Stay where you are
Ein ohrenbetäubender Lärm riss ihn jedoch nach wenigen Stunden aus dem Schlaf. Zuerst wusste er gar nicht, wo er die Nacht über geschlafen hatte. Es war keineswegs selten, dass er in einem fremden Bett erwachte. Der Wecker war jedoch gnadenlos. Er rappelte solange, bis ihn Jordan abstellte.
Mit schlaftrunkenen Augen stellte er fest, dass es gerade einmal 6 Uhr morgens war. Eigentlich eine Zeit, an der er niemals freiwillig aufgestanden wäre, und wäre er Zuhause aufgewacht, hätte er sich einfach auf die andere Seite gelegt, um noch ein paar Stunden zu schlafen.
Doch dann erinnerte er sich plötzlich an alles. An den Deal, den er eingegangen war. An das viele Geld, dass er hier mit leichten Tätigkeiten verdienen konnte. Schlagartig war er hellwach. Er rief sich die wenigen Anweisungen in Erinnerung, die ihm Marlon noch aufgetragen hatte, bevor sie sich eine ››Erholsame Nacht‹‹ gewünscht hatten:
››Frühstück um Punkt Sieben! Keine Minute später! Ich muss meinen Zeitplan einhalten. Du wirst alles in der Küche vorfinden, was es braucht, um ein deftiges Frühstück vorzubereiten.‹‹
Die Anweisungen waren klar und verständlich gewesen. Er sollte sich fortan um das Leibeswohl eines Mannes kümmern, der in einem Projekt vertieft war. Jordan erspähte einen handgeschriebenen Zettel neben dem Wecker:
Heute hätte ich gern Rührei mit reichlich Speck! Sobald du mit deinen Vorbereitungen fertig bist, läute bitte mit der Glocke, die im Wohnzimmer hängt.
Jordan entdeckte die goldfarbene Glocke.
Doch er hatte nicht die Zeit, um sich im Haus näher umzusehen. Schon in weniger als 43 Minuten würde ein hungriger Mann auf der Matte stehen und nach seinem Frühstück verlangen.
Jordan hatte seiner Mutter zwar schon oft dabei zugesehen, wie sie für ihn Rührei machte, doch er glaubte, dass das nicht allzu schwer sein konnte, ein paar Eier in die Pfanne zu hauen. Er stand vor dem riesigen Kühlschrank und suchte nach den Eiern; doch alles, was er fand, war eine kleine Notiz:
Frische Eier und Milch werden jeden Morgen geliefert. Sie stehen vor der Hintertür. P.S.: Verlasse auf keinen Fall das Haus!
STAY WHERE YOU ARE!
Jordan fragte sich, warum es Mr Baker so wichtig war, dass er das Haus in der Zeit, wo er hier wäre, nicht verlassen sollte – er durfte ja noch nicht einmal einen Fuß über die Schwelle setzen. Ob ich wohl unter Beobachtung stehe? Anzunehmen war es! Somit wollte er nicht riskieren, schon heute gefeuert zu werden.
Er öffnete die Hintertür, die von der Küche aus auch den Weg hinaus in einen urwüchsigen Wald markierte. Dort standen bereits die Eier zu einem Dutzend sowie zwei Flaschen eiskalter Milch; ein Zeichen, dass der Milchmann erst vor Kurzem hier gewesen sein musste.
Jordans Füße hafteten regelrecht auf dem kleinen Vorleger in der Küche, als er sich bückte, um die Sachen aufzunehmen. Er wollte nicht einmal riskieren, auch nur mit einem Zeh über die Schwelle zu treten. Inständig hoffte er darauf, dass der Milchmann nie auf die Idee käme, die Sachen etwas weiter entfernt abzustellen, weil er vielleicht in Eile war.
Auch fragte sich Jordan, ob Mr Baker zum Frühstück gern eine Zeitung las, die er vielleicht erst aus einem Gebüsch hervorklauben müsse, da der Zeitungsjunge sich einen Spaß daraus machte, nicht die Tür, sondern den großen Rhododendronbusch, anzuvisieren.
Doch Jordan lag mit seiner Vermutung, Mr Baker hätte Besseres zu tun, als ausgerechnet das Käseblättchen der Stadt zu lesen, goldrichtig. Denn als er einen Blick vor die Haustür warf, sah er weder eine Tageszeitung in einem der Sträucher noch irgendwo sonst liegen. Erleichtert schloss er die Tür und lief in die Küche zurück.
Ein Blick auf seine Armbanduhr sagte ihm, dass ihm noch genau 34 Minuten blieben, um Rührei mit Speck vorzubereiten. Aus einem der Oberschränke holte er eine Schüssel.
Insgesamt 8 Eier schlug er auf und gab noch etwas Salz und Pfeffer hinzu. Fast hätte er jedoch die wichtigste Zutat vergessen.
Er öffnete den Kühlschrank und suchte nach einer Packung mit Speck. Nicht nur eine Packung fand er, sondern gleich mehrere Schüsseln, die jedoch unterschiedlich beschriftet waren:
Magerer Speck (aus der Hüfte geschnitten)
Bauchspeck (hätte magerer sein können)
Jordan dachte, das sich der magere Speck wohl am ehesten dazu eignete, ihn unter die Rühreier zu heben. Mr Baker hatte diesbezüglich keinen expliziten Wunsch geäußert. Außerdem glaubte Jordan, hier in der Küche so etwas wie ››freie Hand‹‹ zu haben.
