Süßer die Böller nie klingen ... (eBook)
256 Seiten
Rowohlt Verlag GmbH
978-3-644-40066-5 (ISBN)
Renate Bergmann, geb. Strelemann, 82, lebt in Berlin-Spandau. Sie war Reichsbahnerin, kennt das Leben vor, während und nach der Berliner Mauer und hat vier Ehemänner überlebt. Renate Bergmann ist Haushalts-Profi und Online-Omi. Seit Anfang 2013 erobert sie »das Interweb« mit ihren absolut treffsicheren An- und Einsichten - und mit ihren Büchern die ganze analoge Welt. Torsten Rohde, Jahrgang 1974, hat in Brandenburg/Havel Betriebswirtschaft studiert und als Controller gearbeitet. Sein Social-Media-Account @RenateBergmann entwickelte sich zum Internet-Phänomen. «Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker» unter dem Pseudonym Renate Bergmann war seine erste Buch-Veröffentlichung - und ein sensationeller Erfolg -, auf die zahlreiche weitere, nicht minder erfolgreiche Bände und ausverkaufte Tourneen folgten.
Renate Bergmann, geb. Strelemann, 82, lebt in Berlin-Spandau. Sie war Reichsbahnerin, kennt das Leben vor, während und nach der Berliner Mauer und hat vier Ehemänner überlebt. Renate Bergmann ist Haushalts-Profi und Online-Omi. Seit Anfang 2013 erobert sie »das Interweb« mit ihren absolut treffsicheren An- und Einsichten – und mit ihren Büchern die ganze analoge Welt. Torsten Rohde, Jahrgang 1974, hat in Brandenburg/Havel Betriebswirtschaft studiert und als Controller gearbeitet. Sein Social-Media-Account @RenateBergmann entwickelte sich zum Internet-Phänomen. «Ich bin nicht süß, ich hab bloß Zucker» unter dem Pseudonym Renate Bergmann war seine erste Buch-Veröffentlichung – und ein sensationeller Erfolg –, auf die zahlreiche weitere, nicht minder erfolgreiche Bände und ausverkaufte Tourneen folgten. Tex Rubinowitz, geboren 1961 in Hannover, lebt seit 1984 als Witzezeichner, Maler, Musiker und Schriftsteller in Wien. 2014 erhielt er den Bachmann-Preis. Tobi Katze, geboren 1981, schreibt Kurzgeschichten, Essays, Gedichte und Drehbücher. 2009 schloss er sein Studium der Literatur und Kulturwissenschaften ab. Seit mehr als zehn Jahren tritt er auf Poetry-Slams und Lesebühnen auf. 2007 gewann er den LesArt-Preis der jungen Literatur und 2014 den Bielefelder Kabarettpreis für sein erstes Bühnenprogramm «rocknrollmitbuchstaben». Sein Buch «Morgen ist leider auch noch ein Tag», in dem er selbstironisch und ehrlich über sein Leben mit Depressionen schreibt, war ein Bestseller. Dietrich Faber wurde 1969 geboren. Bekannt wurde er als ein Teil des mehrfach preisgekrönten Kabarett-Duos FaberhaftGuth. Bereits sein erster Roman «Toter geht´s nicht» schaffte es auf Anhieb auf die Bestsellerliste. Die Lesungen und Buchshows zu seinen Romanen um den wenig charismatischen Kommissar Bröhmann wurden zu Bühnenereignissen. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Mittelhessenmetropole Gießen. Mia Morgowski ist gebürtige Hamburgerin. Viele Jahre hat sie als Grafik-Designerin in verschiedenen Werbeagenturen gearbeitet, bevor 2008 ihr Debütroman erschien: «Kein Sex ist auch keine Lösung» war ein Bestseller und wurde erfolgreich fürs Kino verfilmt. Es folgten zahlreiche weitere Romane, die sich alle ihrem größten Hobby widmen: dem modernen Mann und seinen Macken. Denn Mia kennt sich aus mit Männern. Einen hat sie sogar geheiratet. Sandra Lüpkes wurde 1971 in Göttingen geboren und lebte viele Jahre auf der Nordseeinsel Juist. Sie ist Autorin zahlreicher Romane, Sachbücher, Erzählungen und Drehbücher. Heute wohnt sie gemeinsam mit ihrem Mann Jürgen Kehrer in Berlin. Jenni Zylka, geboren 1969, ist schon seit ewigen Zeiten freie Journalistin (u.a. für taz, Tagesspiegel, rbb, Spiegel Online, WDR, Rolling Stone), Drehbuchautorin, Moderatorin und Auswahlkommissarin für die Berlinale. Bei