John Sinclair 1561 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-4332-5 (ISBN)
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 2000 - 2009!
Wenn sich Judy King an ihre verstorbene Mutter erinnerte, dann sah sie stets eine Frau vor sich, in deren Brust zwei Seelen lebten.
Zum einen die gute Kraft. Sie galt einzig und allein den zahlreichen Heiligen.
Zum anderen die böse Macht, und sie kooperierte mit den Mächten der Finsternis.
Judy ging ihren eigenen Weg, der glatt verlief. Bis sie eines Tages mit dem wahren Erbe ihrer Mutter konfrontiert wurde, und das war mehr als grauenvoll für sie ...
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Wächterin der Nacht
Es war ein geisterhaftes, ätherisches Gesicht, das sich zu einem Lächeln verzerrte und einen bösen Ausdruck annahm. Kalt schauten die Augen auf das, was die Gestalt sah.
Es gefiel ihr nicht.
Es war so etwas wie Blasphemie, was den Zorn in der Gestalt hochsteigen ließ.
Ich werde eingreifen!
Es war ein Gedanke, den die Gestalt sofort in die Tat umsetzte und ein Schwert zog …
»Mach hier keine Faxen, Judy, und keinen Stress. Das Shooting ist deine große Chance.«
»Scheiße!«
»Hä? Was habe ich da gehört?«
»Ich sagte Scheiße.«
Ari Cosmo verengte seine Augen. »Und warum höre ich das aus deinem hübschen Mund, Engelchen?«
Judy trat mit dem rechten Fuß auf.
»Ich bin nicht dein Engelchen. Und bei der Scheiße bleibe ich.« Sie deutete auf die Wolken über dem Haus. »Da ist der Wind. Das wird nichts. Der bläst uns weg, verdammt!«
Ari grinste. »Engel brauchen Wind.«
»Ich bin aber kein Engel und werde nie einer sein.«
Cosmo ließ sich nicht beirren. »Doch, Süße, bald wirst du einer sein. Einer der schönsten Engel, die es je gegeben hat. Das mit dem Wind ist nicht gut, das weiß ich selbst. Aber ich kann den Job hier nicht abbrechen. Wir ziehen ihn durch und fertig. Denk an deine Gage.«
»Pah, so hoch ist die gar nicht.«
»Andere müssen dafür einen Monat malochen.«
Für Cosmo war die Sache erledigt. Er winkte einem Mann aus der Crew, der sich Requisiteur nannte. Der tänzelte näher. Er hielt zwei Flügel in den Händen. Einer war hell, der zweite dunkel.
Erneut fegte ein Windstoß über das Dach des Hotels. Es war erst in der letzten Viertelstunde so stürmisch geworden. Damit hatte keiner aus der Crew gerechnet.
Ari Cosmo – ob er tatsächlich so hieß, war sein Geheimnis – wollte das Shooting weder unter- noch abbrechen. Er hatte lange genug nach dieser Location gesucht und mit großer Mühe das Dach für zwei Stunden mieten können. Noch einmal von vorn anzufangen, das kam für ihn nicht infrage. Das gab der Etat auch nicht her, da konnte sich Judy King noch so zickig benehmen.
Der Wind packte die beiden Flügel und wollte sie aufblähen. Sie sahen täuschend echt aus, als bestünden sie aus zahlreichen Federn. Das stimmte nicht. Mit diesen Flügeln aus Kunststoff hatte ein Künstler eine wahre Meisterleistung geschaffen.
»Dreh dich mal um, bitte.«
Judy wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiterhin zu opponieren. Sie tat, wie ihr geheißen, und hörte das Lob des Requisiteurs, der sich sofort an die Arbeit machte.
Er war dafür verantwortlich, dass die Flügel an Judys Körper befestig wurden und nicht schon beim ersten Windstoß wegflogen. Dafür sorgten Klettverschlüsse in der gleichen Farbe wie das beige Kleid.
Ari Cosmo schaute aus der Entfernung zu. Er war zufrieden und lächelte, während er nickte.
»Ja, das passt.«
Judy sagte nichts und verdrehte nur die Augen. Erneut heulte ein Windstoß heran, und es war ein Wunder, dass von den zahlreichen Requisiten nichts wegflog.
Nach etwa zwei Minuten saßen die Flügel fest. Auf der rechten Seite der dunkle, auf der linken der helle. Noch hingen sie und waren nicht richtig aufgerichtet, aber das würde sich ändern. Dafür musste die Trägerin nur an einem Band ziehen, das sich in Bauchhöhe in den Falten des Kleides versteckte.
Cosmo lachte.
»Ist doch traumhaft, Süße. Echt klasse. Gratuliere. Man kann dich tatsächlich nicht von einem echten Engel unterscheiden.«
»Gibt es denn Engel?«
»Aber immer doch.«
»Dann hast du sie gesehen?«
»Ich sehe dich«, flüsterte Ari, ging auf Judy zu und küsste sein Model auf beide Wangen.
»Einen idealeren Engel kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.«
Judy verzog säuerlich das Gesicht.
Ari ließ sie stehen, so konnte sie sich umschauen. Die Crew war da. Zwei Fotografen standen bereit, um sie aus verschiedenen Perspektiven abzulichten.
Eigentlich hätte sich Judy in ihrem Erfolg sonnen können. Sie wurde immer dann geholt, wenn man ein Mädchen brauchte, das etwas Besonderes an sich hatte. Das schön war, wobei alles passen musste, von der Figur bis zu den Haaren.
