Die verborgene Schwester (eBook)
250 Seiten
Harpercollins (Verlag)
978-3-7337-8566-6 (ISBN)
Wie weit gehst du, um deine heile Welt zu verteidigen?
Marie ist ein Babyklappen-Kind. Eine Wolldecke, ein kurzer Brief ihrer Mutter - aber keine Erklärung, mit der sie etwas anfangen könnte. Bis sich die wenigen Hinweise ihrer Herkunft eines Tages zu einer Spur verdichten. Marie setzt alles aufs Spiel, stiehlt heimlich das Material für einen Gentest. Und was sie erfährt, erschüttert sie mächtig: Ihre leiblichen Eltern leben glücklich und zufrieden - mit einer anderen Tochter. Marie lernt ihre Familie kennen, will ehrlich sein und einen Neuanfang wagen. Doch sie ahnt nicht, dass sie mit der trauten Einheit dieser Menschen etwas zu zerstören droht, das sich erbittert zu wehren weiß ...
Ein packender Familienroman um Täuschung, Schuld und die verzweifelte Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen.
<p>Cordula Hamann, geboren 1959, lebt mit ihrer Familie in Berlin und in Spanien. Nach einer juristischen Ausbildung ist sie im Bereich der Immobiliensanierung und -beratung selbständig tätig. Seit 2006 hat sie das Schreiben zum Beruf gemacht. Ihre literarischen Schwerpunkte sind Thriller und Familiendramen. Cordula Hamann ist im Vorstand des Vereins '42erAutoren - gemeinnütziger Verein zur Förderung der Literatur e.V. und Mitglied der 'Mörderischen Schwestern'. Homepage von Cordula Hamann (www.cordulahamann.de)</p>
2. KAPITEL
Eine weitere Woche hielt es Marie aus, dann half sie dem Schicksal etwas nach. „Meinst du, du könntest mir morgen Nachmittag dein Auto leihen? Nur für ein paar Stunden. Wäre wirklich wichtig“, fragte sie Carsten beim Abendessen in der WG-Küche.
„Hmm.“ Carsten kaute genüsslich zu Ende. „Eigentlich bin ich schon verabredet. Aber gar keine schlechte Idee. Mein Kumpel soll fahren. Dann kann ich auch mal ein Bier mehr trinken.“
„Super. Du hast was gut bei mir.“
„Was denn? Eine Tennisstunde?“ Er lachte, und Marie wurde es heiß im Gesicht. Betreten sah sie auf ihren Teller.
„Hab deinen Schläger gesehen. Du musst kein Geheimnis daraus machen. Wofür man sein Geld ausgibt, ist jedem seine Sache, oder?“
Marie nickte dankbar und war froh, dass Serina nicht zu Hause war, die bestimmt zickiger reagiert hätte. Carsten und Serina mussten fünfzig Euro aus eigener Tasche zuzahlen, weil sie Denise versprochen hatten, sich selbst um einen Ersatz zu kümmern, damit sie während ihres Aufenthaltes in Australien keine Kosten haben würde. Aber dann war es doch nicht so einfach gewesen, für nur drei Monate jemanden zu finden. Und bevor das Zimmer einen ganzen Monat leer stand und gar kein Geld brachte, hatten die beiden Maries geringeres Mietangebot angenommen.
Marie parkte Carstens Auto gegenüber der Schule. Sie war viel zu früh und wartete im Lehrerzimmer. Als Ulrike pünktlich kam, liefen sie gemeinsam zum Unterrichtsraum. Marie versuchte, sich zu konzentrieren, aber die Gedanken an das, was sie vorhatte, zogen sich hartnäckig durch den Unterricht. Endlich war das Kursende erreicht.
Die 5- bis 8-jährigen Kinder stürmten aus dem Unterrichtsraum, durch den Flur in die Eingangshalle der Schule, wo bereits derart viele Mütter, Väter, Tanten, Brüder und andere Verwandte warteten, dass auf jedes Schulkind mindestens je drei Erwachsene kamen. Ulrike lief mit den Kindern hinaus, um ihnen die Glastür am Ende des Ganges aufzuschließen. Marie blieb allein im Raum zurück.
Jetzt musste sie schnell sein. Ulrikes Autoschlüssel trug einen kleinen Stoffdelphin als Anhänger, und er steckte immer in der Außentasche ihrer Umhängetasche. Eilig nahm Marie das Schlüsselbund und verbarg es tief unten in ihrem Rucksack. Ob auch Ulrike schon einmal mit Delphinen geschwommen war? Allein der Gedanke an dieses wunderschöne Gefühl beruhigte ihren Atem.
