Helen Amerika und Mr. Nicht-mehr-grau sind das schillerndste Liebespaar ihrer Zeit: Er war der erste Mensch, der nach einem interstellaren Flug mit einem Sonnensegel-Raumschiff wieder zur Erde zurückkehrte, sie wurde später die Lady, die mit der Seele segelte. Dies ist ihre Geschichte; die Geschichte einer Liebe, die Raum und Zeit überdauerte - und so ganz anders ist als die Romanze, die uns die Medien später vorgaukelten ...
Die Erzählung 'Die Lady, die mit der Seele segelte' erscheint als exklusives eBook Only bei Heyne und ist zusammen mit weiteren Stories von Cordwainer Smith auch in dem Sammelband 'Was aus den Menschen wurde' enthalten. Sie umfasst ca. 36 Buchseiten.
Cordwainer Smith war das Pseudonym von Paul Linebarger. 1913 in Milwaukee, Wisconsin geboren, verbrachte Linebarger seine Kindheit in den unterschiedlichsten Ländern. Sein Vater war pensionierter Richter und politisch aktiv; unter anderem pflegte er Beziehungen zu dem chinesischen Politiker Sun Yat-sen, der Pauls Taufpate war. Linebarger studierte Politikwissenschaft und wurde später Professor für Internationale Politik. Er arbeitete für den militärischen Geheimdienst der USA als Asien-Experte und gehörte dem Beraterstab von Präsident John F. Kennedy an. Er verfasste ein Handbuch über psychologische Kriegsführung, das bis heute als Standardwerk gilt. Daneben schrieb er unter verschiedenen Pseudonymen Kurzgeschichten und Romane; für seine SF-Erzählungen wählte er Cordwainer Smith. 'Cordwainer' ist eine veraltete Bezeichnung für Schuster, Smith bedeutet Schmied. Wie ein Handwerker baute Linebarger nach und nach sein Universum von der 'Instrumentalität der Menschheit' auf, mit dem er in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bekannt wurde. Er gilt als einer der intelligentesten und ungewöhnlichsten Science-Fiction-Autoren. Paul Linebarger starb im August 1966 und ist auf dem Nationalfriedhof in Arlington beerdigt.
I
Die Geschichte begann – ja, wann begann sie eigentlich? Jeder hatte schon von Helen Amerika und Mr. Nicht-mehr-grau gehört, aber niemand wusste genau, wie alles gekommen war. Ihre Namen waren eng verknüpft mit den glitzernden, unvergänglich schönen Juwelen der Romantik. Manchmal wurden sie mit Héloise und Abélard verglichen, deren Geschichte eines Tages in den Büchern einer verschütteten Bibliothek wiedergefunden wurde. Andere Zeitalter verglichen ihr Leben mit der schicksalhaften, hässlich-schönen Geschichte von Go-Kapitän Taliano und Lady Dolores Oh.
Alles in allem lebten zwei Dinge weiter – ihre Liebe und das Bild der großen Segel, Schwingen aus hauchdünnem Metall, mit denen die Menschen sich hinaus zu den Sternen schwangen.
Fiel sein Name, erinnerte man sich an sie; fiel der ihre, erinnerte man sich an ihn. Er war der Erste der zurückkehrenden Segler gewesen, und sie war die Lady, die mit der Seele segelte.
Es war ein Glück, dass die Menschen keine Bilder von ihnen hatten. Der romantische Held war ein sehr jugendlich wirkender Mann, der vorzeitig gealtert und noch immer sehr krank war, als die Romanze begann. Und Helen Amerika war ein wenig verrückt, aber nicht unangenehm verrückt: eine starrsinnige, ernsthafte, traurige kleine Brünette, die unter dem Gelächter der Menschheit geboren war. Sie ähnelte keineswegs der hochgewachsenen, selbstbewussten Heldin, als die sie später von Schauspielerinnen immer dargestellt wurde.
Wie dem auch sei, sie war eine wundervolle Seglerin. So weit stimmt alles. Und mit ihrem Körper und ihrem Verstand liebte sie Mr. Nicht-mehr-grau mit einer Ausschließlichkeit, die von den kommenden Zeitaltern weder übertroffen noch vergessen wurde. Die Geschichte mag die Patina ihrer Namen und ihrer Erscheinung entfernen, aber selbst die Geschichte kann nicht mehr tun, als die Liebe von Helen Amerika und Mr. Nicht-mehr-grau zu verklären.
Und beide, daran sollte erinnert werden, waren Segler.
