Septembermeer (eBook)
430 Seiten
Insel Verlag
978-3-458-74463-4 (ISBN)
Als der Sommer sich langsam verabschiedet und die Insel beginnt, sich auf den Herbst vorzubereiten, müssen Insulaner und Neuankömmlinge sich plötzlich gemeinsam beweisen - in einem Sturm, bei dem es um alles geht.
Ein Roman über eine Insel im Spätsommerlicht, über Menschen zwischen Aufbruch und Abschied.
<p>Gabriela Jaskulla wurde 1962 in Franken geboren, wuchs in Hessen auf, lebte in Spanien, liebt Hamburg, kleinere Inseln und lebt heute bei Berlin. Sie ist Kunsthistorikerin und Journalistin, arbeitete 17 Jahre für den Rundfunk und lehrt Kulturjournalismus und Kreatives Schreiben an der Hochschule in Hannover.</p>
Gabriela Jaskulla wurde 1962 in Franken geboren, wuchs in Hessen auf, lebte in Spanien, liebt Hamburg, kleinere Inseln und lebt heute bei Berlin. Sie ist Kunsthistorikerin und Journalistin, arbeitete 17 Jahre für den Rundfunk und lehrt Kulturjournalismus und Kreatives Schreiben an der Hochschule in Hannover.
1.
Sie sah Daniel durch den Regen nur undeutlich, er tauchte auf und verschwand hinter Schnüren aus Wasser. Die Wasserschnüre verdichteten sich, und das Wasser wurde ein Schwall, schwer und gewalttätig, und dann knallte der Regen mit einer Peitsche, die man nicht sah. Die Regenpeitsche schlug ihr ins Gesicht, und die Regenschläge machten, dass sie die Augen schließen musste. Gern, nur zu gern, hätte sie die Augen gar nicht wieder geöffnet, denn, obwohl es erbärmlich kalt war und ihr die Hose und die dicke Wetterjacke längst am Leib klebten wie schwere, sinnlose Lappen, hätte sie sich so sehr gewünscht, ein wenig zu schlafen. Nur ein ganz kleines bisschen, sagte sie sich – aber dann riss sie die Augen wieder auf, krallte die Arme noch fester um die Pinne, wischte mit einem Ärmel über den wild ausschlagenden Kompass vor sich und versuchte, Kurs zu halten, irgendwie, irgendwie aus diesem Strudel herauszukommen.
Sie sah Daniel, der auf dem Vordeck hin und her sprang, der versuchte, das Großsegel noch weiter zu reffen, der auf dem schwankenden Deck nach Halt tastete, hierhin und dorthin griff, der sich umschaute – nach was, nach ihr? –, um hinter dem nächsten Regenschleier wieder undeutlich zu werden, zu verschwimmen.
»Daniel?«
Sie sah Daniel und rief ihn, aber er hörte sie nicht, natürlich nicht. Es war idiotisch, hier herumzuschreien. Sie sollte sich lieber auf ihre Arbeit konzentrieren. Jeder hatte seinen Part auf so einem Schiff. Auch bei Sturm. Auch in einem Notfall. Gerade dann. Die »Selma« ächzte und krängte.
Die »Selma« war für diese Art von Wetter nicht gemacht. Das schwere Boot war in Holland gebaut, es sah aus wie ein alter Kahn, rund und gemütlich, dabei hatte die »Selma« erst zehn Jahre auf dem Buckel, als sie sie vor ein paar Jahren gebraucht von der Werft geholt hatten – ein dickliches, gut gelauntes Bootskind, ein wenig unhandlich, aber sehr gutmütig, mit dem sie erst einmal die Kanäle und das ruhige Wasser vor der niederländischen Küste erkundet hatten. Für behagliches, holländisches Sommerwetter war die »Selma« gemacht. Für Kanäle und Grachten, für den flachen Bodden auf dem Darß bei Rostock, auch, um gemächlich die Küstenlinie abzusegeln. Um sich Zuhause von außen anzusehen, wie Daniel sagte. Ein Boot, mit dem man langsamer war als die meisten anderen. Ein Boot, mit dem man mehr sah.
