Folly war einst eine schöne Frau, jetzt ist sie ein Raumschiff. Finsternis ist ein Würfel, ausgestattet mit Maschinen, die jede Sonne erlöschen lassen können. Und Samm besteht aus flexiblem Stahl. Er kann auf jeder Welt selbst unter den widrigsten Bedingungen überleben. Zusammen reisen sie durch das All, um den Feinden - wer immer das auch sein mag - die Botschaft von der Macht der Menschen zu bringen. Denn die Instrumentalität hat eine bedrohliche Botschaft aus den Tiefen des Weltraums empfangen. Doch Folly, Samm und Finsternis haben nicht vergessen, dass sie einst Menschen waren ...
Die Erzählung 'Wanderer durch den Raum' erscheint als exklusives eBook Only bei Heyne und ist zusammen mit weiteren Stories von Cordwainer Smith auch in dem Sammelband 'Was aus den Menschen wurde' enthalten. Sie umfasst ca. 32 Buchseiten.
Cordwainer Smith war das Pseudonym von Paul Linebarger. 1913 in Milwaukee, Wisconsin geboren, verbrachte Linebarger seine Kindheit in den unterschiedlichsten Ländern. Sein Vater war pensionierter Richter und politisch aktiv; unter anderem pflegte er Beziehungen zu dem chinesischen Politiker Sun Yat-sen, der Pauls Taufpate war. Linebarger studierte Politikwissenschaft und wurde später Professor für Internationale Politik. Er arbeitete für den militärischen Geheimdienst der USA als Asien-Experte und gehörte dem Beraterstab von Präsident John F. Kennedy an. Er verfasste ein Handbuch über psychologische Kriegsführung, das bis heute als Standardwerk gilt. Daneben schrieb er unter verschiedenen Pseudonymen Kurzgeschichten und Romane; für seine SF-Erzählungen wählte er Cordwainer Smith. 'Cordwainer' ist eine veraltete Bezeichnung für Schuster, Smith bedeutet Schmied. Wie ein Handwerker baute Linebarger nach und nach sein Universum von der 'Instrumentalität der Menschheit' auf, mit dem er in den Fünfziger- und Sechzigerjahren bekannt wurde. Er gilt als einer der intelligentesten und ungewöhnlichsten Science-Fiction-Autoren. Paul Linebarger starb im August 1966 und ist auf dem Nationalfriedhof in Arlington beerdigt.
I
»Streck deinen linken Arm aus, Samm«, bat Folly.
Samm streckte seinen Arm aus.
»Ich kann ihn sehen!«, rief Folly. »Nun bewege deine Finger!«
Samm bewegte sie.
Finsternis sagte nichts dazu. Doch während er kühl und vernünftig an ihrer Seite blieb, empfingen beide seine Gedanken, die aus seinem Geist strömten. Und diese mündeten in einem einzigen Kommentar: »Unsinn!«
»Es ist kein Unsinn, Finsternis«, rief Folly. »Hier sind wir drei, stürzen durch den leeren Weltraum im Nirgendwo. Wir waren einst Menschen, Menschen von der Alten Erde. Ist es unsinnig, sich daran zu erinnern, wer wir waren? Ich war einst eine Frau. Eine schöne Frau. Nun bin ich dieses – dieses Ding, unterwegs in einer Mission des Mordens und der Zerstörung. Ich war es gewohnt, Hände zu haben, richtige Hände. Ist es falsch von mir, mich daran zu erinnern, mich zu freuen, Samms Hand dann und wann zu sehen? An die Vergangenheit zu denken, die wir drei hinter uns gelassen haben?«
Finsternis antwortete nicht. Nur der Weltraum umgab sie, nicht einmal viel Sternenstaub – und der bläuliche Fleck von Linschoten XV genau vor ihnen. Von dem dritten Planeten dieses Sternes konnten sie gelegentlich das Geschnatter und Gegacker der Menschenesser hören.
Noch einmal schrie Folly Finsternis zu: »Ist es so falsch, dass ich mich darüber freue, eine Hand anzusehen? Samm hat wohlgeformte Hände. Ich war einst ein Mensch, so wie du. Sagte ich dir jemals, dass ich einst eine schöne Frau war?«
Sie war einst eine schöne Frau gewesen, und nun war sie der Steuermechanismus eines kleinen Raumschiffes, das mit zwei grotesken Begleitern durch die Leere stürzte.
