Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und studierte in Kalifornien englische Literatur. Er arbeitete als Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete und zu einem der bestverkauften Spannungsautoren aller Zeiten wurde. 2001 gestorben, gilt Laymon heute in den USA und Großbritannien als Horror-Kultautor, der von Schriftstellerkollegen wie Stephen King und Dean Koontz hoch geschätzt wird.
1
Dienstag, 27. April
Verna Lavette klatschte in die Hände.
»Meine Lieblingssüßigkeiten!«, quiekte sie.
Mandelmarzipan, Walnuss-Nougat und dazu noch die superleckeren Butterkaramellbonbons …
»Tausend Dank«, sagte sie, und ihr pausbackiges Gesicht strahlte bis über beide Ohren.
»Keine Ursache, Süße«, sagte der Mann. »Ist mir wie immer ein Vergnügen.«
Verna schaute ihn mit großen Augen an. »Kann ich jetzt schon mal eins haben? Bevor wir …«
»Klar doch, greif zu. Nimm dir ruhig zwei oder drei, aber …« Er schaute auf seine Armbanduhr. »Mach halt schnell. Wir sollten keine Zeit verlieren.«
Sie nahm ein Butterkaramelltoffee, nuckelte daran und betrachtete ihren Wohltäter. Na ja, überlegte sie, so ein großer Wohltäter ist er auch wieder nicht. Schließlich bekommt er von mir einiges für sein Geld – und die Süßigkeiten. Nicht zu vergessen die Süßigkeiten.
Sie verzog das Gesicht.
Dafür musste sie ganz schön rackern.
Und trug dabei jede Menge Schrammen davon.
Genau. Wenn man es so betrachtete, kam der Candyman bei der Sache ganz gut weg.
Anscheinend gefällt es ihm, was ich mache. Und wie ich es mache, dachte sie. Schließlich kommt er immer wieder.
Wie zum Beispiel jetzt.
Der Raum war dunkel. Das einzige Licht kam von dem Scheinwerfer auf einem Stativ neben ihrem Bett. Er sagte, sie solle ihren Slip ausziehen, ganz langsam und sexy, so wie Marilyn Monroe.
So fing es jedes Mal an.
Dann ging es weiter mit … anderen Sachen …
Manche Typen hatten merkwürdige Vorlieben. Und Mr. Candyman war da keine Ausnahme. Manchmal fragte sie sich, ob es das Ganze wirklich wert war. All die Sachen, die er von ihr verlangte.
Sie seufzte. In ihrem Job und vor allem bei ihrem Aussehen konnte man nicht groß wählerisch sein. Da musste man für jeden Cent hart rackern.
Wobei der Candyman gut zahlte.
Sie schaute zu, wie er den Scheinwerfer so ausrichtete, dass er ihre linke Seite beleuchtete. Dann tastete er in seiner Reisetasche herum und brachte eine Polaroidkamera zum Vorschein.
Er kniff ein Auge zu, schaute durch den Sucher und drückte zweimal auf den Auslöser. Probeaufnahmen, um die Lichtverhältnisse zu testen. Verna kannte die Prozedur in- und auswendig.
Er wartete einen Augenblick, während der Kameramechanismus sirrend die Polaroids ausspuckte.
Dann nahm er eines der Bilder zur Hand und schaute zu, wie die Farben zum Vorschein kamen.
»Scheiße«, murmelte er und verzog das Gesicht. Er warf das Foto auf das Bett.
Anscheinend gefiel ihm das Ergebnis nicht.
Das zweite Foto war offensichtlich besser gelungen.
Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein zufriedenes Lächeln ab. Seine Zähne schimmerten im Scheinwerferlicht.
Das ist mein Baby.
Dann also ran an die Arbeit.
Schweißperlen sammelten sich auf seiner Oberlippe.
Er legte die Polaroidkamera auf Vernas Nachttisch und nahm eine kleine silberfarbene Kamera aus seiner Tasche.
Verna lächelte. Einer von diesen kleinen japanischen Apparaten – der Kerl spart jedenfalls nicht am falschen Ende.
Vor ihren Augen begannen Dollarzeichen zu tanzen.
Der Candyman war nackt.
Verna betrachtete seine Erektion. Sein Schwanz war leicht zur Seite geneigt, ansonsten aber hart und kräftig und eingerahmt von dichten, gekräuselten schwarzen Haaren.
Nicht übel, dachte sie, und ein heftiges Kribbeln der Begierde durchzuckte ihren Körper.
Mach beim ersten Mal alles richtig, und vielleicht, aber nur vielleicht, kann Verna ja mal davon kosten.
Sie seufzte. Der Candyman war an Sex nicht interessiert. Das Einzige, was ihn interessierte, waren seine verdammten Fotos. Dabei hatte sie sich alle Mühe gegeben, ihn zum Sex zu bewegen. Aber er war nur sauer geworden und hatte ihr einen ordentlichen Satz Backpfeifen verpasst.
Wenn er nicht so gut aussehen würde, wäre er einfach nur ein Perversling wie all die anderen. Allerdings ein mächtig gut aussehender Perversling. Das musste man ihm lassen. Einer von der stillen Sorte, die nicht viel redet.
