Jeff Menapace, geboren in Philadelphia, verbringt seine meiste Zeit damit, Bücher zu schreiben und sich Horrorfilme anzusehen. Mit seiner Spiel-Trilogie wird er in Amerika als neuer Stern am Horror-Himmel gefeiert. Er liebt Martial Arts, die 3 Stooges und ist überzeugt davon, dass The Texas Chainsaw Massacre von 1974 der größte Film aller Zeiten ist.
1
Chicago, Illinois
Herbst 2008
Die Nachtschwärze im Inneren des Hauses stellte kein Problem für Monica dar. Sie hätte sich selbst mit geschlossenen Augen traumwandlerisch sicher die Treppe hinauf in die Schlafzimmer schleichen können. Sie war bereits etliche Male – allein – in diesem Haus gewesen. Für ihren Job waren Recherchen vor Ort unabdinglich. Sie musste perfekt vorbereitet sein. Immer. Doch das war alles andere als eine Belastung für sie. Sie liebte ihre Arbeit. Deshalb machte sie sie auch so gut.
Monica kümmerten die Hintergründe ihrer Aufträge nur, wenn sie unmittelbar Einfluss auf ihre Arbeit nahmen. Anlässe und Motive bedeuteten ihr grundsätzlich wenig. Es war ihr gleichgültig, ob es um einen in der Vorstadt untergetauchten Terroristen oder einen ehebrecherischen Lehrer ging. Alles, was sie schätzte, war die Arbeit als solche. Ihre erste Einzelmission hatte sie im Alter von neunzehn Jahren mit der Präzision einer Veteranin erledigt – ohne zitternde Hände und ohne zu zögern.
Vom oberen Treppenabsatz aus ging Monica sofort nach rechts ins Zimmer des Jungen. Highschool-Schüler im ersten Jahr. Einen Meter achtzig groß. Ungepflegte braune Haare. Spindeldürr. Sie hatte ihn auf seinem Weg vom Fußballtraining nach Hause observiert, jeden Tag nach der Schule bis um fünf. Er ging zu Fuß.
Jetzt stand Monica über seinem schlafenden Körper und zog eine Pistole aus ihrer Ledertasche. Teenager waren immer furchtbar einfach. Sie schliefen wie Tote. Der Junge schnarchte wie eine komatöse Bulldogge. Sein Mund stand halb offen. Dieses unwiderstehliche Angebot ließ Monica grinsen, und sie schob den Schalldämpfer ihrer Glock hinein. Der Junge öffnete auch dann die Augen nicht, als zwei leise Kugeln seinen Kopf ins Kissen drückten und es rot färbten.
Mommy und Daddy waren am Ende des Flures. Heute musste sie sich zu ihrer Freude nicht beeilen. Sehr häufig verlangte ein Job zügiges Vorgehen, sodass ihr kaum Zeit blieb, die Sache wirklich auszukosten und zu genießen. Hier jedoch musste sie nur die Situation in den Griff bekommen (kein Problem), und danach konnte sie sich entspannt Zeit nehmen.
Sie schlüpfte lautlos ins Elternschlafzimmer, stellte sich ans Fußende des Bettes, betrachtete die Umrisse der Schlafenden und spürte, wie das vertraute böse Prickeln heiß ihr Rückgrat hinab bis in den Bauch kroch, begierig auf den Moment, seine erhebende Reise südwärts fortsetzen zu können.
Monica hatte mal gelesen, dass Adolf Hitler oft ejakulierte, während er leidenschaftliche Reden vor seinem Gefolge hielt. Für die meisten war das eine geisteskranke Vorstellung, doch Monica hatte es auf der Stelle eingeleuchtet. Sie war nicht schärfer auf Sex als andere Frauen (das nahm sie jedenfalls an), aber es war ihr so gut wie unmöglich, zum Orgasmus zu kommen, egal, wie aufrichtig sich ein Mann auch bemühte. Wenn allerdings ein nächtlicher Auftrag wie dieser ihr erlaubte, sich so viel Zeit zu lassen, wie sie wollte, konnte sie vor Wonne explodieren – mehrmals hintereinander.
Als Monica gerade mal zweiundzwanzig war, hatte sie irgendein armer Kerl den Weg zur sexuellen Erfüllung erstmals erfolgreich beschreiten lassen. Der junge Mann war kein Auftragsobjekt, sondern ein zufällig ihren Weg kreuzender Penisträger gewesen, scharf auf eine schnelle Nummer. Unglücklicherweise hatte sich der Mann trotz redlicher Bemühungen als völlige Niete im Bett erwiesen, bis Monica – sie rittlings auf ihm, er in ihr – im verzweifelten Streben nach Befriedigung nach einem ihrer Werkzeuge (die sie stets in Reichweite versteckt hielt) gegriffen und ihm die Kehle aufgeschlitzt hatte.
Als sie die ungläubig aufgerissenen Augen, den rot gurgelnden Mund und das wilde zwecklose Umklammern eines seiner Aufgaben enthobenen Halses gesehen hatte, war sie sofort gekommen.
In der Folge fand gelegentlich Geschlechtsverkehr dieser Art statt, war allerdings eher eine Art sportliches Freizeitvergnügen. Die Möglichkeiten, die ihre Aufträge ihr boten, befriedigten ihre Lust weitaus nachhaltiger.
Dementsprechend wurde die weibliche Zielperson (40, dunkelblondes Haar, ein Meter sechzig, jeden Dienstag und Donnerstag um zwölf Pilates), als sie aus einer Ahnung heraus den Kopf vom Kissen hob, nicht wie ihr Sohn mit zwei schnellen Kugeln erledigt. Stattdessen bekam sie eine blitzschnelle Injektion in den Nacken verpasst, die sie in tiefen Schlaf zurücksinken ließ. Der Ehemann (42, braunes Haar, ein Meter fünfundachtzig, Arbeitszeit acht bis sechs, mittwochs und freitags von sechs bis acht Feierabendbiere mit Kollegen) rührte sich auch dann kaum, als die ihm zugedachte Nadel in seinen Hals stach.
Monica wandte sich von dem betäubten Paar ab, betrat das Badezimmer und schaltete das Licht ein. Ihr Bild im Spiegel über dem Doppelwaschbecken war ausnehmend schmeichelhaft: verführerische dunkle Augen, kräftiges dunkles Haar, das normalerweise bis auf die Schultern hing (jetzt jedoch aus praktischen Gründen straff zurückgebunden war), und ein Körper, der an den sogenannten Problemzonen die nötige Straffheit als auch an anderen Stellen vorteilhafte Rundungen aufwies und dem gängigen Schönheitsideal absolut entsprach.
Diese Gaben der Natur wurden nicht nur von jeder Frau, der Monica begegnete, mit Neid beäugt, sondern darüber hinaus von einer eleganten wie klugen Ausstrahlung ergänzt – das Ergebnis jahrelanger Konditionierung im elitärsten aller Internate. Hätte sie statt dem aktuellen Auftrag angemessene, unauffällige Kleidung den für erfolgreiche Geschäftsfrauen üblichen Hosenanzug getragen, wäre sie ohne Weiteres als millionenschwere Wall-Street-Wuchtbrumme durchgegangen.
Monica legte ihre Ledertasche auf dem Waschbeckenrand ab, warf einen kurzen Blick auf das Ehepaar im Schlafzimmer und fühlte, wie das vertraute Kribbeln seinen federleicht kitzelnden Tanz ihren Körper hinab begann. Sie würde sich Zeit nehmen.
Monica saß auf der Bettkante und zündete sich eine Zigarette an. Sie inhalierte tief, während sie über die Schulter blickte, nach der Fernbedienung suchte und sie schließlich auf dem Nachttisch neben der Leiche der Frau entdeckte.
Sie stand auf, schlenderte um den Stuhl herum, an den der geschundene Leib des Ehemannes gefesselt war, schnippte Asche auf den skalpierten Schädel, nahm die Fernbedienung vom Nachttisch und kehrte dann zum Fußende des Bettes zurück.
Mit übereinandergeschlagenen Beinen zog sie ein weiteres Mal an ihrer Zigarette, lehnte sich auf die Ellbogen gestützt zurück und blies eine lange Rauchfahne in die Luft. Die Zehen der toten Frau berührten Monica, weshalb sie sie ein Stückchen von sich wegschob und dann den Fernseher einschaltete.
Die Nachrichten widmeten sich erneut einem der spektakulärsten Ereignisse der letzten Tage, das bereits am Abend der Erstberichterstattung ihre milde Aufmerksamkeit erregt hatte. Mehrfachmord in der Pampa von West-Pennsylvania. Ein Ort namens Crescent Lake. Folter. Perverse Spiele. Wie in einem Horrorfilm, hieß es.
Inzwischen hatten sie offenbar die ganze Geschichte aufgerollt.
Sie drehte den Ton lauter und folgte der Ausstrahlung mit dem professionellen, beiläufig-kühlen Blick einer der eigenen Sportart zuschauenden Athletin – in der Hoffnung, dieser Lokalsender möge genug Eier in der Hose haben, auch Aufnahmen von den Folgen und Nachwirkungen der Geschehnisse zu übertragen. Der Sonderbericht, den sie ein paar Tage zuvor während eines Jobs in New York gesehen hatte, hatte nichts weiter als eine vor einer Hütte in Popelkaff, Pennsylvania herumbrabbelnde Frau mit schlecht gefärbten Haaren präsentiert.
Zunächst schien auch diese Reportage nichts Neues zu bieten. Wieder ein debiles Melodrama vor Blockhüttenkulisse. Diesmal berichtete ein Mann mit schlecht sitzendem Toupet und sichtlich überkronten Zähnen. Er redete, als spräche er für eine Hollywood-Rolle vor.
Vier Tote … zwei Täter … Brüder … einer der Brüder schließlich in einem Akt der Notwehr getötet … der andere schwer verwundet in Untersuchungshaft.
Ihre distanzierte Gleichgültigkeit nahm allmählich ab.
Der Reporter verschwand, und endlich wurde Monica mit einer kurzen Einstellung von einem großen schwarzen Leichensack belohnt, der aus einer Hütte in einen Notarztwagen getragen wurde.
Sie verdrehte die Augen. Qualvoll unbefriedigend. Sie zog erneut an ihrer Zigarette und stieß perfekte Rauchringe aus.
Das Toupet kehrte kurz zurück, um neue Einzelheiten über die bösen Brüder mitzuteilen. Und dann folgten (endlich!) ihre Fotos – nebeneinander montierte Porträtaufnahmen, die den gesamten Bildschirm einnahmen.
Monica schnellte hoch und ließ die Fernbedienung fallen, sodass das Batteriefach aufsprang, als sie auf dem Teppich landete. Sie lehnte sich vor und glotzte atemlos. Der linke der Brüder – der, der angeblich tot war – sah ihr so ähnlich wie ein Zwilling.
Die abgebrannte Zigarette versengte ihre Finger, weshalb sie sie fluchend von sich warf. Sie trat den Stummel mit dem Zeh aus, nahm ihn an sich, glitt vom Bettrand und drängte sich nahe vor den Bildschirm. Eine Strähne ihres vollen dunklen Haares löste sich aus dem Pferdeschwanz und fiel ihr übers...
| Erscheint lt. Verlag | 14.11.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | "Das Spiel"-Trilogie | "Das Spiel"-Trilogie |
| Übersetzer | Sven-Eric Wehmeyer |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Vengeful Games |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | eBooks • Horror • psychologischer Horror • Serien • Thriller • Trilogie • USA / Amerika |
| ISBN-10 | 3-641-18740-0 / 3641187400 |
| ISBN-13 | 978-3-641-18740-8 / 9783641187408 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich