Zwei junge Paare aus Reykjavík machen mit ihrem Jeep einen Ausflug in die raue Bergwelt des isländischen Hochlands. Dichter Nebel zieht auf, sie kommen vom Weg ab und müssen die Nacht in einem Haus mitten in der Einöde verbringen. Ihr Amüsement über das ungeplante Abenteuer verwandelt sich schon bald in Unbehagen, denn ihre Gastgeber, ein verschrobenes altes Paar, benehmen sich sehr merkwürdig: Warum verbarrikadieren sie das Haus bei Einbruch der Dunkelheit wie eine Festung? Und wieso haben sie so wenig Interesse daran, ihren Gästen zu helfen?
Ein verstörender Pageturner vor der einzigartigen Kulisse des isländischen Hochlands.
- »Ein faszinierendes Buch voller Schrecken« Kristof Magnusson
- »Gänsehautgarantie« (B5 aktuell, Neues vom Buchmarkt, Sabine Zaplin)
Steinar Bragi, 1975 geboren, zählt zu den ungewöhnlichsten Thrillerautoren Skandinaviens. Sein Roman »Frauen« (2010) war für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert und brachte dem isländischen Autor den internationalen Durchbruch. Sein Thriller »Hochland« wurde von der Kritik hochgelobt und mit den Horrorgeschichten Stephen Kings verglichen. Das Buch erscheint in zwanzig Ländern.
Hrafn – 1 | Flora Islands
Die Natur war vollkommen still. Die Schatten am Horizont wurden dunkler und zeichneten sich scharf vor dem Himmel ab, bevor sie mit der Nacht verschmolzen.
Sie schwiegen alle vier. Nur aus dem Radio drang undeutliches leises Gemurmel. Vigdís las auf dem Rücksitz in einem Buch, Anna war gerade von einem Nickerchen aufgewacht und öffnete eine Flasche Bier. Zwischen ihnen lag Annas Hund, ein isländischer Hütehund, den sie seit ein paar Monaten besaß.
»Lasst uns was spielen«, durchbrach Anna die Stille. »Ich sehe was, was du nicht siehst – eine Sache im Auto oder draußen, auf der Straße oder im Sand …«
»Hey, das hab ich schon ewig nicht mehr gespielt«, fiel Egill ihr ins Wort, mit kindisch freudiger Stimme nach dem dritten Bier und dem zehnten Schluck aus dem Flachmann.
»Spannend«, spottete Hrafn. Er musterte Anna im Rückspiegel, ihre dunkle Silhouette und das schwache Glänzen ihrer Augen. »Was meinst du mit ›Sache‹? Wenn ich das Gewissen oder das Blut deines Mannes nehme, gilt das auch?«
»Wie krank«, entgegnete sie belustigt. Egill schaute aus dem Fenster, und Hrafn kam es so vor, als blicke er in den Seitenspiegel, zu Vigdís, die hinter ihm saß. »Nein, Blut nicht. Alles, was man nicht sehen kann, ist verboten.«
»Wovon sprecht ihr?«, fragte Vigdís und klappte Die Flora Islands zu, in die sie vertieft gewesen war. Anna erklärte ihr das Spiel und sagte, sie werde anfangen.
»Na, dann los!«, sagte Egill, und das Spiel begann. Hrafn löste den Blick nicht von der Schotterpiste, die immer schwerer zu erkennen war, je dunkler es wurde. Die Abende waren nicht mehr so hell, nachts wurde es schon für ein paar Stunden dunkel, und der Winter drang in seine Gedanken, türmte sich am Horizont auf wie ein Wellenbrecher und verstärkte die Unruhe, die ihn in den vergangenen Tagen ergriffen hatte. Seit der Mittagszeit hatte er den starken Drang, so schnell wie möglich zurück in die Stadt zu fahren.
»Die Augen des Fahrers?«, riet Vigdís, während der Jeep weiter an den Leitpfosten vorbeiglitt, die in der Dunkelheit aufleuchteten. Hrafn kurbelte die Scheibe herunter, steckte den Kopf aus dem Fenster und sah, dass der Himmel voller Wolken war, aber sie befanden sich ja auch im Hochland.
»Glaubst du, du findest es in den Wolken?«, fragte Anna hinter ihm lachend.
