John Sinclair Sonder-Edition 19 (eBook)
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-2691-8 (ISBN)
Der Friedhof lag im finsteren Schottland und war verflucht.
'Die Toten schreien!', flüsterten die Bewohner der umliegenden Dörfer. 'Sie finden keine Ruhe in dieser unheiligen Erde ...'
Die Menschen irrten sich nicht. Nachts, wenn der Wind eingeschlafen war, klangen die Schreie auf. Geknechtete Seelen jammerten und winselten. Tote wollten aus ihren Gräbern. Auf den Grabsteinen erschienen blasse, fratzenhafte Gesichter.
Ich erreichte den Friedhof zu spät. Da waren die Schreie der Toten bereits zum Grabgesang der Menschen geworden ...
Bis spät ins 19. Jahrhundert hinein wurden Selbstmörder in besonderen Teilen des Friedhofs, die man »Selbstmörder-Ecke« nannte, beigesetzt. Meist lag sie an der dunklen und schattigen Nordseite der Kirche. Der Brauch ging auf alte germanische Vorstellungen zurück. Diese Stelle war nur für rastlose Seelen geeignet, weil man Selbstmord für eine unverzeihliche Sünde und die Geister von Selbstmördern für äußerst gefährlich hielt. Auf manchen Friedhöfen wurden Selbstmörder überhaupt nicht begraben.
Der einzig mögliche Ort für ihr Grab war eine Wegkreuzung. Zusätzlich wurde den Toten noch ein Holzpflock durch das Herz gestoßen, um zu verhindern, dass sie als Geist an dieser Stelle wieder erschienen.
***
Manche nannten ihn ein Werkzeug des Teufels, andere wiederum hatten überhaupt keinen Namen für ihn, weil ihnen die Furcht davor den Mund verschloss. Auf jeden Fall wurde er von den Menschen mehr gehasst und gefürchtet als geliebt. Auf ihn verzichten konnte jedoch niemand. Sie brauchten ihn, denn die Zeiten waren unruhig und voller Gefahren.
Es kam nicht oft vor, dass er leer stand. Irgendjemand machte sich immer eines Vergehens oder Verbrechens schuldig, um an ihm sein Leben auszuhauchen.
Es war der Mörder-Galgen!
Er stand im Schatten der Kirche, als Abschreckung für die Bösen, ein Mahnmal für die Gerechten. Nachts, wenn der Wind über das Land fuhr und die Büsche des alten Friedhofs geisterhaft bewegte, dann konnte man ihn sogar hören.
Sein Holz ächzte und stöhnte. Abergläubische Menschen behaupteten, es wären die Geister der Gehängten, die keine Ruhe fanden und für alle Ewigkeiten ihren unsichtbaren, höllischen Reigen um den Galgen tanzten.
Nicht weit entfernt stand die Kirche. Kein großes Bauwerk, aber in ihrer strengen Form noch an die Romanik erinnernd. Niemand betete für die Seelen der Verdammten, aber jeder wusste, dass sie unsichtbar um die Mauern der Kirche streiften. Die Angst ging um.
Und eines Tages passierte es. Man hatte zwei Wochen zuvor einen Mörder aufgehängt, der seine Frau und seine Tochter erschlagen hatte. Da kein neuer Fall vorlag, hing er sehr lange am Galgen, als Abschreckung für die Menschen.
Es waren nur wenige, die sich den Toten ansahen. Eines Abends im späten Oktober jedoch, als die Messe zelebriert wurde und der Küster seinen letzten Rundgang machte, wobei er auch den Friedhof nicht ausließ, geschah es.
Der Galgen war leer!
Der Küster sah dies, blieb minutenlang vor dem Gerüst stehen und holte röchelnd Luft. Aus weit geöffneten Augen sah er die Schlinge an, die sich im Nachtwind bewegte wie ein Pendel, und ihn erfasste das kalte Grauen.
Jemand hatte den Toten gestohlen! Eine andere Möglichkeit gab es für den Küster nicht. Er begann zu zittern, hart schlugen seine Zähne aufeinander. Der Schweiß drang ihm aus allen Poren. Mit weichen Knien lief er zurück und spürte plötzlich die Kälte, die seinen gesamten Körper erfasste.
