1921. Isaac Bells Freund und Mentor Joseph Van Dorn wird von einem Schmuggler angeschossen und schwer verwundet. Bell wird nicht ruhen, bis er den Täter gestellt hat. Doch da wird der wichtigste Zeuge ebenso brutal wie effizient ermordet. Bell dringt immer tiefer in das Netz der Schmuggler vor und stößt auf eine Organisation, deren Ambitionen weit über schnelles Geld hinausgehen. Nicht weniger als die Destabilisierung der Vereinigten Staaten ist ihr Ziel - und Bell ist der Einzige, der sie aufhalten kann.
Justin Scott ist ein Bestseller-Autor von Thrillern, Krimis und historischen Romanen. Er wurde für seine Krimis bereits mehrmals für den renommierten Edgar Allan Poe Preis nominiert. Er lebt mit seiner Frau Amber in Connecticut, USA.
2
»Besprechung auf dem Hof. Hancock, Sie sorgen dafür, dass wir ungestört sind.«
Isaac Bell schlenderte scheinbar lässig und ohne ein bestimmtes Ziel durch das luxuriöse Foyer des Gotham Hotels. Vier elegant gekleidete Hausdetektive folgten ihm unauffällig – ein geräuschloser Exodus, von dem die zahlenden Gäste nichts mitbekamen. Als sich die fünf Männer in der schmalen dunklen Gasse hinter der Hotelküche versammelt hatten, sprach Bell zwei von ihnen mit Namen an.
»Clayton. Ellis.«
Tom Clayton und Tom Ellis waren typische Hausdetektive der Van Dorn Protective Services – baumlange, breitschultrige Schwergewichte, vielleicht nicht ganz so clever wie vollwertige Detektive, aber jeder so gut aussehend wie das männliche Modell der Arrow-Hemdkragen-Werbung. Ausstaffiert mit korrektem Anzug, sauberem weißem Oberhemd, auf Hochglanz polierten Schuhen und Krawatte mit Four-in-hand-Knoten wirkte keiner der ehemaligen Eisenbahndetektive der Southern Pacific Railroad in einem eleganten Hotel fehl am Platz. Aber Taschen- und Gelegenheitsdiebe sowie Trickbetrüger erkannten sie auf Anhieb und hielten sich von ihnen fern.
»Was gibt’s, Mr. Bell?«
»Sie sind gefeuert.«
»Weshalb?«, wollte Clayton wissen.
»Sie haben den Namen der Van Dorn Agency in den Dreck gezogen.«
»In den Dreck gezogen?« Clayton sah seinen Kollegen feixend an. »In den Dreck gezogen?«
Ellis nickte. »Stimmt. Würd ich auch gern wissen. Was heißt, ›in den Dreck gezogen‹?«
Bell unterdrückte den Impuls, beide zu Boden zu strecken. Die anderen Angehörigen ihrer Truppe hatten sich nicht bestechen lassen. Stets um den guten Ruf der Agentur besorgt, nutzte er die Gelegenheit, um die ehrlichen Angestellten daran zu erinnern, was auf dem Spiel stand, und sie darin zu bestärken, jeden Bestechungsversuch zurückzuweisen. Daher beantwortete er die spöttische Frage ruhig und sachlich.
»Mr. Van Dorn hat ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, das den gesamten Kontinent überspannt. Wir haben in jeder Stadt Büros, die durch private Telegrafen- und Telefonfernleitungen miteinander verbunden sind. Hunderte erstklassige Detektive – fähige Männer, die ihr Geschäft beherrschen – und Tausende von Angehörigen der Protective Services beschützen Banken und Juwelierläden, begleiten Werttransporte und halten in den exklusivsten Hotels Wache. Aber die Firma ist keinen Cent wert, wenn sich die Kunden nicht auf unseren guten Ruf verlassen können. Van Dorns nehmen keine Schmiergelder an. Was Sie jedoch getan haben. Sie haben unseren guten Namen beschmutzt. Und nicht nur ein Mal. Deshalb werden Sie gefeuert.«
»Hören Sie, Mr. Bell, es liegt in der menschlichen Natur, Gewinne zu teilen. Und die Bootlegger scheffeln das Geld.«
Ellis ergriff das Wort. »Die Pagen kriegen ihren Schnitt dafür, dass sie den Gästen die Flaschen aufs Zimmer bringen. Da ist es doch nur fair, wenn wir dafür bezahlt werden, den Schnaps ins Haus zu lassen.«
»Nicht jeder Page.«
Clayton und Ellis wechselten einen vielsagenden Blick. Sie wussten, was geschehen war.