Daniel liebte dieses Schiff. Sie hatte, das wusste er selbst, zu viel Geld dafür bezahlt, weil er sich auf den ersten Blick verliebt und darüber vergessen hatte, dass mit den cleveren holländischen Bootsbauern erst einmal verhandelt werden musste. Nach zwei Jahren hatte er die Deckaufbauten liebevoll restauriert, hatte von Hand die aufwendigen Schnitzereien auf dem Kajüthaus ausgebessert, die Beplankung des Decks erneuert, hatte zwei lange Winter hindurch in einer ungeheizten Bootshalle den runden, stählernen Schiffsrumpf von Algen und Schnecken befreit, den alten Farbanstrich abgeschliffen und neu gestrichen, immer und immer wieder. Für das Weihnachtsgeschäft war Daniel zweimal ausgefallen. Zweimal hatten sie sich deshalb gestritten, schon kurz nach Erntedank war das losgegangen, über den Martinstag bis in den Advent.
»Diesmal werden wir endlich Frieden im Advent haben«, hatte Daniel fast feierlich gesagt, bevor sie, viel zu spät im Jahr, losgesegelt waren. »Du wirst sehen: Wenn wir erst einmal auf der Insel angekommen sind, wird es uns bessergehen. Uns beiden.«
Dass Daniel etwas zweimal sagte, dass er etwas wiederholte, um es zu betonen oder um sicherzugehen, dass sie ihn auch verstand, kam selten vor. Meistens war er zu schnell. Nicht nur zu schnell für sie – für jedermann. Ein zappeliger, silbriger Fisch, so kam er ihr vor, ihr dünner, hyperintelligenter Mann. Der ungeduldigste Buchhändler, den sie kannte, verträumt und belesen. Plötzlich schossen ihr die Tränen in die Augen. Daniel. Da zappelte er herum, versuchte das Boot zu retten und sie beide. Und zappelte doch nur, wie er immer zappelte, wie er sich durchs Leben zappelte, unruhig, unsicher. Svea hatte Angst um ihn. Auf einmal fürchtete sie nur noch um ihn.
»Daniel?«
Er winkte ihr von Backbord zu. Ein gewaltiger Schub erfasste das Boot von hinten, hob es kurz an und ließ es krachend wieder aufs Wasser fallen. Svea versuchte, ihre Füße rechts und links unter der Sitzbank zu verkeilen. Sie warf sich mit dem Oberkörper über die Pinne, die ausschlagen wollte. Das musste sie verhindern. Sie durfte nicht zulassen, dass sie den Kurs verloren, dass das Schiff womöglich quer schlug, sich ungünstig zum Wind und zu den heranbrausenden Wellen stellte. Dann würden die Brecher in das Schiff schlagen, das Boot würde im Handumdrehen volllaufen, und sie wären verloren.
Svea klammerte sich an die Pinne, sie würde nicht loslassen, jetzt nicht, überhaupt nicht, nie mehr. Ihre Fingernägel brachen, aber sie merkte es nicht, irgendwo hatte sie sich einen Riss in der Jacke geholt, aber was machte das schon. Svea biss die Zähne zusammen, dass es schmerzte. Nirgends eine Markierung, nirgends ein Anzeichen für Land, für Sicherheit. Eine neue Böe packte das Schiff. Svea machte sich so schwer wie möglich, sie legte ihr ganzes Gewicht auf die Pinne. Die Haare troffen und hingen ihr ins Gesicht, und Svea fluchte, weil sie kaum die Nadel auf dem Kompass erkennen konnte. Svea klammerte sich fest, noch fester, in ihrem Kiefer knackte es. Und wenn sie untergingen, dann würde sie untergehen, aber mit der Pinne in der Hand. Das Wasser rann ihr in den Kragen, suchte sich einen Weg ihren Körper hinunter, bald spürte sie die Beine nicht mehr, so kalt war es, und wenn sie einmal den Kopf hob, straften sie Regen und Wind mit wütenden Hieben. Im Sturm zeigte das Meer, was es von den Menschen hielt – gar nichts. Es zeigte, wie überflüssig sie waren, wie winzig, wie schwach. Im Sturm zeigte sich, welche Verbündeten der Mensch in der Natur hatte – niemanden, nur den eigenen Hochmut.
Nicht nachdenken, sagte sich Svea, Nachdenken kostet Kraft. Wer nachdenkt, gibt auf. Konzentrieren auf den Kurs. Nord-Nordost, Richtung Gedser. Den Hafen auf der Insel Falster mussten sie anlaufen, sie konnten nicht kreuzen und zum Festland zurück. Sie mussten diese Darßer Schwelle überwinden, unbedingt, koste es, was es wolle.
Eigentlich war Svea der bessere Segler von ihnen beiden. Sie hatte mehr Erfahrung, sie war schon als Kind an jedem Wochenende mit den Eltern auf dem Wasser gewesen. Auf dem Wasser sein – so nannte man das in ihrer Gegend untertreibend, so, wie man bei stürmischem Wind sagte: Es weht. Und bei Regen: Es wird nass von oben.
