Gans und gar (eBook)
232 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-74924-0 (ISBN)
Was passiert, wenn der Edeka auf der kleinen Ostseeinsel vor dem Fest keine TK-Gans mehr im Angebot hat? Man schießt sich selber eine. Ob der Braten geschmeckt hat, wird der geneigte Leser nicht mehr erfahren, denn ihn hat schon die nächste Protagonistin im Schlepptau, die mit einem Fresskorb zum Flüchtlingslager unterwegs ist, denn Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe - derweil andernorts der Großvater einsehen muss, dass er des Weihnachtsbratens ohne elektrisches Messer nicht Herr wird, und das vor den Enkeln, am Heiligen Abend! Dass so ein Festessen wegen Familienturbulenzen auch einmal ganz entfallen kann - davon erzählen Tanja Dückers, Daniel Schreiber, Robert Stadlober, Edgar Rai, David Wagner, Antonia Baum, Olga Martinova und viele andere.
Es ist angerichtet, überraschende Geschichten - und so manches Rezept für einen kulinarischen und sorgfältig inszenierten Anlass: das Weihnachtsessen.
<p>Susanne Gretter studierte Anglistik, Romanistik und Politische Wissenschaft in Tübingen und Berlin. Sie hat zahlreiche Bücher herausgegeben, darunter die Reihe <i>Die kühne Reisende. </i>Sie lebt und arbeitet als Verlagslektorin in Berlin.</p>
Susanne Gretter studierte Anglistik, Romanistik und Politische Wissenschaft in Tübingen und Berlin. Sie hat zahlreiche Bücher herausgegeben, darunter die Reihe Die kühne Reisende. Sie lebt und arbeitet als Verlagslektorin in Berlin.
Stefan Moster
Schinken, Gans und Mandelkern
Silja
Sie hatte einen Schinken von zwölf Kilo, aber nur Esser für zwei Pfund – falls sie selbst kräftig zulangte. Ihr Mann aß kein Fleisch, ließ sich nur ihr zuliebe eine dünne Scheibe abschneiden, überzog sie mit einer messerklingendicken Schicht von Siljas selbstgemachtem Cognacsenf und verzehrte die Kreation mit einem Ausdruck von Duldsamkeit, der Silja an jedem gewöhnlichen Tag zur Raserei bringen würde.
Vor dem Schinken wurde Lachs serviert, mit Salz, weißem Pfeffer und Zucker bestreute und mit viel Dill belegte Filets, die am 22. Dezember aufeinander gelegt, zugedeckt und mit einem Stein beschwert wurden, was pünktlich zum Heiligabend echten Graved Lachs ergab. Den mochte ihr Mann, wie auch den Hering, den sie selbst einlegte, mit roten Zwiebeln, Karotten, Lorbeerblättern, Ingwer und Piment. Man hatte keine Wahl: Wenn man aus Finnland stammte, man musste an den weihnachtlichen Traditionen festhalten. Speziell am Schinken.
Den konnte man in der Heimat in jedem Supermarkt kaufen, in Deutschland nirgendwo. Jedenfalls nicht in der richtigen Form: am Stück. Silja hatte nach dem Umzug einen Fleischer auf dem Festland so lange bearbeitet, bis er bereit gewesen war, ihr jedes Jahr einen Schinken nach finnischem Rezept zu pökeln, allerdings ohne über die Größe mit sich handeln zu lassen. Eine ostfriesische Sau hatte nun mal hinten zweimal zwölf Kilo drauf. Das Fahrrad schlingerte, wenn man mit dem Trumm im Korb auf die Fähre fuhr, aber es war erhebend, zu wissen, dass alles werden würde, wie es sich gehörte.
Ginge es nach ihrem Mann, gäbe es weder Christbaum noch Geschenke und zum Essen Kabeljau. Er nahm sich sogar heraus, den Vormittag des Vierundzwanzigsten seinem alltäglichen Hobby zu widmen. Kurz nach Sonnenaufgang hatte er mit seinem Fernrohr das Haus verlassen. Silja war schon auf den Beinen gewesen, um die Aufläufe zuzubereiten, die es zum Schinken geben musste: Karottenauflauf, Steckrübenauflauf, Kartoffelauflauf. Letzterer verlangte Sorgfalt. Man garte am Vorabend die geschälten Kartoffeln und stampfte sie, gab Butter und Mehl hinzu, streute weiteres Mehl über den Kleister und stellte das Ganze bis zum nächsten Morgen kühl. Über Nacht sollte das Mehl sich dann so mit der Kartoffelstärke verbunden haben, dass die Masse eine schmierige Konsistenz annahm. Niemand wusste, warum das so gemacht wurde, aber alle taten es, vermutlich seit dem 17. Jahrhundert. Am Heiligabend kam noch die Milch, in der man die Kartoffelschalen ausgekocht hatte, hinzu, und dann schob man das, nun ja, recht traditionell schmeckende Gemisch in den Ofen. Die anderen Aufläufe waren simpler, vorausgesetzt man verfügte über die Zutaten. Im Laden waren keine Steckrüben vorrätig gewesen, Silja hatte den Besitzer anflehen müssen, damit er auf den letzten Drücker noch ein paar Rüben vom Festland kommen ließ.