»Der Bootlegger, von dem Sie sich haben schmieren lassen, wollte in der vergangenen Nacht einen Pagen vom Dach werfen. Der Arbeitgeber des Jungen, das Gotham Hotel, bezahlt dafür, dass wir sein Eigentum, die Gäste und die Angestellten beschützen. Sie beide haben den Jungen jedoch im Stich gelassen. Lassen Sie sich nie wieder in der Nähe dieses Hotels blicken.«
»Soll das eine Drohung sein?«
»Sie haben es erfasst, Mister. Verschwinden Sie.«
Clayton und Ellis kamen näher. Sie bewegten sich für Männer ihrer Größe erstaunlich geschmeidig. Die ehrlichen Hausdetektive sahen einander fragend an. Sie überlegten, ob sie dem Chefermittler zu Hilfe kommen sollten. Bell hielt sie mit einer knappen Geste auf. Ein kaum wahrnehmbares Zucken seiner Schulter kündigte einen rechten Schwinger an, der die Auseinandersetzung abbrechen sollte, ehe sie richtig begonnen hatte.
Clayton sah ihn kommen. Er machte einen federnden Schritt nach rechts. Dieses lehrbuchmäßige Ausweichmanöver hatte die unerwartete Folge, dass sein Kinn genau in die Bahn von Bells linkem Haken geriet, der aus Kniehöhe hochkam wie eine Abrissbirne und den Hoteldetektiv nach hinten schleuderte.
Ellis machte bereits weiteren Druck und feuerte mit der Linken einen blitzschnellen Schwinger ab, den Bell nicht mehr vollständig abblocken konnte. Er lenkte ihn über die Schulter ab und konterte mit einer geraden Rechten, die Ellis rechts am Kopf erwischte und ihn quer über die Gasse gegen Clayton warf, der noch immer benommen an der gegenüberliegenden Hauswand klebte.
Seine Wut im Zaum haltend, sagte Isaac Bell mit gefährlich ruhiger Stimme: »Wenn ich einem von euch hier in New York jemals wieder begegnen sollte, werfe ich ihn in den Hudson River.«
»Mr. Bell! Mr. Bell!«
Ein Van-Dorn-Lehrling – ein Bürschlein von achtzehn Jahren – kam durch die Küchentür herausgestürzt. »Mr. Bell! Auf Mr. Van Dorn wurde geschossen!«
»Wie bitte?«
Isaac Bell fuhr entsetzt zu der schrillen Stimme herum. Er war derart erschrocken, dass er den warnenden Ausdruck in den Augen des Jungen, als er eine plötzliche Bewegung wahrnahm, nicht registrierte.
Ellis hatte sich von dem Treffer erholt und griff nun mit einem mächtigen rechten Haken an. Bell schaffte es so zurückzupendeln, dass die Faust ihn lediglich streifte, ihn jedoch trotzdem von den Füßen holte. Er landete auf dem fettigen Zementboden. Wie ein Kicker beim Football nahm Clayton Anlauf und zielte mit dem Stiefel nach Bells Kopf. Bell versuchte, den Tritt mit der Hand abzuwehren, aber die Hand wurde beiseitegewischt, und der Fuß raste direkt auf sein Gesicht zu. Bell erwischte Claytons Knöchel mit der anderen Hand, packte mit aller Kraft zu und kam mit einer fließenden Bewegung, angetrieben von Wut und äußerster Not, auf die Füße.
Er stemmte Claytons Bein bis über Schulterhöhe, stieß ihn rückwärts zu Boden und wirbelte zu Ellis herum, dessen Linke wie eine Dampframme auf sein Kinn zuraste. Bell duckte sich instinktiv, und Ellis Knöchel rasierten über seinen Schädel. Bell ging leicht in die Knie, riss ihn an seiner Jacke herum, nutzte den Schwung des deutlich schwereren Mannes aus und lenkte ihn in Claytons Richtung, der soeben im Begriff war, sich aufzurichten. Die Gesichter der Hoteldetektive kollidierten Nase gegen Nase. Knorpel wurde zerquetscht, und Knochen brachen. Bell ließ Ellis los, der wimmernd zusammensank, und packte die Schulter des Lehrlings mit stählernem Griff.
