Tödliche Delikatessen (eBook)
256 Seiten
Atlantik Verlag
978-3-455-17076-4 (ISBN)
Thomas Askan Vierich, 1964 in Hannover geboren und lange in Berlin ansässig, lebt seit 2002 in Wien. Bei Atlantik sind von ihm bisher die Krimigroteske Praterglück (gemeinsam mit Berndt Anwander) und der erste Alfred Brinkmann-Krimi Tödliche Delikatessen erschienen.
Thomas Askan Vierich, 1964 in Hannover geboren und lange in Berlin ansässig, lebt seit 2002 in Wien. Bei Atlantik sind von ihm bisher die Krimigroteske Praterglück (gemeinsam mit Berndt Anwander) und der erste Alfred Brinkmann-Krimi Tödliche Delikatessen erschienen.
Cover
Titelseite
Für Andrea, Gina und [...]
»Wer nicht an die [...]
1 Brot und Salz
2 Stilfragen
3 Nach Grönland
4 Blut im Pudding
5 Nasse Hunde
6 Runder Tisch
7 Überraschungen
8 Ansprüche
9 Die Witwe trägt schwarz
10 Zettels Traum
11 Zurück zu den Ursprüngen
12 Verglühende Sterne
13 Schweigsame Lebende, redselige Tote
14 Erlebnisgastronomie
15 Verdächtig
16 Kunstgenuss
17 Reinickendorf
18 Punk
19 Reinickendorf revisited
20 Schwarze Witwe
21 Tod des Autors
22 Alles falsch
23 Das Beethoven-Syndrom
24 Die üblichen Verdächtigen
25 Noch mal Zabaione
26 Muttersohn
27 Gift
28 Love all, serve all
29 Nationalgalerie
30 Biedermänner
31 Ins Kaffeehaus
Über Thomas A. Vierich
Impressum
Skipper-Books
1 Brot und Salz
Kommt er oder kommt er nicht?
Sie hatten Einladungen an alle wichtigen Leute geschickt. Angefangen beim Regierenden Bürgermeister über Senatoren, Bundesminister, Vertreter aus Wirtschaft, Hochfinanz und der Werbebranche, Kritiker, Schauspielerinnen, Musiker, Literaten – bis hin zum unvermeidlichen Vorsitzenden des Clubs »Freunde der Hauptstadt«. Prominenz eben, Leute mit Geld, Leute, die Leute kennen. Wichtige Leute.
Jo Jasper seufzte. Er konnte diese Leute nicht ausstehen. Und musste für sie kochen. Andere konnten und wollten sich seinen Aufwand zu selten leisten. Immerhin, der Staatsanwalt zeigte sich schon im gläsernen Lift hinauf in den sechsten Stock entzückt. Der Senator für Stadtentwicklung äußerte beim Betreten des Simple im Dachgeschoss des Grandhotels am Potsdamer Platz seine gewohnt vollmundige Zustimmung. Der Regierende ließ sich mit den besten Wünschen für dieses »ehrgeizige Projekt, das der Stadt nur guttun kann« entschuldigen. Pia Graf, die omnipräsente Primadonna von Deutschlands führendem Boulevardtheater, wogte ihr bahnbrechendes Dekolleté zu einem der sparsam, aber sorgfältig dekorierten Tische und plapperte dabei unentwegt auf einen öffentlichkeitsscheuen, aber angesehenen Dramatiker aus dem Umland ein. Sogar der Vorsitzende des Clubs der Hauptstadtfreunde, Otto Stolzenburg, glaubte beim Niederlassen auf einem der schlicht, aber bequem mit sehr hellem Stoff gepolsterten Stühle der Rettung seiner Herzensstadt aus dem kulinarischen Mittelmaß nahe zu sein. Er stellte erleichtert fest, dass hier niemand tätowiert war.
»Wo haben Sie Ihre reizende Gattin gelassen?«, fragte Jasper pflichtbewusst den zufrieden vor sich hin lächelnden Vorsitzenden, als dieser das ausliegende Besteck von Binger & Crollfuss befühlte. Diese Linie kannte Stolzenburg noch gar nicht. Obwohl er und seine Frau grundsätzlich alle Bestecklinien von Binger & Crollfuss kannten. Schließlich fuhren sie jedes Jahr mindestens einmal auf dem Weg nach Süden an der Binger & Crollfuss-Fabrik im Fränkischen vorbei, wo es im Abverkauf so manches edle Stück zu einem überraschend günstigen Preis gab. Ein Lob dem Fabrikverkauf. Man musste ja niemandem sagen, woher man seine edlen Stücke bezog. Doch so eine Gabel hatte er noch nie in der Hand gehalten. Sie wog schwer. Als Stolzenburg mit dem Daumen über die Klinge des Messers fuhr, spürte er, wie scharf geschliffen sie war. Eine Exklusivanfertigung für das Simple? Kein Wunder, dass dieser verrückte Kerl Jo Jasper hier sechs Millionen verballert hatte. Die er, Stolzenburg, persönlich bei den richtigen Leuten während etlicher gemeinsamer Runden im Golfclub locker gemacht hatte. Stolzenburg untersuchte Messer und Gabel auf das Vorhandensein einer Gravur, als er bemerkte, dass der junge Maestro immer noch neben ihm stand und auf eine Antwort wartete.
