John Sinclair 1993 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-3617-7 (ISBN)
Isabella sah die Flammen. Ein gewaltiges Loch tat sich über ihr auf, durch das die Dämonin, die dieses Chaos verursacht hatte, nun in das Haus hineinglitt und auf dem Trümmerberg landete.
'Ich hatte dich gewarnt, aber du wolltest ja nicht hören', erklärte die lächelnde Kreatur.
'Wer bist du?', wollte Isabella wissen. 'Oder besser - was? Eine Kreatur der Finsternis?'
'Ja. Ich bin eine Harpyie. Du darfst mich Okypete nennen, wenn dich das glücklich macht. Aber sterben wirst du so oder so!'
Die Harpyie breitete erneut ihre Schwingen aus und jagte der ehemaligen Polizistin einen weiteren Feuerball entgegen.
Doch auch Isabella handelte. Ohne sich nur einen Zentimeter zu bewegen, drehte sie die Klinge der Axt herum - dieser besonderen Axt, die sie von George Frambon bekommen hatte -, und hielt die breite Seite schützend vor ihr Gesicht ...
Einzelne dicke Regentropfen prasselten gegen die Scheibe und rissen die Dreißigjährige aus ihren Gedanken. Im Haus war es totenstill. Und das, obwohl sie nicht allein war. Christian Matell, ihr Partner, saß im Arbeitszimmer des alten George Frambon und las wieder einmal ein Buch. Der ehemalige Pfarrer selbst hatte seit Tagen sein Schlafzimmer nicht verlassen.
Isabella wusste genau, was vor einigen Monaten hier geschehen war. Father Ignatius hatte sie über jedes Detail informiert, bevor er ihr den Auftrag erteilt hatte, mit Christian Matell zusammen nach Gravelines zu reisen und zu Frambons Leibwächtern zu werden. Während ihr Partner die Rolle des Pfarrers einnahm, spielte sie selbst die Haushälterin. Etwas, auf das sie gerne verzichtet hätte.
Kurz dachte sie daran, was mit den Personen geschehen war, die vor ihnen diese Rollen ausgefüllt hatten. Der Pfarrer – in dessen Mansardenwohnung Christian eingezogen war – war ermordet worden, die Haushälterin dagegen hatte sich als Dämonin entpuppt. Als Kreatur der Finsternis.
Isabellas Hände ballten sich zu Fäusten. Wieder einmal stieg eine unbändige Wut auf diese Wesen in ihr empor. Aber sie konnte nichts tun. Stattdessen saß sie auf einem kleinen Stuhl in einer kleinen Küche und wartete darauf, dass die Zeit verging.
Ihre Finger glitten zum Griff der Pistole, die vor ihr auf dem Küchentisch lag. Die Waffe war mit geweihten Silberkugeln geladen. Ignatius hatte sie selbst für seine Agenten hergestellt. Gegen manche Kreaturen der Finsternis waren sie eine wirkungsvolle Waffe, aber längst nicht gegen alle. Auch das geweihte Kreuz, dass der Chef der Weißen Macht ihr mitgegeben hatte, war kein Schutz gegen einen koordinierten Angriff dieser Dämonen.
Für einen solchen Fall hatte Ignatius ihr eine Liste von Telefonnummern mitgegeben. Unter anderem befand sich darauf der Name John Sinclair. Ihr Chef hatte in höchsten Tönen von dem Londoner Polizisten gesprochen.
Isabella war das egal. Sie wartete darauf, dass die Dämonen endlich erschienen. Ihr Hass auf sie war unbeschreiblich. Es verging kein Tag, an dem sie sich nicht vorstellte, wie sie eine Kreatur nach der anderen vernichtete.
Langsam zog Isabella die Hand wieder zurück und ließ die Glock auf dem Tisch liegen. Lautlos stand sie auf und ging zum Fenster. Das Gewitter hatte sich in den letzten Minuten noch weiter intensiviert. Sintflutartige Regenfälle ergossen sich auf den Wald, die Kirche und die Stadt Gravelines.
Zu den Einwohnern hatte Isabella nur wenig Kontakt. Sie wollte auch lieber für sich bleiben.
