Hedwig Courths-Mahler - Folge 142 (eBook)
80 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-2173-9 (ISBN)
In einem prunkvollen Berliner Hotel steigt der Millionär Crosshill mit seiner bezaubernden Tochter Lilian ab. Am selben Tag findet hier das Familientreffen derer von Kreuzberg statt, die Crosshill vor dreißig Jahren als angeblichen Dieb aus dem Haus ekelten. Heimlich werden der Millionär und seine Tochter Lilian Zeugen eines Gesprächs, in dem sich ein junger Mann für Crosshills Unschuld verbürgt. Es ist Ronald von Ortlingen, der Sohn jener Frau, für die Hans von Kreuzberg - der sich nun Crosshill nennt - einst alles erduldet hat. Schon bei der ersten Begegnung spüren Ronald und Lilian tiefe Zuneigung zueinander, aber die alte Schuld und ein tragisches Missverständnis stehen ihrer Liebe im Weg ...
Bei herrlichstem Sonnenschein und vollkommen ruhiger See glitt der riesengroße Luxusdampfer in schnellster Fahrt dahin.
Mr. Crosshill, vor vielen Jahren nach Amerika ausgewandert, dort reich geworden, kehrte mit seiner Tochter Lilian in die Heimat zurück. Mit ihnen an Bord war Bobby Blout, ein treuer Verehrer Lilians, Sohn des besten Geschäftsfreundes von Mr. Crosshill. Lilian hatte die Gelegenheit ungestörter Gespräche genutzt, um ihm klar zu machen, dass er sich keine Hoffnungen auf sie machen könne. Sie sei ihm herzlich zugetan, aber lieben könne sie ihn nicht.
Nun standen Vater und Tochter nebeneinander an Deck und sahen bewegt, wie das Land ihrer gemeinsamen Sehnsucht immer deutlicher hervortrat.
Mr. Crosshill seufzte, seine Augen wurden feucht.
„Nicht aufregen, Papa“, bat Lilian.
Er schüttelte den Kopf. „Was bei dem Anblick dieser Küste alles in mir lebendig wird! Ich sehe mich wieder, wie ich damals war, als ich der Heimat den Rücken kehrte. Ein Bettler war ich, ein Verzweifelter, der sich nur mühsam unter der Last des Schicksals aufrecht hielt. Man hatte mir das Teuerste genommen, was ich hatte, das Mädchen, das ich liebte, und das sich für ihre Familie opfern musste mit zerrissenem Herzen. Und als ich mir eine letzte Abschiedsstunde mit ihr vom Schicksal ertrotzte, da stahl mir der Mann, der mir die Geliebte geraubt, auch noch meine Ehre, und ich musste es wehrlos geschehen lassen.“
„An diese trüben Dinge sollst du nicht denken, Papa“, bat Lilian.
„Es drängt sich mir auf, mein Kind, ich rufe diese Gedanken nicht. Dass ich sie dir aussprechen kann, erleichtert mich. Ich habe dir ja alles das schon ganz ausführlich erzählt, und du weißt, dass deines Vaters Ehre durch eine falsche Anschuldigung besudelt wurde, die ich nicht entkräften konnte. Auf meinem Namen ruht wohl heute noch der Schimpf, trotzdem man mich sicher längst zu den Toten geworfen hat. Nun, ich will tot sein für sie alle, solange dieser Makel nicht von mir genommen ist. Du sollst dich nicht bedrückt fühlen müssen unter dem falschen Verdacht, der auf mir ruht. Vielleicht gelingt es mir jetzt, ihn zu entkräften und meine Ehre reinzuwaschen, wenn ich es tun kann, ohne jene Frau zu belasten, die mir teuer war, teurer als meine Ehre, mein Leben. Vorläufig kehre ich als ein Fremder heim. Niemand wird mich mehr erkennen, und der fremde Name, den ich führe, wird uns vor Entdeckung schützen, bis du dich mit mir stolz zu dem Namen bekennen kannst, der uns zukommt.“
Am Spätnachmittag fuhr der Dampfer in den Hafen ein. Die Landung ging glatt vonstatten. Für Bobby Blount sowohl als auch für John Crosshill und seine Tochter, samt Sekretär und Dienerschaft, waren in einem ersten Hamburger Hotel Zimmer bestellt.
Schnell vergingen die beiden Tage in Hamburg, und die Reise wurde nach Berlin fortgesetzt.
John Crosshill und Lilian hatten Bobby Blount das Geleit zum Bahnhof gegeben. Er war früher abgereist, als er erst willens gewesen war.