»Meine Gattin …? Ach, Herr Jasper, sie konnte nicht kommen, ihre Rückenschmerzen waren wieder so schlimm. Und neuerdings leidet sie ja auch unter diversen Lebensmittelunverträglichkeiten …«
»Wie schade, wo Sie beide doch so viel für unser gemeinsames Baby getan haben.«
»Aber, aber, Herr Jasper, das war doch selbstverständlich. Man muss doch junge Leute mit Ideen unterstützen.«
Stolzenburg nickte etwas gönnerhaft.
Jo Jasper lächelte und strich sich nervös über den streng nach hinten gebundenen Zopf. Ohne die Unterstützung Stolzenburgs hätte er kaum Geldgeber gefunden, die in die sechste Etage eines Hotels in bester Lage sechs Millionen Euro investierten, um an nur zwölf Tischen eine Oase der Ruhe und des Genusses zu errichten. Eine »Rückkehr zu den einfachen und wirklich guten Dingen des Lebens«, wie Gundel griffig in der Einladung formuliert hatte. Ihm sollte es recht sein, wie sie es nannten, solange sie ihn kochen ließen, was er schon immer kochen wollte.
Stolzenburg und seine Gattin hin oder her. Wo blieb, verdammt noch mal, der Pompl? Auf die Senatoren und Minister gepfiffen. Reine Staffage. Entscheidend war der fette Pompl. Er gab den Ton vor. Wenn er beim Löffeln der Topinamburschaumcrème anerkennend nickte, wäre der Rest der Meute auch begeistert. Die wussten eh nicht, was Topinambur ist. Seit mehr als zwanzig Jahren war Pompl die unumstrittene Koryphäe für Kulinarisches beim Abendblatt. Und er hatte eine eigene Fernsehsendung, in der er einmal die Woche kurz vor Mitternacht mit Gästen über Essen, Trinken und den Genuss des Lebens plauderte.
Pompl zu widersprechen war schlecht für die Karriere. Der hat schon so einige Konkurrenten weggebissen, die dann entweder zu einer anderen Zeitung gegangen wurden oder ganz in der Versenkung verschwanden. Was er wohl mit diesem Alfred Brinkmann machen würde? Den kannte Jasper noch gar nicht, musste ein neuer Autor beim Abendblatt sein. Dieser Brinkmann hatte die Frechheit besessen, seinem Chefkritiker in die Suppe zu spucken. In einem Artikel über diesen neuen Schickimicki-Italiener in der Motzstraße hatte er geschrieben, der Oktopussalat sei längst nicht so zart, wie der große Heinrich Pompl in seiner Fernsehshow behauptet hatte: Vermutlich hätten die Betreiber des Zillo ihren zartesten und teuersten Pulpo für den großen Meister aufgehoben. »Wir Normalsterbliche hingegen werden mit Durchschnittsware abgespeist. Oder hat der große Pompl etwa nicht so genau hingebissen …?«
Klasse, fand Jo Jasper, das hatten der aufgeblasene Signore Settembrini vom Zillo und erst recht der noch aufgeblasenere Pompl verdient. Deshalb hatte Jasper den jungen Brinkmann auch eingeladen und zu Pompl und Stolzenburg an den Tisch gesetzt. Kontraste verfeinern den Geschmack.
Jasper beobachtete, wie Gundel die Herren von der Bank, denen man einen Tisch gleich neben dem von Pompl hingestellt hatte, bei Laune hielt. Ihre Blicke trafen sich. Er versuchte, die Panik in ihren Augen zu ignorieren, und nickte ihr aufmunternd zu. Alles in Ordnung, alles im Griff. Paul und Andrea hatten die Amuse-Gueules schon fertig. Passierte Jakobsmuscheln an istrischem Olivenöl, das er und Gundel von ihrer letzten Fahrt an die Kvarner Bucht mitgebracht hatten. Ein wirklich fantastisches Öl, besser als jedes italienische. Sie brauchten sich keine Sorgen zu machen. Selbst wenn das Fleisch der Muscheln etwas fad sein sollte. Er war sich beim Einkauf bei Lindenberg nicht wirklich sicher gewesen, und die Menükarten waren schon gedruckt. Aber beim Improvisieren war er schon immer zu Großform aufgelaufen. Und mit diesem Öl konnte er nichts falsch machen.
