Verbannt! (eBook)
150 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-74432-1 (ISBN)
Ann Cotten ist Schriftstelly, Übersetzy und Theorie-Fuzzy, derssen Spaß mit sprachlichen Genderingmethoden (Phettbergsches Entgendern, »polnisches Gendering«) in der medialen Wahrnehmung die seihrner zahlreichen Werke ernsthaften Inhalts überschattet. Cotten arbeitet seit 2021 an einer materialistischen Poetik als PhD-Projekt an der FU Berlin und gibt seit 2023 in Wien die jährlich erscheinende Zeitschrift <em>Triëdere</em> für literarische Essayistik mit heraus. Cottens Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Rompreis der Villa Massimo.
EINLEITUNG
Sie sind nun blasser, weniger verständlich,
die Schemen, da man sie in Armen hat.
Ich wendete das Leben hin und her verschwenderisch,
jetzt macht es mich mit seinen Karmen matt.
Verzweifelt nag ich an der miederwarmen Naht,
die mit der Welt mein Herz so fest verbindet
und mir notwendiglich die Haut durchlöchert hat.
Welt kühlt beständig mich, Herz pumpt unbändig,
die Sprache meiner Grenze macht mich lächerlich: erkenntlich.
Und wie verwirrend ist des Schwärmens Saat!
Wie schlittert durch die Zeit die Denotation, kommt sie in Fahrt.
Ein Pfaffenkäppchen schon vom Sommer kündet,
wenn die Novembernebel erst entstehen,
in lauen Donaufluten seh ich Eise gehen,
im Kuckucksruf höre ich Schnitter mähen,
und jeden Sommer wittre ich die tiefen Horrore,
wies schon im alten Namen eines Flusses nimmt
die Luft, wenn ich in Glimmerschlamm die Füße bohre,
um in den greisen Strudeln – wer da länger schwimmt,
vergisst sich selbst und wie man sich benimmt.
Verwirrt von alten Schirrungen also, die Brust der Mädchen
für Schwellung vorbereitend – für zwei kleine Schädchen,
von oben anzusehn wie Kuppelgräber,
in denen Hoffnungen liegen wie zwei heilige Rüstungen –,
zusammen mit den einwohnenden Geistern von mir selber
will ich rostfrei polieren mit Information die Utopien,
vermischen Jetzt, Noch, Nicht zu elbischern Legierungen.
Durch Interflechtung von Latein und Deutsch vertusche
ich die Probleme der Philosophie, ihre verrutschende ...
man nennt es Kräuselarbeit. Lauter üble kleine Putsche.
Dass auch die flachen Böden süße Möhren bergen,
ist allen Möhrenfreunden wohlbekannt.
Dennoch kanns sein, dass meine Strophen stören werden
den wohlgeeichten literarischen Verstand.
»Die Cotten steckt den Kopf jetzt in den Sand«,
hör ich schon Rezensenten ihre Federn reinigen
und, an ihren Prinzipien hängend, zornbebend bescheinigen
der »immer schon verwirrten« Lyrikerin den Garaus,
den Revue-Stil assoziierend mit dem Vogel Strauß.
Und in der Tat, warum sollte jemand das lesen?
Die Handlung – nach Inger Christensen – gibt es,
doch nur als Untergrund für dieses Reimewesen,
das die Handlung begleitet wie ein Striptease.
Und über weite dunkle Stellen wippt es,
unsicher, nur so rum und wartet auf den Plot,
der aber, wie im Lehnstuhl ein alter Lokalgott,
sich ziert, weil er noch ein bisschen mehr Striptease sehen
möchte, immer noch hoffend, dass die Hemmungen vergehen.
Ach Gott, schon wieder der Vergleich Dichtung und Sex!
Ja gut, aber welches Hobby vergleicht man nicht mit Sex?
Eines vielleicht, das man nicht mit fünf Jahren oder sechs
begann, Paragleiten vielleicht? Vergleicht man schon mit Sex.
Stricken? Blockflöte spielen? Übungen für Sex.
Verfeinerte Spaßarten betonen ja die Verzögerung von Sex,
manche bieten auch Ziele, die einen vorläufig hindern am Sex,
zum Beispiel Radsport, sagt man, oder Vaginalballett,
jedoch, da Dichtung wiederaufzunehmen ist, ja sogar wächst,
wenn man sie für ne Partie Whist im Bett mal unterbricht,
auch wenn sie nachher mithin andersrum gestriegelt
ist, seh ich nichts, was prinzipiell dagegenspricht,
Dichtung als etwas handzuhaben, was Sex spiegelt,
zu Sex ermuntert, zu Gewagterem aufwiegelt
ganz im Hegel’schen Sinn als sèche étude de vie.
Nicht, jedenfalls, als Abschaum einer – ja, Akademie:
Abschaum, der etwas gegen Wissenschaft zu haben
sich einbildet; vorzieht, unsystematisch rumzuschaben
am Firnis der Welt, und sich mit einem Pathos zu kleiden,
das einer Ranzschicht täuschend ähnlich sieht,
und sich am menschheitlichen Einklange zu weiden,
an Allgemeinplätzen, wo alles niet-
und nagelfest ist, wie man sagt, gediegen.
Du musst dich, heißt es oft, ja doch letztlich entscheiden,
wenn auch viele die Entscheidung verweigern,
ob du ein Versmaß nutzt, dann bist du altmodisch,
oder ob knallst du wilden freien Vers am Tisch.
Solch halbseidenes Poltern will ich diesmal unterlassen.
