Abfall
Mit Mühe bewegt er erst das eine, dann das andere Augenlid, schlägt langsam seine Augen auf, die irgendwie verklebt sind.
Mann, was ist denn mit mir los?, denkt sich Michael dabei, als er versucht, seinen Arm zu heben, um sich den Glibber aus den Augen zu wischen, der dort hängt, als hätte er entweder drei Wochen am Stück geschlafen, was sehr unwahrscheinlich war, oder dass ihm sein Hund Furby alternativ vollgeschlabbert hat.
Das passiert öfter mal, wenn er schläft und Furby dann seine Liebe kundtun muss. Dann schleckt er sein Herrchen von oben bis unten ab und versieht ihn mit einer millimeterdicken Speichelschicht. Und das macht er mit einer solchen Akribie und Hingabe, da wäre jeder Knochen neidisch.
››Hm, aber Furby ist nicht hier, so viel weiß ich noch. Wo bin ich?‹‹ Michael versuchte, sich weiterhin irgendwie zu bewegen. Zuerst seine Arme, die überhaupt nicht reagierten. Alles fühlt sich an … Ja, wie fühlt es sich an? So, als wenn man in einer komischen Haltung eingeschlafen ist, den Arm unter seinem Bauch geklemmt und verdreht, und nun ist der Arm, die Hand, alles eingeschlafen bis zur Schulter.
Man spürt rein gar nichts von dieser Extremität und kann sie hin und her schütteln wie ein Anhängsel. Genau so fühlt sich das nun an, nur schütteln kann er den Arm nicht. Keinen seiner Arme. Aber auch sonst fühlt er nichts, keine Beine, keine Füße. Normalerweise spürt Michael immer seine Zehen, die ihm oft irgendwie entgleiten und dann ganz kuriose Sachen machen. Dann stehen irgendwie zwei Zehen übereinander, die gar nicht übereinander gehören, oder die große Zehe krümmt sich wie der Ansatz eines Hügels und versucht sich darin, die anderen Zehen anzustiften, es ihr gleich zu tun. Also seine Zehen machen immer ganz verrückte Sachen und er fühlt diese auch immer und überall.
Manchmal kann man Michael beobachten, wenn er beispielsweise am Essenstisch sitzt, sich mit seinem Gegenüber unterhält und dann sieht, wie seine Gesichtszüge entgleisen. Wenn dann Marion, seine Freundin, ihn fragt: ››Was ist los? Spielen deine Zehen wieder E-Gitarre dort unten?‹‹ Dann fühlt er sich erwischt, tritt einmal fest auf und spürt dann sofort, wie sein Gesicht rot anläuft.
Wahrscheinlich würde er noch nicht einmal rot werden. In der Situation, in der er sich momentan befand.
Die Augen funktionierten aber schon einmal. Das war doch gar nicht so übel. Der Rest könnte auch ein übler Kater sein. Dabei war er gar nicht feiern.
Michael versucht, seine Gedanken zu sammeln und sich zu konzentrieren. Er schaut um sich, die Augen sind das einzige, das er bewegen kann. Und er hat auch immer noch diesen Glitsch in den Augen und sieht noch ein wenig verschwommen, aber durch immerwährendes Zwinkern wird die Sicht langsam besser. Was ist das rechts von ihm? Er sieht nur einen grauen Schleier und weit entfernt ein paar geometrische Muster, die er aber nicht deuten kann. In diesem Grau nimmt er leichte Schattierungen wahr. Aber weiter bringt es ihn auch nicht.
OK, denkt sich Michael, dann versuchen wir mal, was wir links so sehen. Michael bewegt sein Augenpaar nach links und versucht, den Kopf ein wenig zu bewegen, da dieser nicht gerade liegt, sondern leicht nach rechts zeigt. Das mit dem Bewegen des Kopfes war wohl nichts. Aber er sieht einen hellen Lichtschein.
Ah, das könnte der Himmel sein, denkt Michael. ››Stimmt, ich kann jetzt sogar ein paar hellblaue Stellen sehen. Das ist eindeutig der Himmel und einige weiße, dicke und flauschige Wolken, die vorüberziehen.‹‹ Michael ist begeistert.
Jetzt versucht er, erneut seine Augen und den Kopf noch ein wenig mehr zu drehen, damit er sieht, was links von ihm ist. Ganz leicht gelingt es ihm, seinen Kopf etwa zwei bis drei Zentimeter zu drehen. Ein riesen Erfolg wenn man bedenkt, dass er bisher nur seine Augen bewegen konnte.
››OK, du lebst noch und hast noch einen Körper‹‹, beruhigte sich Michael in diesem Moment, der ihn wieder glücklicher machte. Dachte er doch schon, dass er vielleicht gestorben wäre und nun erst lernen müsse, mit seiner ››Seele‹‹ zu sehen.
Gott sei dank kann ich meinen Kopf bewegen!, denkt er.
››Weiter geht's, wo sind wir?‹‹
Angestrengt bewegt er seinen Kopf und die Augen millimeterweise nach links. Erst sehr verschwommen wie alles andere, dann immer klarer sieht er rötlich-braune, eckige Muster vor sich, zwischen ihnen eine gräuliche Masse, teilweise in Grüntönen unterbrochen. Nach und nach erkennt Michael, was er da vor sich hat.
››Das ist eine Backsteinmauer!‹‹, jubelt er förmlich innerlich. ››Ich liege in einem Hinterhof. Boh, wie komme ich denn nur hier her? Wenn ich mich nur erinnern könnte.‹‹
Erschöpft gönnt er seinen Augen eine Pause, schlägt sie zu und dreht den Kopf wieder in eine angenehmere Position.