»Wo ist er?«
»Im Bellevue.«
Bell machte einen tiefen Atemzug und wappnete sich für das Schlimmste. »Krankenhaus? Oder Leichenschauhaus?«
»Krankenhaus.«
»Dann nichts wie hin! Die anderen zurück an die Arbeit. Bestellen Sie Hancock, dass er das Kommando hat.«
Der Junge war so schlau gewesen, bereits ein Taxi zu rufen.
Bell löcherte ihn mit Fragen, während sie durch Midtown rasten. Aber alles, was man bisher wusste, war, dass Joseph Van Dorn, kurz nachdem Isaac Bell ihn zum Kutter der Küstenwache gebracht hatte, während einer Schießerei mit Alkoholschmugglern verwundet worden war. Bell kam kurz in den Sinn, dass er wahrscheinlich gerade damit beschäftigt gewesen war, seine Loening auf dem Air Service Terminal an der 31st Street zu vertäuen, als es geschah.
»Wie konnten sie ihn so schnell an Land bringen?«
Gerettet hatte ihn das, was Joe das Glück der Iren genannt hätte. Ein aufmerksamer Funker auf dem Festland hatte die Meldung der Küstenwache zum New York Police Department weitergeleitet, und die Harbor Squad hatte eine schnelle Barkasse alarmiert, die bereits vor Sandy Hook patrouillierte und nach Schnapsbooten Ausschau hielt. Sie war mit dem erheblich langsameren Kutter zusammengetroffen, hatte Van Dorn aufgenommen und ihn den East River hinauf zum Bellevue Hospital gebracht. Bell wäre eine Klinik mit besseren Ärzten zwar lieber gewesen als das überlastete, unterbesetzte städtische Krankenhaus, aber die Hafenpolizisten hatten sich für die Notaufnahme entschieden, die dem Fluss am nächsten war.
»Sobald du mich abgesetzt hast, kehrst du mit dem Taxi zum Büro zurück. Bestell Detective McKinney von mir, er soll dafür sorgen, dass die gesamte Truppe Jagd auf die Kerle macht, die Mr. Van Dorn angegriffen haben.« Darren McKinney war ein vielversprechender junger Agent, den Van Dorn aus Washington abgezogen und mit der Leitung des New Yorker Außenbüros betraut hatte.
»Sag ihm außerdem, sie sollen sich jeden Bootlegger in der Stadt, der uns etwas schuldig ist, vorknöpfen und ihm auf die Zehen treten; einer von ihnen wird sicher irgendwo aufschnappen, wer es getan hat. Unsere Leute sollen nach Schnapsbooten mit Einschusslöchern Ausschau halten. Außerdem sollen sie sich in den Krankenhäusern nach Personen mit frischen Schusswunden erkundigen.«
Das Taxi bremste quietschend und mit qualmenden Reifen.
»Und ab mit dir! Schnell, schnell!«
Bell stürmte in die Eingangshalle des Krankenhauses.
Am Empfangspult informierte man ihn, dass Joseph Van Dorn auf dem Operationstisch lag.
»Wie schlimm ist es?«
»Drei unserer besten Chirurgen kümmern sich gerade um ihn.«
Bell durchfuhr nicht nur ein Schreck, sondern Panik keimte in ihm auf. Drei? Wie schwer mussten die Verletzungen sein, dass gleich drei Ärzte nötig waren? »Wurde seine Frau benachrichtigt?«
»Mrs. Van Dorn sitzt im Wartezimmer. Wollen Sie zu...
| Erscheint lt. Verlag | 19.9.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Isaac-Bell-Abenteuer | Die Isaac-Bell-Abenteuer |
| Übersetzer | Michael Kubiak |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Bootlegger |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Schlagworte | Blutnetz • Das Panama-Attentat • Der Attentäter • Die Gnadenlosen • Die Rückkehr der Bestie • Die Titanic-Verschwörung • eBooks • Höllenjagd • Isaac Bell • Meeresdonner • Prohibition • Sabotage • Schmuggel • Serien • Spätwestern • Teufelsjagd • Thriller • Todesrennen • Unbestechlich • Western |
| ISBN-10 | 3-641-18407-X / 364118407X |
| ISBN-13 | 978-3-641-18407-0 / 9783641184070 |
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