Er hatte gefühlt, dass Vater und Tochter sich jetzt selbst genug waren und dass sie in ihrer Stimmung jeden Dritten als störende Gesellschaft empfinden mussten.
Stumm saßen Vater und Tochter im Auto, das sie nach dem Hotel zurückbrachte. Hier empfing sie im Vestibül Mr. White, der Sekretär, der bereits die eingelaufene Post durchgesehen und Mr. Crosshill einige wichtige Mitteilungen zu machen hatte. Die beiden Herren traten abseits, und Lilian nahm inzwischen in einem der eleganten Korbsessel Platz, die im Vestibül aufgestellt waren. Sie stützte den Arm auf die Lehne und blickte durch die Glasfenster der Drehtür auf die Straße hinaus.
Da sah sie ein Auto vorfahren, dem ein schlanker, hoch gewachsener Mann von ungefähr dreißig Jahren entstieg. Er schob die Drehtür mit einem energischen Ruck vorwärts und trat mit raschen, elastischen Schritten in das Vestibül.
Er schien mit den Räumlichkeiten des Hotels vertraut zu sein, denn ohne Zögern schritt er der im Hintergrund befindlichen teppichbelegten Marmortreppe zu. Dabei musste er dicht an Lilian vorübergehen.
Wie magnetisch angezogen sah sie ihm nach.
Von der Treppe aus konnte er noch zweimal unauffällig nach ihr hinüberblicken, ohne sich umsehen zu müssen. Und er tat es in sehr diskreter Weise. Da sah er wieder die großen, dunkelblauen Augensterne Lilians fest auf die seinen gerichtet. Ihr Blick war frei und offen, und sie wandte sich nicht ab, wie dies wohl ein Mädchen normalerweise getan hätte.
Das schien ihm zu missfallen. Er wandte sich hastig ab und war gleich darauf ihren Blicken entschwunden.
Mit einem tiefen Atemzug löste Lilian ihren Blick von der Stelle, wo der junge Mann entschwunden war, und sah zu ihrem Vater auf.
Lilian stieg langsam die Treppe empor zur ersten Etage, wo sich ihre Zimmer befanden. Als sie sich eben anschickte, in den langen Korridor einzubiegen, hörte sie jemanden die Treppe aus der zweiten Etage herabkommen. Sie blickte auf und sah wieder den jungen Herrn von vorhin vor sich.
In demselben Augenblick hörte sie von oben eine Männerstimme rufen: „Herr von Ortlingen! Bitte, noch einen Moment!“
Darauf hielt der junge Herr seine Schritte an. „Bitte sehr, ich komme zurück!“, rief er hinauf und eilte die Treppe wieder empor, ohne Lilian weiter zu beachten.
Diese aber wat erschrocken zusammengezuckt, als sie den Namen „Ortlingen“ hörte. Sie stand wie gelähmt und sah dem jungen Mann nach.
Von oben hörte sie zwei Männerstimmen eine Verabredung treffen für die Dinnerstunde. Aber die Worte fanden nicht Einlass zu ihrem Verständnis, sie verklangen ihr wesenlos. Nur der Name Ortlingen prägte sich ihrer Seele ein wie ein bekannter Ton.
Sie strich sich über die Stirn und ging langsam weiter, bis in ihre Zimmer. Dort ließ sie sich von Betsy eine Kleinigkeit an ihrem Kleid ändern, rieb sich die Stirn mit Kölnisch Wasser und ging dann wieder hinunter, um ihren Vater im Lesezimmer aufzusuchen.
Sie setzte sich still neben ihm nieder, fasste seine Hand und sagte leise: „Papa, soeben ging ein Herr durch das Treppenhaus, der von einem anderen Herrn beim Namen gerufen wurde. Er hieß Ortlingen.“
John Crosshill beugte sich mit düsterem Gesichtsausdruck vor.
„Wie sah dieser Herr von Ortlingen aus?“, fragte er heiser.
„Der, den du meinst, kann es nicht sein. Der Herr zählte wohl kaum dreißig Jahre. Er war groß und schlank, hatte ein gebräuntes, energisches Gesicht, braunes Haar und große graue Augen. Sein Gesicht war bartlos und scharf geschnitten.“
John Crosshill strich sich über die Stirn. „Es gibt mehrere Träger dieses Namens. Vielleicht war es aber der Sohn Rudolfs. Warte einen Augenblick, Lilian, ich muss mich gleich erkundigen, ob ein Freiherr von Ortlingen hier im Hotel wohnt und woher er gekommen ist.“ Er erhob sich und ging hinaus.