Nils
Die Fähre benötigte für die Überfahrt 120 Minuten, und man sollte meinen, dass ein Mensch, der gut gefrühstückt hatte, zwei Stunden ohne Nahrungszufuhr auskommt. Aber nein. Die Töchter hatten ein Smoothie gewollt. Wie er das Wort schon hasste, die Art, wie sie es in die Länge zogen. Bot man ihnen Bananen an, lehnten sie hochmütig ab, doch wenn man vier Euro für verrührte Bananen mit Strohhalm investierte, strahlten sie. Musste man das verstehen?
Aber gut, es war Heiligabend, warum ohne Not schlechte Laune provozieren. Bitteschön, hier habt ihr meine Kreditkarte, die Geheimzahl kennt ihr ja, und bringt Mama und mir einen Kaffee mit. Der Hund trottete den Mädchen hinterher und wedelte hoffnungsvoll mit dem Schwanz, ein Retriever hat immer Hunger.
»Ist doch schön, dass sie noch mit uns fahren«, hatte seine Frau gesagt und sich an ihn gelehnt. Als wäre es eine Option gewesen, dass die Teenager zu Hause blieben. An der Selbstbedienungstheke alberten sie herum wie kleine Mädchen, wahrscheinlich waren sie aufgeregt wegen der Bescherung. Sie hatten die Geschenktüte registriert. Kleine Päckchen verhießen Kleinelektronik.
Ronja fuchtelte mit der Kreditkarte, wahrscheinlich stellten sich die beiden vor, wie sie auf Kosten ihres Vaters die Theke leerkauften, sie quatschten unentwegt, schafften es dabei aber trotzdem, Tassen und Becher aufs Tablett zu bekommen. Als es ans Bezahlen ging, stellte der Hund die Vorderpfoten auf die Theke, weil für ihn noch immer nichts abgefallen war, und schnappte nach Ronjas Arm, aber das Mädchen befreite sich, weil sie ja bezahlen musste. Bei der schwunghaften Bewegung flog ihr die Kreditkarte aus der Hand und landete auf dem Fußboden.
Der Hund apportierte sofort, das haben Retriever nun mal im Blut, es kostete ihn einige Mühe, das am Bodenbelag haftende Plastik zwischen die Zähne zu bekommen, und als es ihm endlich gelang, kaute er zunächst demonstrativ ein Weilchen darauf herum, bevor er die Karte bei Ronja ablieferte.
Die Frau an der Kasse stieß einen Befehl aus, den man aus der Entfernung nicht hören konnte, mit dem Resultat, dass Ronja die Karte mit einer Serviette abwischte, bevor sie sie ins Lesegerät steckte. Die Einkäufe wurden eingetippt, ein Schokoriegel war hinzugekommen, offenbar für den Hund, Svenja hatte einen kurzen Blick auf ihren Vater geworfen, als sie die Süßigkeit aus dem Ständer genommen hatte, aber länger als eine Zehntelsekunde war ihr schlechtes Gewissen nicht in Kraft gewesen.
Die Frau an der Kasse schüttelte den Kopf.
Nun blickte sich Ronja nach ihrem Vater um, aber nicht flüchtig, sondern flehend. Sie brauchte Bargeld.
Silja
Pöllö hatte versprochen, die Steckrüben auf dem Heimweg abzuholen. Er war allerdings nicht begeistert darüber, dass sie ihn auf den Namen Pöllö bestellt hatte. Dabei beschwerte er sich daheim nie über den Kosenamen, den sie ihm gleich zu Anfang gegeben hatte, bei zwanzig Grad minus unter einem fantastischen Sternenhimmel. »Die Milchstraße!«, hatte der Mann gerufen, der im Februar nach Finnland gekommen war, um Eulen zu hören, die in seiner norddeutschen Heimat nie auftauchten. Es gab auf der Insel nur die Sumpfohreule, nicht aber Uhu, Sperbereule, Habichtskauz. Vom Bartkauz ganz zu schweigen. Wegen dem vor allem war er nach Kuusamo gereist, er hatte sogar den finnischen Namen sagen können, Lapinpöllö, und gewusst, dass außer dem Uhu jede Eule auf Finnisch den Nachnamen pöllö trug, er hatte sich in der Hotelbar, die als Dorfkneipe und Jugendtreff fungierte, damit gebrüstet und war somit an seinem Spitznamen selbst schuld.