Rowohlt erschien 2003 ihr Roman «1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann», und 2004 der Roman «Beat, Baby, Beat». Judith Luig, Jahrgang 1974, begann ihre journalistische Karriere als Reporterin für Schützenkönigskrönungen, Karnevalsprinzessinnen und goldene Hochzeiten. Sie schrieb für die «taz» über Frauen, Männer und Paralleluniversen und unterrichtete Literaturwissenschaften an der Freien Universität und an der Humboldt-Universität Berlin. Für die «Welt am Sonntag» stieg sie auf in die Liga der Thronfolgerhochzeiten, Heavy Metal Festivals und Protestkulturen. Sie ist Redakteurin im Politik Ressort von «Zeit Online» mit dem Schwerpunkt Familie, Schule und Erziehung. Harald Braun, geboren 1960, lebt und arbeitet in Horst (Holstein) als Autor von Sachbüchern und schreibt Texte für Magazine und Wochenzeitungen. Jessica B. Wagener, geboren 1977 in Hamburg, ist Redakteurin und Autorin und arbeitet derzeit von Glasgow aus als freie Journalistin, unter anderem für BILD am SONNTAG und ze.tt.
Harald Braun Junge, Junge!
Der Mann, der nur mal kurz Zigaretten holt und nicht wiederkommt. Jedes Jahr, wenn Kollege Ruhland mir «Frohe Weihnachten» oder «Ski heil» wünscht und ich auf dem Gang vor unseren Büros auf den Aufzug warte, wäre ich das gern: ein Untertaucher. Ein Mann ohne Ziel und Verpflichtungen, nur auf der Welt, um sich ein paar Tage treiben zu lassen. Ich weiß, dieses Gefühl wird sich erst wieder am ersten Montag des neuen Jahres ausschleichen, so wie ein aufdringliches Deo, das man sich in der Umkleidekabine eines Fitnessclubs eingefangen hat. Bis dahin wünsche ich mir insgeheim, meine Eltern wären schon lange tot oder ich würde irgendwo abgeschieden ohne Freunde und nennenswerte Vergangenheit auf einem indonesischen Archipel leben, hätte jedenfalls, und darum geht es, gute Gründe, die kommenden beiden Wochen einfach nur so vor mich hin zu existieren. Ohne Aufgaben, familiäre Verpflichtungen und die üblichen Rituale, ohne die man in dieser Zeit so schwer auskommt. Es gibt ja diesen Mythos, dass man besonders in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr so gut zur Ruhe kommen und mal so richtig durchatmen kann – jedenfalls feine Tage erlebt, in denen man Kraft schöpft für die Anforderungen des neuen Jahres, das zwischen Vier-Schanzen-Tournee und Dinner for One schon draußen vor der Türe scharrt. Ich weiß nicht, wer diesen Komfort-Quatsch in die Welt gesetzt hat. Ich kenne niemanden, der zwischen den Jahren zur Ruhe kommt oder gar entschleunigt, um dieses Quarkwort aus der Wellness-Welt auch mal zu benutzen. Für mich beginnt in dem Moment, in dem ich an einem 22. Dezember des Jahres aus dem Büro auf die Straße trete, die hektischste Zeit des Jahres, fremdbestimmt und hastig. Wir reden da über gedrängte Termine, lange Autofahrten und große Erwartungen. Über eine intensive Phase im Leben, in der zwischen Tannenbaum und Bleigießen keine innere Ruhe auf mich wartet, sondern ein veritabler Tinnitus.
Das beginnt schon einmal damit, dass ich ein Heimkehrer bin. Heimkehrer sind Leute, die nach dem Abitur aus ihrer Heimatstadt weggegangen sind, um ein Studium in einer fremden Stadt zu beginnen, und dort aus Gründen geblieben sind, die einem selbst nicht mehr einleuchten. Sie haben einen Job, vielleicht sogar einen Partner, aber in der Regel keine Kinder, führen also ein beinahe vollständiges Leben in der Fremde. Das bewahrt sie aber nicht davor, schon im Oktober oder spätestens im November jeden Jahres die Anrufe der zurückgebliebenen Sippschaft und der alten Schulfreunde entgegenzunehmen. In meinem Fall ist der genaue Wortlaut variabel, unter dem Strich läuft es aber immer auf den als Frage getarnten Befehl hinaus: «Du kommst doch Weihnachten nach Hause, oder?!»