»Ihr müsst mir helfen, Jungs«, sagte Vigdís. »Mir fällt nichts mehr ein.«
»Ein Leitpfosten?«, schlug Hrafn vor und kurbelte die Fensterscheibe wieder hoch. Anna verneinte. Der Polarwinter, dachte er. War das eine Sache? Zumindest waren seine Spuren überall zu sehen, vom Frost zersprungene Felsbrocken, nichts Grünes, keine Farben, keine Flora. Nur Sand, Geröll, unterschiedliche Nuancen von Schwarz und Grau.
Schon bald sanken die Wolken bis auf die Erde hinunter, und sie fuhren in den Nebel. Das Licht der Autoscheinwerfer schnitt zwei Kegel in den Nebel, sodass er weiß wurde, an den Seiten über dem schwarzen vulkanischen Sand blieb er dunkelgrau. Die Sicht reichte nur noch zehn oder zwanzig Meter weit, und Hrafns Augen fingen schnell an zu brennen, weil er die ganze Zeit in die Dunkelheit starrte. Er hätte nichts gegen eine kleine Pause gehabt, aber Egill war zu betrunken zum Fahren, und den Frauen traute er das ohnehin nicht zu, nicht in bewohnten Gegenden und schon gar nicht hier auf den Sandflächen.
Er hielt den Wagen an, um zu pinkeln und kurz Luft zu schnappen, und blickte in den Nebel, der schnell dichter wurde und sich kalt und feucht auf sein Gesicht legte. Keiner von ihnen hatte auch nur die geringste Erfahrung mit Hochlandtrips oder wusste, was man machen musste, wenn das Auto nicht mehr ansprang. Vigdís hatte das bei der Planung der Reise angesprochen, aber Egill und er hatten sie mit ein paar unverbindlichen Floskeln beruhigt. Das GPS war zwar angeschlossen, doch kurz nachdem sie vom Askja-Vulkan weitergefahren waren, hatte es plötzlich nicht mehr funktioniert – vielleicht hätte es sich wieder aktivieren lassen, aber keiner von ihnen kannte sich richtig mit dem Gerät aus.
Er überlegte, wie lange ein Mensch alleine da draußen in der Sandwüste überleben würde. Im Sommer ein paar Tage, mit Zugang zu Wasser und einem Schutz vor dem Wind, aber im Winter wohl nur ein paar Stunden, vielleicht sogar Minuten; die Angst davor, verloren zu sein, presste das Blut in die Haut und kühlte den Körper aus, man verlor die Orientierung, die Anstrengung war zu groß, und man geriet in Panik.
Er stieg wieder ins Auto und fuhr weiter. Die Leitpfosten leuchteten wie die Augen von Tiefseefischen fahl im Nebel auf. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Egill sich eine Zigarette anzündete und die Flasche erneut zum Mund führte. Er hörte ihn lachen. Die anderen spielten immer noch, und schlagartig wurde ihm klar, wie absurd das alles war, zu viert über die Sandflächen nördlich des Vatnajökull-Gletschers zu gleiten, bei Dunkelheit und Nebel, beinahe als gäbe es nichts Selbstverständlicheres; dabei mexikanisches Bier zu trinken, leicht bekleidet in der Wärme, die sie mit den Drehschaltern am Armaturenbrett regulierten, Musik in den Ohren; reglos durch die Landschaft getragen zu werden, ohne das Knirschen und Knacken zu hören, wenn die Reifen den Schotter zermahlten, sich um nichts Sorgen zu machen, nicht wirklich – jedenfalls nicht um die Reise, sondern um ganz andere Dinge, ihre Beziehungen, etwas, das jemand gesagt oder getan hatte, kürzlich, gestern oder vor zwanzig Jahren, ihre Kontostände, während sie die Natur draußen an sich vorbeiziehen sahen …
Er kam wieder zu sich, versuchte sich auf die Piste zu konzentrieren, wusste aber sofort, dass etwas verändert war. Nach ein paar Minuten schwenkte er erst in die eine Richtung, dann in die andere, bremste und hielt schließlich an.
»Was ist los?«, fragte Egill.
»Seht ihr noch Leitpfosten?« Hrafn versuchte sich zu erinnern, wann er zuletzt einen gesehen hatte. Der Abstand zwischen ihnen war irgendwann immer größer geworden, und der Nebel hatte sie rasch verschluckt.
»Scheiße«, fluchte Egill, richtete sich auf seinem Platz auf und spähte aus dem Fenster. Anna erschien zwischen den Vordersitzen und fragte, ob sie sich verfahren hätten.
