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Die Unglückseligen (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2016
Knaus (Verlag)
978-3-641-16585-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Unglückseligen - Thea Dorn
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Der große Roman über die Sehnsucht nach Unsterblichkeit

In der amerikanischen Kleinstadt Dark Harbor treffen im Supermarkt aufeinander: Johanna Mawet, Molekularbiologin aus Deutschland, die darum ringt, durch genetische Manipulationen den unsterblichen Menschen zu erschaffen, und Johann Wilhelm Ritter, 1776 geborener Romantiker und Physiker, der sich danach sehnt, endlich in Frieden sterben zu dürfen.

Vor dem Hintergrund der heutigen technologischen Möglichkeiten erzählt Thea Dorn von den alten Menschheitsfragen, dem Sinn von Leben und Tod. »Die Unglückseligen« ist ein nachdenklicher Wissenschaftsroman, eine anrührende Liebesgeschichte und großes Welttheater in der langen Tradition des Fauststoffs.

Thea Dorn, geboren 1970, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller, Theaterstücke, Drehbücher und Essays und moderierte die Sendung »Literatur im Foyer« im SWR-Fernsehen. Seit März 2020 ist sie leitende Moderatorin des »Literarischen Quartetts«. Thea Dorn lebt in Berlin.

I

Johanna starrte den Mann an, der sie anstarrte. Einen Herzschlag. Zwei Herzschläge. Drei Herzschläge. Und noch immer kein Wimpernschlag. Was war los mit dem Kerl?

Auch wenn er sie normal angeschaut hätte: Dieses Gesicht war das merkwürdigste, das sie je gesehen hatte. Zumindest in echt. Allenfalls auf uralten, braunstichigen Photos – nein, nicht einmal dort –, in Gemäldegalerien, Abteilung finsterste Ölschinken, mochte ihr so ein Gesicht begegnet sein. Solche Gesichter wurden heutzutage nicht mehr gemacht.

Die schwarzen Augen unter den ebenso schwarzen Brauen starrten sie unverändert an, als wären sie ausschließlich zum Starren gemacht. Die breitflügelige Nase dagegen sah aus, als wollte sie jeden Moment davonfliegen. Was wiederum den beiden Magenfalten den Anschein verlieh, als dienten sie einzig dem Zweck, die Nase an den Mundwinkeln zu verzurren. Der eigentliche Mund war schwierig zu deuten: Dünn und streng lagen die Lippen aufeinander, an den Rändern jedoch strebten sie – unfreiwillig? – nach oben.

Je länger Johanna dieses Gesicht betrachtete, desto stärker wurde ihr Eindruck, dass sie es mit einem Vexierbild zu tun hatte. Ebenso wie es aussichtslos war zu entscheiden, ob dieser Mann der Inbegriff von Verbitterung oder der Inbegriff von Verschmitztheit war, war es aussichtslos, sein genaues Alter zu schätzen.

In der schwarzen Lockenmähne, die im Nacken schlampig zusammengebunden war, konnte Johanna nicht das geringste Grau entdecken. Die dürren Arme, die aus dem viel zu weiten und zum Fürchten bunten Hawaiihemd ragten, waren jedoch von einem schütteren weißen Flaum bedeckt.

War also das Kopfhaar gefärbt? Oder gab es hier in Amerika mittlerweile Menschen, die so verrückt waren, dass sie sich die Armhaare bleichen ließen? Falls es eine Krankheit gab, eine genetische Abweichung, die dafür sorgte, dass bei einem Menschen die Körperbehaarung vergreiste, bevor er auf dem Kopf das erste graue Haar bekam, hatte Johanna jedenfalls noch nie davon gehört. Und wem, wenn nicht ihr, hätte eine solche Abweichung bekannt sein müssen.

Johannas wohltrainiertes Gespür für Alter sagte ihr, dass sie es mit einem Mann jenseits der Sechzig zu tun haben musste. Auch wenn das Gesicht, abgesehen von den Magenfalten, beneidenswert glatt war. Vermutlich geliftet. Einem Senior, der keine Skrupel kannte, mit pechschwarz gefärbtem Pferdeschwanz und knallbunten Papageien auf der Brust herumzulaufen, war alles zuzutrauen. Vielleicht stand er deshalb im Supermarkt an der Kasse und packte Tüten: um seine schmale Rente so aufzubessern, dass sie für die umfangreichen Instandhaltungsmaßnahmen reichte.

