Die Dufthändlerin (eBook)
400 Seiten
Heyne (Verlag)
978-3-641-16642-7 (ISBN)
Jutta Oltmanns, geboren 1964, schreibt neben ihrer Tätigkeit bei der Bundesanstalt für Verwaltungsdienstleistungen historische Romane. Ostfriesland ist zugleich Inspiration und Schauplatz ihrer Bücher. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten und zwei Söhnen in Warsingsfehn, wo sie an ihrem nächsten großen Roman arbeitet.
1
Eigentlich hatte sie wirklich Besseres zu tun. Josefine dachte an die Blütendüfte, die in Tiegeln und Flakons bereitlagen, um zu neuen Kreationen zusammengestellt zu werden, und an den Sack getrockneter Gewürze, die es noch zu destillieren galt. Dann war da die parfümierte Pomade im Laboratorium, die in kleine Gefäße abgefüllt und etikettiert werden musste. Stattdessen verbrachte sie ihre Zeit mit Pillendrehen!
Eine helle Haarsträhne hatte sich aus dem nachlässig aufgesteckten Knoten gelöst, und Josefine schob sie mit einer ungeduldigen Bewegung zurück. Dann griff sie nach Mutterkraut und Weidenrinde, maß geschickt die Mengen für die Pillen gegen Kopfschmerzen ab und schüttete sie in den Mörser. Mit einer flinken Bewegung gab sie eine Lösung hinzu, nahm den Stößel und verarbeitete alles zu einem Brei.
Aus der Offizin, dem Verkaufsraum der Apotheke, schallte die durchdringende Stimme der Witwe Holtmann zu ihr herüber. Josefine verzog den Mund. Musste ihr Vater stundenlang mit diesem Weib plauschen? Kein Wunder, dass sich die Aufträge stapelten! Die Holtmannsche hatte es doch nur wieder darauf abgesehen, dass Meinhardus ihr die teure Salbe zu einem Spottpreis überließ, und so, wie Josefine ihren Vater kannte, würde er sich erweichen lassen. Wovon sie das fehlende Brennholz kaufen sollten, darüber machte er sich erst Gedanken, wenn das letzte Stück im Ofen lag.
Josefine seufzte leise und sah aus dem Fenster auf die dick vermummten Gestalten, die durch die engen Gassen eilten. Es war zwar schon April, doch der Frost wollte nicht weichen und setzte den Häusern und Bäumen weiße Kappen auf. Dazu wehte ein schneidender Wind. Tagsüber musste der Kamin in der Offizin unablässig brennen, ebenso wie das Feuer hier in der Materialkammer, wo auch die Arzneien zusammengestellt wurden. Mit klammen Fingern konnte man weder abmessen noch anrühren, und abends, wenn ihr Vater sich mit ihrem Onkel Bertram am Branntwein labte, wollte er auch warm sitzen.
Verbissen rührte Josefine weiter. Als die Mischung die richtige Konsistenz besaß, erhellte sich ihr Gesicht. Sie rollte die Masse auf der Arbeitsfläche zu einem gleichmäßigen Strang und drückte sie in die Felder eines Pillenbretts.
Josefines Blick huschte durch den Raum. Auf Regalen und in Schubkästen befanden sich – verstaut in Kästen, Gläsern oder Büchsen – Materialien, die für die Fertigung der Arzneien unerlässlich waren. Welchen Überzug sollte sie nehmen? Mutterkraut und Weidenrinde waren beide furchtbar bitter. Zucker wäre am besten. Josefine schnitt die Pillen, gab sie vorsichtig in den Dreher zum Runden und versah am Schluss alles mit einem süßen Überzug. Zum Trocknen legte sie die Pillen auf ein Sieb.
Gerade als Josefine den Rock ihres blauen Wollkleids anhob und leichtfüßig die Treppe hinaufeilte, um noch einige Duftsäckchen vom Trockenboden zu holen, verkündete die Glocke an der Tür das Ende des Besuchs. Gut so! Dann würde die nörgelige Witfrau zumindest ihr nicht mehr die Ohren volljammern können.
