Feuerträume (eBook)
560 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-97586-5 (ISBN)
Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, schrieb mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie »Das Schiff« und »Omni« zahlreiche Bestseller. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Zuletzt erschien im Piper Verlag der Roman »Infinitia«.
Andreas Brandhorst, geboren 1956 im norddeutschen Sielhorst, schrieb mit seinen futuristischen Thrillern und Science-Fiction-Romanen wie "Das Schiff" und "Omni" zahlreiche Bestseller. Spektakuläre Zukunftsvisionen sind sein Markenzeichen. Der SPIEGEL-Bestseller "Das Erwachen" widmet sich dem Thema Künstliche Intelligenz. Sein aktueller Wissenschaftsthriller "Ewiges Leben" zeigt Chancen und Gefahren der Gentechnik auf.
1 Ein Flüstern aus der Vergangenheit
7. Juli 1147 Ära des Feuers (ÄdeF)
Der schwarze Zylinder des Kantaki-Nexus, dreißig Kilometer lang und fast einen Kilometer dick, hing mehr als fünftausend Lichtjahre über dem Orion-Arm der Milchstraße im All. Unter ihm drehte sich die Galaxis, unmerklich langsam für das menschliche Auge. Immer wieder fingen Vorsprünge und Kanten in der Außenhülle das Licht ferner Sonnen ein, funkelten kurz und verschwanden dann wieder in der Finsternis. Das große Kantaki-Schiff, das Dominique und Rupert nach einem fast zwei Monate dauernden Flug zum Nexus gebracht hatte, wirkte zwergenhaft neben dem gewaltigen Zylinder, der alles enthielt, was Raumschiffe der Kantaki für ihre langen Reisen bis zu anderen Galaxien brauchten. Doch wo einst die klickenden Stimmen der insektoiden Wesen erklungen waren, herrschte jetzt Stille.
Den ersten toten Kantaki fanden sie in einem peripheren Wartungszentrum, für kleine Schiffe bestimmt. Seine mumifizierten Reste lagen zwischen zerfetzten Verbindungsbrücken und inaktiven energetischen Transferleitungen ebenso zerschmettert wie ein großer Teil der automatischen Wartungsanlagen. Dominique ließ das Licht ihrer Lampe über Gliedmaßen streichen, die in der Kälte eine glitzernde Patina aus Raureif bekommen hatten – die ambientalen Systeme des Nexus arbeiteten auf minimalem Niveau. Der Kopf war zertrümmert wie von einem heftigen Schlag, die multiplen Augen wie Glas gesplittert.
»Was ist hier geschehen?«, fragte Rupert leise. Seine Stimme kam aus dem kleinen Kom-Servo in Dominiques Helm; sie trugen beide Schutzanzüge, ausgestattet mit bionischen Komponenten von Millennia.
»Hier hat ein Kampf stattgefunden.« Dominique richtete einen Sondierer auf die Reste des Kantaki, und der darin integrierte Datenservo begann sofort mit einer Analyse, bestätigte dann den Eindruck, den sie gewonnen hatte. »Vor fast achttausend Jahren.«
»Kurz nach der Flucht der damaligen Kantaki-Piloten«, sagte Rupert. Er sah sich um und leuchtete mit seiner eigenen Lampe durch das hyperdimensionale Labyrinth des Wartungszentrums. Zwar war das energetische Niveau des Nexus extrem niedrig, aber immer wieder kam es zu den perspektivischen Verzerrungen, wie sie für das Innere von Kantaki-Schiffen typisch waren. Wände schienen ein geisterhaftes Eigenleben zu entwickeln, sich zu verschieben und ineinander zu verkeilen. Gänge bildeten Spiralen, die sich nach oben wanden oder zur Seite neigten. Gelegentlich kippten Deckensegmente nach unten, als wollten sie an einer Stelle den Weg versperren und an anderen neue Verbindungen schaffen. Dominique hatte sich in den vergangenen beiden Monaten an die seltsamen Veränderungen an Bord des Kantaki-Schiffes gewöhnt und fühlte sich dadurch nicht mehr desorientiert. Eigentlich blieb alles starr. Es war ihre Wahrnehmung der Hyperdimension, die ihr Bewegung vorgaukelte, denn die menschlichen Sinne konnten nur einen geringen Teil ihrer Komplexität aufnehmen.