Wie zu Eis geworden stand er da! Unbeweglich, flach atmend, mit der Angst im Nacken sitzend. Ohne sich umzudrehen, wusste er, wer hinter ihm stand. Ein Geist – der Geist des Toten.
Er schauderte. Über seinen Rücken liefen die kalten Schauer so schnell, als wolle einer den anderen einholen. Er wusste nicht, was er tun sollte, das Grauen war zu plötzlich über ihn gekommen, und er sank langsam in die Knie.
Der Boden war weich. Es hatte in den letzten beiden Tagen geregnet. Laub hatte einen dichten Teppich gebildet. Es knisterte zwischen seinen gespreizten Fingern, und von den nahen Wiesen her wurden große Nebelschleier wie gewaltige Leichentücher herbeigeweht.
Vorboten eines drohenden Todes, der auch ihn bald umfangen würde, dessen war sich der Küster bewusst.
Die Kälte hinter ihm nahm zu. Sie schnürte ihn zusammen, seine Atmung stockte, das Herz schlug überlaut, die Echos hallten in seinem Schädel wider, und dann hörte er die Stimme.
»Ich bin es, mein Lieber. Erkennst du mich nicht, Küster? Du warst doch auch dabei, als man mich hängen wollte, nicht wahr? Du hast mitgestarrt, mitgelacht, mitgegafft. Jetzt werde ich mich rächen. Ich werde euren schönen Friedhof zu einem Ort des Bösen machen, und du wirst damit beginnen. Hier!«
Kaum hatte der Unbekannte das letzte Wort ausgesprochen, als er vor sich das bläuliche Flimmern sah. Es hatte menschliche Konturen, und der Küster glaubte sogar, in dem Geist den Gehängten zu erkennen.
Mit einer Waffe. Es war ein kurzer Säbel. Mit Schrecken fiel dem Küster ein, dass der Mann damit seine Familie getötet hatte. Ja, das war die Klinge. Er sah sogar noch eingetrocknetes Blut auf dem Metall, und er ahnte, dass auch er an der Reihe war.
Aber nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Der Geist des Mörders hatte etwas anderes mit ihm vor. Er wollte den Friedhof zu einem Hort des Schreckens machen, vor dem sich alle Menschen fürchteten, und er drückte dem Küster den kurzen Säbel zwischen die Finger.
»Nimm ihn!«, kam der flüsternde Befehl. »Los, nimm ihn, und töte dich damit!«
»Was soll ich?«
»Dich töten!«, erklang es dumpf.
Der Küster spürte den hölzernen Griff zwischen seinen Händen. Er wusste nicht, ob er einen Traum erlebte oder sich in der Realität befand, doch als er genauer auf die Klinge blickte, da wurde ihm klar, dass er nicht träumte. Es war die Wahrheit!
»Stoß zu!«, zischte der andere. »Es gibt keinen anderen Weg!«
Der Küster verdrehte die Augen. Er sah hoch zum Himmel, wo die grauen Wolken in der Dunkelheit kaum zu erkennen waren und wie gefährliche Schatten wirkten. Der Nebel wurde dichter. Er umfing die dicken Mauern der Kirche wie ein gewaltiges Tuch, und die Angst des Mannes steigerte sich ins Unermessliche.
»Mach es!« Der Geist des Gehängten zischte die Worte, er drängte den Küster, und dem blieb nichts anderes übrig, als dem Befehl Folge zu leisten.
Er stieß mit dem Messer zu. Der heiße Schmerz drohte ihn zu zerreißen. Plötzlich hatte er das Gefühl, auseinanderzufallen. Er wollte schreien, hatte auch den Mund geöffnet, doch kein Wort drang über seine Lippen. Nicht einmal ein Krächzen oder Stöhnen.
Das Messer steckte noch in seiner Brust, als er langsam nach links kippte und schwer auf die Seite fiel, wobei er den Mund noch weiter aufriss und ein letzter verzweifelter Atemzug über seine Lippen drang.
Dann war er tot …
Der Geist aber schwebte über ihm. Er stieß ein Geräusch aus, das entfernt an ein Lachen erinnerte. Er hatte seinen Spaß gehabt. Der Friedhof war dem Bösen geweiht. Für alle Zeiten sollten die ewigen Schreie über den Totenacker wehen.
***
Das alles war vor mehr als zweihundert Jahren nahe der kleinen Stadt Walham geschehen. Die Menschen, die den Küster damals gefunden hatten und mit dem Aberglauben fest verwurzelt gewesen waren, hatten sofort die richtigen Schlüsse gezogen.