Dank ihrer Ortskenntnis konnte Silja ihn gleich in der ersten Nacht an die Stellen mit den rarsten Eulenarten führen. In der zweiten Nacht musste er dann nicht mehr in die Kälte hinaus. »Man will ja auch Land und Leute kennenlernen«, flüsterte er ihr im Hotelzimmer ins Ohr.
Pöllö
Gut viertausend Exemplare. Die Ringelgans hielt sich wacker. Wer die Statistik der auf der Insel überwinternden Tiere seit der ersten Zählung von 1876 im Kopf hatte, durfte das konstatieren. Er notierte sich die Zahl, schulterte sein Spektiv und wollte sich schon auf den Weg zum Hafengelände machen, um nach Meerstrandläufern und Ohrenlerchen Ausschau zu halten.
Der Wind kam aus Südwest, er schnitt nicht ins Gesicht und drückte sich nicht durch die Jacke, man sollte die Gunst der Witterung nutzen und einen Blick aufs Watt werfen, auf die Ronde Plate, oder auf die Salzwiesen südlich des Sees. Es war noch früh am Tag, Silja mit ihren Aufläufen beschäftigt. Hatte er versprochen, um eine bestimmte Zeit zu Hause zu sein? Nein. Und das Bäumchen war auch schon geschmückt.
Auf dem Teerdamm nördlich der Jugendherberge dauerte es nicht lange, bis er Gesellschaft hatte. Die neuen Bewohner der Herberge wussten mit sich nichts anzufangen und streunten herum, junge Kerle, nicht bestellt, nicht abgeholt. Zwei von ihnen näherten sich, als er die gerade eingeflogenen Saatgänse zählte. Sie kamen dichter an ihn heran, als es sich gehört hätte. Also die Herbergsbewohner, nicht die Gänse. Die hielten immer den gleichen Abstand. Sobald er die Zahl der Vögel notiert hatte, wandte er sich den menschlichen Ankömmlingen zu, damit sie ihn nicht für abweisend hielten. Er tat es zögernd, denn sie würden grinsen, ihn für einen Spinner halten und so weiter, wie das oft der Fall war, wenn er Fremden sagte, er beobachte mit seinem Fernrohr Vögel.
Aber sie grinsten nicht und stießen sich nicht gegenseitig an. Sie steckten ihre Telefone ein, sagten Moin und deuteten auf die Wiese. Sie wollten wissen, was da gerade gelandet war.
»Saatgänse. Wollt ihr mal gucken?«
Der Erste beugte sich übers Okular, brauchte eine Weile, bis er etwas im Bild hatte und sagte dann:
»Big!«
»Na ja, so eine Gans wiegt schon ihre vier Kilo.«
»Eat?«
»Nein! Die stehen unter Schutz. Die Deutschen essen zwar Gans zu Weihnachten, aber nicht solche. Und nicht alle Deutschen. Ich zum Beispiel esse keine.«
Dass die beiden das nicht verstanden, las er an ihren Gesichtern ab. Sie nahmen ihre Telefone wieder zur Hand und fotografierten die 432 Saatgänse. Er empfahl ihnen, Fotos durch das Fernglas hindurch zu machen, die Handykamera einfach aufs Okular zu halten. Tatsächlich waren die Jungs von den Nahaufnahmen beeindruckt und tauschten sich eine Weile aufgeregt in ihrer Sprache aus.
»We eat!«, riefen sie dann, und er konnte nicht erkennen, ob sie ihn damit ärgern wollten, denn sie liefen bereits davon. Das...
| Erscheint lt. Verlag | 13.9.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Anthologien |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 50plus • Advent • Anthologie • Antonia Baum • Auswahl • Best Ager • Blütenlese • buch-geschenk • buch zum verschenken • Christbaum • Daniel Schreiber • David Wagner • Edgar Rai • Familienfest • Festtage • Generation Gold • Geschenkbuch • Geschenkbücher • Golden Ager • Heiligabend • insel taschenbuch 4477 • IT 4477 • IT4477 • Lichterglanz • Mitbringsel • Neue Texte • Olga Martinova • Originalbeiträge • Rentner • Rentnerdasein • Robert Stadlober • Ruhestand • Sammlung • Senioren • Tanja Dückers • unveröffentlicht • unveröffentlichte Texte • Weihnachten • Weihnachtsbraten • Weihnachtsessen • Weihnachtsgeschenk • Weihnachtszeit • Wünsche • Zauber • Zusammenstellung |
| ISBN-10 | 3-458-74924-1 / 3458749241 |
| ISBN-13 | 978-3-458-74924-0 / 9783458749240 |
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