Jerry Cotton 3086 (eBook)
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-3482-1 (ISBN)
Das Paket, das für mich im J. Edgar Hoover Building abgegeben wurde, enthielt einen Sprengsatz. Eins hatte der Absender allerdings nicht bedacht, dass solche Sendungen, bevor sie den Empfänger erreichten, genau untersucht wurden. Der Absender war sogar auf dem Paket verzeichnet. Es war Terence Pratt. Für uns kein Unbekannter. Wir hatten den Serienkiller vor einigen Jahren dingfest gemacht, und er war inzwischen im Gefängnis verstorben. Wir gingen von einem üblen Scherz aus, aber nicht lange, denn kurz darauf wurde ein anderer Prozessbeteiligter ermordet ...
»Diese Bombe hätte Sie mit Sicherheit getötet, Jerry.«
Mr High kam sofort zur Sache, nachdem er Phil und mich in sein Office im FBI Headquarter gebeten hatte. Ich erfuhr erst durch den Assistant Director von der Höllenmaschine, die an mich adressiert gewesen war. Der Sprengsatz hatte in der Poststelle des Gebäudes sofort einen Alarm ausgelöst.
»Die Bomb Squad hat das Paket umgehend entschärft«, fuhr der Assistant Director fort. Mr High saß Phil und mir am Konferenztisch seines Büros gegenüber, er hatte einen aufgeschlagenen Schnellhefter vor sich.
Phil zog die Augenbrauen zusammen.
»Weiß man schon etwas über den Absender, Sir? Das muss doch ein blutiger Anfänger gewesen sein. Das FBI Headquarter gehört zu den am besten gesicherten Gebäudekomplexen in den Staaten. Diese Tatsache kennt jeder Verbrecher, der halbwegs bei Verstand ist.«
Mr High wiegte den Kopf.
»Als Anfänger oder Amateur würde ich den Versender des Pakets nicht bezeichnen, Phil. Sie beide kennen seinen Namen. Es handelt sich um Terence Pratt.«
Ich stieß langsam die Luft aus den Lungen. Natürlich wussten Phil und ich, wer dieser Kriminelle war. Wir hatten den Serienkiller monatelang gejagt, bis wir ihn vor einigen Jahren endlich gestellt hatten und unschädlich machen konnten.
»Ist Pratt ausgebrochen, Sir? Wie ist das möglich? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er vom Gefängnis aus eine solche Höllenmaschine verschicken konnte.«
»Außerdem wurde Pratt seinerzeit in eine Hochsicherheits-Strafanstalt eingewiesen, weil er so gefährlich ist«, ergänzte Phil meine Bemerkung. »Dort ist seine Kommunikation mit der Außenwelt doch besonders eingeschränkt.«
Der Chef nickte.
»Pratt ist nicht aus der Haft verschwunden, vielmehr hat er vor einigen Wochen Selbstmord begangen. Der Serienkiller saß im ADX Florence ein.«
»Das Hochsicherheitsgefängnis in Colorado?«, hakte ich nach. »Dort auszubrechen ist so gut wie unmöglich. Andererseits: Wenn es jemanden gibt, dem ich eine solche Tat zutraue, dann wäre es Pratt. Gibt es denn an seinem Freitod keinen Zweifel? Er wäre nicht der erste Strafgefangene, der sich als Leichnam ausgibt und dadurch entkommen kann.«
»Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht, Jerry. Außerdem verfügt jeder Gefangene in Florence über eine Einzelzelle, die mehrmals in der Woche unangekündigt kontrolliert wird. Es ist sehr schwierig, verbotene Gegenstände auf das Gelände zu schmuggeln. Alle Besucher müssen sich einer Leibesvisitation unterziehen. Die Wachtposten dort sind außerdem über jeden Zweifel erhaben. Wir können also Korruption ausschließen. Diese Männer und Frauen sind mit dem Herzen bei der Sache. Sie wissen genau, welche Verantwortung auf ihren Schultern lastet.«
»Auf welche Weise hat sich Pratt denn überhaupt das Leben genommen?«, fragte ich. »Es muss schwierig sein, in einer so perfekt gesicherten Strafanstalt an die nötigen Utensilien zu kommen.«
»Pratt benötigte keinen Strick und auch keine Rasierklinge, Jerry. Er muss offenbar mit voller Wucht gegen die Wand seiner Zelle gerannt sein, wobei er sich einen Schädelbasisbruch zuzog. Laut medizinischem Bericht hat er danach noch drei Tage im Koma gelegen, dann ist er verstorben. Es wurde eine Obduktion vorgenommen, die Todesursache waren die schweren Hirnverletzungen. Hätte er überlebt, dann wäre er für den Rest seines Lebens ein Pflegefall gewesen. Außerdem hat die Gefängnisleitung den Leichnam in aller Stille auf dem Gelände beigesetzt. Pratt konnte also noch nicht einmal als Toter aus der Strafanstalt entkommen.«
»Dann hat der wahre Absender des Pakets nur Pratts Namen auf das Etikett geschrieben, um mir eine Botschaft zu senden«, vermutete ich. »Er gibt mir die Schuld für Pratts Tod und will sich jetzt an mir rächen. An dieser Absicht gibt es nichts misszuverstehen.«
Mr High stimmte mir zu.