Michael kommt wieder zu sich.
››Wie lange war ich denn jetzt wieder weg?‹‹ Michael versucht, seine Gedanken in Worte zu fassen, aber es kommt nichts über seine Lippen als ein leises Ächzen. Ihm ist ganz schwummrig. Wie ein in die Ecke geklatschter Schwamm, denkt er sich.
Genau wie vorhin versucht Michael, sich nach und nach zu bewegen. Er testet die Beweglichkeit seiner Arme und Hände, seiner Beine und Füße – Oh Gott, wie froh wäre er jetzt, wenn er spüren könnte, dass sich seine Zehen wieder übereinanderstellen. Nichts. Doch etwas ist anders. Er spürt etwas auf seinem Körper. Ein leichtes Kribbeln auf seiner Haut macht sich breit.
Endlich!, denkt sich Michael und jubelt innerlich.
Er versucht, seinen Körper irgendwie zu bewegen – vergeblich. Mit seinen Augen sucht er wieder die Umgebung ab. Er war ja wirklich in einem regelrechten ››Loch‹‹ gelandet. In einem solchen Loch würde man vielleicht Abfall entsorgen, der nicht gefunden werden soll. Aber als Betrunkener – wie kommt man als Betrunkener in diese missliche Lage? Michael war immer noch davon überzeugt, auch wenn er sich an rein gar nichts erinnern konnte, dass er wohl sturz betrunken gewesen sein muss, wenn er in diese Situation gelangt ist.
Er fühlte, wie sich das Kribbeln ausbreitete. Von den Armen her über den Bauch. Es war ein angenehmes Gefühl, irgendwie kitzelte es. Und für Michael war es der Beweis, dass sein Zustand sich besserte.
Urplötzlich bildete sich ein Bild in seinem Kopf. Das Bild einer jungen, sehr hübschen Frau, die ihn in einer Bar ansprach. ››Aha, du warst also in einer Bar und hast doch gesoffen‹‹, pflichtete sich Michael innerlich bei. ››Kein Wunder, dass du so dermaßen versackt bist.‹‹
Das Bild der Frau wurde klarer. Ihre blonden Haare legten sich über ihre wunderbar geformten Schultern und schlängelten sich hin bis zu ihren Doppel-D-Körbchen, die in einem anscheinend viel zu engen Top steckten. Sie war sicherlich 1,70 Meter groß und hatte umwerfende grüne Augen, mit denen sie ihn anfunkelte. Dass er mit dieser tollen Frau mitgegangen ist, war sicher kein Wunder. Aber warum hatte er sich denn so mit Alkohol abgeschossen? Hatte er mit ihr nichts Besseres zu tun?
Das Kribbeln wurde immer heftiger. Zwischendurch spürte er ein Kneifen in den Armen und in der Brust. Fast automatisch versuchte er, an sich herunterzuschauen, um zu sehen, was denn da nun so kribbelte und kneifte. Er senkte die Augen, und hob ganz leicht den Kopf an. Dann erschrak Michael. Er war ja nackt! Nackt wie Gott ihn schuf, lag er da in der Gosse. Jetzt nahm er auch seine Umgebung noch etwas mehr wahr. Um ihn herum lag Abfall. Kartons, Säcke mit Müll und dazwischen er. Nackt! Das Kribbeln konnte er nun auch identifizieren. Da waren Hunderte Fliegen und Maden auf seinem Körper und tummelten sich dort beim Insektensamba.
Igitt, was ist denn hier los?, dachte er sich. Er konnte immer noch nicht sprechen. Nur leicht den Kopf bewegen.
››Aua! Was war denn das wieder?‹‹ Michael suchte nach der Stelle an seinem Körper, wo er eben einen heftigen Stich gespürt hatte. ››Du Dreckvieh, geh da weg!‹‹, stöhnte er leise und unverständlich. Kann es sein? Da grub sich doch so eine eklige, fette Made in seinen Bauch. Mit ihrem Hinterteil ragte sie noch aus seinem Körper heraus und wedelte mit diesem hin und her. Michael wollte sie herausziehen, doch jede Bewegung seiner Arme war unmöglich. Er konnte mittlerweile gerade mal die Fingerspitzen zusammendrücken.
Wenn das in dem Tempo so weitergeht, dann fressen mich diese Viecher auf, bevor ich mich wieder bewegen kann!, dachte sich Michael und verspürte eine leicht aufsteigende Panik. Doch dann beruhigte er sich wieder.
››Junge, Junge, denke daran, du kannst nach und nach immer mehr bewegen. Und das hier ist eine Made, die sich da an dir gütlich tut. Das ist noch kein Weltuntergang‹‹, beruhigte er sich durch seine Gedanken. Doch jedes Kribbeln, jedes Ziepen und Zwicken hatte nun eine andere Bedeutung und verursachte in ihm ein regelrechtes ››Kopfkino‹‹ in dem er die Szenarien, dass sich ganze Hundertschaften von Maden in ihn hineinfressen würden, widerspiegeln ließ.
Mit einem Blick an sich herunter, seinen Bauch entlang,...
| Erscheint lt. Verlag | 13.12.2013 |
|---|---|
| Verlagsort | Vachendorf |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| ISBN-10 | 3-95577-663-8 / 3955776638 |
| ISBN-13 | 978-3-95577-663-3 / 9783955776633 |
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