»Nach dem Dritten Konflikt der Konzepte, den Mutter Rrirk erwähnte«, fügte Rupert hinzu. Dominique beobachtete, wie er sich bückte und einige kleine Trümmerstücke aus der Nähe betrachtete. Er nahm eins, hielt es dicht vor die Helmscheibe und legte es wieder auf den Boden. »Ob hier Kantaki gegen Kantaki gekämpft haben?«
Dominique dachte an die seltsame Geschichte von einem »Schattenuniversum«, die Mutter Rrirk ihnen in der letzten Sekunde ihres Kantaki-Lebens erzählt hatte, und wieder sträubte sich etwas in ihr dagegen, jenen Worten zu glauben. Es klang alles zu … abgehoben und absurd. Aber ob Mutter Rrirk nun bewusst gelogen oder unwissentlich die Unwahrheit gesagt hatte: Es blieb die Frage, was vor achttausend Jahren geschehen war.
»Vielleicht finden wir weiter im Innern des Nexus Antworten«, sagte Dominique. Sie betätigte die Kontrollen an ihrem Gürtel, und ein Levitationsfeld ließ sie aufsteigen und durch den Tunnel gleiten, der vom peripheren Wartungszentrum ins Innere der riesigen Raumstation führte. Rupert folgte ihr und blieb dicht an ihrer Seite.
Fast eine Stunde waren sie unterwegs, und in dieser Zeit verwandelte sich die Freude, die Dominique beim ersten Anblick des Nexus empfunden hatte, in Unbehagen und zunehmende Sorge. Immer wieder stießen sie auf Spuren der Gewalt: Stellenweise war der Kampf vor fast acht Jahrtausenden so heftig gewesen, dass ganze Sektoren des Kantaki-Nexus zerstört worden waren. Dominique und Rupert flogen durch einen riesigen Maschinensaal, in dem eine unbekannte Waffe Dutzende von Metern hohe Aggregate offenbar regelrecht pulverisiert hatte. Vielleicht war das der Grund, warum der Nexus fast tot wirkte: die Verheerungen in seinem Innern. Dominique befürchtete, dass sie hier nicht das Ausrüstungsmaterial fanden, das sie brauchten, um mit der Suche nach der Wahrheit und den verschwundenen Kantaki zu beginnen. Das Kantaki-Schiff, mit dem sie hierhergekommen waren, benötigte vor allem Energie, und genau daran schien es der Raumstation zu mangeln. Alles deutete darauf hin, dass ihre energetischen Reserven zur Neige gingen.
Auch in den administrativen Bereichen des Nexus stießen sie auf Zerstörungen, und dort fanden sie zwei weitere tote Kantaki, noch schlimmer zugerichtet als der erste. Das Licht von Dominiques Lampe tastete über die zerfetzten Reste hinweg, glitt dann zu zerschmetterten Einrichtungsgegenständen. Eine Wand wies eine tiefe Delle auf, wie von der Faust eines Titanen geschaffen.
Dominique stellte fest, dass es hier nicht ganz dunkel war. Von einigen Leuchtelementen in Decke und Wänden kam ein mattes Glühen, gerade genug, um tiefe Schatten zu schaffen.
»Als es hier zum Kampf kam, befanden sich offenbar nur noch wenige Kantaki im Nexus.«
»Oder die anderen wurden verschleppt«, sagte Rupert, der damit begonnen hatte, die Delle zu untersuchen.
