Goethe, Glück und Helgoland (eBook)
230 Seiten
Kadera-Verlag
978-3-944459-67-7 (ISBN)
REIMER BOY EILERS - Seine Kindheit verlebte der vielseitige Autor in den fünfziger und sechziger Jahren auf Helgoland - mit einem Onkel als Haifischer und einem Großvater als Leuchtturmwärter, umweht vom Duft der weiten Welt, umspült vom Wasser, das in alle Richtungen führt. In der Familie wurde er Boy gerufen, eine Reminiszenz an englische Kolonialtage. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete an der Universität. Dann entdeckte er die Literatur für sich - und wurde sogleich mit dem Debüt-Preis der Frankfurter Buchmesse 1984 auf diesem Weg bestätigt. Seit vielen Jahren ist Reimer Boy Eilers Landesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller in Hamburg und Mitglied im Syndikat, der Vereinigung deutschsprachiger Kriminalschriftsteller.
Der Marmelorkan von Hallund Einen Tag, nachdem sie Harm Botters Schädel im Watt gefunden hatten, sollte der Marmelorkan über die Insel ziehen. Er hinterließ auf dem Roten Felsen die schlimmsten Verheerungen seit Menschengedenken, und alles war ihre Schuld. Obwohl, es war nicht fair. Man konnte genauso gut sagen, dass der Totenschädel die Schuld an dem Unglück trug. Wie üblich waren sie zu dritt hinaus ins Watt gegangen, Sönke Ingwer Boysen stapfte mit den anderen über die weite Fläche gerippelten schlickgrauen Sandes, die der Ostwind frei geblasen hatte, und sah das möwengroße Objekt kurz vor dem Horizont auf der Kehrwiederbank liegen. Er fasste sich nachdenklich an die Nase und zupfte an den blonden Barthaaren über dem Kinn. Der hohe Himmel und die trockene Luft ergaben eine unwahrscheinliche Fernsicht, welche die Augen erschreckte und das Herz in unbestimmter Erwartung schneller schlagen ließ. »Es könnte auch das Übliche sein«, dämpfte der Kapitän Johann Nummel Nummels die Erwartungen. Bloßer Spüllicht, was sich dort in geborgter Erhabenheit präsentierte. »'Ne Kokosnuss, 'n großer Klumpen Paraffinwachs von ei'm Tanker, 'ne Wassermelone, 'ne Baseballkappe, Trash eb'n, obertrivialer Müll, Allerweltskrimskram von'n Spülsaum, Rückstände der Anwurfgirlande von'n letzten Sturm.« Wenngleich sie natürlich von diesem speziellen Ort im Watt sehr viel mehr erwarteten. Vielleicht war es sogar ein Straußenei oder ein großer Stein, obwohl es hier auf dem Meeresboden so wenig Steine gab wie Straußeneier. Das heißt, üblicherweise. Dafür gab es Schollen bei Flut, manchmal fischte der Kapitän mit seiner Schaluppe auf der Kehrwiederbank. Das Meer nahm, wo und wie es wollte, es atmete ein und aus in riesenhaften sechsstündigen Atemzügen, und es gab an sehr eigenwilligen Stellen zurück. Vieles war möglich, entgegnete Sönke Ingwer. Ach, du liebe Zeit, Kapitän Johann Nummel Nummels hatte dem nichts hinzuzufügen, auch Harm Eden Harms, Kaufmann und der Dritte ihres Wracker-Teams, schwieg zu dieser Behauptung, weil sie schlagend war wie ein nasser Lappen. Von der Springtide zur Nipptide hüpfte das Meer, verkleidete sich zwischen zwei Mondzyklen als Proteus oder Seejungfrau, flüsterte, brüllte, eben unglaublich wandelbar, in Auftritten von subtiler Willkür. Das Meer schuldete niemandem Rechenschaft. Tatsächlich wusste das kein Landbewohner besser als die Menschen in Nordfriesland, wo das Meer in einer bösen Saison durch Haifischkiemen atmete, dann unvermutet auf eine Hallig sprang und einen Bauernhof schluckte und dafür in einer anderen, gemütvollen Saison sentimental daher kam und vielleicht die Reste eines armen Kirchenschiffs im Wattenschlick ausspuckte wie einen großen Rülpser, der schon Jonas aus dem Walfisch wieder hinaus befördert hatte. Aber in Nordfriesland kam nicht die einzelne Seele aus den Tiefen zurück, kein lütter Jonas, sondern eine ganze Ruine der Gottesverehrung, einen Ort für viele Seelen spuckte das Meer dann ans Licht?... Angesichts des fernen Objektes auf Kehrwieder überlegte Sönke Ingwer Boysen der Jüngere, was eventuell in den letzten Monaten auf Hallund abhanden gekommen sein mochte. Immerhin verfügte der Jungwirt in seiner Stellung über ein unvergleichliches Wissen, denn hinter dem Tresen im Kirchspielkrug wurde er brühwarm mit allem Inselgeschehen getränkt. Tatsächlich gab es bestürzende Verluste wie Lee Pee Vanille, die Puppe seiner Tochter, die unter den Achseln duftete und deren Verschwinden eine irritierende Lücke im Geruchsspektrum der elterlichen Wohnung hinterlassen hatte. Des Weiteren war eine mannshohe Palme samt Kübel vom Rathausplatz verschwunden und, fast ebenso ein Politikum, der Grill der Inselfeuerwehr. Die Sandbank, die gerade voraus im Weg ihrer Exkursion lag, lief in der Tat jeder billigen Erwartung den Rang ab. Sie hieß Kehrwieder, weil alle Dinge, die rund um die Insel ins Meer fielen, hier wieder angelandet wurden. Es war nur eine Frage der Zeit und der Strömungen, der Priele, die entstanden und vergingen, der Sande, die sich hoben oder senkten. Es war eine Frage der Seehunde und Kegelrobben, die das Meer auf geheimnisvolle Weise anstachelte, Dinge mit ihren Schnauzen in eine bestimmte Richtung zu stoßen. Es war eine Frage des Seetangs, der sich auf einer festen Unterlage im Sand ansiedelte, auf Steinen oder verlorenen rostigen Kochtöpfen, sie mit starken Wurzeln umkrallte und übermannshohe Blätter trieb, bis ein Sturm so eine mächtige Tangpflanze mit allem, was ihre Wurzeln festhielten, von ihrem Standort fortriss und auf die bewusste Sandbank warf. Danach, bei Ebbe und ruhigem Wetter, lag der Tang in Massen auf Kehrwieder, und zwar nicht wie Treibholz, sondern wie ein Komposthaufen, umsummt und umschwärmt von einer dunklen Wolke an Sandfliegen, die der süßliche Geruch der Fäulnis schier verrückt machte. ...
| Erscheint lt. Verlag | 20.5.2016 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-944459-67-9 / 3944459679 |
| ISBN-13 | 978-3-944459-67-7 / 9783944459677 |
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Größe: 6,3 MB
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