Kannibalen unter uns (eBook)
548 Seiten
mysteria Verlag
978-3-95577-931-3 (ISBN)
Alles beginnt mit einem Traum
Es war ein eisiger Tag. Ein Tag, an dem du dir wünschst, nicht nach draußen gehen zu müssen. Aber hatte der Junge eine Wahl? Das Los war auf ihn gefallen. Zahlreiche weitere Kandidaten hatten sich zwar aufstellen lassen, da es eine große Chance war, wenn einem das Los auserwählt. Doch jetzt, als auch der Junge begriff, welche Tragweite seine Entscheidung bedeutete, gab es kein Zurück mehr.
In wenigen Augenblicken sollte alles vorüber sein, und der Junge hoffte, dass auch das Rennen in wenigen Augenblicken vorüber wäre. Alle fieberten diesem Ereignis entgegen. Hinter dem schweren Eichentor konnte der Junge den aufgebrachten Mopp hören, der nur darauf wartete, dass er den ersten Schritt hinaus trat.
Sie lauerten auf ihn, als wäre er ein Stück Vieh, das es galt, einzufangen. Ihre Fäuste pochten gegen das Holz und jeder Schlag versetzte den Jungen in noch größere Aufregung, aber auch in Erregung. Nicht zuletzt hatte er sich aus freien Stücken dafür entschieden. Niemand schrieb ihm vor, das alles auf sich zu nehmen. Doch heute war sein großer Tag!
Die Türen zur dunklen Kammer öffneten sich. Das Licht durchflutete den Raum. Seine Augen schmerzten, da sie ihn solange in der Dunkelheit hatten warten lassen. Die eisige Kälte von draußen drang herein und spannte seine Haut. Noch immer saß er auf dem kleinen Schemel, auf dem sie ihn platziert hatten. Hier sollte er warten, bis die Zeremonie begann. Das Sonnenlicht blendete ihn, aber dennoch konnte er sie sehen, die vielen Hände, die sich nach ihm verzehrten.
Am liebsten hätte jedes dieser Händepaare den Jungen für sich allein beansprucht. Denn wenn der Junge erst einmal auf seinem Weg durch die Straßen war, schien es unerreichbar, beide Hände auf seine nackte Haut zu legen. Viele versuchten es daher erst gar nicht.
Wozu die Mühe? Wozu die Anstrengung?
Das Ritual sah vor, dass es ausreichte, den Jungen lediglich flüchtig zu berühren, was in den meisten Fällen einem Streifen gleich kam.
Der Junge richtete sich auf, holte nochmals tief Luft und schloss die Augen. Insbesondere seine Augen hätte er am liebsten verschlossen gehalten und sie nie wieder aufgetan. Doch er wollte wenigstens sehen, wer ihm da all seine Sünden auflud, wenn er jetzt durch die Straßen gepeitscht wurde.
Das Ritual war schon seit vielen hundert Jahren immer gleich verlaufen: Der Junge hatte durch die Straßen zu ziehen, während jeder Mann dieser Stadt seine Hände auf ihn legen konnte — in der stillen und oft verzweifelten Hoffnung — dass er somit alle Schuld und jegliches Fehlverhalten mit hinaus nahm auf das große Feld, das auch das Ende seines Weges markierte. Man erzählte sich zwar, dass diejenigen, die es vollbracht hatten, das barbarische Ritual zu überstehen, anderenorts weiterleben durften, doch genauso gut gab es zahlreiche Gerüchte, die das glatte Gegenteil behaupteten. So erzählten sich einige hinter vorgehaltener Hand, dass die auserkorenen Jungs danach geopfert wurden. Schließlich könne man sie danach unmöglich wieder in die Gemeinschaft aufnehmen. Erst einmal den Weg als Opferlamm eingeschlagen, bedeutete dies, letztendlich auch von dieser Gesellschaft geopfert zu werden, was nicht zuletzt bedeutete, von den aufgebrachten Männern, deren Sünden und Schuld man auf sich geladen und aus der Stadt hinausgetragen hatte, getötet zu werden. Dem Jungen waren aber auch noch völlig andere Geschichten zu Ohren gekommen, die man sich bestenfalls am Stammtisch erzählte.
Und an diese sonderbaren Geschichten musste er jetzt denken, als er wieder seine Augen öffnete und dem aufgebrachten Mopp in die Augen sah. Es war ihm zwar unter Androhung harter Strafen verboten worden, den Männern direkt ins Gesicht zu starren, aber er wollte wissen, wem er sein unausweichliches Schicksal zu verdanken hatte — am Ende dieses langen Tages wohl doch noch in einem der großen Kochtöpfe zu landen. Denn das war es doch, was man ihm berichtet hatte:
Das man ihm nach dem Ritual das Fell hinter die Ohren zöge, ihn ausweiden und dann sein Fleisch unter den Männern aufteilen würde. Und unter den Männern gab es bereits Absprachen, wer welches Stück von ihm bekäme. Dem Meistbietenden, der zumeist auch der Sündigste unter ihnen war, hatte ein Vorrecht auf sein Herz erworben, das mit so viel Liebe erfüllt zu sein schien, das man glaubte, sich diese einverleiben zu können.