»Bisher haben wir nur drei tote Kantaki gefunden«, setzte Dominique ihre Überlegungen fort. »Aber nicht die Leichen von Akuhaschi und anderen Geschöpfen. In diesem Nexus müssen sich damals, als er zur Ausrüstung und Wartung von Kantaki-Schiffen gedient hat, mehrere tausend Personen befunden haben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Angreifer sie alle fortgebracht haben. Nein, ich glaube, sie kamen hierher, als die letzten Kantaki damit beschäftigt waren, den Nexus stillzulegen.«
Dominique öffnete ihre Sinne dem Tal-Telas, dessen Kraft alles Existierende durchdrang. Diese Kraft existierte auch in der Hyperdimension der Kantaki, aber es fiel Dominique schwerer, dort mit ihr Kontakt aufzunehmen und sie so zu nutzen, wie sie es gewohnt war. Wie auch an Bord des Schiffes blieben die Muster in Gelmr unklar, und sie ahnte inzwischen, was das bedeutete: Es gab mehrere Wege, die in die Zukunft führten; die nächsten Ereignisse hingen davon ab, wie sie sich verhielten und welche Entscheidungen sie trafen, als stünden sie auf einer kleinen Insel im Strom des Geschehens, noch unbeeinflusst von dem, was um sie herum passierte. Aber schon der erste Schritt ins Wasser würde Wellen erzeugen, aus denen sich wechselseitige Wirkungen ergaben. Und dieser erste Schritt stand unmittelbar bevor, das fühlte Dominique ganz deutlich.
Und sie fühlte noch etwas anderes: ein Flüstern in der Stille, die den dreißig Kilometer langen Zylinder erfüllte, ein vages Raunen in der Ferne.
»Ich höre etwas«, sagte sie. »In Delm.«
Rupert wandte sich sofort von der Delle ab. »Eine telepathische Nachricht?«
»Nein, ein wortloses Flüstern, so leise, dass ich es bisher nicht bemerkt habe. Eine Präsenz. Der Nexus ist nicht ganz tot. Etwas lebt hier noch. Ähnlich fühlte es sich an, als wir in der alten Station am Meeresgrund von Aquaria Mutter Rrirk fanden.«
»Glaubst du, es könnte noch ein Kantaki am Leben sein, in einer Art Hibernation?«
Dominique trat in einen dunklen Gang, der in langen Windungen erst nach oben führte und dann nach rechts abknickte. Sie blieb mit Delm verbunden, der vierten Stufe des Tal-Telas, und ließ sich von dem fernen Flüstern leiten. Nach einigen Metern aktivierte sie wieder den Levitator, und Rupert folgte ihrem Beispiel. Seite an Seite flogen sie durch die Dunkelheit, in der nur gelegentlich einige Leuchtstreifen glühten.
»Nein, ich glaube nicht, dass es ein Kantaki ist«, sagte Dominique. »Das Wispern klingt … anders.«
Sie brachten die lange, kurvenreiche Passage hinter sich, an deren Ende offenbar ein besonders heftiger Kampf stattgefunden hatte. Die Wände waren aufgerissen, und es fehlten ganze Segmente in Boden und Decke. Die Reste mehrerer Kantaki lagen vor dem Zugang zu einem Raum, den Dominique vom Schiff her kannte.
»Das ist ein Meditationszentrum«, sagte sie und leuchtete mit der Lampe. »Dort drin haben die Kantaki...
| Erscheint lt. Verlag | 1.9.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Kantaki | Kantaki |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Buch • Bücher • Das Schiff • Deutscher Science Fiction Preis 2016 • deutsche Science-Fiction • Kantaki • Omni • Science Fiction • Science Fiction Reihe • science fiction serie • SciFi • Scifi Reihe • Scifi Serie • Space Opera • Trilogie |
| ISBN-10 | 3-492-97586-0 / 3492975860 |
| ISBN-13 | 978-3-492-97586-5 / 9783492975865 |
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