John Sinclair Sonder-Edition 24 (eBook)
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-2875-2 (ISBN)
Vor Jahren hatte ich Moro, den Henker, im Kampf besiegt. Seine mörderische Axt wurde in einem Museum ausgestellt.
Eines Tages war sie verschwunden. In London tauchte sie wieder auf. In den Händen des lächelnden Henkers.
Die ersten Menschen starben. Scotland Yard jagte den Mörder rund um die Uhr.
Und dann hörte auch ich hinter mir das hohle Kichern des lächelnden Henkers ...
In einem mörderischen Zweikampf hatte ich den schwarzen Henker damals vernichtet. Ein Dorf hatte er in Angst und Schrecken gehalten, hatte furchtbar gewütet, dann war ich gekommen.
Der schwarze Henker wurde besiegt. Die Menschen atmeten auf. Aber die alten Legenden widersprachen.
Darin stand geschrieben: Der schwarze Henker ist unsterblich!
***
Pitlochry!
Ein kleiner Ort in Schottland. Eingeschlossen von den hohen Kämmen der Grampian Mountains, eine wilde, romantische Gegend mit sauberer Luft und einer noch intakten Natur.
So hart und zäh wie die Umwelt, so zäh waren auch die Menschen. Ein besonderer Schlag. Verschlossen, misstrauisch den Fremden gegenüber und immer wieder an das Schicksal denkend, das dieser kleine Ort erlitten hatte.
Der schwarze Henker! Die Erinnerung an ihn blieb. Auch die Zeit nach seiner Vernichtung konnte sie nicht löschen, denn etwas befand sich noch innerhalb des Ortes.
Es war die Waffe des Henkers. Das Beil!
Ein furchtbarer Gegenstand, mit dem er gewütet und seine Opfer gefunden hatte. Das Beil oder die Axt wollten die Bewohner des Dorfes dem Geisterjäger John Sinclair damals nicht mitgeben, es sollte als schaurige Erinnerung in Pitlochry bleiben und nachfolgenden Generationen zu denken geben.
Wie fast jeder Ort hier oben hatte auch Pitlochry ein kleines Heimatmuseum. Dort fand die Axt ihren Platz. Manche Leute behaupteten, dass man noch die Blutspritzer an der Klinge sehen konnte, wenn man genau hinsah, aber das war wohl ein wenig übertrieben und sollte dem Indiz nur einen makabren Touch geben.
Das einsame Dorf inmitten der Berge wurde im Sommer von Touristen besucht. Es gab drei kleine Frühstückspensionen, die in der Saison fast immer ausgebucht waren, denn in Pitlochry fanden großstadtmüde Menschen die richtige Erholung. Und natürlich erzählte man ihnen die Geschichte des schwarzen Henkers. Man berichtete von seinen Untaten und führte die Fremden als krönenden Abschluss in das Heimatmuseum, wo sie das Beil besichtigen konnten und einen noch nie erlebten Schauer bekamen.
Pitlochry hatte seine Sensation, und das kleine Dorf lebte gut davon. Doch immer wieder warnten die Alten, denn für sie war der schwarze Henker noch längst nicht besiegt. Irgendwann würde sich etwas ereignen, dessen waren sie sich sicher.
Die Jahre gingen ins Land. Frühling, Sommer, Herbst und Winter wechselten sich ab, und wieder einmal war es Herbst geworden, hatten erste Nachtfröste die Erde hart werden lassen.
Laub flatterte zu Boden, ein bunter Teppich, durch den zu wandern es besonderen Spaß machte.
Um diese Zeit bereitete sich ein Ort wie Pitlochry auf den Winter vor. Und der Winter in den Bergen wurde lang. Manchmal lag bis in den April hinein Schnee, und die letzten Touristen verließen im Oktober den Ort.
Die Einwohner waren dann unter sich. Niemand interessierte sich jetzt noch für das kleine Heimatmuseum. Es wurde abgeschlossen und sollte erst wieder im Frühjahr geöffnet werden.
Das Beil blieb in dem Glasschrank stehen, der ebenfalls verschlossen war.
Wenn die Sonne unterging, stiegen aus den Tälern die ersten grauen Schleier. Als lange Fahnen glitten sie lautlos in die Höhe und schlossen die Häuser wie ein Ring ein. Manchmal konnte man nicht die berühmte Hand vor Augen sehen, so dicht lag der Nebel, der sich seinen Weg suchte und ihn auch immer fand. Die Menschen zogen sich in ihre Häuser oder in die Gaststätten zurück, sie redeten miteinander und sprachen wieder über die alten Geschichten.
Besonders im Herbst wurden die Untaten des schwarzen Henkers wieder lebendig, dann wurde von seinen Morden gesprochen und auch von dem Mann, der ihn damals besiegt hatte. Der Geisterjäger John Sinclair war ihnen in guter Erinnerung geblieben, ihn würden sie nicht vergessen, denn er hatte sie von dem unheimlichen Fluch befreit.
Auch im Gasthaus saßen die Männer zusammen. Sie blickten nach draußen, sahen in den Nebel, und ein alter Mann meinte plötzlich: »Freunde, das ist seine Zeit …«
Er brauchte den Namen nicht auszusprechen. Jeder wusste, wer gemeint war, man zog die Köpfe ein und schwieg.
Bis auf einen jungen Burschen, der schon einiges getrunken hatte und sich stark fühlte. »Was ihr alle habt!«, rief er laut. »Der schwarze Henker, darüber kann ich nur lachen.«
»Das solltest du aber nicht, Ian.«
Ian, so hieß der Bursche, schlug mit der Faust auf den harten Holztresen. »Natürlich lache ich darüber. Wenn mir der schwarze Henker begegnet wäre, hätte ich ihm gezeigt, wer Herr im Haus ist. Ich hätte meinen Schädel nicht verloren.«
»Sprich nicht so!«, wurde er angeherrscht.
»Ach, ihr seid Memmen. Ich bin da anders, und ich werde heute das tun, was ich lange nicht mehr getan habe. Ich sehe mir das Beil des Henkers an.«
Schweigen.
Der junge Mann nahm einen Schluck Bier. Er trank das hohe Glas leer, rülpste und sah sich herausfordernd um. »He, ich gehe und sehe mir das Beilchen an. Will keiner von euch mit?«
»Bleib lieber hier.«
»Was ihr immer habt.« Ian kicherte. »Ich hole mir das Beil und kehre hier in die Kneipe als der schwarze Henker zurück. Ihr werdet sehen, wie die Leute zittern, die mir unterwegs begegnen …«
»Damit spaßt man nicht!«
Ian ließ sich von gut gemeinten Ratschlägen überhaupt nicht abhalten. Er stützte sich vom Tresen ab, legte die ersten Yards unsicher zurück, fing sich dann und stapfte breitbeinig über die alten Holzbohlen auf die Tür zu. Draußen empfing ihn der Nebel. Einige Besucher, die nahe der Tür saßen, hörten Ian noch pfeifen, dann verklang auch dieses Geräusch.
»Damit sollte man keine Scherze treiben«, sagte ein weißhaariger Mann, »wirklich nicht … ich weiß das. Der Fluch ist nicht gelöscht, der Henker ist unsterblich …«
»Du meinst, sein Geist?«
»Möglich.«
»Aber wie sollte er denn weiterleben?«
Der Weißhaarige hob den Blick. »Wir hätten die verfluchte Axt zerstören müssen.«
Jemand lachte. »Das sagst du jetzt. Hättest du das nicht schon vor Jahren vorschlagen können?«
»Habe ich doch, aber es wollte mir niemand glauben. Ausgelacht haben sie mich.«
»Dann geh doch hin und hau sie kaputt.«
Wieder schüttelte der Weißhaarige seinen Kopf. »Es ist nicht meine Aufgabe, so etwas muss der Pfarrer übernehmen. Nur er kann die Axt des Bösen entweihen und sie wieder zu einem normalen Gegenstand machen. Glaubt mir.«
»Wieso normal?«
»Weil in dem Mordwerkzeug der Teufel sein Zuhause gefunden hat«, erklärte der Weißhaarige.
