Katherine Webb, geboren 1977, wuchs im englischen Hampshire auf und studierte Geschichte an der Durham University. Später arbeitete sie mehrere Jahre als Wirtschafterin auf herrschaftlichen Anwesen. Auf ihr großes internationales Erfolgsdebüt »Das geheime Vermächtnis« folgten zahlreiche weitere SPIEGEL-Bestseller-Romane. Nach längeren Aufenthalten in London und Venedig lebt und schreibt sie heute in der Nähe von Bath, England.
MASKAT, NOVEMBER 1958
Bereit?« Rory hob die Hand und rückte Joans Hut zurecht, was gar nicht nötig gewesen wäre. »Du siehst sehr hübsch aus. Sehr adrett«, sagte er. Joan war so mit dem Bevorstehenden beschäftigt, dass sie vergaß, sich zu bedanken. Sie holte nur tief Luft und nickte. Die Luft war heiß und trocken, und der salzige Hauch des nahen Meeres, den sie darin schmeckte, erschien ihr widersprüchlich. Er war auch kein bisschen erfrischend. Die langen Ärmel ihrer Bluse und die lange Hose, die sie unter ihrem Rock tragen musste, waren unbequem bei der Hitze, und sie bemühte sich, nicht ständig an sich herumzuzupfen.
»So bereit, wie ich je sein werde, denke ich. Bitte geh jetzt – sie wollte, dass ich allein komme. Sie soll nicht sehen, dass du mich hierher begleitet hast.«
»Aber ich musste dich begleiten – wir sind hier nicht in Bedford. Das habe ich übrigens gern getan.«
»Entschuldige, Rory. Danke dir. Ich bin nur …« Die Hand, die sie auf seinen Arm legte, zitterte leicht. Joan zuckte mit einer Schulter.
»Ich weiß. Ich weiß, wie viel dir das hier bedeutet. Ich hoffe nur, du … Ach, schon gut. Ich hoffe, es entspricht deinen Erwartungen. Sie entspricht deinen Erwartungen.« Sie unterhielten sich leise, denn abgesehen von ihnen war die schmale Straße leer, und die Schatten zwischen den Gebäuden wirkten wie gestrenge Bibliothekarinnen.
Die Sonne fiel von hinten auf Rory, sodass er eher als Silhouette vor ihr stand, eine dunkle, undeutliche Version seiner selbst. Er hatte ein rundes Gesicht – ein Teddybärengesicht, hatte Joan stets bei sich gedacht – mit weichen Wangen, braunen Augen, einem leichten Schmollmund und dunklen Locken, die ihren eigenen ganz ähnlich waren. Doch von der Hitze und mehreren schlaflosen Nächten hatte er Tränensäcke unter den Augen und einen wächsernen Teint. Er sah kaum mehr aus wie er selbst. Nervös blickte Joan mit zusammengekniffenen Augen zu einem uralten Wachturm auf, der sich auf den Felsen über ihnen schroff vom blendend blauen Himmel abhob. Sie standen vor einem bescheidenen Lehmziegelhaus in Harat al-Henna, einem Viertel außerhalb der Mauern von Maskat in der Nähe des Haupttors. Bei Sonnenuntergang wurde in einer der alten Festungen am Hafen eine antike Kanone abgefeuert, worauf man die Stadttore schloss und dieses Viertel für die Nacht aussperrte. Danach wurde man nur noch mit einer offiziellen Genehmigung in die Stadt gelassen.
»Natürlich wird sie meinen Erwartungen entsprechen«, entgegnete Joan lächelnd.
»Ja, aber unseren Helden leibhaftig zu begegnen kann manchmal … enttäuschend sein. Wenn man feststellt, dass sie eben doch nur Menschen sind, meine ich.«
»Unsinn – nicht eine so bemerkenswerte Person. Außerdem habe ich alles gelesen, was sie je geschrieben hat. Ich habe das Gefühl, sie schon gut zu kennen.«
»Na dann. Hast du Streichhölzer für deine Lampe, für den Rückweg?«
»Ich habe wirklich alles, was ich brauche, Rory.« Auf einmal konnte sie es kaum erwarten, dass er endlich ging. Sie wollte diesen Augenblick ganz für sich haben und brauchte Zeit und Ruhe, um ihn auf sich wirken zu lassen. Außerdem war er so Zeuge ihrer Nervosität, und das konnte sie nicht gebrauchen – davon wurde sie nur noch nervöser.
»Also gut. Viel Glück. Lass dich nicht aussperren, hörst du?« Er beugte sich vor, um sie auf die Wange zu küssen, doch Joan wich zurück.
»Nicht doch, Rory – nicht vor den Arabern, denk daran«, sagte sie.
Joan wartete, bis seine Schritte vollständig verklungen waren. Dann holte sie tief Luft und wandte sich der bescheidenen Tür zu. Sie bestand aus uraltem Akazienholz, von der Sonne Arabiens ausgedörrt und wie zu Stein gehärtet, wie alle Haustüren hier. Die Lehmziegelwände waren einmal weiß getüncht gewesen. Jetzt trugen sie ein Muster aus vielen kleinen Rissen, wie die Adern eines Blattes, durch die der bröselnde Putz zu sehen war. Das Haus war nur zwei Stockwerke hoch und hatte ein Flachdach. Die Fensterläden gen Osten waren geschlossen. Es schmiegte sich mit der Rückseite an den Fuß des Berges – eine Hintertür konnte es gar nicht haben. Die rostbraunen Felsen ragten ringsum auf wie grobe Hände, die Maskat vorsichtig zu halten schienen. Wo sie auch hinsah, nichts als Stein, Fels und harte Sonne, harte Schatten – nirgends etwas Weiches. Eine ganze Minute verging, und Joan schalt sich einen Feigling, weil sie hier herumstand, die Umgebung betrachtete und den Moment vor sich herschob, auf den sie so sehnsüchtig gewartet hatte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie schließlich anklopfte.
Beinahe sofort wurde die Tür von einem großen schwarzen Mann geöffnet. Er trug eine Dischdascha – das lange weite Gewand der Omaner – mit dem traditionellen Dolch, dem Khanjar, im Gürtel. Er hatte eingesunkene Wangen und schwarze Augen, sogar das Weiß um die Iris war braun verfärbt, wie Milchkaffee. Sein Bart war weiß, ebenso die wenigen Haarbüschel, die unter seinem gewickelten und geknoteten Turban hervorlugten. Sein Alter konnte Joan nicht einmal erraten – sein Gesicht wirkte uralt, doch er hielt sich aufrecht und gerade. So still und ernst wie ein Golem blickte er auf sie herab, dass es ihr die Sprache verschlug. Die Hände des Mannes hingen locker herab, und Joan fiel auf, wie riesig sie waren, mit langen Fingern wie Spinnenbeine. Schließlich ergriff er das Wort.
»Sie sind Joan Seabrook.« Seine Stimme klang überraschend grell.
»Ja«, antwortete sie und errötete verlegen. »Ich bin Joan Seabrook«, wiederholte sie überflüssigerweise. »Bin ich hier richtig bei Maude Vickery? Sie erwartet mich.«
»Sie erwartet Sie, sonst hätte ich Ihnen die Tür nicht aufgemacht«, entgegnete der alte Mann und verzog die faltigen Lippen zu einem schwachen Lächeln. Sein Englisch war beinahe akzentfrei, und er sprach jedes einzelne Wort sehr sorgfältig aus, so perfekt wie geschliffener und polierter Stein. »Gehen Sie bitte hinauf. Madam wartet schon auf Sie.« Er trat zurück, um sie einzulassen, und Joan ging an ihm vorbei.
Im Haus stank es wie in einem Stall. Ehe sie sich beherrschen konnte, hatte sich Joan eine Hand vor Mund und Nase geschlagen. Der Gestank war zum Ersticken – nicht schlimmer als die Ställe zu Hause, aber so unerwartet. Die Tür schloss sich hinter ihr, und in der plötzlichen Dunkelheit konnte sie kaum mehr etwas sehen. Hinter sich glaubte sie ein trockenes, japsendes Kichern von dem alten Mann zu hören. Sie blickte sich nach ihm um, doch sein Gesicht war in Dunkelheit gehüllt. Er bewegte sich nicht und sagte auch nichts, und sie konnte nur den Schimmer seiner wachsamen Augen erkennen. Verwirrt und ungeschickt ging Joan über den Hausflur zum Fuß einer steinernen Treppe und stieg hinauf.