Josefine betrat die Offizin durch eine Tür hinter dem Rezepturtisch, der den Verkaufsraum teilte. Zwei Wände waren mit deckenhohen Regalen verkleidet, auf denen in langen Reihen helle, fein säuberlich etikettierte Keramikgefäße und mit Stopfen versehene Gläser standen. Ihre Beschriftungen trugen Namen wie Türkischer Rhabarber, Fieberpulver, Wermut und Schlafmohn. Getrennt davon fanden sich die Zutaten für die Farben der Maler. Im unteren Bereich waren die Regale mit zahllosen Schubfächern bestückt, die getrocknete Kräuter, Blätter und Samen von Heilpflanzen und deren Wurzeln sowie zwischen Wachspapier gelagerte Pflaster und Messlöffel enthielten.
Über dem Rezepturtisch baumelten in einer Halterung unterschiedliche Waagen, Gerätschaften und Rezepturbindfäden. Von den Deckenbalken hingen Bündel mit getrocknetem Mohn und Kamille, Salbei und Minze. Dazwischen schlängelte sich eine holzgeschnitzte Äskulapnatter, schon seit alters her Symbol der Heilkunst. Äskulap war der Schutzpatron der Ärzte und Apotheker.
Um einen runden Tisch beim Eingang scharten sich bequeme Stühle, die auf Gäste zu warten schienen. Ein weißer verzierter Schrank barg Josefines Duftkreationen, zu denen sich jetzt die Lavendel- und Rosmarinbeutel vom Trockenboden gesellten. Hier verkaufte Meinhardus während der Geschäftszeiten ihre Parfüms, Seifen, Riechsäckchen und Pomaden. Abends versammelten sich die Kunden um den Tisch und ließen sich den Wein, die Liköre und Obstwässer schmecken, die Josefines Onkel feilbot. Auch getrocknete und kandierte Früchte, Schokolade, Tee aus China, Kaffee und Kakaopulver gab es bei Bertram Meinen zu kaufen.
Der Laden war jetzt leer. Josefines Onkel, dessen lange, dürre Gestalt in einem untadeligen Gehrock aus braunem Tuch steckte, und der auf dem Kopf eine ewig rutschende Perücke trug, staubte mit missmutiger Miene Regale ab, während ihr Vater summend das Sortiment in den Schubladen ergänzte. Seine bärenhafte Gestalt wurde von einem wehenden Umhang in dunklem Rot umhüllt, der besonders gut mit der langen grauen Haarpracht harmonierte, die ihm das Tragen eines Haarersatzes ersparte. Er war bester Laune, und das schien seinen Bruder besonders zu ärgern.
»Ich schäme mich für dich, Meinhardus! Sobald ein Weibsbild dir Honig um den Bart schmiert, wirst du zum Narren!«
»Du bist nur neidisch, dass sie ihren Honig nicht an dich verschwendet hat. Es dauert mich ja, Bruderherz, dass die Natur es nicht besser mit dir gemeint hat. Diese spitze Hakennase, das vorstehende Kinn, keine Haare auf dem Kopf und nichts auf den Rippen. Ich kann die Witwe verstehen! Frauen gefallen stattliche Männer eben besser als dürre Lattenkerle.«
»Stattlich? Von wem sprichst du? Ich sehe hier nur einen aufgeblasenen dicken Strohkopf, der dumm genug ist, sich die Butter vom Brot schwatzen zu lassen.«
»Wollt ihr wohl friedlich sein?!«
Josefine baute sich kopfschüttelnd vor den beiden Männern auf.
»Dein Vater ist der größte Dummkopf unter der Sonne!«
»Dein Onkel ist ein Neidhammel.«
Glockenläuten machte dem Wortgefecht ein Ende. Ein Fremder in einem dunklen Reiseanzug betrat den Raum, und Josefines Vater sprang eilfertig herbei.
»Guten Tag, mein Herr. Willkommen in Meinhardus Meinens Apotheke. Womit kann ich Euch dienen?«
Bertram verzog den Mund, als der Kunde mit einem Magenmittel den Laden wieder verließ.