Sie war ein Schiff von elf Metern Länge und hatte die Form eines alten Luftschiffes. Finsternis dagegen war ein perfekter Würfel von fünfzig Metern Seitenlänge, mit Maschinen an Bord, die eine Sonne auslöschen und ihre Planeten blockieren konnten, bis sie eines eisigen, ewigen Todes starben. Samm war ein Mann, aber er war ein Mann aus flexiblem Stahl, zweihundert Meter hoch. Er war konstruiert, um auf jedem Planetentyp, mit jeder Art Bevölkerung, mit jeder Art Chemie und jeder Art Gravitation zu überleben. Er war konstruiert, um den Feinden, wer immer sie auch waren, die Botschaft von der Macht der Menschen zu bringen. Die Macht der Menschen … gefolgt von Terror, notfalls von Tod. Wenn Samm versagte, besaß Finsternis die Möglichkeit, die Sonne Linschoten XV verlöschen zu lassen. Wenn einer oder beide versagten, hatte Folly die Aufgabe, sie zu reparieren, damit sie siegen konnten. Wenn ein Sieg nicht möglich war, dann hatte sie die Pflicht, Finsternis und Samm und dann sich selbst zu zerstören.
Ihre Instruktionen waren klar: »Ihr werdet nicht, ihr werdet auf keinen Fall zurückkehren. Ihr werdet unter keinen Umständen zur Erde zurückkehren. Ihr seid zu gefährlich, um jemals wieder der Erde zu nahe zu kommen. Ihr mögt leben, wenn ihr wollt. Wenn ihr könnt. Aber ihr dürft nicht – Wiederholung: nicht – zurückkehren. Ihr habt euren Auftrag. Ihr habt darum gebeten. Nun habt ihr ihn erhalten. Geht nicht zurück. Eure Gestalten bedeuten eure Aufgaben. Ihr werdet eure Pflicht erfüllen.«
Folly war ein kleines Schiff geworden, vollgestopft mit miniaturisierter Ausrüstung.
Finsternis war ein Würfel geworden, schwärzer als die Dunkelheit selbst.
Samm war ein Mann, aber ein Mann, der sich von jedem anderen Mann unterschied, der jemals auf der Erde gesehen worden war. Er besaß einen Metallkörper, der der menschlichen Gestalt bis ins kleinste Detail nachempfunden war. Auf diese Art würden die Feinde, wer immer sie auch waren, einen schreckenerregenden Eindruck von der menschlichen Gestalt, der menschlichen Stimme erhalten. Zweihundert Meter groß war er, stark und solide genug, um nur mit Düsen an seinem Gürtel durch den Weltraum zu fliegen.
Die Instrumentalität hatte alle drei entworfen. Sie gut entworfen.
Sie entworfen, um der verrückten Drohung von den Sternen zu begegnen, einer Drohung, die keinen Anhaltspunkt auf ihre Technologie oder ihre Herkunft bot, aber die auf das Signal »Mensch« mit dem Gegensignal »Schnattergacker! Esst! Esst! Mensch, Mensch! Schmeckt gut! Schnattergacker! Esst! Esst!« antwortete.
Das genügte.
Die Instrumentalität leitete Maßnahmen ein. Und diese drei – das Schiff, der Würfel und der Metallriese – rasten durch die Sternenwelten, um zu erobern, zu terrorisieren oder die Bedrohung zu zerstören, die auf dem dritten Planeten von Linschoten XV existierte.
Folly, die ein Schiff geworden war, war die Lebhafteste von ihnen.
Einst war sie eine schöne Frau gewesen.
II
»Du bist einst eine schöne Frau gewesen«, hatte Samm vor einigen Jahren gesagt. »Wie ist aus dir ein Schiff geworden?«
»Ich habe mich umgebracht«, sagte Folly. »Deshalb wählte ich diesen Namen – Folly, die Törichte. Ich hatte ein langes Leben vor mir, aber ich tötete mich, und wurde in letzter Minute zurückgeholt. Als ich herausfand, dass ich noch immer lebte, bat ich um Abenteuer, Gefahr. Man gab mir das hier. Nun, ich habe schließlich darum gebeten, nicht wahr?«
»Ja, du hast darum gebeten«, sagte Samm ernst.
Draußen im Zentrum des Nichts, umgeben von einer fürchterlichen Menge Nirgendwo, war Freundlichkeit das Schmiermittel menschlicher Beziehungen. Beide waren freundlich zueinander. Manchmal machte sich auch ein Anflug von Humor bemerkbar.
Finsternis nahm nicht an ihrem Gespräch oder ihrer Gemeinschaft teil. Er fasste seine Antworten nicht einmal in Worte. Er ließ sie lediglich sein »Gefühl für die Situation« wissen, und diesmal, wie bei allen anderen Gelegenheiten, war seine Antwort: »Negativ. Keine Handlung notwendig. Kommunikation unzweckmäßig. Hier nicht nötig. Stille, bitte. Ich töte Sonnen. Das ist alles, was ich tue. Mein Part ist meine Sache. Ganz allein meine.« Dies wurde mit einem einzigen schrecklichen Gedanken übermittelt, so dass Folly und Samm ihren Versuch aufgaben, Finsternis in die Gespräche mit einzubeziehen, die sie in jedem subjektiven Jahrhundert aufnahmen und manchmal über Jahre hinaus fortsetzten.