Auf halbem Weg nach oben wechselte die Treppe die Richtung. Nun fiel durch ein offenes Fenster Licht herein und enthüllte eine Kruste Dung auf dem Boden, kleine Köttel wie von einem Schaf oder einer Ziege, und ein wenig Heu. Joan runzelte verwundert die Stirn. Oben angekommen, blieb sie auf dem kleinen Flur stehen, von dem nur zwei Zimmer abgingen. Gleich darauf rief eine Stimme aus dem Raum rechts von ihr:
»Drücken Sie sich nicht da herum, wer immer Sie auch sind. Ich bin hier drin. Sie müssen mir nachsehen, dass ich Ihnen nicht entgegenkomme – das kann ich nun mal nicht.« In der harten Stimme lag ein scharfer, nörgelnder Tonfall. Der Akzent war der ihrer eigenen Grafschaft in Reinform, und Joans Herz schlug wieder schneller. Sie musste lächeln und hätte sogar beinahe laut aufgelacht. Sie folgte der Stimme in einen quadratischen Raum mit weißen Wänden und tief hinabgezogenen Bogenfenstern, die nach vorn hinausgingen und mit hölzernen Läden verschlossen waren. Nur ein Fenster, durch das man auf die steilen Felsen im Süden schaute, war offen und ließ sanftes Licht herein. Am Fußende eines schmalen Bettes lehnte ein antikes schwarzes Fahrrad. Das Bett war sehr ordentlich gemacht, die verblassten Laken fest unter die Matratze geschlagen. Zu beiden Seiten des Bettes ragten große Palmen in Kübeln auf, und auf dem Boden stand eine kunstvoll aus Metall gearbeitete Laterne. Joan sah einen aufgeräumten Schreibtisch und ein langes Bücherregal, dessen oberste Fächer leer waren. Sämtliche Bücher waren bis zu einer Höhe von gut einem Meter eingeräumt, und weitere stapelten sich auf dem Boden. Auf einem fadenscheinigen Teppich mitten im Raum standen zwei Holzstühle einem Chesterfield-Sofa gegenüber, neben dem ein hoher Stapel arabischer und englischer Zeitungen und Zeitschriften abgerutscht war und sich über den Boden verteilt hatte.
Zwei sandfarbene Salukis schliefen in einem Nest aus Decken an der gegenüberliegenden Wand. Die Persischen Windhunde waren so eng aneinandergekuschelt, dass Beine, Ohren und Ruten keinem von beiden zuzuordnen waren. Einer öffnete ein bernsteinfarbenes Auge und beobachtete Joan, und einen Moment lang war das sanfte Schnarchen des anderen Hundes das einzige Geräusch im Raum. Der leichte Geruch nach Hund ging im allgemeinen Gestank unter. Eine mit Intarsien versehene Truhe diente als Couchtisch, und im Rollstuhl daneben – einem altmodischen Rattanmodell – saß Maude Villette Vickery. Joan bemühte sich, sie nicht anzustarren. Sie hatte sich diese Person so oft vorgestellt, dass es ihr beinahe unwahrscheinlich vorkam, diesem Menschen nun nicht in ihrer Fantasie, sondern in Wirklichkeit zu begegnen – das war ein beunruhigendes, surreales Gefühl.
Das Erste, was Joan auffiel, war Maudes winzige Gestalt. Sie wirkte fast wie ein Kind. Dünne Knie und Ellbogen...
| Erscheint lt. Verlag | 14.11.2016 |
|---|---|
| Übersetzer | Babette Schröder, Katharina Volk |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The English Girl |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | eBooks • Familiensaga • Frauenromane • Geheimnis • Gertrude Bell • Historische Liebesromane • Königin der Wüste • Liebesromane • Oman • Wüste |
| ISBN-10 | 3-641-20031-8 / 3641200318 |
| ISBN-13 | 978-3-641-20031-2 / 9783641200312 |
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