Kaum hatte Johanna den gehässigen Gedanken gedacht, bereute sie ihn schon. Welche Lebensumstände auch immer diesen verwitterten Jüngling dazu brachten, sich als bagger, als letztes Glied einer ohnehin schon demütigenden Dienstleistungskette, zu verdingen – mit Eitelkeit dürften sie wenig zu tun haben. Und noch etwas ging ihr durch den Kopf: Nur eine winzige Vokalrochade war nötig, und schon wurde der bagger zum beggar – zum Bettler.

Jetzt erst entdeckte Johanna, dass die braune Papiertüte, die der Mann so fest an sich gedrückt hielt, als wollte er sie um jeden Preis verteidigen, in seinen Händen zitterte. Und im selben Moment begriff sie, warum er in eine derartige Schreckstarre verfallen war: Weil sie ihn ermahnt hatte, ihre Einkäufe doch bitte nicht in Papiertüten, sondern lieber in Plastiktüten zu verpacken.

Obwohl, was hieß da «ermahnt»?

«Excuse me!», hatte sie gesagt und vermutlich sogar noch ein «Sir» hintendrangehängt. «Excuse me, Sir! I would prefer plastic bags.»

Das war doch eindeutig höflich. Und überhaupt – wenn der Kerl so empfindlich war und keine Kritik vertrug: Warum hatte er dann, statt «paper or plastic?» zu fragen, wie es sich gehörte, eigenmächtig entschieden, dass sie paper wollte? Bloß weil sie darauf verzichtete, ihren Einkaufswagen bis obenhin mit Zeug vollzuladen, bei dem es sich in Wahrheit nicht um Lebensmittel, sondern um Lebensverkürzungsmittel handelte, hieß das noch lange nicht, dass sie ein Öko war. Sie wusste einfach nur, was dieser Mist im Organismus anrichtete: Er verwandelte Blut in Sirup und sorgte dafür, dass die Gefäße, die diesen Sirup transportieren mussten, schneller verkalkten als eine Waschmaschine, die ans Wassersystem einer Tropfsteinhöhle angeschlossen war. Anstelle des aufgekratzten Lautsprechergedudels und der farbenfrohen Werbebanner sollten an diesen Umschlagplätzen des Todes Choräle erklingen und Traueranzeigen hängen: ARIEL JOHNSTONE DIED, AGED 68, OF MEGA CHOCOLATE CHIP MUFFINS. JOSEF HOFFMANN DIED, AGED 75, OF TRIPLE BACON CHEESEBURGER. Immer wieder machte es sie fassungslos, wie unbelehrbar dieses Land – dieses Land, das sie so bewunderte, weil es sich als Letztes von allen zivilisierten Ländern nicht winselnd in die Ecke verkroch, sobald das Wort «Zukunft» fiel –, wie unbelehrbar dieses zuversichtliche, zupackende Land daran festhielt, auf Schritt und Tritt dem Untergang zu frönen.

Johanna atmete durch. Was sollte jetzt diese Tirade. Daheim in Deutschland ernährten sich die Leute trotz grassierendem Biowahn auch nicht viel gesünder. Und schließlich war sie nicht in Amerika, um einen Feldzug gegen den schleichenden Selbstmord im Supermarkt zu führen. Wenn es die Menschheit – rechts und links des Atlantiks! – nicht mehr erleben wollte, wie sie, Johanna Mawet, die Molekularbiologin, die Zellforscherin, die Humangenetikerin, ihr eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages die Tore zur Unsterblichkeit aufstieß, dann sollte sich die Menschheit eben weiter zu Tode fressen.

Erstaunt stellte Johanna fest, dass sich beim beggar/bagger das Zittern verschlimmert hatte.

Vielleicht war ihr die Bitte um Plastiktüten doch ruppiger herausgerutscht als beabsichtigt. Es kam immer mal wieder vor, gerade hierzulande, dass man sie für unfreundlich hielt, obwohl sie es gar nicht so gemeint hatte. Und jetzt stand der arme Kerl da und schlotterte, weil er glaubte, er hätte es mit einer verärgerten Kundin zu tun und würde deshalb gleich selbst Ärger bekommen. Himmel, kein paper nor plastic war eine solche Verzweiflung wert! Irgendwie würde sie die – allerdings tatsächlich komplett unpraktischen, da henkellosen – Papierdinger schon ins Auto und später ins Appartement geschleppt kriegen.