Dies war eines der zahlreichen Mythen und Legenden, die dem Volk vorzugaukeln versuchten, sie täten hier keinerlei Unrecht, den Jungen regelrecht zur Schlachtbank zu führen. Doch das Leben an sich war kein allzu kostbares Gut in dieser sonderbaren Stadt, insbesondere dann nicht, wenn man nicht dem entsprach, wie einem das Völkchen hier gern haben oder sehen wollte. Der Junge war aber nur einer von einem Dutzend Jungen gewesen, die für dieses Los vorgesehen waren. Die Selektion hatte immer striktere Auswahlkriterien vorgesehen. Jetzt genügte es schon, anders zu sein, und man war zu einem Kandidaten dieser menschenverachtenden Rituale geworden, die doch nur abgehalten wurden, weil es die uralten Statuten der Stadt so vorsahen. Und niemand stellte sie je infrage.
Warum auch?
Trotz besseren Wissens, das man mit den Ritualen weder neue Sünden noch Verfehlungen aufhalten konnte, wurde an ihnen festgehalten. Und insgeheim erzählte man sich, dass es genau diese Rituale waren, warum so häufig und frevelhaft gesündigt wurde. Konnten die Männer doch all ihre Sünden auf das Opferlamm packen und danach ihre Hände wieder in Unschuld waschen. Dabei war ihr Schuldenkonto aber erst durch die Rituale größer und schlimmer geworden. Denn an all ihren Händen klebte das Blut dieser unschuldigen Kinder, die sich ihren Weg durch diese Menschenmassen bahnen mussten.
Der Junge konnte kaum noch sagen, was die schlimmste Tortur von allen war: Dass er hier völlig nackt und wehrlos durch die Straßen getrieben wurde wie ein Stück Vieh, das man zu seinem Schlachter peitschte, oder der Schmerz, der fast unerträglich wurde, als er auf das kalte Kopfsteinpflaster der Straßen losgelassen wurde, das ihm die Füße aufriss und sie blutig werden ließ. Eine unangenehme Taubheit zog sich durch seinen gesamten Körper, die ihn regelrecht lähmte und ihn träge werden ließ. Er spürte nicht mehr, wie er in die Scherben von zerbrochenen Flaschen und Gläsern trat, auch fühlte er nicht mehr, wie ihm die Männer mit Zweigen und Stöcken schlugen.
Doch eines wusste er genau: Wenn er jetzt stürzte, wäre es um ihn geschehen! Er hätte nie wieder aufstehen können und wäre an Ort und Stelle zerfleischt worden. Er sah es den Männern an, welche große Schuld sie auf sich geladen hatten, wann immer er von einer dieser abertausenden Hände berührt wurde; und weil es zumeist gleich ein Dutzend Hände waren, die ihn berührten, schossen ihm die Bilder durch den Kopf wie Revolverkugeln. Es gab keine Sekunde mehr, in der er nicht Frevel, Leid und Schrecken sah.
Die Verlogenheit der Männer entlud sich auf ihn, sowie ihre Doppelmoral und Vorstellungen von einem Leben nach der großen Schuld. Der Verstand des Jungen trübte mit jedem Bild, das wie ein Feuerwerk in ihm hochgeschossen wurde. Seine eigenen Gedanken hatten sich in die hintersten Regionen seines Wesens verzogen. Jetzt funktionierte er nur noch, war zu einer Art deux ex machina geworden, mit vorgegebenem Ziel und Bestimmung. Wie ein von allen guten Geistern verlassenes Wesen taumelte er durch die Straßen, und wahrscheinlich war es genau diese Verlassenheit, die sich die Männer zunutze machten — er war nicht länger mehr ein Mensch! Er war nur noch ein Lamm, das zum Opfern freigegeben worden war.
Je weiter sie ihn aus der Stadt hinaustrieben, umso aufgebrachter wurde der Mopp, weil es nur noch wenige Augenblicke gab, seine Schuld loszuwerden. Niemand in der Stadt wollte nach diesem Ritual nach Hause zurückkehren müssen, ohne seine Schuld entladen zu haben. Durch die gesamte Stadt hatten sie ihn getrieben, durch Straßen und Gassen, mitten durch die brüllenden Zuschauer und Zeugen dieses Spektakels hindurch.
Alle glaubten sich im Recht, dies mit dem Jungen tun zu dürfen. Dann, nach einer ewig andauernden Prozession, stürzte der Junge auf ein feuchtes Rasenstück außerhalb der Stadt — von allen mindestens einmal berührt und mit den Sünden beladen, die er aus der Stadt hinaustragen sollte. Zahlreiche Versprechungen hatten sie ihm gegeben, das danach alles besser für ihn werden würde. Sein Leben wollten sie ihm schenken …
Und just in dem Augenblick, als der Junge wieder aufstehen wollte, um sich zu entfernen, da der Mopp ihm den Rücken zugewandt hatte, geschah das Unbegreifliche: Einer der Männer riss einen Stein aus dem Kopfsteinpflaster und warf ihn nach dem Jungen. Der Stein traf den Jungen am Bein, was verursachte, das der Junge erneut zu Boden fiel.
Sie hatten also nie vorgehabt, ihm das Leben zu schenken, geschweige denn sich an die anderen verlockenden Versprechungen zu halten, mit denen sie ihn geködert hatten. Zuerst glaubte der Junge, der Mann, der den Stein geworfen hatte, wäre nur nicht dazu gekommen, ihn zu berühren, ihn mit seiner Schuld zu beladen … Doch als auch noch weitere Männer anfingen, Steine aus dem Kopfsteinpflaster zu reißen, da wusste der Junge, das sein Schicksal besiegelt war. Gerade als ein großer Stein genau auf sein Kopf...
| Erscheint lt. Verlag | 10.6.2014 |
|---|---|
| Verlagsort | Vachendorf |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| ISBN-10 | 3-95577-931-9 / 3955779319 |
| ISBN-13 | 978-3-95577-931-3 / 9783955779313 |
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