Über kurz oder lang würde ihr Auftrag hier enden. Vor seinen Feinden hatte sie George Frambon beschützen können, nicht jedoch vor sich selbst. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich von Tag zu Tag.
Als Isabella und Christian in Gravelines angekommen waren, war Frambon gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden. Zunächst hatte er noch recht fit gewirkt, doch mittlerweile kam er kaum noch aus dem Bett heraus. Die physischen und psychischen Folgen des Angriffs auf sein Leben forderten ihren Tribut. Er war nun einmal schon ein alter Mann.
Um diese Zeit lag er meistens im Halbschlaf in seinem Bett und murmelte unverständliche Dinge vor sich hin. Einmal hatte sie versucht, ihm zuzuhören, es nach wenigen Minuten jedoch aufgegeben. Der ehemalige Pfarrer hatte zwar etwas von einem Geheimnis gesprochen, das seine silberne Axt umgab, und dabei ein unlesbares Dokument erwähnt, ansonsten aber ergaben seine Aussagen keinen Sinn.
Frambon würde sterben. Isabella sah es ihm an. Es war nur eine Frage der Zeit.
Das Gewitter war wie ein Spiegelbild ihrer Seele. Immer wieder rissen Blitze die Umgebung aus der Düsternis der Nacht, so wie der Hass plötzlich wieder in ihr hoch loderte.
Gerade als sie sich von dem Fenster abwenden wollen, zuckte sie leicht zusammen. Etwas hatte sich verändert. Ein Gesicht zeigte sich auf der Scheibe!
Kalt lief es Isabella über den Rücken. Es war ein Abbild ihres toten Geliebten, Giorgio Amato. Ihre Hände begannen wie Espenlaub zu zittern. Verlor sie nun endgültig den Verstand? Ein Blitz zuckte über den Wolkenhimmel, so grell, dass sie die Augen schließen musste. Als sie sie wieder öffnete, war Giorgios Gesicht verschwunden.
Die Zähne der Agentin mahlten aufeinander. Mit Tränen in den Augen presste sie ihre Finger gegen die Scheibe. Die dünne Rosenhecke im Pfarrgarten bewegte sich hektisch im Wind hin und her.
Plötzlich entdeckte sie etwas, das sie zuvor nicht gesehen hatte. Nicht nur die Blitze allein waren es, die die Finsternis erhellten. Zwei kleine Lichtpunkte bewegten sich auf die Kirche zu.
Ein Scheinwerferpaar! Durch den dichten Regen und den Dunst, der neben den alten Mauern in die Höhe gestiegen war, war von dem Wagen nichts zu erkennen. Nur das Abblendlicht eben.
Isabella trat einen Schritt zurück und griff nun doch nach der Glock. Sie gab ihr ein sicheres Gefühl. Dabei wusste sie noch nicht einmal, ob der Wagen wirklich die Kirche und damit auch das Pfarrhaus als Ziel hatte.
Die Scheinwerfer näherten sich. Gleichzeitig verstärkten sich der Sturm und der Regenguss noch einmal. Der fremde Wagen stoppte nicht weit von der Kirche entfernt. Bis zum Pfarrhaus waren es vielleicht noch hundertfünfzig Meter.
Endlich konnte Isabella etwas von den Insassen erkennen, wenn auch nur schemenhaft. Im Wageninneren brannte Licht. Zwei menschliche Silhouetten bewegten sich hin und her. Waren es Frauen? Die Agentin glaubte, lange schwarze Haare erkannt zu haben.
Trotz dieser Entdeckung löste sich ihre innere Anspannung nicht. Wie angewurzelt blieb sie vor dem Fenster stehen und hielt die Glock
An dem Fahrzeug tat sich etwas. Wieder kamen die Insassen in Bewegung. Da öffnete sich die Beifahrertür!
Ein weiteres Mal erhellte ein Blitz die Finsternis. Er riss auch die junge Frau aus dem Schutz der Dunkelheit, die als einzige den Wagen verlassen hatte. Lange schwarze Haare flossen bis zu den Schultern herab. Im Moment jedoch klebten sie auf der Kopfhaut. Innerhalb weniger Sekunden wurde sie von dem Regen völlig durchnässt.
Ihr Ziel war klar – das Pfarrhaus. Mit schnellen Schritten lief sie über den gepflasterten Weg auf die Tür zu, bis sie aus dem Blickfeld verschwunden war.
Für einige Sekunden geschah nichts. Dann schlug die Türglocke an. Das schrille Geräusch ging Isabella durch Mark und Bein. Endlich löste sie sich aus ihrer Erstarrung und ging vor.
Auch in ihrer Nähe hörte sie dumpfe Schritte. Als sie die Küche verließ und in den Flur trat, erkannte sie Christian, der mittlerweile das Arbeitszimmer verlassen hatte. Etwas irritiert blickte er die Agentin an und rückte dabei seine dünne Brille zurecht.
In diesem Moment klingelte es erneut. Während Isabella wieder zusammenzuckte, blieb Christian äußerlich ruhig. »Hast du eine Ahnung, wer das sein kann?«
Isabella erklärte es ihm.
»Hast du deshalb deine Waffe dabei?«, fragte er.
»Sicher ist sicher.«
Christian ging zur Garderobe neben der Tür und nahm seine schwarze Jacke an sich. »Und was hast du jetzt vor?«, fragte er. »Ihr deine Pistole ins Gesicht halten?«
»Nein«, erwiderte sie mit harter Stimme. »Ich gehe zur Tür am anderen Ende des Flurs – und halte ihr von dort meine Pistole ins Gesicht. Dann sieht sie mich dabei wenigstens nicht.«
Christian hob die Schultern. »Wie du meinst«, murmelte er und schüttelte den Kopf.
Mit schnellen Schritten bewegte sich Isabella auf die Tür zu, die sich nur wenige Meter hinter dem Arbeitszimmer befand und Frambons private Räumlichkeiten vom Rest des Pfarrhauses trennte.
Ihr Partner hatte das Licht im Flur angeschaltet und so gedimmt, dass es nicht bis zu Isabellas Position reichte. So konnte sie in Ruhe durch die Tür treten und sie halb offen stehen lassen, ohne von der Frau gesehen zu werden. Ihre Waffe hielt sie dabei mit beiden Händen fest.
Gerade als es ein drittes Mal klingelte, zog Christian die Tür auf. Der Agent der Weißen Macht trat dabei einen Schritt zur Seite, sodass Isabella freie Sicht auf die Fremde hatte.
Vom Küchenfenster aus hatte sie sie als junge Frau eingeschätzt, jetzt allerdings erkannte sie, dass es sich bei ihr um ein Mädchen handelte. Vierzehn, fünfzehn Jahre alt. Ihr Gesicht war rund und ebenmäßig. Besonders auffällig war jedoch der stechende Blick ihrer Augen. Die Kleidung, die aus einer hellblauen Bluse und Jeans bestand, klebte ihr wie eine zweite Haut am Körper.
»Kann ich Ihnen helfen, Mademoiselle?«, fragte Christian in akzentfreiem Französisch.
Das Mädchen fuhr sich scheinbar nervös durch ihre nassen Haare. »Entschuldigen Sie die Störung, aber meine Mutter und ich haben Probleme mit unserem Wagen. Ich glaube, wir schaffen es nicht mehr bis Gravelines. Vielleicht könnten Sie uns einen Abschleppdienst bestellen. Ach – und wie unhöflich: Mein Name ist Nadine Suchet. Aber nennen Sie mich ruhig Nadine.«
Christian nickte ihr zu. »Gut, aber kommen Sie doch erst mal herein. Sie holen sich sonst noch den Tod.«
Das Mädchen lächelte und trat an ihm vorbei ins Haus. »Danke«, hauchte es ihm zu.
Der Agent ließ die Tür wieder ins Schloss fallen. Inzwischen war Nadine einige Schritte vorgegangen und ließ ihren Blick über das Innere des Pfarrhauses schweifen.
Als sie für einen Moment in Richtung der halb offenen Tür am Ende des Flurs starrte, bildete sich eine Gänsehaut auf Isabellas Armen. Das Mädchen gab mit keiner Geste zu verstehen, dass es die Agentin gesehen hatte, und doch hatte sie...
| Erscheint lt. Verlag | 20.9.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-7325-3617-3 / 3732536173 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-3617-7 / 9783732536177 |
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