Wir trinken gern.
Na und?
Zwei Männer treffen sich in Harry’s New York Bar in Frankfurt. Sie trinken, sie reden. Ein Kellner kennt den Weg durch das Labyrinth der Getränkekarte.
Die Trinkstätte im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen empfängt ihre Gäste im Dämmerlicht. Dunkles Holz, Messing, schweres Sitzmobiliar, mit grünem Leder aufgepolstert. Ein Barpianist tupft leicht verdauliche Kost in die Tasten. Über allem ein sachter Geruch von Zigarrenrauch. Auf dem Beistelltischchen bringen wir ein Tonband in Stellung, damit nichts von diesem Abend verlorengeht. Hinter dem langen Tresen macht sich ein Herr im weißen Bar-Jackett auf den Weg zu uns, in leicht wiegenden Bewegungen, als würde er herbeiskaten. Sein sorgsam hochgezwirbeltes Bärtchen passt gut zu seinem magyarischen Namen: Nagy. Schon steht Herr Nagy an unserem Tisch, blitzende Augen, referiert kurz seine Familiengeschichte („ein Viertel der Namen im Budapester Telefonbuch ist Nagy“), aber dann:
Gefeller: „Können wir mal zur Sache kommen?“
D’Inka: „Genau…“
Auf dem Tisch steht eine „Springtime-Karte“, die eine Ansammlung von Phantasie-Drinks anpreist wie „Servir Tres Frais“, „Michi’s Cherry Blossom“, „Razzberry Mojito“.
G: „Können Sie Menschen wie uns irgendwas von dieser Karte empfehlen?“
Herr Nagy: „Nun, ich will mal so sagen: Ich habe Sie beide ja eher als Menschen kennengelernt, die dem Schnaps zugeneigt sind…“
Verständnisvolles Nicken von D und G.
Herr Nagy: „Klar heraus – ich würde Ihnen das nicht unbedingt empfehlen.“
D: „Mehr was für Mädchen, wie?“
Herr Nagy: „Nicht unbedingt, das könnte ich durchaus kräftiger gestalten.“
G: „Dann mal lieber nicht. Ich hätte gern zum Start etwas Fruchtiges, aber nicht zu süß, bitte.“
Herr Nagy: „Sehr gut. Mit Rum? Oder Gin?“
G: „Zuvor eine Gegenfrage. Wenn man unterschiedliche Getränke ausprobiert – ist da nicht auch die Reihenfolge von Belang? Womit soll man starten? Was kommt zum Schluss?“
Herr Nagy: „Dazu kann ich ganz klar sagen: Ich würde immer mit einer klaren Spirituose beginnen. Wodka, Gin…“
D: „Können wir doch einfach so machen.“
Herr Nagy: „Einfach ist nichts. Wir haben eine riesige Gin-Auswahl. (Er breitet die Arme aus, als wolle er uns eine gewaltige Destillerie zu Füßen legen.) Damit kann man vieles anstellen. Zum Beispiel den Negroni, Gin mit rotem Wermut und etwas Campari. Oder ganz klassisch Gin Fizz. Oder Tom Collins auf Gin-Basis.“
Unser Kellner – nein: Getränkeberater –, Herr Nagy, redet sich jetzt in Fahrt. Uns wird schwindlig.
Herr Nagy: „Wir haben da jetzt auch eine ganz neue Kreation von einem Kollegen in London, ‚The Forbidden Fruit‘, mit einem hausgemachten Beeren-Chutney aus Waldbeeren, etwas frisch gepresster Limette, ganz, ganz bisschen Zucker, shaken das ganze zusammen mit Gin und geben oben drauf eine Limonade…“
G: „Das nehme ich jetzt, fertig, aus!“
D: „Und ich den Negroni.“
Herr Nagy: „Dann mache ich den so, wie ich ihn für mich auch machen würde.“
D: „Unbedingt. Was Ihnen schmeckt, kann nicht schlecht sein.“
Wir lachen und schauen uns an. So geht das also los. Wir sitzen hier um herauszufinden, ob wir ein Buch über das Trinken schreiben wollen. Die einfache Idee: Wir nehmen an unterschiedlichen Orten Getränke zu uns und unterhalten uns darüber. Heute Abend soll, in Gegenwart von Herrn Nagy, die Entscheidung fallen. Der Tag ist denkbar schlecht gewählt: D fastet gerade und hat eigens für dieses Arbeitstreffen die Phase seines Alkoholverzichts unterbrochen. Darüber muss dringend gesprochen werden.
G: „Wie fühlt sich das eigentlich an, wenn man nichts trinkt?“
D: „Weniger schlimm, als du vielleicht annimmst. Es gibt zweifellos auch ein Leben ohne Alkohol.“
G: „Für einen gesunden Menschen, der dem Alkohol gänzlich entsagt, kann es aus meiner Sicht ja nur zwei Gründe geben: Entweder er ist religiös – oder er hat’s nötig.“
D: „Dass es noch andere Motivlagen gibt, hältst du natürlich für ausgeschlossen.“
G: „Man muss doch mal irgendwie ins Gespräch kommen!“
D: „Ich faste nicht aus religiösen Gründen, obwohl mir das nicht fremd wäre, und auch nicht, weil ich’s nötig hätte. Ist übrigens auch eine Charakterfrage, falls du verstehst, was ich meine.“
G: „Klär mich auf.“
D: „Ich glaube einfach, dass es gut und richtig ist, einmal im Jahr Verzicht zu üben, etwas Gewohntes oder Liebgewonnenes einfach mal sein zu lassen. Man fühlt sich gut, wenn man es schafft. Abgesehen davon verliere ich auch immer ein Kilo oder zwei.“
G: „Was natürlich nicht Not täte!“
D: „Ach!“
Wir sprechen über das Nichttrinken vielleicht auch in einer Art Verzweiflung. Herr Nagy hat noch nicht geliefert. Das Gespräch mäandert dahin wie ein Fluss, dem niemand seinen Lauf vorgegeben hat.
G: „Hören wir mal auf mit dem Fastenthema. Meine Tochter steckt gerade im Abitur. Die Schulleitung hat die Eltern ein Schriftstück abzeichnen lassen, wonach alkoholische Exzesse nach vollbrachter Prüfung gefälligst zu unterbleiben haben, jedenfalls auf dem Schulhof. Ist das nicht grotesk?“
Abiturienten trinken nun mal nach vollbrachter Tat, in Frankfurt am liebsten im Grüneburgpark. Na und?
D: „Beruhige dich, lass uns mal einen Augenblick reden wie alte Männer. Ich finde, so gesoffen wie die jungen Menschen heute haben wir früher nicht. Wir waren keine Kinder von Traurigkeit, aber dass die Schulleitung derart einschreiten musste …“
G: „Einspruch, Euer Ehren. Wir hatten früher natürlich keine Shots, nicht dieses süße Zeug, das heute gern konsumiert wird. Aber haben wir nicht auch Cola-Rum gezischt?“
D: „Apfelkorn!“
G: „Am liebsten selbstgemischt, weil’s dann günstiger kam. Wenn ich mich an die scheußlichen Zwei-Liter-Lambrusco-Flaschen erinnere, mit Plastikbast umwickelt…“
D: „Und nach der Leerung stellte man eine Kerze rein, für die Gemütlichkeit.“
G: „Ich glaube nicht, dass früher weniger getrunken wurde als heute. Auch vor uns nicht, wie wir von unseren Eltern wissen. In der Nachkriegszeit gab es eine solche Sucht nach Ausgelassenheit und Unbeschwertheit – immer begleitet von Alkohol.“
D: „Ja, doch. Du hast Recht, wir haben auch ganz schön einen abgebissen. Muss uns als verantwortungsbewusste Staatsbürger sowas nicht besorgt stimmen? Sind wir ein Land von Trinkern?“
G: „Ach, man ahnt manchmal gar nicht, wie viele Nicht-Trinker unter uns leben. Allerdings vernehme ich gelegentlich, dass sich unsere ostgotischen Landsleute etwas darauf einbilden, dass sie trinkfähiger seien als die Wessis. Vielleicht stimmt das, vielleicht waren die Verhältnisse einfach nur im Suff zu ertragen?“
D: „Wer die reale Flucht nicht geschafft hatte, konnte mit Hilfe von Gotano & Co wenigstens in eine Phantasiewelt flüchten. Denn natürlich gibt es auch das Trinken aus Verzweiflung.“
G: „Ich glaube, dass wir beide eine solche Verzweiflung noch nicht kennengelernt haben. In der DDR war dem Alkoholkonsum natürlich auch förderlich, dass er sehr billig war – auch in der Kneipe. Dort begab man sich nicht alleine auf die Flucht: es war ein gemeinschaftlicher, geselliger Vorgang.“
„Verzweiflung. Geselligkeit. Durst.
Gibt’s noch weitere Trinkgründe?“
Inzwischen sind die Getränke da. D nippt („Prost. Mmmh. Echt raffiniert“), dann kehrt er sogleich zum Gespräch zurück:
D: „Zwei Gründe haben wir also identifiziert fürs Trinken: Verzweiflung und Geselligkeit.“
G: „Und Durst! Wenn man nach einem harten Arbeitstag von einem großen Durst geplagt wird…“
D: „Da kannst du ja wohl nicht mitreden.“
G: „Man macht aber so seine Beobachtungen!“
D: „Könntest du dir übrigens vorstellen, alleine zu trinken?“
G: „Hab’ ich auch schon gemacht. Macht keinen Spaß.“
D: „Verzweiflung. Geselligkeit. Durst. Gibt’s noch weitere Trink-gründe?“
G: „Weil’s schmeckt. Und was ich auch noch bedeutsam finde: Belohnung. Es wäre für mich zum Beispiel völlig undenkbar, dass ich wandern ginge, ohne ein Ziel vor Augen zu haben – ein Ziel mit Getränkeausschank. Zudem sollten wir nicht vergessen, dass Alkohol gern auch bei gewissen amourösen Gelegenheiten zum Einsatz kommt. Er entkrampft. Man spricht auch flüssiger.“
D: „Vielleicht sind auch gewisse Schranken dann nicht mehr so hoch. Der Mann wird mutiger, die Frau auch.“
G: „Um es knapp zu sagen – ohne Alkohol würden viele Amouren nicht zustande kommen.“
D: „Was noch?“
G: „In früheren Jahren diente der Alkohol in unserem Beruf manchen Kollegen zur Herstellung der Arbeitsfähigkeit. Vor dem ersten Glas waren die Gehirnzellen quasi ausgetrocknet. Und Bier und Wein und sogar Schnaps waren immer präsent – im Büro und bei den Journalisten-Treffs nach Feierabend.“
D: „Ja, ohne Alkohol keine Kreativität. Bei mir ist das nicht so, allenfalls in minimalen Dosen. Ich ermatte eher. Wann verschwand eigentlich der Alkohol aus unserem Arbeitsleben?“
G: „Vor allem mit der Einführung der Computer-Technologie in den Redaktionen. Die Arbeit verdichtete sich, die Kollegen verschwanden hinter den Bildschirmen und damit war es auch mit der Geselligkeit vorbei.“
D:...