»Davon haben wir nichts bemerkt.«
»Nein, ihr könnt es auch nicht sehen, höchstens fühlen. Schlagt meine Warnungen nicht in den Wind, die Axt ist gefährlich.«
»Dann zerstören wir sie Morgen!«
Der Weißhaarige nickte. »Die Idee ist gut, wir sollten noch mit dem Pfarrer darüber reden.«
»Und die Touristen?«, beschwerte sich der Besitzer einer kleinen Pension. »Viele kommen nur hierher, um die Axt des schwarzen Henkers zu sehen. Sie ist eine Berühmtheit geworden.«
Abermals widersprach der Weißhaarige. »Mir ist die Zurücknahme eines alten Fluchs lieber, als die paar Fremden, die herkommen, um die grausige Erinnerung zu besichtigen.«
»Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen«, sagte der Mann mit der Pension.
Während die Gäste in der Kneipe noch weiter diskutierten, schlich Ian durch Pitlochry. Er war hier geboren, kannte sich aus und wusste trotz seines leicht umnebelten Hirns, wie er am schnellsten zum Heimatmuseum gelangte.
Nebel lag nicht nur in seinem Kopf, sondern auch über dem Dorf. Ein dichter grauer Schleier, hinzu kam die Dunkelheit, sodass fast nichts mehr zu sehen war. Hier und da brannte ein Licht. Geheimnisvoll schimmernd durchbrach es die dunkelgraue Suppe für Sekunden, um schnell wieder verschluckt zu werden, wenn Ian es passiert hatte.
Es war kalt geworden. Trotz seiner Lederjacke fröstelte Ian, schlug den Kragen hoch und ging weiter. Dabei sprach er mit sich selbst, und es waren Worte, die sich um den Henker drehten.
»Der schwarze Henker!« Er kicherte. »Angst haben die Leute. Das ist alles. So ein blödes Beil, was soll das schon tun? Gar nichts.« Er schüttelte den Kopf. »Ich werde es nehmen, damit in die Kneipe gehen und einen Tisch zertrümmern.« Voller Vorfreude rieb er sich die Hände, denn er wollte den anderen schon zeigen, wie man so etwas machte.
Das Heimatmuseum lag am Ende des Dorfes, wo die Felder begannen und wo auch nicht weit weg der alte Friedhof lag. Aus einem der Gräber war der schwarze Henker gekommen und hatte sein erstes Opfer gefunden.1) Dieser Friedhof spielte eine besondere Rolle, die Alten warnten auch immer vor ihm, und selbst Ian traute sich bei Dunkelheit dort allein nicht gern hin.
Das war auch nicht sein Ziel. Er bog ab in einen kleinen Feldweg, ging über Gras und durch Schlamm, sah Bäume und Sträucher von geisterhaften Nebelschwaden umhüllt und glaubte, dass sie vor ihm einen gespenstischen Reigen tanzen würden. Er schüttelte den Kopf, begann wieder zu pfeifen und machte sich durch die Melodie Mut.
Manchmal wuchsen die Büsche so nah an den Weg heran, dass ihre nassen Zweige wie starre Hände über die Kleidung des einsamen Spaziergängers strichen.
Ian ging schneller. Nach wenigen Minuten schon sah er die Umrisse zweier Häuser aus den Nebelschwaden erscheinen. Das linke Haus gehörte der Freiwilligen Feuerwehr. Dort hatten die zur...
| Erscheint lt. Verlag | 3.5.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • alfred bekker • Bastei • Bestseller • blutig • Clown • Dämon • Dämonenjäger • dan-shocker • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • Extrem • Fortsetzungsroman • Frauen • Geisterjäger • grusel-geschichten • Gruselkabinett • Grusel-Krimi • Gruselroman • Grusel-Roman • Horror • Horror Bücher ab 18 • Horror-Roman • horrorserie • horror thriller • Horror-Thriller • Jason Dark • Julia-meyer • Kindle • Krimi • Kurzgeschichten • larry-brent • Lovecraft • Macabros • Männer • morland • neue-fälle • Paranomal • professor-zamorra • Professor Zamorra • Psycho • Roman-Heft • Serie • Sinclair • Slasher • spannend • Splatter • Stephen King • Stephen-King • Steven King • Terror • Thriller • Tony-Ballard • Top • Zombies |
| ISBN-10 | 3-7325-2875-8 / 3732528758 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-2875-2 / 9783732528752 |
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