»Ja, das denke ich auch, Jerry. Sie und Phil haben sich seinerzeit intensiv mit dem Serienmörder beschäftigt. Finden Sie heraus, wer hinter diesem vereitelten Bombenanschlag steckt. Und ob wir noch mit weiteren Straftaten rechnen müssen. Diesmal ist es persönlich, der Täter hat Sie im Visier. Passen Sie also bitte auf sich auf.«
»Das werde ich tun, Sir«, versicherte ich. »Aber ich lasse mich von einem feigen Bombenattentäter gewiss nicht einschüchtern.«
***
Zunächst sprachen Phil und ich mit einem der Spezialisten von der Bomb Squad. Er hatte das an mich gerichtete Paket höchstpersönlich entschärft. Sein Name lautete Vic Kaminski.
»Das war ein absoluter Profi-Job, Jerry«, erklärte er mir. »Der Zünder, das Chemikaliengemisch, die Verdrahtung – alles erstklassige Handarbeit. Wenn die Sendung dich erreicht hätte, würdest du jetzt ein paar Fuß weit unter der Erde liegen.«
»Das konntet ihr zum Glück vereiteln, Vic. Kann man aus den verwendeten Materialien Rückschlüsse darauf ziehen, wo sie gekauft wurden? Oder war es Profi-Sprengstoff aus dem Bergbau oder aus Armeebeständen?«
Der Experte schüttelte den Kopf.
»Nein, der Täter ist dank seines Wissens ein Profi. Er hat den Sprengsatz selbst gebaut. Die Zutaten kannst du dir in jedem Baumarkt und in jedem Bastlergeschäft besorgen. Aber wenn du nicht weißt, was du damit anfangen sollst, wirst du niemals eine tödliche Bombe anfertigen können.«
»Ein beruhigender Gedanke«, meinte Phil trocken. »Also müssen wir den Verdächtigen in den Reihen des Militärs suchen?«
Vic nickte.
»Entweder dort oder bei einem Abbruchunternehmen, das mit Sprengstoffen arbeitet. Aber solche Spezialisten werden regelmäßig überprüft und stehen unter Beobachtung.«
Das wussten wir natürlich auch. Dennoch war das Gespräch mit Kaminski nicht sinnlos gewesen. Wir konnten einstweilen einen Amateur als Täter ausklammern. Ich rief zunächst im ADX Florence an und ließ mich mit dem Direktor verbinden. Er hieß Wallace. Nachdem ich ihm die Fakten geschildert hatte, war seiner Stimme die innere Anspannung deutlich anzuhören.
»Das sind ja beunruhigende Ereignisse, Inspektor Cotton! Ich kann aber definitiv ausschließen, dass der Insasse Pratt vor seinem Selbstmord ein Paket verschickt hat. Er schrieb auch keine Briefe.«
»Wir gehen davon aus, dass sein Name nur eine Drohung gegen mich darstellen sollte und die Sendung gar nicht von ihm stammt«, erklärte ich. »Hat Pratt Besuch bekommen?«
Ich hörte, wie der Gefängnisdirektor seine PC-Tastatur bediente.