Ihre Gegend, das war die Kieler Förde. Da wohnten sichere, nüchterne Menschen in sicheren, nüchternen Häusern. Bloß kein Gedöns machen. Um gar nichts. Auch die Stadt machte kein Aufhebens von sich, stand eben da, funktionierte. Die Menschen lebten zum Wasser hin, da kümmerte es sie nicht, dass keine Blumen gediehen, dass ihre Stimmen zwischen den schmucklosen Bauten in den grauen Gassen hallten, dass die Wege weit waren und die Feste selten.
Auf dem Wasser allerdings ging es an warmen Wochenenden zu wie auf dem Spielplatz in irgendeiner bürgerlichen Gegend: bunt und voll – aber ordentlich und aufgeräumt. Die vielen Freizeitkapitäne kannten sich, man grüßte einander, wenn sich die Schiffe begegneten, und an Land half man sich mit mancher Handreichung. Die Frauen konkurrierten sanft mit selbstgebackenen Kuchen, und die Männer tauschten sich über die beste Takelage und das sicherste Antifouling aus.
Svea war schon als Kind gern dabei. Sie hatte keine Angst auf dem Wasser, und sie liebte ihr Schiff, ein kleines Folkeboot. Später, als der Vater befördert worden war, waren mit seinem Arztgehalt in der Klinik auch die Boote gewachsen; so war das in ihrer Gegend, man kaufte keinen größeren Wagen, sondern das bessere Boot, und klaglos räumten die Frauen das gesamte Schiffsinventar um, die Decken und Tücher, die Takelage und das Werkzeug, den Hausrat und die vielen Vorräte. Die Kuchen wurden jetzt vom Caterer geliefert, statt Rezepten tauschte man die Adressen der besten Lieferanten aus. So ging das bis zum nächsten Gehaltssprung. Und bis zum nächsten Boot. Bis es ihrer Mutter eines Tages doch zu viel wurde. Da war sie von Bord gegangen. So hatte es ihr Vater ausgedrückt. Sie hatte ihn verlassen. Ihren Mann und die beiden Kinder. Während einer Bootsmesse, wie der Vater mit galligem Humor feststellte. Der Mann, den sie dort kennengelernt hatte, hatte beobachtet, wie sie an einem Kaffeestand in der Ausstellungshalle Cappuccino getrunken und dabei so wütend in der Tasse gerührt hatte, dass es durch all den Messelärm zu hören gewesen war. Das hatte dem Fremden imponiert. Eine Frau, die ihre Wut in einer Cappuccino-Tasse unterbringen und sich doch Gehör verschaffen konnte! Eine Frau, die Musik aus Wut macht oder aus Wut Musik! Der Mann war Musiklehrer und hatte eine poetische Ader. Er lebte in Köln. Jetzt wohnte er schon seit Jahren mit der Mutter, und die Mutter lernte Percussion und gewöhnte sich einen rheinischen Singsang an.
Seitdem waren der Vater und die beiden Kinder allein. Und seitdem hasste Svea das Segeln. Das heißt, eigentlich hasste sie es nicht – sie misstraute ihm nur. Sie glaubte nicht mehr daran, dass das Segeln eine Familie oder überhaupt Menschen einen konnte. Sie hielt nichts von all dem romantischen Schmöckes, wie sie es nannte. Aber sie segelte nur umso besser. Sie nahm die Boote richtig ran. Sie war rücksichtslos, und sie gewann manche Regatta. Und nun waren es ausgerechnet ihr Mut und ihre Erfahrung gewesen, die sie in diese verzweifelte Lage gebracht...
| Erscheint lt. Verlag | 13.6.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 50plus • Best Ager • Buch für den Strand • Buch für den Urlaub • Buchhändler • Buchhändlerpaar sucht neuen Anfang • Buchhandlung • deutsch-deutsche Geschichte • Deutschland • Dorfgemeinschaft • Frauenunterhaltung • Generation Gold • Golden Ager • Hiddensee • Insel • insel taschenbuch 4579 • IT 4579 • IT4579 • Liebe • Mitteleuropa • Neuanfang • Nordostdeutschland • Ostsee • Ostseeinsel • Ostseeküste und -inseln • Ostseeliebe • Paarbeziehung • Rentner • Rentnerdasein • Ruhestand • Segelboot • Segeln • Senioren • Sommer • Sommer-Lektüre • Strand-Buch • Sturm • Urlaubslektüre |
| ISBN-10 | 3-458-74463-0 / 3458744630 |
| ISBN-13 | 978-3-458-74463-4 / 9783458744634 |
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