»Wär doch cool«, fügte sie hinzu. »Im Nebel verirrt, wie im Märchen.«
»Wann haben wir den letzten Leitpfosten gesehen?«, fragte Hrafn und fixierte Vigdís im Spiegel. Sie hob eine Augenbraue.
»Keine Ahnung«, antwortete sie. »Ich hab mich auf das Spiel konzentriert.«
Hrafn schaute wieder nach vorne ins Scheinwerferlicht, in die weißen Nebelschleier, trat aufs Gaspedal und fuhr langsam wieder los.
»Sag bloß, du hast die Piste verloren!«, stichelte Egill.
»Die finden wir schon wieder«, meinte Anna und quetschte sich zwischen den Sitzen nach vorne. Sie roch so stark nach Alkohol, dass einem fast schwindlig wurde. Es konnte noch nicht lange her sein, dass sie von der Piste abgekommen waren. Hrafn hatte das dumpfe Gefühl, sich etwas zu weit links gehalten zu haben, was bedeutete, dass die Piste rechts von ihnen lag.
Er bog nach rechts und versuchte, die Richtung zu halten. Als Vigdís fragte, was er da mache, erklärte er es ihr. »Dann können wir nur hoffen, dass die Piste nicht auch eine Rechtskurve macht«, sagte sie, und Anna kicherte.
Hrafn fuhr weiter nach rechts, bis er glaubte, so weit gefahren zu sein, dass die Piste nicht auf der rechten Seite liegen konnte. Außerdem war er wahrscheinlich so scharf abgebogen, dass sie im Kreis fuhren, in einem verhältnismäßig kleinen Kreis, und vielleicht sogar schon mehrmals. Die anderen hatten zu viel getrunken, um es zu bemerken, oder es war ihnen egal.
Er hielt wieder an, schaltete das Radio aus, um sich besser konzentrieren zu können, und holte den Kompass aus dem Handschuhfach.
»Na endlich«, nuschelte Egill. »So kriegen wir das hin!«
Hrafn nahm den Kompass, legte ihn auf seinen Schoß und fuhr weiter Richtung Osten.
»Wozu machst du das?«, fragte Anna.
»Damit ich nicht im Kreis fahre«, antwortete er und blickte abwechselnd auf den Kompass und die vor ihnen liegende Sandfläche.
»Fahren wir denn in die richtige Richtung?«, fragte Vigdís.
»Die Piste, auf der wir waren, verlief von Norden nach Süden«, erklärte er. »Ich bin mir sicher, dass wir von ihr nicht nach links abgekommen sind. Was bedeutet, dass wir uns westlich von ihr befinden, und jetzt fahren wir nach Osten, um wieder auf sie zu treffen. Einverstanden?«
Vigdís hob wieder die Augenbrauen, und er hatte den Eindruck, dass sie genervt war.
»Klingt gut«, sagte sie. »Es sei denn, wir überqueren die Piste, ohne es zu merken, zwischen den Leitpfosten …«
»Da müssen wir eben aufpassen. Wer auf der rechten Seite sitzt, schaut nach rechts, und die anderen nach links.« Das vertraute Gefühl der Verzweiflung, der Klaustrophobie war zurückgekehrt. Er kurbelte die Fensterscheibe runter und sah, wie der Nebel immer dichter wurde, roch den Alkohol immer intensiver.
»Wie konntest du nur die Scheißpiste verlieren?«, hörte er Egill neben sich jammern und konnte ihn nicht länger ignorieren.
»Du bist genauso daran schuld! Du sitzt doch direkt neben mir und schaust aus demselben verdammten Fenster!«
»Aber ich fahre ja wohl nicht, oder?«
»Mensch, Jungs«, sagte Vigdís und berührte Hrafn an der Schulter, »jetzt kommt mal wieder runter und atmet tief durch. Das wird schon wieder, vielleicht sogar schneller,...
| Erscheint lt. Verlag | 12.9.2016 |
|---|---|
| Übersetzer | Tina Flecken |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Halendid |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | eBooks • Einöde • Horror • internationaler Bestseller • Island • Isländische Literatur • Isländisches Hochland • Mystery • Psychothriller • Stephen King • Thriller • Unfall |
| ISBN-10 | 3-641-17501-1 / 3641175011 |
| ISBN-13 | 978-3-641-17501-6 / 9783641175016 |
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