Nach einer Weile kehrte er mit blassem, erregtem Gesicht zurück. „Es war der Freiherr Ronald von Ortlingen, der Sohn meines Todfeindes. Da er Gutsherr von Ortlingen ist, muss sein Vater gestorben sein“, sagte er mit gepresster Stimme.
„So ist dein Feind nicht mehr am Leben.“
„Nein. Und sein Sohn weilt mit mir unter einem Dach. Wie seltsam trifft sich das, mein Kind.“
In Lilians Herzen regte sich ein Gefühl, als müsse sie für Ronald von Ortlingen eintreten. Sie beugte sich vor und sah den Vater an. „Vergiss nicht, Papa, dass er nicht nur der Sohn deines Feindes ist, sondern auch der Sohn der Frau, die du geliebt hast.“
John Crosshill nickte. „Wie könnte ich das vergessen, Lilian. Aber er wird wohl seinem Vater gleichen. Doch sage mir, Lilian, was machte dieser junge Freiherr von Ortlingen für einen Eindruck auf dich?“
Lilian konnte es nicht hindern, dass eine leicht Röte in ihr Antlitz stieg. „Einen sehr sympathischen. Seine grauen Augen blickten offen und ehrlich.“
„So hat er die Augen seiner Mutter. Sein Vater hatte schwarze Augen. Ich hörte übrigens, dass er erst gestern Abend angekommen ist und stets hier absteigt, wenn er in Berlin weilt. Auch weiß ich schon, dass er nur einige Tage hier zu bleiben gedenkt. Du siehst, Lilian – kaum bin ich in Deutschland angelangt, da streckt auch schon die Vergangenheit ihre Arme nach mir aus. Wissen möchte ich gern, ob seine Mutter noch am Leben ist.“
Er vertiefte sich in seine Lektüre, und Lilian blätterte. Plötzlich stutzte sie und sah schärfer und interessierter auf eine Stelle in der Zeitung. Sie las eine Notiz und ließ dann die Zeitung sinken.
„Ach, Papa, da streckt die Vergangenheit schon wieder ihre Arme nach dir aus“, sagte sie mit einem seltsamen Lächeln.
„Was meinst du, Kind?“
„Sieh hier diese Zeitungsnotiz. Übermorgen findet ein Familientag derer von Kreuzberg und Kreuzberg-Breitenbach statt. Die Freiherren von Kreuzberg berufen ihn ein, und zwar soll die Zusammenkunft hier in diesem Hotel stattfinden. Was sagst du dazu?“
John Crosshill sah eine Weile vor sich hin. Dann richtete er sich plötzlich auf. „Weißt du, Lilian, diesem Familientag möchte ich brennend gern beiwohnen“, sagte er lebhaft.
„Wie können wir das, Papa? Fremde haben doch dazu sicher keinen Zutritt.“
„Nein, gewiss nicht. Aber trotzdem, ich muss mir das einmal überlegen. Irgendeine Gelegenheit wird sich vielleicht finden, dass wir beide ungesehen dieser Versammlung beiwohnen können.“
„Und ich werde inzwischen eine kleine Promenade machen! Papa, und in einer halben Stunde zurück sein.“
Sie verabschiedeten sich mit einem Kuss und herzlichem...
| Erscheint lt. Verlag | 20.9.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Hedwig Courths-Mahler | Hedwig Courths-Mahler |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | adels-intrigen • adels-romane • Anna-basener • Baccara • Bastei • Bergdoktor • Bergpfarrer • Bestseller • Bianca • Cora • Deutsch • dieter-adam • dr-daniel • dr-stefan • eBook • E-Book • eBooks • Ehe • Familiensaga • feelgood • Fortsetzungsroman • Fürst • Gefühle • Geschichte • Glück • Graf • Gräfin • groschen-hefte • Großdruck • große-schrift • Happy End • Heft • Heftchen • Heft-Roman • heile-welt • Herzschmerz • Hochzeit • Hollywood • Julia • Kelter • Kindle • Klassiker • kleine-fürst • leni-behrendt • Liebe • liebe-dich • Liebesgeschichte • Liebesroman • Liebesromane • Märchen • martin-Kelter • Mira • nicholas-sparks • Nicholas Sparks • Prinz • Prinzessin • PS ich liebe dich • Romance • Romane • romantisch • Romantische Komödie • Romanze • Schön • Serie • spannend • tatsächlich liebe • wohlfühlen |
| ISBN-10 | 3-7325-2173-7 / 3732521737 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-2173-9 / 9783732521739 |
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