Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 als Sohn eines Reeders in Rostock geboren. Er besuchte dort die Oberschule und wurde gegen Ende des Krieges noch eingezogen. 1948 wurde er aus politischen Gründen von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach acht Jahren im Zuchthaus Bautzen wurde Walter Kempowski entlassen. Er studierte in Göttingen Pädagogik und ging als Lehrer aufs Land. Seit Mitte der sechziger Jahre arbeitete Walter Kempowski planmäßig an der auf neun Bände angelegten 'Deutschen Chronik', deren Erscheinen er 1971 mit dem Roman 'Tadellöser & Wolff' eröffnete und 1984 mit 'Herzlich Willkommen' beschloss. Kempowskis 'Deutsche Chronik' ist ein in der deutschen Literatur beispielloses Unternehmen, dem der Autor das mit der 'Chronik' korrespondierende zehnbändige 'Echolot', für das er höchste internationale Anerkennung erntete, folgen ließ.Walter Kempowski verstarb am 5. Oktober 2007 im Kreise seiner Familie. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seit 30 Jahren erscheint sein umfangreiches Werk im Knaus Verlag.
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Hamburg, das Tor zur Welt – das Leben der Vorväter studieren und Kontakt aufnehmen zu den Lebenden. Sich einreihen in den lebendigen Strom: Vor sie hintreten und sagen: Ich bin wieder da. – Und angenommen werden von ihnen wie der verlorene Sohn.
Onkel Karl und Tante Hanni. Onkel Gustav in Bargfeld und im Staatsarchiv diverse Unterlagen: Daß man im Prinzip ja Hamburger ist, das geht daraus hervor, und daß man sich nicht zu verstecken braucht. In der Katharinenkirche sogar ein Epitaph, gestiftet vom Ahnherrn: Den würde man sich gelegentlich mal ansehen und man würde innewerden, daß das eine Logik hat, dies Zurückkehren in die Stadt der Väter.
Ein grünes Notizbuch kaufte ich mir, und in dieses Notizbuch schrieb ich die Liste der zu Besuchenden: Tante Thea, Tante Hille und Tante Hanni: Die Sache mit den sechs Schwestern: Drei bereits tot, und drei noch sehr lebendig. In Garstedt begoß Tante Thea noch immer die Fensterblumen, und Tante Hille tat in Volksdorf dasselbe, die eine dürr, die andere mollig, jede auf ihre Art. Schwarzbrot und dicke Milch. Es ja auch nicht leicht gehabt haben in all den Jahren: Und doch immer noch so voll Gottvertrauen.
Zuerst besuchte ich die kleine gemütliche Tante Hille in Volksdorf. Bei der hatte ich mal geschaukelt im Garten, und dann hatte ich eine Birne zu essen bekommen, eine Butterbirne, wie nie wieder in meinem Leben, zwischen Phlox und Chrysanthemen.
Erst Tante Hille besuchen, so wie man es früher getan hatte in den großen Ferien, und dann die anderen alle und der Reihe nach. Mit blauem Parallelo unter nagelneuer Jacke, mit Herren-Knirps und Osterglocken: »Der weiß wenigstens, was sich gehört.«
Die Linie 51 nehmen, zweite Querstraße rechts, drittes Haus. Das Weiblein mit der Kunkel: Das Haus, das kannte ich noch, oben aus dem Bodenfenster hatte ich Papierflugzeuge fliegen lassen und: »Hille-Pille« hatte ich gerufen, wofür mir mit dem Finger gedroht worden war. Zweite Querstraße rechts, drittes Haus, da lag es, oben ausgebrannt, aber schon wieder Rosen über der Tür.
»Und bedank’ dich auch, mein Junge.«
Ich übergab der Tante meine sieben Osterglocken, und sie sagte: »Na, wie geht’s denn so? Weißt du auch, daß du deine Mutter nun schrecklich liebhaben mußt? Denkst du immer daran, daß sie hat darben müssen?« das sagte sie, und sie stellte die Kaffeetassen auf die selbst bestickte Decke. Das Wort »darben« gebrauchte sie.