II
Das kleine Mädchen spielte mit einem lebenden Spieltier. Sie war es leid, dass es ein Hühnchen war, und so veränderte sie es wieder und gab ihm die Gestalt eines pelzigen Bären. Als sie ihm, so weit es ging, die Ohren langgezogen hatte, wirkte das kleine Tier tatsächlich äußerst komisch. Ein leichter Windstoß warf das Tierspielzeug um, aber gutmütig richtete es sich wieder auf und knabberte selbstzufrieden am Teppich.
Das Mädchen klatschte plötzlich in die Hände und platzte mit einer Frage heraus. »Mama, was ist ein Segler?«
»Früher einmal gab es Segler, Liebling, vor sehr langer Zeit. Es waren mutige Männer, die die Schiffe hinaus zu den Sternen führten, die ersten Schiffe, die die Menschen fort von unserer Sonne brachten. Und sie besaßen große Segel. Ich weiß nicht genau, wie sie funktionierten, aber irgendwie muss das Licht sie angetrieben haben, und es kostete sie ein Viertel ihres Lebens, um eine einzige Fahrt in einer Richtung zu beenden. Zu dieser Zeit lebten die Menschen nur hundertsechzig Jahre, Liebling, und jede Fahrt, ob nun hin oder zurück, dauerte vier Jahrzehnte. Aber heute brauchen wir keine Segler mehr.«
»Natürlich nicht«, sagte das Mädchen, »wir können heute einfach so reisen. Du hast mich mit zum Mars genommen und auch zur Neuen Erde, nicht wahr, Mama? Und wir können bald auch sonst überall hinfahren, und das dauert nur einen einzigen Nachmittag.«
»Dank der Planoforme, Schätzchen. Aber es verging viel Zeit, bis die Menschen wussten, wie man planoformt. Und sie konnten damals nicht auf die gleiche Art wie wir reisen, deshalb brauchten sie große breite Segel. Sie bauten so große Segel, dass man sie nicht auf der Erde montieren konnte. Man musste sie im Weltraum aufhängen, auf halbem Weg zwischen Erde und Mars. Und weißt du, da geschah etwas sehr Lustiges … Hast du jemals von der Zeit gehört, als die Welt gefror?«
»Nein, Mama, was meinst du damit?«
»Nun, vor langer Zeit trieb eines dieser Segel ab und die Menschen versuchten es zu retten, denn es hatte eine Menge Arbeit gekostet, es herzustellen. Aber das Segel war so groß, dass es sich zwischen Erde und Sonne legte. Und dann gab es keinen Sonnenschein mehr, nur Nacht, die ganze Zeit über. Und es wurde sehr kalt auf Erden. Alle Atomkraftwerke liefen auf Hochtouren und die ganze Atmosphäre begann komisch zu riechen. Und die Menschen waren besorgt, und nach ein paar Tagen hatten sie das Segel aus dem Weg gezogen. Und dann schien die Sonne wieder.«
»Mama, gab es unter den Seglern denn auch Mädchen?«
Ein seltsamer Ausdruck glitt über das Gesicht der Mutter. »Es gab eine Frau. Später, wenn du älter bist, wirst du sicher einmal ihre Geschichte erfahren. Ihr Name war Helen Amerika, und sie segelte die Seele hinaus zu den Sternen. Sie war die einzige Frau, die es jemals gewagt hat. Es ist eine wundervolle Geschichte.« Die Mutter betupfte ihre Augen mit einem Taschentuch.
Das Kind bat: »Mama, erzähl sie mir jetzt. Worum geht es in dieser Geschichte?«
An diesem Punkt wurde die Mutter sehr streng und erklärte: »Schätzchen, es gibt einige Dinge, für die du noch zu klein bist, um sie zu verstehen. Aber wenn du ein großes Mädchen bist, werde ich dir alles darüber erzählen.« Die Mutter war eine freundliche Frau. Sie dachte einen Augenblick nach und fügte dann tröstend hinzu: »Wenn du es nicht zuvor selbst liest.«
III
Helen Amerika war dabei, sich einen Platz in der Geschichte der Menschheit zu erobern, aber sie hatte einen schlechten Start. Schon ihr Name war ein Unglück.
Niemals hat jemand erfahren, wer ihr Vater war. Die Behörden hatten vereinbart, es geheim zu halten.
Über die Identität ihrer Mutter gab es keine Zweifel. Ihre Mutter war der berühmte Hermaphrodit Mona Muggeridge, eine Frau, die Hunderte von Kampagnen für die hoffnungslose Sache der völligen Gleichberechtigung beider Geschlechter durchgeführt hatte. Sie war eine ausgesprochene Frauenrechtlerin gewesen, und als Mona Muggeridge, die eine und einzige Miss Muggeridge, der Presse gegenüber erklärte, dass sie ein Baby erwarte, war dies eine Schlagzeile für die Titelseite wert.