Mach ich das? Mir würden da schon ein paar reizvolle Alternativen einfallen. Sich mit allen Woody-Allen-Filmen der 80er Jahre im Wohnzimmer verschanzen und sieben Tage nur von Chips und Brause leben, zum Beispiel. Endlich die Knausgard-Bücher lesen, die schon seit Monaten auf meinem Nachttisch verstauben, vielleicht sogar mal die überfällige Steuererklärung machen. Okay, streichen Sie den letzten Satz. Aber es ist die Wahrheit: Ganz freiwillig kehre ich sicher nicht jedes Jahr nach Hause zurück. Was aber hat man denn für realistische Optionen, wenn man nicht von all seinen Freunden verstoßen und der Familie enterbt werden will: richtig. Nach Hause fahren. Auf vereisten Straßen durch die halbe Republik und diverse Staus, weil man es auch in diesem Jahr wieder versäumt hat, rechtzeitig ein Bahnticket zu besorgen. Beladen mit in letzter Sekunde erworbenen Geschenken und dem Gefühl, mehr Menschen in drei Tagen treffen zu müssen als im gesamten Rest des Jahres. Was aber, da macht man sich besser keine Illusionen, sowieso nicht klappen wird.
Jedes Mal, wenn ich Ende Dezember seufzend nach Eschweiler zurückkehre, einer, nun: eher betulichen Kleinstadt bei Aachen, in der ich über 20 Jahre gelebt habe und die ich auch heute noch als meine echte Heimat bezeichnen würde, nehme ich mir fest vor: diesmal nicht. Diesmal wirst du ganz lässig vor dich hin atmen, ein paar alte Freunde treffen und eine überwiegend schöne Zeit haben. Heiligabend wirst du im Kreise der Familie im Dämmer fortwährender Nahrungsaufnahme auf die Bewusstseinsstufe eines Gemüses abdriften und direkt nach dem 2. Weihnachtstag mit ein paar Leuten in den Skiurlaub starten – und auch den wirst du diesmal ausnahmsweise einmal genießen. Das wär’s. Kann ja so schwer nicht sein. Relax. Ich habe eine gewisse Routine darin, mich selbst zu belügen … Doch insgeheim spüre ich schon ein paar Kilometer vor der Stadtgrenze, dass es so einfach nicht werden wird. So einfach wird es nie.
Über den gemeinsamen Kirchgang und das Essen am Heiligabend mit meiner Familie mache ich mir zu diesem Zeitpunkt noch die wenigsten Gedanken. Die Rituale innerfamiliärer Zuneigung und sozialer Kontrolle sind längst so weit institutionalisiert, dass hier im Prinzip keine unangenehmen Überraschungen zu befürchten sind. (Behalten Sie das mal ein paar Seiten im Hinterkopf. Es stimmt nicht …) Schwieriger, das denke ich jedenfalls in diesem Moment, wird es mit den alten Freunden. Mit den Menschen also, die mich mit 13 Jahren als spillerigen Pubertisten kannten, der Profifußballer werden wollte. Mit Leuten, die mich mit 18 Jahren ertrugen, als ich in meiner Freizeit ein überzeugter Salonmarxist war, und mit 23, als ich mich bei Suhrkamp um ein Praktikum bewarb, nur weil ich dachte, das neue Handke-Buch verstanden zu haben.
Es ist so: An jedem Heiligabend treffe ich mich mit ein paar alten Freunden in meiner Heimat, und zwar immer in derselben Kneipe: einem Laden namens Gürzenich. Früher war der Wirt dort Fluppes, ein adipöser Hobbit mit der Ausstrahlung einer Futterrübe, dessen Geschäftssinn nur noch von seinem Durst übertroffen wurde. Inzwischen wird das Gürzenich zwar von jungen Frauen betrieben, aber geändert hat sich hier wenig, seitdem ich vor Jahrzehnten hier drin Karneval und später mein Abi gefeiert habe. Der Mief von abgestandenem Bier wabert durch die verwinkelte Bierburg, schlichtes Kölsch ist der Verkaufsschlager des Hauses, und wer Hunger hat, wird raus in die Schnellengasse gescheucht, in irgendeinen Imbiss, der bei uns immer schon Frittebud hieß. Mehr Rendezvous mit der Vergangenheit geht nicht, wir reden hier über eine Inventur der eigenen Persönlichkeit. Hier begegnet man sich selbst wieder in einem Stadium, das man längst vergessen zu haben hoffte, gespiegelt in den Augen von ehemals engen, nahen Freunden, denen man auch Lichtjahre später nichts vormachen kann und die einem 20 Jahre oder länger dabei zugesehen haben, ein Mensch mit sichtbaren Konturen zu werden.