Finsternis begleitete sie, mehrere Meilen von ihnen entfernt, aber noch in Sichtweite. Aber soweit es ihre Beziehungen betraf, hätte Finsternis auch gar nicht anwesend sein können.
Samm fuhr mit der Unterhaltung fort, der Unterhaltung, die sie schon so viele Hundert Mal geführt hatten, seit das Planoform-Schiff sie »nahe« Linschoten XV ausgeschleust und es ihnen überlassen hatte, den Rest der Strecke allein zurückzulegen. (Falls die Bedrohung wirklich eine Bedrohung und falls sie intelligent war, hatte die Instrumentalität keinen Anlass gesehen, ein richtiges Planoform-Schiff mit all seiner Macht in die Hände einer fremden Lebensform fallen zu lassen, die in ihrer Kampfkapazität ebenso gut auch über hypnotische Fähigkeiten verfügen konnte. Deshalb waren das Schiff, der Würfel und der Riese bei hoher Geschwindigkeit in den normalen Raum ausgeschleust worden, ausgerüstet mit Raketendüsen, um ihren Kurs zu korrigieren, und dazu bestimmt, sich auf eigenen Wegen der Gefahr zu nähern.)
Samm sagte, was er immer sagte: »Du warst eine schöne Frau, Folly, aber du wolltest sterben. Warum?«
»Warum wollen Menschen sterben, Samm? Es ist so viel Kraft in uns, Lebenskraft, die uns so viel verlangen lässt. Das Leben zittert immer am Rande der Unzufriedenheit entlang. Wenn wir nicht lebenslustig und gierig und wollüstig und sehnsüchtig wären, wenn wir nicht große Gedanken hätten und es uns nach noch größeren verlangte, wären wir Tiere geblieben, wie all die anderen Wesen auf der Erde. Es ist starkes Leben, das uns so nahe an den Tod bringt. Wir können nicht seiner Schönheit widerstehen, der Nähe der Dinge, die wir wollen, der Ferne der Dinge, die wir haben könnten. Du und ich und Finsternis, wir sind jetzt Ungeheuer, treiben inmitten der Sterne. Und trotzdem sind wir glücklicher als damals, als wir unter Menschen waren. Ich war eine schöne Frau, aber es gab da bestimmte Dinge, die ich besitzen wollte. Ich wollte die Menschen haben. Ich allein. Für mich. Nur für mich. Als ich sie nicht bekommen konnte, wollte ich sterben. Wenn ich dümmer oder glücklicher gewesen wäre, hätte ich vielleicht weiterleben wollen. Aber ich tat es nicht. Ich war ich – vollkommen ich. Und deshalb bin ich hier. Ich weiß nicht einmal, ob ich einen Körper habe oder nicht, hier in diesem Schiff. Man hat mich an die Sensoren und Beobachter und Computer angeschlossen. Manchmal denke ich, dass ich noch immer eine liebliche Frau bin, mit einem richtigen Körper, der irgendwo hier im Schiff versteckt ist und darauf wartet, hinauszugehen und wieder ein Mensch zu sein. Und du, Samm, möchtest du mir nicht von dir erzählen? Samm. SAMM. Das ist kein Name für eine richtige Person – Super-Automatik-Mess-Modul. Wer warst du, bevor man dir diesen riesigen Körper verlieh? Zumindest siehst du noch immer wie eine Person aus. Du bist kein Schiff wie ich.«
»Mein Name spielt keine Rolle, Folly, und wenn ich ihn dir sage, würdest du ihn nicht kennen. Du hast ihn auch früher nicht gekannt.«
»Warum sollte ich ihn nicht gekannt haben? Ich habe dir meinen Namen auch nicht genannt, vielleicht haben wir einander gekannt, als wir noch auf der Alten Erde lebten.«
»Du warst eine Lady, vielleicht eine Hochgeborene. Du warst sicher wirklich schön. Du warst vielleicht wichtig. Und ich – ich war ein Techniker. Ein guter. Ich habe gearbeitet und meine Familie und meine Frau geliebt, und ich war glücklich über jedes Kind, das uns die Lords...
| Erscheint lt. Verlag | 28.4.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die Instrumentalität der Menschheit | Die Instrumentalität der Menschheit |
| Übersetzer | Thomas Ziegler |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Three to a Given Star |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Cordwainer Smith • diezukunft.de • eBooks • E-Only • Erzählung • Instrumentalität der Menschheit • Meisterwerke der Science Fiction • Serien • Was aus den Menschen wurde |
| ISBN-10 | 3-641-19258-7 / 3641192587 |
| ISBN-13 | 978-3-641-19258-7 / 9783641192587 |
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