»Ja, ich schaue mir gerade die Liste an … Hier sind drei Namen verzeichnet, Inspektor Cotton. Teresa Pratt war seine Mutter, sie kam regelmäßig zu ihm. Dann ist hier Dr. Eric Walton verzeichnet, das ist sein Strafverteidiger. Der Anwalt hat sich bis zuletzt immer wieder um ein Wiederaufnahmeverfahren bemüht.«
»Hielt er seinen Mandanten für unschuldig? Wir konnten Pratt insgesamt sieben Morde zweifelsfrei nachweisen.«
»Das ist mir bewusst, Inspektor Cotton. Aber Walton hat trotzdem diese Anträge gestellt. Wollen Sie meine persönliche Meinung hören?«
»Ja, gern.«
»Es ging dem Verteidiger nicht darum, einen Unschuldigen aus dem Gefängnis zu holen. Walton muss selbst begriffen haben, dass Pratt ein Serienmörder ist. Aber der Jurist wollte durch das neuerliche Verfahren bekannter werden, um besser zahlende Mandanten anzulocken. Er suchte die Öffentlichkeit. Pratts Schicksal und die Leiden seiner Opfer waren ihm egal.«
Wallace hatte einen wichtigen Punkt angesprochen. Auch der geplante Sprengstoffanschlag auf mich hätte für Medienrummel gesorgt. Pratt war inzwischen zwar tot, aber sein Anwalt konnte sich jetzt trotzdem wieder im Licht der Öffentlichkeit präsentieren. Ob das ein Motiv dafür war, eine Bombe verschicken zu lassen? Das würden wir checken müssen.
»Gab es noch weitere Besucher, Mister Wallace?«
»Ja, eine gewisse Julie Douglas. Das ist eine sehr schrille Person.«
»Wie meinen Sie das?«
»Miss Douglas bezeichnete sich selbst als Pratts Braut. Sie behauptete, verliebt in ihn zu sein und ihn heiraten zu wollen. Sie kam mindestens einmal im Monat zu ihm.«
Es geschah immer wieder, dass Frauen für Strafgefangene und sogar für verurteilte Mörder Gefühle entwickelten. Aber wer Liebe für einen Serienkiller empfand, konnte auch diejenigen hassen, denen die Verhaftung dieses Mannes zu verdanken war. Auf jeden Fall hatte Julie Douglas ein überzeugendes Motiv, mich töten zu lassen.
»Gibt es einen anderen Gefangenen, mit dem Pratt sich angefreundet hat?«
»Nein, davon ist mir nichts bekannt, Inspektor Cotton. Der Insasse war ein Einzelgänger. Es gibt ohnehin wenig Kontaktmöglichkeiten der Gefangenen untereinander. Jeder von ihnen ist eine tickende Zeitbombe. Sie haben absolut keine Hemmungen, sich gegenseitig anzugreifen. Und auch gegenüber dem Wachpersonal zeigen sie keinerlei Respekt.«
Ich bedankte mich bei dem Direktor und beendete das Telefonat. Dann rief ich unsere Informatikerin Mai-Lin in Quantico an. Zunächst schilderte ich ihr, worum es ging.
»Die Bombe wurde also entschärft? Ich bin froh, dass Ihnen nichts geschehen ist, Jerry.«
»Danke, Mai-Lin.«
Ich nannte ihr die Namen von Pratts Gefängnisbesuchern und bat sie darum, die Personen zu überprüfen.
»Mich interessiert besonders, ob einer oder mehrere der Verdächtigen Kontakt zu Sprengstoffexperten haben.«
»Ich verstehe, Jerry. Sie hören so bald wie möglich von mir.«
***
Mai-Lin fand auch heraus, wo die...
| Erscheint lt. Verlag | 9.8.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Jerry Cotton |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Dedektiv • Detektiv • Deutsche Krimis • Ermittler • Komissar • Kommisar • Kommissar • Krimi • Krimi Bestseller • Kriminalroman • Krimis • Mord • Mörder • Polizei • Polizist • Spannungsroman • Tatort • Thriller • Verbrechen |
| ISBN-10 | 3-7325-3482-0 / 3732534820 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-3482-1 / 9783732534821 |
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