So ein Abgleich der frühen Ideale ist aber nur ein Problem auf der Weihnachtsreise in die Vergangenheit. Das nostalgische Treffen mit all denen, die nach dem Abi in die Welt ausschwärmten, um Entwicklungshelfer, Stewardess oder Arzt ohne Grenzen zu werden, birgt zwar die Gefahr, zum unwürdigen «Mein Haus, mein Auto, mein Swimmingpool» zu verkommen. Doch das ist – etwas Wohlwollen vorausgesetzt – ein lösbares Problem. Inzwischen haben wir ja alle eine gewisse Routine darin, den offiziellen Grenzverlauf der eigenen Existenz in barmherzigen, warmen Farben auszumalen. Das ist erlaubt, das tut niemandem weh. Viel unangenehmer aber ist die Erkenntnis, dass man am Abend vor Weihnachten in einer Spelunke mit alten Freunden hockt, denen man früher vertrauensvoll die Rohentwürfe der eigenen Persönlichkeit zugemutet hat und die heute nicht mal mehr begreifen, was im eigenen MP3-Player los ist. Es sind Leute, denen man bedenkenlos für drei Wochen die eigenen Kinder anvertrauen würde, mit denen aber jede Diskussion über Pegida, Helene Hegemann oder den Niedergang von Pep Guardiola sinnlos wäre. Es handelt sich um liebe Leute, die man aus ganzem Herzen mag, deren Leben man aber schon lange nicht mehr versteht.
Es sind Szenen aus dem absurden Kommunaltheater, über die ich gerne lachen würde.
«1500 Euro für drei Zimmer?», fragt Felix mit gespielter Entrüstung in der Stimme, «bei dir brennt ja wohl keine Kerze mehr am Baum! Soll ich dir mal verraten, was mein Haus gekostet hat, alles in allem?» Soll er natürlich nicht, aber Felix hat «gebaut», ganz in der Nähe seiner Eltern, und das ist eine spannende Begebenheit, die FK, Sabine und ich uns in allen Einzelheiten anhören müssen. Wir sind schließlich alte Freunde und haben zusammen Abitur gemacht. FK lebt derweil in München, und 1000 Euro sind für drei Zimmer Altbau im Glockenbachviertel ein amtlicher Tarif. Doch damit kommt er bei Felix nicht durch. Felix kennt die Preise. Er hat BWL studiert, früh geheiratet und würde vermutlich abstreiten, dass wir alle zusammen vor 15 Jahren mal ein leerstehendes Verwaltungsgebäude besetzen und zur Kulturfabrik ausrufen wollten.
«Bist du eigentlich noch politisch aktiv?», fragt Sabine. Ich zucke zusammen. Wir hatten damals ein wenig Ärger miteinander, weil sie sich bei der Volkszählung ein paar Mark dazuverdienen wollte und ich sie als Büttel einer faschistischen Überwachungsgesellschaft beschimpft habe. Inzwischen ist Sabine Lehrerin an unserem alten Gymnasium. Deutsch und Geschichte. Sogar ein paar alte Lehrer gehören zu ihrem Kollegium. FK verdreht die Augen. FK und Sabine sind früher mal ein paar Jahre «zusammen gewesen». Wie wir alle an diesem Tisch, anders zwar, aber irgendwie auch. Allein die Erinnerung daran hat...
| Erscheint lt. Verlag | 21.10.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Comic / Humor / Manga ► Humor / Satire |
| Schlagworte | Anthologie • Humor • Jahreswechsel • Neujahr |
| ISBN-10 | 3-644-40066-0 / 3644400660 |
| ISBN-13 | 978-3-644-40066-5 / 9783644400665 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
E-Book Endkundennutzungsbedinungen des Verlages
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich