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Auge um Auge (eBook)

Thriller

(Autor)

eBook Download: EPUB
2016
btb (Verlag)
978-3-641-18301-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Auge um Auge - Lukas Erler
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Cool, kantig, eigenwillig - der aufgrund einer Erbkrankheit erblindete Kunsthistoriker Cornelius Teerjong ist ein Mann mit radikalen Ansichten und einem gewissen Hang zum Zynismus. Auf der 'Documenta' in Kassel wird sein Bekannter, der Kameramann Henk de Byl, leblos und auf bizarre Weise verstümmelt inmitten einer Installation im Rahmen der Kunstmesse aufgefunden. Teerjong ist bestürzt und beginnt gemeinsam mit seiner Freundin, der Journalistin Jenny Urban, auf eigene Faust zu ermitteln. Eine Spur führt die beiden zurück in die Vergangenheit, zu einem unfassbaren Verbrechen, das 17 Jahre zuvor die Welt erschütterte, und Teerjong muss feststellen, dass er seinen Freund nicht annähernd so gut kannte, wie er gedacht hatte. Schritt für Schritt enthüllt sich Teerjong und Urban das Motiv des Täters, doch je mehr sie erfahren, desto weniger sicher sind sie, dass sie ihn wirklich finden wollen.

LUKAS ERLER, geboren 1953 in Bielefeld, wurde mit seinen Romanen 'Ölspur' und 'Mörderische Fracht' für den Friedrich Glauser-Preis nominiert. Für seinen ersten Jugendroman erhielt er 2015 die 'Segeberger Feder'. Lukas Erler lebt mit seiner Familie in Nordhessen.

Vier

Während er auf den Polizisten wartete und seine Beunruhigung wuchs, dachte Cornelius Teerjong daran, dass er nun schon seit mittlerweile vier Jahren völlig erblindet war. Bis in den Sommer 2008 hinein war es ihm noch möglich gewesen, Umrisse und Schattierungen wahrzunehmen. Er hatte weiterhin ohne Stock und fremde Hilfe öffentliche Verkehrsmittel benutzt und auf Rügen lange Spaziergänge am Ostseestrand unternehmen können. Dann hatte sich in unfassbar kurzer Zeit vollständige Dunkelheit auf ihn herabgesenkt.

In den ersten Jahren hatte er die Menschen, die er kannte, in zwei Gruppen unterteilt. In Menschen mit und Menschen ohne Gesicht. Familienmitglieder, Freunde und Kollegen, die er vor 2008 kannte, hatten Gesichter. Leute, die er kennengelernt hatte, nachdem er das Augenlicht verlor, hatten keine.

Der Mann, mit dem er verabredet war, hatte ein Gesicht. Und zwar ein ziemlich langes und gutmütiges, mit buschigen Augenbrauen und einem energischen Kinn. Teerjong hatte Henk de Byl kurz nach der Jahrtausendwende kennengelernt, als er für ein Projekt in Guatemala einen Dokumentarfilmer gesucht hatte, der seine Arbeit begleiten sollte. De Byl hatte sich als ein ebenso sympathischer wie talentierter Kameramann und Cutter erwiesen, und ihre Zusammenarbeit hatte beinahe drei Jahre angedauert. Danach war jeder seiner Wege gegangen, doch der Kontakt war nie ganz abgerissen. Teerjong hatte de Byl zu einer Reihe von Folgeaufträgen verholfen und ihn, wo immer es ging, weiterempfohlen. Das letzte Mal hatten sie sich 2007 in Brüssel getroffen, wo de Byl – inzwischen verheiratet – eine kleine Produktionsfirma für Videoclips und Werbefilme betrieb. In den nächsten fünf Jahren telefonierten sie gelegentlich miteinander, aber Teerjongs schwindende Sehkraft zwang ihn, sich beruflich immer stärker auf den reinen Vorlesungsbetrieb zu beschränken, sodass er für einen Filmemacher letztlich keine Verwendung mehr hatte.

Als de Byl ihn im Mai angerufen und ein Treffen auf der documenta vorgeschlagen hatte, war Teerjong ebenso überrascht wie erfreut gewesen. Und jetzt sollte er tot sein? Gestorben auf eine Weise, für die sich die Polizei interessierte? Vielleicht war dieses Notizbuch irgendwie in den Besitz einer anderen Person gelangt.

Teerjong versuchte sich zu erinnern, wie der Kameramann 2007 ausgesehen hatte, und war sich bewusst, dass das Gesicht, das er mit Mühe abrufen konnte, fünf Jahre alt war. Alle Menschen, die er vor der großen Dunkelheit gekannt hatte, waren in seiner mentalen Galerie mit einem historischen Schnappschuss vertreten, der mit ihrem aktuellen Aussehen wahrscheinlich nur noch wenig zu tun hatte.

Im letzten Jahr hatte er festgestellt, dass es für ihn immer weniger von Bedeutung war, wie Menschen aussahen. Jenny zum Beispiel hatte kein Gesicht, und er brauchte es auch nicht, um ihre Schönheit wahrzunehmen oder zu wissen, wie sie sich fühlte. Er konnte in ihrer Stimme lesen, konnte unabhängig von der Bedeutung der Worte hören, ob sie glücklich, traurig oder wütend war. Er wusste, wie sie klang, wenn sie Angst hatte, erregt war oder sich langweilte, und selbst feine Nuancierungen, wie Zweifel oder Unbehagen, registrierte er mühelos. Einmal hatte er gehört, dass sie log, aber diese Lüge hatte nicht ihn betroffen.

Jemand trat an den Tisch heran und geriet zwischen Teerjong und die Sonnenstrahlen, die bis jetzt sein Gesicht gewärmt hatten.

»Professor Teerjong? Max Leonard, Hauptkommissar. Wir haben telefoniert. Darf ich mich setzen?«

»Ja, aber bitte so, dass ich weiterhin Sonne abbekomme.«

Der Polizist nahm seitlich von Teerjong am Tisch Platz und bestellte Pfefferminztee.

»Ich nehme noch ein Glas von dem Chardonnay«, sagte Teerjong. »Sie haben mich am Telefon mit Professor angesprochen. Woher wussten Sie das?«

»Das stand so in dem Büchlein: Professor Teerjong, 13.30 Uhr, Datum von heute. Ich habe Sie dann gegoogelt. Cornelius Teerjong, Kunsthistoriker, vor ein paar Jahren erblindet. Deutscher Staatsbürger. Geboren in Eindhoven, Vater Holländer, Mutter Deutsche. Studium in Amsterdam, Frankfurt und New York. Sie haben als Kurator im Berkeley Art Museum gearbeitet, und im Pacific Film Archive der University of California. Später waren Sie eine Zeit lang Leiter der Kunsthalle Bern. Jetzt unterrichten Sie an der Städelschule in Frankfurt, stimmt’s?«

Teerjong nickte in Leonards Richtung. Er lauschte dem Nachklang der Stimme in seinem Kopf und versuchte sich ein Bild von seinem Gegenüber zu machen: Ein tatkräftiger Mensch mit einer noch relativ jungen Stimme. Kam gleich zur Sache, schien aber nicht ungeduldig zu sein. Energisch, intelligent, eine Spur arrogant vielleicht. Sehr entscheidungsfreudig. Mittleres Alter, mittlere Größe, aber alles andere als Durchschnitt.

»Lassen Sie mich meine Frage von eben noch einmal wiederholen, Herr Professor: Mit wem waren Sie verabredet?«

»Mit Henk de Byl. Er sollte um halb zwei hier sein. Wir haben uns seit fünf Jahren nicht mehr gesehen.«

»Können Sie ihn beschreiben?«

»Sie wissen schon, dass Sie mit einem Blinden reden, oder?«

»Entschuldigen Sie, dumm von mir.«

»Schon gut. Ich habe ihn vor fünf Jahren das letzte Mal getroffen und tatsächlich auch gesehen, und zwar in Brüssel. Damals haben meine Augen noch ein bisschen funktioniert. Ich kann also ungefähr beschreiben, wie er im Sommer 2007 ausgesehen hat. Henk de Byl ist mindestens ein Meter neunzig groß und hager. Er hat strohblonde Haare, blaue Augen und ein elend langes Gesicht, das er lässig zweimal um den Hals wickeln könnte. Relativ viele Falten, sieht älter aus, als er ist.«

Leonard schwieg einen Augenblick.

»Tut mir leid«, sagte er dann, »der Tote entspricht ziemlich genau der Beschreibung, die Sie mir gerade gegeben haben.«

»Großer Gott«, murmelte Teerjong. Eine Welle von Traurigkeit erfasste ihn, und ihm wurde bewusst, wie inständig er sich bis vor wenigen Sekunden tatsächlich an den Gedanken einer Verwechslung geklammert hatte. Er hatte es einfach nicht glauben wollen. »Woran ist er gestorben?«

»In welcher Beziehung standen Sie zu ihm?«

Teerjong hasste Gegenfragen, aber jetzt war kein guter Zeitpunkt, sich mit einem Polizisten anzulegen. Außerdem hatte er einen Kloß im Hals, der immer dicker zu werden schien.