Allerdings entdeckte er auch ein Kochbuch, das aufgeschlagen auf einer der Arbeitsflächen lag – es zeigte das Rezept, um Sauerbraten einzulegen. Jordan schenkte dem Kochbuch aber keine allzu große Aufmerksamkeit.
Wie gesagt, ein paar Rühreier in die Pfanne zu hauen, würde selbst ihm gelingen. Nachdem er etwas Butter in eine Pfanne gegeben hatte, gab er die aufgeschlagenen Eier und den mageren Speck hinzu.
Im oberen Stockwerk waren bereits erste Laute zu hören. Mr Baker würde sicherlich jeden Augenblick nach unten kommen und nach seinem Frühstück verlangen. Doch davon wollte sich Jordan unbeeindruckt zeigen. Er fühlte sich schon jetzt wesentlich sicherer als noch gestern Abend. Die anfängliche Aufregung hatte sich inzwischen in Wohlgefallen aufgelöst.
Keiner seiner Freunde würde ihm dies glauben. So viel Geld für derart leichte Tätigkeiten zu bekommen, war ein einziger Traum, aus dem er nicht vorzeitig erwachen wollte.
Allerdings gab es da eine Frage, die er beantwortet wissen wollte. Und so stellte er sie, als er die Glocke geläutet und Marlon Baker in seinem Morgenmantel nach unten gekommen war – noch bevor Mr Baker den ersten Happen essen konnte.
››Wie ist das eigentlich, wenn ich vorzeitig gehen will?‹‹, begann sich Jordan, langsam vorzutasten, ››werde ich dann dennoch einen Teil der Summe bekommen? Werde ich meinen Lohn auch dann bekommen, wenn ich, sagen wir mal, nächste Woche gehen will?‹‹
Marlon legte die Gabel beiseite und klatschte jäh in die Hände. Dann erst sagte er: ››Aber natürlich … nicht!‹‹
Jordan schluckte. Mit einer ähnlichen Antwort hatte er bereits gerechnet.
››Unser kleiner Deal sieht es vor, dass du bis zum Letzten des Monats bei mir bleibst, um dich um alles zu kümmern, was an Arbeit anfällt. Du hast mir deine Hand darauf gegeben. Solltest du also vorher gehen wollen, werde ich dich keineswegs daran hindern, nur bezahlen werde ich dich dann nicht‹‹, sagte Marlon und schob den Teller von sich weg.
››Okay! Ich habe verstanden‹‹, erwiderte Jordan, ››ich werde hier bleiben, ganz gleich, was auch kommen mag, oder was auch immer du von mir verlangst!‹‹
››Ach, wirklich? Würdest du wirklich alles tun, worum ich dich bitte?‹‹ Marlon zeigte sich beeindruckt.
Allerdings glaubte Jordan, dass er mit diesen Worten Marlon erst auf Ideen brachte. Hätte er seine Worte doch nur weiser gewählt. Doch er wusste, dass er alles geradewegs hinausposaunte, wie es ihm in den Sinn kam. Und jetzt war es ohnehin zu spät, seine Aussage zu revidieren.
Oder nicht?
Jordan versuchte es dennoch. ››Ich meine natürlich damit alle Arbeiten, die anfallen werden. Ich bin mir für Nichts zu schade. Ganz gleich, was auch gemacht werden muss, ich erledige es.‹‹
››Ich denke, ich habe mir doch den richtigen ausgesucht‹‹, sagte Marlon, doch legte er seine Stirn in Falten, als er nochmals auf den nicht geleerten Teller blickte.
››Allerdings musst du dich schon ein wenig mehr anstrengen. Deine Rühreier haben scheußlich geschmeckt. Eine Schande, dass du so viel Speck dafür verwendet hast, den ich jetzt entsorgen muss.‹‹
››Apropos!‹‹, sagte Jordan, da ihm gerade ein Gedanke kam. ››Wie kann ich den Müll entsorgen, ohne das Haus zu verlassen? Ich habe die beiden schwarzen Tonnen hinter dem Haus gesehen. Doch um den Müll hinauszubringen, müsste ich über die Schwelle treten.‹‹
››Nichts einfacher als das‹‹, entgegnete Marlon, ››du stellst den Müllsack einfach schon am Abend vor die Hintertür. Der Milchmann wird den Sack dann für uns in den Mülleimer werfen.‹‹
››Okay!‹‹
››Wichtig ist, dass du den Müll nie vergisst!‹‹
››Okay!‹‹
››Ich erwarte nichts Unmögliches von dir. Nur die Einhaltung von ein paar einfachen Anweisungen und Regeln. Womit wir auch gleich beim Thema wären, den Regeln in diesem Haus; dem Modus Vivendi, wenn du so willst! Ich habe mir erlaubt, dir eine kleine Liste mit deinen Aufgaben zu erstellen‹‹, sagte Marlon und griff in die Tasche des Morgenmantels. ››Sie hören sich vielleicht einfach an, doch der letzte Junge, der behauptete, diese Anweisungen und Regeln erfüllen zu wollen, ist an ihnen kläglich gescheitert.‹‹
Jordan ging sofort eine Liste möglicher Kandidaten durch, die sich dieser...
| Erscheint lt. Verlag | 6.12.2013 |
|---|---|
| Verlagsort | Vachendorf |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| ISBN-10 | 3-95577-643-3 / 3955776433 |
| ISBN-13 | 978-3-95577-643-5 / 9783955776435 |
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