Als er sich umdrehte, sah er Rebecca an der riesigen, massiven Anrichte aus Granit stehen und Brot schneiden. Auch das ein beruhigender Anblick. Ihre zarten Hände umfassten das selbst gebackene Weißbrot mit schwarzen Oliven und schnitten es schwungvoll in Scheiben. Eine fast biblische Zeremonie. Er hätte wirklich lediglich Brot und Salz zur Eröffnung reichen sollen. Das wäre noch biblischer, noch archaischer gewesen. Und hätte seinen Anspruch unterstrichen. Aber das hätte wahrscheinlich wieder keiner verstanden. Stolzenburg als Letzter. Und auf dessen Meinung kam es leider auch an.
Vielleicht hätte es Pompl verstanden. Die Askese. Die Zurückhaltung. Die Reduktion auf das Wesentliche. Das Weglassen aller Showeffekte. Doch wo blieb Pompl? Gundel hatte ihm noch heute Morgen wiederholt versichert, dass Pompl zugesagt habe. Doch er kam nicht. Vielleicht war es besser so. Was konnte an so einem Premierenabend nicht alles schiefgehen. Und was konnte Pompl nicht alles quer in den Hals rutschen. Vielleicht wäre ihm Olivenbrot zu Jakobsmuscheln an Olivenöl zu viel des Mediterranen? Und warum hatte Jasper die Muscheln eigentlich passiert? Waren Jakobsmuscheln im Ganzen nicht klassischer, ursprünglicher? Immerhin habe er sie nicht molekular geschäumt, würde Pompl wohl gönnerhaft murmeln. Warum haben Sie nicht einfach Brot und Salz zur Begrüßung gereicht, Herr Jasper? Und Jasper müsste ihm recht geben.
Doch wenn er nicht käme, würde das einen kaum wiedergutzumachenden Gesichtsverlust bedeuten. Jasper konnte die hämischen Kommentare der lieben Konkurrenz schon hören, die auch gerne ein paar Millionen von Stolzenburg bekommen hätte: »Pompl ignoriert die ehrgeizigste Restaurantgründung der Saison!« – »Na also, der Möchtegern-Aufsteiger Jo Jasper fällt mit der Ausrufung einer neuen Askese schon beim Start auf die Nase!«
Ein junger Mann näherte sich der riesigen Glastür, neben der Gundel Jasper die neu eintreffenden Gäste begrüßte. Er wirkte fast so, als befürchtete er, er habe seine Einladung vergessen und man könne sich nicht mehr an seinen Namen erinnern oder dass er überhaupt eingeladen worden war. Jetzt nestelte er in den Taschen seines Jacketts. Das konnte doch nur der Brinkmann sein. Warum ließ ihn Gundel nicht einfach herein? Mein Gott, was für Umstände! Immerhin war endlich jemand vom Abendblatt erschienen.
Als Jasper sich unauffällig der Eingangspforte seines Luxustempels näherte, sah er, dass der junge Mann nicht allein gekommen war: Hinter ihm tauchte eine auffallend attraktive Frau auf, deren Augen vor Wut blitzten.
»Hast du denn nicht Bescheid gesagt, Alfred?«, zischte sie.
»Äh, hören Sie, gnädige Frau«, nuschelte der junge Mann in Richtung Gundel. »Stand auf der Einladung nicht ›plus eine Person‹?«
»Lieber junger Mann …«, setzte Gundel an zu widersprechen, als Jasper schnell hinzutrat.
»Wo liegt das Problem, meine Herrschaften?«
»Ach Jo, das ist Alfred Brinkmann vom Abendblatt, und er hat vergessen, uns mitzuteilen, dass er in Begleitung kommt. Jetzt haben wir gar keinen Platz mehr...
| Erscheint lt. Verlag | 27.2.2016 |
|---|---|
| Verlagsort | Hamburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Berlin • Gastronomie • Kommissar • Krimi • Verbrechen |
| ISBN-10 | 3-455-17076-5 / 3455170765 |
| ISBN-13 | 978-3-455-17076-4 / 9783455170764 |
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