«Never mind», sagte Johanna und gab sich Mühe, diesmal wirklich super friendly zu klingen. «It’s okay! Please, go on with the paper bags.»

Irgendetwas musste schon wieder verkehrt rübergekommen sein. Weit davon entfernt, sich zu entspannen, stieß der Mann einen Schrei aus, der in keinem Verhältnis zu dem mickrigen Anlass stand – und in keinem Verhältnis zu seiner mickrigen Brust. Er schleuderte die Papiertüte, die er bis eben umklammert hatte, als hinge sein Leben daran, zu Boden, als hätte er plötzlich erkannt, dass sie in Wahrheit sein Verderben war.

Äpfel, Möhren, Paprika und Tomaten rollten heraus und führten auf dem gelben Noppen-PVC ein so faszinierendes Ballett auf, dass Johanna vollständig vergaß, sich über das unmögliche Benehmen des baggers aufzuregen. Das Getuschel und Gewisper, das von allen Seiten erklang, bekam sie allenfalls als ferne Geräuschkulisse mit. Auch das mädchenhaft gehauchte: «John, what are you doing?» – es musste von der Kassiererin stammen, die bis zu diesem Zeitpunkt unbeirrt Johannas Selleriestangen, Broccoli, Pecannüsse, Haferflocken, Sojamilch, Getreidekekse und so weiter gescannt hatte – vermochte sie nicht wirklich aus ihrer Trance zu reißen. Erst das «Now, that’s it! Enough is enough!», das sich ebenso wütend wie rasch näherte, holte Johanna in die Gegenwart zurück.

Sie sah eine Dame mit viel zu rotem Lippenstift heransegeln. Sie sah, wie sich der bagger panisch in Richtung der gläsernen Schiebetüren umblickte. Sie sah, wie die Dame beinahe auf einem der Äpfel ausgerutscht wäre. Sie sah den bagger Reißaus nehmen. Sie hörte: «John, you’re fired!» Sie roch den Angstschweiß, den der bagger als Duftmarke hinterlassen hatte. Sie sah das bebende Schildchen über der linken Brust, das die Dame, die vor ihr stand, als «Holly Myers, Assistant Store Manager» auswies. Sie sah, wie der bagger mit einer Geschwindigkeit, die sie ihm nicht zugetraut hätte, auf dem Parkplatz zwischen den dicht geparkten Autos verschwand.

Das alles sah, hörte und roch Johanna mit unbestechlicher Klarheit. Gänzlich unklar jedoch war ihr, woher sie die Gewissheit nahm, dass jener Mann nicht vor Holly Myers, sondern vor ihr davonlief.

Fluchend, lachend, weinend stolperte er vorwärts. Die wütenden Hörner, die versuchten, ihn vom Highway zu hupen – willkommene Begleitung waren sie ihm zu jener Stimme, die in seinem Innern brauste.

O! Traure tief, meine Seele!

Hülle dich ein, mein Herz! In Asche der Nacht,

Und weine! –

Gewelkt ist deiner Hoffnung letzte Blume;

Gift hat ihren Kelch heimlich beschlichen,

Den zarten Stengel der Wind geknickt;

Ihre Blätter verweht – – –

Ewigkeiten hatte er ihn gesucht. Vom einen Ende der Welt zum anderen war er ihm gefolgt, hatte eisigste Höhen erklommen, in grauseste Schlüfte geblickt, endlose Wüsten durchwandert. Auf allen sieben Weltmeeren war er...

Erscheint lt. Verlag 26.2.2016
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Bestsellerliste • Bibiana Beglau • Bioethik • Biologie • Biomedizin • Die Deutsche Seele • eBooks • Ewiges Leben • Faust • Goethe • Liebesromane • Medizin • Roman • Romane • Schwarze Romantik • Teufelspakt • Unsterblichkeit • Wissenschaftsroman
ISBN-10 3-641-16585-7 / 3641165857
ISBN-13 978-3-641-16585-7 / 9783641165857
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