»Deine Apotheke? Du brauchst gar nicht so zu tun, als gehörte dir der Laden alleine. Alter Angeber und Schwerenöter. Ohne Josefines Düfte, meine Stärkungsmittel und den guten Wein hätten wir nur halb so viele Kunden. Die meisten ziehen meine Genussmittel doch deinen bitteren Pillen vor!«
»Dein Gesöff kannst du doch nur verkaufen, weil ich als Apotheker sie in angemessener Menge verordnen darf. Wer hat für sechs Jahre seine Heimat verlassen müssen, um bei dem alten, stocktauben Klaas Buntekuh im Schweiße seines Angesichts das Handwerk zu erlernen?«
Bertram brach in schallendes Gelächter aus. »Im Schweiße seines Angesichts! Du bist so faul wie die Sünde! Immer schon gewesen. Und gearbeitet hast du zeit deines Lebens mehr mit der Zunge als mit den Händen!«
»Pah! Was habe ich als Lehrjunge in Amsterdam geschuftet! Schon vor dem Morgengrauen hieß es Kessel putzen, Standgefäße reinigen, Fußböden scheuern und derlei mehr. Tagsüber wurde ich als Bote herumgescheucht und habe Vorräte einsortiert. Nebenbei galt es, sich die Farben, den Geruch und die Beschaffenheit der zahllosen Arzneien einzuprägen und abends, beim Schein einer alten Funzel, Stunde um Stunde über Latein und Botanik zu schwitzen. Was habe ich gezittert, als ich vor dem strengen Physikus meine Prüfung ablegen musste!«
»Ach hör mir doch auf mit den alten Geschichten! Dein Studienfreund Cornelis hat mir von Zechgelagen und der weiblichen Kundschaft erzählt, der ihr beiden nicht nur Mittelchen gegen Hühneraugen verkauft habt.«
Meinhardus riss den Mund auf, schloss ihn dann nach einem raschen Blick auf Josefine wieder. »Cornelis ist ein altes Tratschweib!«, sagte er schließlich. »Wahr ist und bleibt, dass ich vom Fürsten eigenhändig beauftragt worden bin, hier in unserem schönen Flecken eine Apothekerstube aufzubauen! Ich! Ich ganz allein!«
»Der Fürst hat doch nie ein Wort mit dir gewechselt. Die Regentschaft suchte damals händeringend nach einem Pillendreher für den Flecken Leer, und du warst als Einziger zur Stelle. Wenn der Fürst wüsste, was du unter der Hand für Geschäfte treibst! Ist dir eigentlich klar, dass du ihn betrügst, wenn du deine Arzneimittel den Seeleuten im Tausch gegen Plunder aus aller Welt kostenlos überlässt und ihm die Steuern schuldig bleibst?«
»Was sagst du da? Plunder? Mein Kuriositätenkabinett mit ihren Kostbarkeiten ist eine Wunderkammer, die ihresgleichen sucht!«
»Wunderkammer? Das ist doch wohl eher eine Gruselkammer! Ausgestopfte Vögel, Fische und anderes totes Getier hängen einem vor der Nase, in den Schubladen stinken Muscheln, Schlangenhäute und Insekten vor sich hin. Die Schränke sind voll mit Taranteln, Riesenspinnen und getrockneten Kröten. Mumien und Skelette stehen in den Ecken, dass einem angst und bange wird. Und dann die Glasflaschen mit den unaussprechlichen Kreaturen, die du in Weingeist eingelegt hast.« Bertram schüttelte sich. »Plunder! Und dafür überlässt du den Seeleuten die teuersten Medikamente, meinen besten Wein und Josefines liebliche Düfte. Fehlt nur noch, dass du anfängst, alte Zähne und Fußnägel zu...
| Erscheint lt. Verlag | 12.9.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| Literatur ► Krimi / Thriller / Horror | |
| Schlagworte | Amsterdam • eBooks • Historische Romane • Historischer Roman • Liebe • Parfüm • Peter der Große • St. Petersburg |
| ISBN-10 | 3-641-16642-X / 364116642X |
| ISBN-13 | 978-3-641-16642-7 / 9783641166427 |
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