebten Kummers, und Woschtschew lag in trockener Anspannung des Bewusstseins und wusste nicht – ist er nützlich auf der Welt oder kommt alles glücklich ohne ihn aus? Von unbekanntem Ort blies ein Wind, damit die Menschen nicht ersticken, und mit der schwachen Stimme des Zweifels bekundete seinen Dienst ein Vorstadthund.
»Dem Hund ist öde; er lebt allein dank seiner Geburt, so wie ich.«
Woschtschews Körper war bleich geworden vor Müdigkeit, er spürte die Kälte auf den Lidern und schloss mit ihnen die warmen Augen.
Der Bierwirt erfrischte schon sein Lokal, schon wogten ringsum von der Sonne Winde und Gräser, als Woschtschew mit Bedauern die mit feuchter Kraft gefüllten Augen öffnete. Wieder stand ihm bevor, zu leben und sich zu ernähren, darum ging er ins Betriebsgewerkschaftskomitee – seine unnütze Arbeit verteidigen.
»Die Verwaltung sagt, du hast gestanden und nachgedacht unter der Produktion«, hieß es im Gewerkschaftskomitee. »Worüber hast du nachgedacht, Genosse Woschtschew?«
»Über einen Plan des Lebens.«
»Das Werk arbeitet nach dem fertigen Plan des Trusts. Und den Plan des persönlichen Lebens könntest du im Klub oder in der Roten Ecke durchnehmen.«
»Ich dachte an einen Plan des gemeinschaftlichen Lebens. Vor dem eigenen Leben ist mir nicht bang, es ist mir kein Rätsel.«
»So, und was könntest du denn tun?«
»Ich könnte mir etwas ausdenken wie das Glück, und vom seelischen Sinn würde sich die Produktivität verbessern.«
»Das Glück kommt vom Materialismus, Genosse Woschtschew, und nicht vom Sinn. Wir können dich nicht halten, du bist ein Mensch ohne Bewusstsein, und wir möchten uns nicht am Schwanz der Massen finden.«
Woschtschew wollte um eine ganz schwache Arbeit bitten, dass es ihm für den Unterhalt reicht, – und nachdenken würde er außer der Arbeitszeit; doch für eine Bitte braucht man Achtung vor den Menschen, und Woschtschew sah von ihnen kein Gefühl für sich.
»Ihr habt Angst, am Schwanz zu sein – das Endstück –, und sitzt einem im Nacken!«
»Der Staat hat dir, Woschtschew, eine Stunde mehr für deine Nachdenklichkeit gegeben – acht hast du gearbeitet, und jetzt sieben –, da solltest du leben, dich nicht regen! Wenn wir alle zugleich ins Nachdenken kommen, wer wird dann handeln?«
»Ohne Denken handeln die Menschen sinnlos!«, sagte Woschtschew versonnen.
Er verließ das Gewerkschaftskomitee ohne Hilfe. Sein Fußweg lag inmitten des Sommers, beiderseits baute man Häuser und technische Einrichtung – in den Häusern werden stumm die vormals unbehausten Massen existieren. Woschtschews Körper war gleichgültig gegen Bequemlichkeit, er konnte, ohne sich zu entkräften, an einem offenen Ort leben und hatte sich verzehrt in seinem Unglück während der Sattheit und an Tagen der Ruhe in der vergangenen Wohnung. Noch einmal musste er an der Vorstadtbierhalle vorüberlaufen, noch einmal warf er einen Blick auf den Ort seines Nachtlagers – etwas Gemeinsames mit seinem Leben war dort geblieben, und Woschtschew fand sich im Raum, wo er vor sich nur den Horizont hatte und das Empfinden des Windes ins gesenkte Gesicht.
Aber bald verspürte er Zweifel an seinem Leben und die Schwäche eines Körpers ohne Wahrheit – er konnte nicht lange auf der Straße ausschreiten und setzte sich auf den Grabenrand, ohne die genaue Einrichtung der gesamten Welt zu kennen und zu wissen, wohin sich richten. Verzehrt vom mageren Sinnieren, beugte sich Woschtschew nieder und legte sich in die staubigen Fahrweggräser; es war heiß, der Tagwind blies, und irgendwo krähten Hähne auf dem Dorf, – alles gab sich der gefügigen Existenz hin, und nur Woschtschew war abgesondert und schwieg. Ein totes Fallblatt lag neben Woschtschews Kopf, der Wind hatte es von einem fernen Baum gebracht, und jetzt stand diesem Blatt die Ergebung in der Erde bevor. Woschtschew hob das verdorrte Blatt auf und steckte es ins Geheimfach des Sacks, wo er alle möglichen Unglücks- und Vergessenheitsdinge verwahrte. »Du hattest keinen Lebenssinn«, vermutete Woschtschew mit Kargheit des Mitgefühls, »bleib hier liegen, ich werde herausfinden, für was du gelebt hast und umkamst. Wenn dich schon keiner braucht und du herumliegst in der ganzen Welt, werde ich dich hüten und im Gedächtnis behalten.«
»Alles lebt und duldet auf der Erde, ohne ein Bewusstsein«, sagte Woschtschew neben der Straße und stand auf, um zu gehen, von allgemeiner geduldiger Existenz umgeben. »Als hätten irgendein Einzelner oder ein paar wenige uns unser überzeugtes Gefühl entzogen und für sich genommen!«
Er lief die Straße entlang bis zur Entkräftung; von Kräften aber kam Woschtschew schnell, sobald seine Seele sich erinnerte, dass sie die Wahrheit nicht mehr kennt.
Aber schon war die Stadt zu sehen in der Ferne, rauchten ihre Kooperativbäckereien, und die Abendsonne erleuchtete den Staub über den Häusern von der Bewegung der Bevölkerung. Diese Stadt begann mit einer Schmiede, und dort war man während Woschtschews Durchgang beim Reparieren eines Automobils von der weglosen Fahrt.
Ein fetter Krüppel stand neben dem Pferdepfosten und wandte sich an den Schmied:
»Mischa, füll mir Kraut ab: ich reiße dir nachts das Schloss wieder runter!«
Der Schmied gab keine Antwort unter dem Automobil hervor. Da stieß ihn der Versehrte mit der Krücke in den Hintern:...
| Erscheint lt. Verlag | 14.12.2016 |
|---|---|
| Co-Autor | Sibylle Lewitscharoff |
| Mitarbeit |
Kommentare: Gabriele Leupold |
| Nachwort | Gabriele Leupold |
| Übersetzer | Gabriele Leupold |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Kotlovan |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Brüder-Grimm-Professur 2013 • Georg-Büchner-Preis 2013 • Hauptwerk der russischen Literatur • Jane Scatchered-Preis 2018 • Kommentierte Ausgabe • Mit Kommentar • Neuübersetzung • Osteuropa • Russland • ST 4978 • ST4978 • suhrkamp taschenbuch 4978 • UdSSR Sowjetunion • Weltliteratur |
| ISBN-10 | 3-518-74773-8 / 3518747738 |
| ISBN-13 | 978-3-518-74773-5 / 9783518747735 |
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