Mit der Kamera umgehen kann er allerdings.
Verna fröstelte. Irgendwann ging’s mit jeder Frau bergab – alles nur eine Frage der Zeit. Eingehend betrachtete sie sein Gesicht. Es wirkte völlig ausdruckslos und konzentriert. Vielleicht ist er aus der Pornobranche, dachte sie. Verdient sich dumm und dusselig mit dem Verkauf von schweinischen Fotos. Sie hatte früher mal in ein paar Pornos mitgespielt, sie kannte sich aus in dem Geschäft und wusste, dass da massenhaft Kohle rauszuholen war.
Andererseits konnte es auch sein, dass der Typ die Bilder einfach nur zu Hause in seinem Kabuff betrachtete und sich einen drauf runterholte …
Wen kümmert’s! Ich mach meine Arbeit und lass mich ordentlich dafür bezahlen …
Sie schob ihre blonde Mähne in den Nacken und legte los.
Fertig für die Nahaufnahmen, Mr. DeMille.
Sie warf sich in Pose. Machte einen Schmollmund. Zog ihre Schulter hoch, schaute in die Kamera und lächelte kokett. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und zog spielerisch einen Träger ihres BH herunter.
Der Candyman stellte die Entfernung scharf.
»Lass ihn langsam runterrutschen. Leg deine Hände auf deine Brüste, Süße. Spiel an ihnen rum … als ob du es dir selbst besorgst … genau so. Und jetzt für die nächste Aufnahme …«
Verna wusste Bescheid. Es war nicht ihr erstes Mal. Ganz im Gegenteil. Wie oft hatte sie schon ausgestreckt auf dem Bett gelegen wie eine von diesen Jungfrauen, die in irgendwelchen Zeremonien geopfert werden, von denen man immer in irgendwelchen Geschichtsbüchern las.
»Ja?«
Beinahe hätte sie laut gelacht.
Mit dem einen Unterschied, dass die gute Verna garantiert keine Jungfrau war.
Der Candyman machte ein paar Aufnahmen. Dann erhob er sich und legte die Kamera auf den Nachttisch, griff nach seiner Reisetasche und steckte die Polaroids hinein. Seine Hose und sein T-Shirt hatte er schon vorher dort hineingepackt.
Nachdem er sie ordentlich zusammengefaltet hatte.
So waren sie aus dem Weg.
Er brachte ein Messer zum Vorschein.
Verna zuckte zusammen. Eine falsche Bewegung mit dem Ding, und ich kann mir die Toffees in die Haare schmieren.
Er beugte sich über das Bett. Sein Körper verdeckte den Scheinwerfer.
Ihr Herz schlug schneller.
Sie betrachtete die Klinge und spürte ein stechendes Kribbeln der Erregung zwischen ihren Beinen, das sie ziemlich scharf machte. Aber irgendwie war es auch gruselig.
Eigentlich zu gruselig für ihren Geschmack. Nicht zu wissen, was der Typ als Nächstes anstellen würde.
Er strich mit der Kuppe eines seiner Finger von ihrer Kehle hinunter zu ihrem Schambein. Seine Berührung war sanft, sanft wie eine Feder, ganz anders, als man es bei einem Mann seiner Größe erwartet hätte.
Sie zuckte ein wenig hin und her.
»Ohh, das kitzelt …«
»Psst. Ganz ruhig, Süße. Sei ganz still. Mr. Candyman wird hier gleich ein Meisterwerk kreieren.«
Verna schloss die Augen.
Soll der doch seinen Spaß haben, wenn er so drauf steht.
Schließlich zahlt er ja dafür. Da hat er auch das Sagen …
»Heyyyyy, wassolldas …? Aaaahhhgggg …«
Blut spritzte über das Gesicht des Candyman.
Er stieß ein Grunzen aus, öffnete den Mund und leckte sich die Lippen.
Sein Messer glitt über Vernas Oberkörper und zuckte ein wenig am Ende des Brustbeins. Er wurde etwas langsamer, stieß es dann tief in ihren Unterleib und brach die Bauchhöhle auf wie bei einem Schaf im Schlachthaus.
Vernas roter Mund klappte auf. Sie sah aus, als sei sie völlig überrascht.
Ihre blauen Augen waren weit aufgerissen und wurden allmählich glasig.
Fasziniert betrachte der Candyman das Schauspiel. Er mochte die Art, wie Verna ihre Augen schminkte. Schwarzer Kajalstift. Und diese langen schwarzen Wimpern. Sie hatte ihm irgendwann erzählt, dass sie früher mal als Nachtclubsängerin in einem Laden in Frisco gearbeitet hatte. Gut möglich, dachte er. In dem Geschäft verstanden sie was von Make-up.
Er stand auf und neigte den Kopf ein wenig zur Seite.
Ein Künstler, der sein Werk betrachtete.
Was er...
| Erscheint lt. Verlag | 12.9.2016 |
|---|---|
| Übersetzer | Kristof Hahn |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Lake |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | eBooks • Horror • Psychothriller • See • Serienkiller • Thriller |
| ISBN-10 | 3-641-15925-3 / 3641159253 |
| ISBN-13 | 978-3-641-15925-2 / 9783641159252 |
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