Gemeinsam räumten sie das Lehrmaterial in den Schrank und wischten die Tafel sauber. Danach verließen sie den Raum. Am Gebäudeausgang sahen beide wie auf Kommando zum Himmel. Ein grauverhangener Nachmittag. Kaum vorstellbar, dass dort oben irgendwo die Sonne existierte. Außerdem regnete es.
Ein kurzes Tschüss, und Ulrike hastete zu ihrem Auto. Marie zog sich die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf und lief langsam in die entgegengesetzte Richtung.
„Marie?“, rief Ulrike wie erwartet und sie blieb stehen. „Haben Sie eine Taschenlampe an Ihrem Handy? Ich habe nur so ein altmodisches Ding“, sagte sie und lachte nervös. „Könnten Sie mir freundlicherweise mal leuchten?“
Marie machte kehrt.
„Ach Sie Arme. Jetzt werden Sie meinetwegen auch noch nass.“
„Ist Ihnen etwas heruntergefallen?“, fragte Marie und schaltete die Lampe an ihrem Smartphone an. Sie leuchtete unter das Auto.
„Nein, nein. Meine Tasche ist das Problem. Ich finde meinen Autoschlüssel nicht. Ich habe ihn sonst immer hier.“ Sie pochte auf die Seitentasche. „Aber in diesem Chaos … Ich will jetzt nur nicht alles auspacken.“
Marie leuchtete in das Innere der Tasche, deren Inhalt Ulrike hektisch umwälzte. Auch ein Taschenregenschirm war dabei, und Marie nahm ihn kurzerhand an sich und spannte ihn über ihren Köpfen auf.
„Ich muss den Schlüssel irgendwo hier verloren haben. Schließlich bin ich ja hergefahren.“
„Ich habe eine Regenjacke an. Gehen Sie zurück ins Gebäude und suchen dort“, schlug Marie vor und hielt Ulrike den Schirm entgegen, den sie dankbar annahm, bevor sie eilig zum Schuleingang zurücklief.
Wieder dieses schlechte Gewissen. Einerseits wollte sie nicht, dass Ulrike Stress hatte, aber andererseits musste Marie endlich weiterkommen. Warum musste es auch ausgerechnet heute regnen. Obwohl. Es könnte den Weg in Ulrikes Haus auch leichter machen. Hätten Sie vielleicht ein Handtuch für mich? Nur mal kurz abtrocknen, könnte sie fragen. Sie tat so, als suche sie im nahen Gebüsch und rund um das Auto, bis Ulrike zurückkam, ihr Handy am Ohr. Erschrocken lief Marie auf sie zu und gestikulierte so heftig, dass Ulrike auch prompt das Gespräch unterbrach.
„Bleib kurz dran, Holger … Haben Sie ihn gefunden?“ Ulrikes Gesicht begann zu strahlen.
Marie schüttelte den Kopf. „Leider nicht. Haben Sie zu Hause einen Ersatzschlüssel?“
„Ja, deshalb spreche ich gerade mit meinem Mann. Der muss mich nachher abholen. Ich kann ja solange in der Schule warten. Holger?“ Sie wollte weiter ins Telefon sprechen.
„War ihr Hausschlüssel auch an dem Schlüsselbund?“, fragte Marie.
„Nein, es sind zwei unterschiedliche.“
Rasch fuhr Marie fort: „Dann habe ich eine Idee: Ich habe heute das Auto meiner Freundin. Ich fahr Sie schnell nach Hause, wir holen den Schlüssel, und ich setze Sie hier wieder ab. Sie wohnen ja nicht weit.“
Schlagartig wurde ihr heiß. Wie konnte sie so unvorsichtig sein? Wahrscheinlich hatte Ulrike ihr noch nie erzählt, wo genau sie wohnte. Hoffentlich hatte die Lehrerin diesen Teil ihrer Aussage nicht bemerkt.
Ulrike wirkte unentschlossen, dann nickte sie und lächelte Marie dankbar an. „Holger. Es hat sich erledigt. Frau Kleinschmidt ist so nett und fährt mich. Wann wirst du zu Hause sein?“ Marie deutete in Richtung ihres Autos. Nebeneinander liefen sie die paar Schritte, während Ulrike ihr Gespräch fortführte.