Die Byronstrophe ist kein Spidermankostüm,
und wenn sies wäre, gälte es dennoch, die Tassen
nicht umzuhauen. Wenn du sagst »Vavüüm!«
und durch den Kritikerempfang hechtest wie ein Parfüm,
wirst ja nur du verstehn, wie ernst du alles meinst.
Ich weiß. Ich weiß auch, wie du in den Ecken weinst,
gedeckt vom Reim. Nehmt schnell diese Entschuldigung,
denn mittlerweile ist die Zeit für Einleitung fast um.
Es bleibt noch, von neun Musen eines nur zu wollen,
respektvoll, aber kumpelhaft, wie sie es mögen.
Nicht schmusen, bis sie mit den Augen rollen!
Ein Zwinkern tuts, und spät nachts erst, mit Ölen
aus Zypern, Sandelholz aus Myrrhe, Trockenwurst aus Polen,
an ihrer Zimmertür gehört es sich dann aufzutauchen,
um von ihrem Cousin vom Land das gute Gras zu rauchen
und anzuhören all ihre Erinnerungen
und diese ausführlich gemeinsam zu besingen.
Ich brauche jede einzelne der Musen,
vermute ich, doch weiß ichs nicht genau:
Komplex sind sie, konkret, so viele Lampedusen,
an denen Träume enden, giftig werden wie Medusen.
Ihr Anblick, schrecklich bunt, macht Dichtern flau.
»Hier muss man durchhalten.« »Und lächeln«, sagen Clio
und Euterpe. »Sing leise leidend nur ›Mondo, addio‹!«,
rät Polyhymnia, die andauernd errötende.
Thalia rät zu Anmut: »Auch eine zu tötende
Zeit ist Zeit. Spiel mit ihr. Du bist nur Spiel.«
Melpomene sagt nichts und füllt das Spiel mit tiefer,
beseelter Trauer, indem sie mich ansieht.
»Du weißt, es geht schief; besser ist es noch schiefer«,
prescht Erato ins Kamasutra, überdicker Federkiel,
gepeitscht ins Tempo von dämonischen Seelenverwicklungsknoten.
Terpsichore haut auf den Tisch: »Hör auf mit deinen Zoten!
Schau auf den Volksmund. Zivilisier dich und mach dich singbar.
In Maßen halte dich.« »Schaut her, ich habe das I Ging da«,
sagt die Urania und legt das Buch mir hin
so ruhig, dass das Lesen mich für einmal lockt:
besonnte See, auf der ich gleichmütig und schier bin
wie reicher Stoff, der fein gewebt, und es scheint rechtens, dass ich hier bin,
dass mir vor Glück die Seele in den Adern stockt.
Da hör ich aus dem Bad die Stimme von Kalliope,
skizzierend warm und witzig irgendeine Trope,
und weiß plötzlich, mit welcher ich mich hier verlobe.
Wie alte Wasserleitungen geht sie weiter und immer fort,
durch Meere und durch Wüsten;
vor mir geht sie, immer sie, mit ihrem so vagen, urköstlichen Hüftschwung.
Ich geh ins Bad und komme lang nicht raus,
und als wir rauskommen, ist die Party schon aus.
Umschlungen liegen alle acht und schlafen,
und von der Wurst flieht, hastig kauend, eine Maus,
und Kakerlaken knabbern am Frischkäsemuffin.
Ich halte in der Hand Kalliopes noch wärmere,
während ich dunstumnebelt für die Vielfalt schwärme,
bis mir Kalliope mit ihrem Mund den Mund besiegelt,
mich in die Stiefel, aus dem Zimmer schiebt: Wir stören
nicht länger diesen Wald, der uns atmet. Wir hören,
wie im Halbschlaf Urania die Zimmertür verriegelt.
O Musen, schlaft! Schlaft weiter, schlaft, schlaft lange!
Denn euren Atem brauch ich, wie er ruhig geht.
O Musen, helft durchs Sein mir, schlafend, träumend! Mir ist bange!
Mich ängstigt, was ihr mit der größten Ruhe seht,
was deutlich allerorten an den Feuermauern steht.
Wies mit der Welt steht, les ich, aber kann es nicht ertragen,
nicht wissend, что делать? Doch eure Namen sind bekannt,
in der Welt-Kuh jede von euch ein Magen,
macht Milch und Fladen aus dem Gras ihr, unterscheidend, insgesamt.
Neulich geh ich an dunklen Öffnungen vorbei,
aus denen dumpf ein Kettenrasseln tönt.
Ahne gefleckte schwere Köpfe, drei und drei und drei,
mit schicksalsschwerem Muhen. »Sesshaftigkeit: Sklaverei!«,
ruf ich,...
| Erscheint lt. Verlag | 9.3.2016 |
|---|---|
| Illustrationen | Ann Cotten |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Abenteuer • Allgemeinbildung • Arbeit • Bier • Byron • Christine Lavant Preis 2024 • Einsame Insel • Fernsehen • Gert-Jonke-Preis 2021 • Geschlechtsumwandlung • Gesellschaft • Gesellschaftstheorie • Hermaphrodit • Hugo-Ball-Preis 2017 • illustriert • Inselabenteuer • Internet • Katastrophe • Klopstock-Preis 2015 • Kunst • Literaturkritik • Matrosen • Medien • Meyersches Konversationslexikon • mit Illustrationen • Musen • Philosophie • Presse • Reim • Religion • Revolution • Robinsonade • See • Sex • Utopie • Verbannung • Versmaß • Zukunft |
| ISBN-10 | 3-518-74432-1 / 3518744321 |
| ISBN-13 | 978-3-518-74432-1 / 9783518744321 |
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