Wir saßen unter dem Wappen der de Bonsacs, »Bonum Bono«, und sie schenkte mir Kaffee ein aus einer Blümchenkanne, deren Deckel mit Drahtfeder und Porzellanschmetterling gehalten wurde. Eine Scheibe »Kalten Hund« legte sie mir auf den Blümchenteller, und dann nahm sie sich einen Strumpf zum Stopfen und fragte: Was ich mir eigentlich dabei gedacht hätte, damals, in die Zone zu gehen und da irgendwelche Sachen zu machen. Ich hätte doch wissen müssen, daß mit den Russen nicht zu spaßen ist, das weiß doch jedes Kind! Die herangewachsene Tochter ging durchs Zimmer in pendelndem Glockenrock,
Schau heimwärts, Engel!
Helga mit Pferdeschwanz und blond, sie wollte mal eben was holen aus der Veranda, dort hatte sie bloß mal eben was liegen lassen; das brauchte sie jetzt unbedingt sehr nötig. Sie winkte mir zu, mir, ihrem Vetter, der aus der Fremde gekommen war und eine so sonderbar graue Gesichtsfarbe hatte, acht Jahre Zuchthaus, irgendwie politisch; ging wieder hinaus mit pendelndem Rock, kam dann aber doch noch einmal zurück, mit ihren blonden Waden, und gab mir die blasse Hand. Das wollte sie denn nun doch tun, ihrem gestrauchelten Vetter die Hand geben.
»Hat einen netten Freund«, wurde gesagt, »Vater Bankdirektor und kommt gut voran, viertes Semester Jura!«
Ein sogenannter »Wildfang« war sie gewesen, zu zweit hatten wir im Garten geschaukelt, »die Kleine« war sie gewesen, und »Kriegen« hatten wir gespielt, was darauf hinausgelaufen war, daß ich sie in eine Ecke drängte, an den Bretterzaun zwischen Hof und Garten und irgendwie küßte.
Drei Tassen Kaffee und zwei Scheiben Kalten Hund: Was ich mir gedacht hätte bei dieser Sache, so wurde fortgefahren, der Kaffee stand auf dem Stövchen.
»Und die Mutter noch mit hineingerissen, Junge, schämst du dich nicht? Tapfer, so tapfer deine Mutter, nicht ein einziges Wort der Klage, Zähne zusammengebissen und durch!« Und krank gewesen dort, im Lager, – »Lager«, dieses Wort gebrauchte sie – die liebe Grethe! Wüßt’ ich das überhaupt?
Der ganze Unterleib, ausgenommen wie eine Pute, im Lagerlazarett, unter weiß was für Verhältnissen? – Was ein Mensch alles durchstehen kann, das ist eigentlich erstaunlich.
Was ich da erlebt hätte im Lager, das sei gewiß auch fürchterbar. Aber das wollten wir man jetzt auf sich beruhen lassen, all’ diese schrecklichen Geschichten! Der Mensch muß auch vergessen können. Und: Irgendwie ja selber schuld, nicht? würde sie sagen, oder?
Die Tür öffnete sich, und herein wieselte ein Hund. »Da bist du ja!« rief Tante Hille und warf den Stopfstrumpf von sich, »mein von Gott geliebtes Wutzelchen!« Und sie herzte ihr Wutzelchen, und dann schlug die Uhr Fünf, und ihr fiel ein, daß sie jetzt unbedingt sehr nötig was zu erledigen hat. Die Unrast, die Unrast dieser Zeiten!
Beim Hinausgehen aus dem Haus noch eben mitkriegen, daß die Fenster aufgerissen werden: eben mal tüchtig Durchzug machen nach dieser Geschichte hier …
Das Notizbuch herausholen und abhaken die Sache. Und wieder geht ein schöner Tag zu Ende. Tapfer vorwärtsschreiten in die Zukunft und an der Ampel – »gehe!« – aufpassen, daß man nicht überfahren wird.
Am nächsten Tag fuhr ich zu Tante Thea, der dürren, die hatte immer nach Eukalyptusbonbons gerochen, dürr und zäh, und ihren Kindern hatte sie erzählt, daß der Eukalyptusbaum in Australien wächst und tausend Jahre alt wird, dagegen ist unsere Eiche nichts. Zu Tante Thea fuhr ich, die sich bei ihrer Hochzeit einen sehr deutschen Namen eingehandelt hatte gegen ihren sehr französischen.