»Er hat für mich gearbeitet. Als Dokumentarfilmer. Wir waren 2001 zusammen in Guatemala und haben dort einen Film über Alejandro Paz und Anibal López Juárez gedreht. Zwei guatemaltekische Künstler, die mit ihren Arbeiten gegen den offiziell geleugneten Genozid an 200 000 Indígenas während des Bürgerkrieges protestierten. Sehr mutige Männer. De Byl war auch mutig. Wir gerieten während der Dreharbeiten in Guatemala-Stadt in eine Militärkontrolle. Seiner Nervenstärke und Coolness haben wir es zu verdanken, dass wir noch am Leben sind.« Teerjong stockte, als ihm bewusst wurde, was er gerade gesagt hatte.

Leonard fuhr unbeirrt fort: »Wie lange dauerte die Zusammenarbeit?«

»Insgesamt etwa drei Jahre. Nach Guatemala folgten noch ein paar kleinere Projekte. Hauptsächlich filmische Dokumentationen von Ausstellungen in Westeuropa. Danach war Schluss. Würden Sie mir jetzt bitte sagen, wie und woran er gestorben ist?«

»Das darf ich nicht«, sagte Leonard sanft. »Ich darf mit Ihnen nicht über laufende Ermittlungen sprechen.«

»Nun, wenn es so etwas wie laufende Ermittlungen gibt, ist er wohl nicht auf natürliche Weise ums Leben gekommen.«

»Kein Kommentar. Kennen Sie einen sehenden Menschen, der ihn identifizieren könnte? Möglichst schnell?«

»Kein Kommentar!«

Leonard stieß einen tiefen, ärgerlichen Grunzlaut aus und schien nachzudenken. Teerjong schwieg und lauschte den Stimmen um sie herum.

Am Nachbartisch hatte sich eine Horde Teenager niedergelassen, die lautstark über irgendeinen Horrorfilm diskutierte, von dem er noch nie etwas gehört hatte. Teerjong dachte an Jack Nicholson in The Shining und daran, wie sehr er das Kino vermisste.

»Na gut«, sagte Leonard unvermittelt, »ich stecke in der Klemme. Ihr ehemaliger Mitarbeiter ist auf dem Gelände der documenta gefunden worden. Eine extrem heikle Angelegenheit. Die Staatsanwaltschaft steht Kopf. Heute Vormittag bekam ich einen Anruf vom Innenminister des Landes. Meine Vorgesetzten wollen, dass der Fall so schnell und unauffällig wie möglich geklärt wird. Niemand darf den Eindruck gewinnen, dass die Ausstellung nicht sicher ist. Der Druck ist jetzt schon erheblich. Werden Sie mit mir kooperieren, wenn ich Ihre Fragen beantworte?«

»Sicher.«

Leonard räusperte sich, doch seine Stimme klang immer noch heiser und angestrengt. »Herr de Byl ist heute Morgen gegen neun Uhr in der Karlsaue gefunden worden. Halb sitzend in einer Schubkarre. Und zwar hinter einer Hütte, die ein Kunstobjekt der Australierin Fiona Hall darstellt. Diesen Fundort werden wir der Presse gegenüber vorerst nicht erwähnen. Keine Ahnung, wie lange wir das geheim halten können. Das Opfer wurde erstochen. Nach vorläufigen Angaben unserer Pathologen mit einer langen stilettartigen Klinge. Er ist verblutet.«

»Warum war er dort?«

»Das wissen wir noch nicht genau. Er hatte eine teure Kameraausrüstung dabei. Insofern denke ich, dass er beruflich unterwegs war. Der oder die Mörder haben die Speicherkarte entfernt, aber die Kamera nicht mitgenommen. Geld, Kreditkarten und eine ziemlich wertvolle Uhr waren noch da, und das Notizbuch natürlich. Allerdings kein Handy und keine Ausweispapiere. Raubmord scheidet...

Erscheint lt. Verlag 11.7.2016
Reihe/Serie Krimiserie um den blinden Ermittler Cornelius Teerjong
Krimiserie um den blinden Ermittler Cornelius Teerjong
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror
Schlagworte Bosnienkrieg • Cornelius Teerjong • Deutschland • Documenta • eBooks • Heimatkrimi • Jagdrevier • Kassel • Krimi • Kriminalromane • Krimis • Serien • Srebrenica • Thriller • Ulrich Ritzel
ISBN-10 3-641-18301-4 / 3641183014
ISBN-13 978-3-641-18301-1 / 9783641183011
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