„Ach, das ist schön. Dann mache ich einen Kaffee … Nein, Alessia ist noch bei Kathrin … Also, bis nachher.“ Sie steckte das Handy in ihre Tasche. „Was für ein glücklicher Zufall, dass Sie ausnahmsweise ein Auto haben. Aber das wird einen Grund haben. Sie haben es sicherlich eilig?“
„Nein, ich habe Zeit. Außerdem kann ich Sie hier nicht obdachlos stehen lassen.“ Marie sah Ulrikes erstauntes Gesicht und zwinkerte ihr zu. „Sehen Sie. Er schließt gerade ab.“ Sie zeigte auf den Hausmeister, der sich im Inneren des Gebäudes an der großen Glastür zu schaffen machte.
Sie hatten Carstens Kleinwagen erreicht. Marie ließ sich von Ulrikes Fahranweisungen leiten, als kenne sie den Weg nicht. Je näher sie der Straße kamen, in denen die Roths wohnten, umso mehr Mühe hatte sie, ihr Zittern zu unterdrücken. Sie war sich keinesfalls sicher, ob das nur daran lag, dass ihre Haare nass waren und sie fror. In ihrer Aufregung fand sie am Armaturenbrett den Regler für die Heizung nicht.
„Sie können einfach auf der Einfahrt halten. Dort drüben, wo das Tor offensteht.“ Ulrike zeigte auf ein zweistöckiges Haus mit hellgrüner Fassade und Satteldach.
Marie bereitete im Geist ihre Frage vor, noch kurz auf Toilette gehen zu dürfen.
„Mein Mann kommt auch bald nach Hause. Ich mache uns erst einmal einen Kaffee“, unterbrach Ulrike ihre Überlegung.
„Gern.“ Maries Stimme krächzte und Ulrike sah sie besorgt von der Seite an. „Oh je, hoffentlich haben Sie sich nicht erkältet. Ich werde Ihnen ein Handtuch geben, damit Sie sich Ihre Haare trocknen können.“
Sie stiegen aus. Es hatte aufgehört zu regnen. Die dichte Wolkendecke war an einigen Stellen aufgerissen. Durch die Zwischenräume trafen die Sonnenstrahlen das Dach und die vordere Hausfront. Die Nachbarhäuser links und rechts lagen weiter im Schatten der noch immer grauen Wolken. Ein gutes Zeichen, dachte Marie und folgte Ulrike auf wackligen Beinen die vier Stufen zum Hauseingang hoch. Sie hatte die Tür kaum einen Spalt breit geöffnet, als der Cocker Idefix sich hindurchzwängte, jaulend an Ulrike hochsprang und anschließend auch Marie so freudig begrüßte, als gehöre sie seit langem zur Familie. Der Gedanke versetzte Marie einen Stich.
„Passen Sie auf, dass er Sie nicht schmutzig macht.“
Marie putzte sich ausgiebig ihre Schuhe ab, bevor sie eine großzügige fensterlose Diele betraten. Durch eine offenstehende Tür drang Tageslicht. Garderobenmöbel in dunklem Holz. Diverse Jacken und Mäntel. Schuhe ordentlich auf eine Plastikschale gereiht. Auf dem Boden ein Perserteppich. Oder so etwas Ähnliches. Marie kannte sich damit nicht aus. Unschlüssig blieb sie stehen. Ulrike öffnete eine weitere Tür zu einem Gäste-WC. Dort nahm sie ein Handtuch aus einem Regal und hielt es Marie entgegen.
„Ich bin in der Küche“, sagte sie und zeigte in Richtung des offenstehenden Raumes. „Möchten Sie Tee oder Kaffee?“
„Kaffee bitte.“
„Schön, ich bin auch so eine Kaffeetante. Ich glaube, ich kann überhaupt keinen vernünftigen Tee zubereiten.“ Ulrike lachte und verschwand.
Marie stellte ihren Rucksack ab und rubbelte sich mit dem Handtuch das Haar trocken. Dann kramte sie aus ihrem Rucksack eine Spange. Durch die Feuchtigkeit waren ihre langen Haare gewellt, fast schon lockig. Wie gewohnt fasste sie sie über dem Kopf zusammen, drehte sie einmal und steckte sie fest. Dabei betrachtete sie im Spiegel ihr Gesicht, das keinerlei Ähnlichkeit mit dem Holger Roths zeigte. Sie holte ihr Moleskin aus dem Rucksack und zog das Foto heraus. Hielt es in der Hand und starrte es an, wie sie es schon hunderte Male getan hatte. Wie...
| Erscheint lt. Verlag | 15.3.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Adoption • Babyklappe • Familiendrama • Schwester • spannend • tragisch |
| ISBN-10 | 3-7337-8566-5 / 3733785665 |
| ISBN-13 | 978-3-7337-8566-6 / 9783733785666 |
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