Mona Muggeridge ging noch weiter. Sie teilte ihre feste Überzeugung mit, dass Väter nicht genannt zu werden brauchten. Sie verkündete, dass keine Frau hintereinander von dem gleichen Mann Kinder bekommen dürfe, dass Frauen angewiesen werden sollten, sich verschiedene Väter für ihre Kinder auszusuchen, um das Erbgut zu verfeinern und abwechslungsreicher zu gestalten. Sie ließ durch eine Anzeige bekannt werden, dass sie, Mona Muggeridge, den perfekten Vater gefunden habe und dass sie deshalb mit Sicherheit das perfekteste aller Kinder zur Welt brächte.
Miss Muggeridge, eine knochige, hochtrabende Blondine, verkündete, dass sie nicht daran dächte, den Unsinn von Ehe und Familiennamen mitzumachen, und dass deshalb ihr Kind, wenn es ein Junge würde, den Namen John Amerika bekäme, und ein Mädchen den Namen Helen Amerika.
So geschah es, dass die kleine Helen Amerika geboren wurde, während die Korrespondenten der Presseagenturen vor der Tür des Entbindungsraumes warteten. Nachrichtenmonitore übertrugen das Bild eines hübschen, drei Kilogramm schweren Babys. »Es ist ein Mädchen.« – »Das perfekte Kind.« – »Wer ist der Vater?«
Dies war nur der Anfang. Mona Muggeridge legte eine gewisse Hartnäckigkeit an den Tag. Sie bestand darauf, sogar als man das Baby schon zum tausendsten Mal fotografiert hatte, dass dies das schönste Kind sei, das jemals geboren wurde. Sie verwies auf die Vorzüge des Kindes. Sie zeigte die ganze Vernarrtheit einer zärtlichen Mutter und glaubte, dass sie, die große Kämpferin, diese Zärtlichkeit als Erste entdeckt hätte.
Zu behaupten, dass dieser Hintergrund ein Problem für das Kind gewesen sei, wäre eine Untertreibung.
Helen Amerika war ein wundervolles Beispiel für den Triumph eines ungeformten Menschenkindes über seine Peiniger. Als sie vier Jahre alt war, sprach sie sechs Sprachen und begann, einige der alten marsianischen Schriften zu entschlüsseln. Im Alter von fünf Jahren wurde sie zur Schule geschickt. Ihre Klassenkameraden dichteten unverzüglich einen Vers auf sie:
Helen, Helen
Fett und doof
Weiß nicht mal
Wo ihr Vater wohnt.
Helen kam darüber hinweg, aber vielleicht war es auch nur ein genetischer Zufall, dass sie zu einer kompakten kleinen Person heranwuchs – einer schrecklich entschlossenen kleinen Brünetten. Durch Erfahrungen klug geworden, verfolgt von der Öffentlichkeit, wurde sie vorsichtig und zurückhaltend bei der Wahl ihrer Freundschaften und war verzweifelt einsam in ihrer inneren Welt.
Als Helen Amerika sechzehn war, nahm ihre Mutter ein böses Ende. Mona Muggeridge brannte mit einem Mann durch, den sie als perfekten Ehegatten für die perfekteste Ehe bezeichnete, die die Menschheit jemals gesehen hatte. Der perfekte Ehemann war ein gelernter Maschinenpolierer. Er besaß bereits eine Frau und vier Kinder. Er trank Bier und sein Interesse an Miss Muggeridge schien eine Mischung aus gutmütiger Kameradschaft und empfindsamer Anteilnahme an ihrem Bankkonto zu sein. Die Planetenjacht, mit der sie durchbrannten, verstieß bei ihrem unangemeldeten Flug gegen die Vorschriften. Die Frau und die Kinder des Bräutigams hatten die Polizei alarmiert. Das...
| Erscheint lt. Verlag | 28.4.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Instrumentalität der Menschheit | Die Instrumentalität der Menschheit |
| Übersetzer | Thomas Ziegler |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | The Lady Who Sailed The Soul |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Cordwainer Smith • diezukunft.de • eBooks • E-Only • Erzählung • Instrumentalität der Menschheit • Meisterwerke der Science Fiction • Serien • Was aus den Menschen wurde |
| ISBN-10 | 3-641-19237-4 / 3641192374 |
| ISBN-13 | 978-3-641-19237-2 / 9783641192372 |
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