Bei dieser Frau auf jeden Fall pünktlich sein. Lieber eine Stunde früher hinfahren und um Häuserblocks herumlaufen, den Vögeln zuhören, wie sie zwitschern, und Gärten angucken, in denen die ersten Blumen bereits abgeblüht sind. Lieber eine Stunde früher losfahren, als hier zu spät zu kommen: »Das fängt ja gut an, die arme Mutter.« Lieber pünktlich sein, damit sie sagt: »Der Junge hat sich gefangen, aus dem wird vielleicht doch noch was.«
Als ich in die von einem Blumenfenster verdüsterte Wohnstube trat, verließ auf der andern Seite der gute Onkel Oskar augenblicklich das Zimmer, die Tür schloß sich hinter ihm, und das Mobile von kleinen stilisierten Schiffen, das da hing, bewegte sich noch eine ganze Weile.
Am Eßtisch sitzen, Kaffee trinken, Topfkuchen essen und die fünf Osterglocken bewundern, die man mitgebracht hat: wie der liebe Gott die Natur doch so sonderlich geschaffen, und dann von der dürren Tante mit tiefer Stimme gefragt werden, was man sich eigentlich gedacht hat dabei, all so schlimme Sache zu machen …
»Du weißt doch, daß deine Mutter sehr, sehr tapfer war? Ja? Weißt du das? – Gott, ich seh’ sie noch, wie sie hier ankam, ich sag’: ›Grethel‹? Und sie so: ›Ja …‹ gesagt, tonlos. Und ich: ›O Gott, Grethel‹. – Kein Wort der Klage.«
Was diese Frau durchgemacht habe, das sei ja nicht zu sagen! Und es wurde an den Fingern hergezählt: Inflation, Wirtschaftskrise, Nazis, und dann noch das Gefängnis! – Die Wohnung verloren, alle Möbel … und der Mann gefallen! Das ja auch noch! Das müsse man sich mal vorstellen!
Fünf Jahre im Gefängnis, weil ihre Herren Söhne es für richtig gehalten hatten, sich als Weltverbesserer zu betätigen, sich irgendwie einzusetzen für irgendwas und dann in der Tinte gelandet! – Aber jetzt Schwamm drüber nicht? Man selbst hatte es ja auch nicht leicht gehabt. Abgebrannt, der liebe Christoph gefallen, und dann die Nazis … Immer eine Haussuchung nach der andern und gesagt: »Wir kommen wieder!«
Nach dem Kaffeetrinken wurde der Bücherschrank geöffnet und es wurde ein Buch herausgeholt, Albert Schweitzer: »Der Urwaldarzt von Lambarene«. Das Buch wurde erst noch eine Weile in der Hand gehalten und dann wurde gesagt, daß man sich das Buch nur schwer vom Herzen reißt, weil es nämlich noch vom Vater stammt, daß man es aber wegschenken will, und hiermit gibt sie es mir, und ich soll es in Ehren halten.
Und dann wurde mir der Hut gereicht und gesagt: »Tschüß«, und daß das Wort »Tschüß« von »adieu« kommt, und beim Vorübergehen am Haus kriegte ich noch eben mit, daß der liebe Onkel Oskar sich wieder in seinen Lehnstuhl setzte und nach der Zeitung griff.
Zu Hause, unter der »Alten Liebe«, am heruntergekurbelten Mehrzwecktisch saß meine Mutter. Daß der gute Oskar, gelinde gesagt, schrullig sei, sagte sie. »Nimm’s mir nicht übel!« Der denke immer, ihm fällt was auf den Kopf! Mitten auf der Straße zu den Dächern hinaufgeguckt, ob da nicht vielleicht was runterfällt! – Und die Kinder immer so unmäßig gezüchtigt. Aber herzensgut, irgendwie. Nach Caux fahre er jedes Jahr zur Moralischen Aufrüstung …
Daß Helmut, Eva, Peter und...
| Erscheint lt. Verlag | 15.2.2016 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die deutsche Chronik | Die deutsche Chronik |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Bautzen • DDR • Deutsche Chronik • Deutsche Gegenwartsliteratur • eBooks • Familiensaga • Hamburg • Nachkriegsliteratur • Nachkriegszeit • Serien • zeithistorischer Roman |
| ISBN-10 | 3-641-05923-2 / 3641059232 |
| ISBN-13 | 978-3-641-05923-1 / 9783641059231 |
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