Für sie war der Friedhof entweiht. Jemand hatte dort Selbstmord verübt. Ein Gerechter konnte dort nicht mehr begraben werden, das war einfach unmöglich.
So verkam der Friedhof, und auch in die Kirche traute sich kaum jemand. Als der Pfarrer starb, fand er keinen Nachfolger. So blieb die Gemeinde jahrelang ohne Geistlichen, bis irgendjemand auf die Idee kam, eine neue Kirche zu bauen. Weit weg von dem Ort des Schreckens.
Nahe der Kirche wurde auch ein neuer Friedhof angelegt, und die Menschen vergaßen den alten sehr schnell.
Doch die ewigen Schreie waren nicht verstummt. Im Gegenteil, die klangen wieder auf.
Schrecklicher als je zuvor. Und der kleine schottische Ort wurde in einen wahren Strudel des Schreckens hineingerissen.
***
Als James McMullogh nach Hause kam, fiel ihm sofort die herrschende Stille auf. Er ging erst gar nicht ins Haus, sondern blieb in der offenen Tür stehen, denn die Stille war so ungewohnt, dass er direkt eine Gänsehaut bekam. Warum meldete sich Gladys denn nicht? Sie musste doch zu Hause sein.
Der vierzigjährige Vertreter schüttelte den Kopf. Vielleicht war sie sauer, dass er in den letzten beiden Tagen nicht angerufen hatte, aber es war zu viel zu tun gewesen. Bei dem warmen Wetter orderten die Geschäftsleute die doppelte Menge an Sommerkleidung, und gegen Abend war er immer todmüde in sein Bett gefallen. Hatte sie deshalb das Haus verlassen?
McMullogh betrat den Flur und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Er fühlte dabei den Schweiß unter seinen Fingerkuppen, und das wiederum erinnerte ihn daran, dass er unbedingt eine Dusche nehmen musste.
»Gladys!« Sein Ruf hallte durch das Haus.
Er musste auch in den oberen Etagen zu hören sein, wovon die zweite schräg war und in ihrer Bauweise dem Dach folgte, aber seine Frau meldete sich auch jetzt nicht. Für James der endgültige Beweis, dass Gladys nicht zu Hause war.
Unten lag die kleine Küche. Die betrat er zuerst. Aufgeräumt war sie wie immer. Nur die nachträglich eingebaute Schiebetür zum Wohnzimmer stand offen. Durch das Fenster an der Nordseite fiel ein langer Streifen des abendlichen Sonnenlichts und malte ein helles Muster auf die Möbelstücke. Eine Vase mit frischen Blumen stand auf dem Tisch. Es war aufgeräumt und eigentlich wie immer.
Nur eine fehlte – seine Frau!
Wo konnte sie stecken? Vielleicht bei der Nachbarin, oder war sie einkaufen gegangen? Nein, da hatte sie den Tag über Zeit, denn sie arbeitete nicht, und Kinder hatten sie auch keine. Gladys’ Fehlen war schon ungewöhnlich.
Ob etwas passiert war? Als der Mann daran dachte, wurde ihm kalt. Er...
| Erscheint lt. Verlag | 23.2.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair Sonder-Edition |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 2017 • 2018 • Abenteuer • alfred bekker • Bastei • Bestseller • blutig • Clown • Dämon • Dämonenjäger • dan-shocker • Deutsch • eBook • E-Book • eBooks • Extrem • Fortsetzungsroman • Frauen • Geisterjäger • grusel-geschichten • Gruselkabinett • Grusel-Krimi • Gruselroman • Grusel-Roman • Horror • Horror Bücher ab 18 • Horror-Roman • horrorserie • horror thriller • Horror-Thriller • Jason Dark • Julia-meyer • Kindle • Krimi • Kurzgeschichten • larry-brent • Lovecraft • Macabros • Männer • morland • neue-fälle • Paranomal • professor-zamorra • Professor Zamorra • Psycho • Roman-Heft • Serie • Sinclair • Slasher • spannend • Splatter • Stephen King • Stephen-King • Steven King • Terror • Thriller • Tony-Ballard • Top • Zombies |
| ISBN-10 | 3-7325-2691-7 / 3732526917 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-2691-8 / 9783732526918 |
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