Das war bei Judy King der Fall. Langes Blondhaar, ein schmales Gesicht mit großen Augen, ein weicher Mund und ein Körper, der wunderbar schlank war und dabei vom leichten Stoff der Kleidung umschmeichelt wurde.
Hier wurde für eine Diät-Mahlzeit geworben. Judy brauchte nur einige Male über das Dach zu laufen, aber so, dass es aussah, als würde sie schweben.
Und dann musste sie über den Dachrand hinweg springen. Allerdings nicht sie selbst. Das würde dann durch eine Computer-Animation geschehen. Sie konnte auslaufen und vor dem Dachrand abstoppen. Alles andere übernahm die Technik.
»Fertig?«, rief Ari. Er meinte dabei nicht sein Model, sondern die Crew.
Er erhielt das Okay. Die Lampen waren aufgestellt und strahlten ihre Lichter ab. Man hatte sogar eine weiße Leinwand aufgebaut, vor der Judy entlang laufen musste.
Wolken waren in der Natur vorhanden, wurden später allerdings auch digitalisiert.
»Du bist auch okay?«
Judy nickte. Sie hatte die Lippen noch zusammengekniffen. Außerdem fror sie auf dem Dach.
Ari hob den rechten Arm. Das Zeichen galt ihr.
»Dann Action!«, rief er.
Judy King wusste genau, was sie zu tun hatten. Es war alles abgesprochen und geprobt worden, und so eilte sie mit langen Schritten über das Dach hinweg.
Nicht jeder Mensch konnte so laufen wie sie. Sie war sehr begabt, sodass es wirklich aussah, als würde sie schweben.
Ihr Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Jetzt zeigte Judy, dass sie auf Kommando lächeln konnte, und es war ein strahlendes und natürliches Lächeln, als würde sie vor sich etwas ganz Besonderes sehen, auf das sie sich bereits ein Leben lang gefreut hatte.
Die Fotografen folgten ihr. Sie schossen dabei ununterbrochen ihre Bilder. Das hier war kein Spot fürs Fernsehen oder die Kinoleinwand. Judy King würde bald auf unzähligen Plakatwänden zu bewundern sein, in all ihrer Leichtigkeit und Schönheit, wobei sie wie ein ätherisches Wesen leichtfüßig über den Boden glitt. Laut Werbebotschaft würde jede Frau so aussehen und sich so bewegen können, wenn sie die Diät-Produkte einer bestimmten Firma kaufte und sich damit ernährte. Man fühlte sich engelhaft und leicht.
Sie lief an der Leinwand vorbei. Das Lächeln fiel ihr schwer, weil kalte Wind gegen ihren Körper schlug. Aber sie machte ihre Sache gut und lief dann aus.
Ari hatte alles beobachtet. Auf seinem Gesicht lag ein zufriedenes Lächeln. Mochte Judy auch noch so zickig sein, wenn es darauf ankam, war sie voll da.
Er riss die Hände hoch und klatschte, was das Model sah, als es näher kam.
»Na, wie gut war ich?«
»Super!« Er nickte ihr zu. »Du glaubst gar nicht, wie sich die Flügel bewegt haben. Das war klasse. Es hat so ausgesehen, als könntest du fliegen. Willkommen bei den Engeln.«
»Ja, ja, schon gut.« Judy winkte ab. Sie kannte die Lobhudeleien, die in dieser Branche üblich waren. Zumeist blieb es nicht dabei. Dann kam das dicke Ende nach, wenn es hieß, dass man die Szene zur Sicherheit noch mal durchziehen wollte, wobei es oft genug nicht bei einem Mal blieb und sich die Versuche summierten.
»Ich friere, Ari.«
»Kann ich verstehen, Süße, kann ich verstehen. Es ist die Gänsehaut der Engel.«
»Rede doch nicht so einen Stuss. Ich will es hinter mich bringen. Habe ich das?«
»Fast, mein Engel, fast …«
»Was heißt das?«
»Wir ziehen es noch mal durch.« Ari grinste. »Du kennst das ja.«
»Klar, das kenne ich.« Judy nickte heftig. »Wir ziehen es durch, und es bleibt nicht bei dem einen Mal. Immer und immer wieder, wie ich den Job kenne.«
»Nein, nur noch einmal. Du bist fantastisch gewesen, aber ich will nur auf Nummer sicher gehen. Dann bist du erlöst.«
»Und wenn nicht?«
»Denk nicht darüber nach, mein Engel. Das ist schon okay.« Er schmeichelte ihr. »Schließlich haben wir dich nicht grundlos ausgesucht. Du bist die Beste.«
»Klar, wenn andere nicht da sind.«
»Genau, Engel, genau.« Ari schrie auf, weil Judy ihm gegen das Schienbein getreten hatte. Nicht zu fest, aber er sollte merken, dass sie sich nicht gern auf den Arm nehmen ließ.
Eine Maskenbildnerin wusste, was sie zu tun hatte. Sie lief mit ihrem Schminkkoffer herbei, und der Requisiteur richtete die Flügel, während er einen alten ABBA-Hit vor sich hinsummte.
Sich selbst gegenüber gab Judy King zu, dass sie froh war, den Weg nur noch einmal laufen zu müssen. Sie hatte schon mit mehreren Versuchen gerechnet, aber sie war auch jemand, der von sich überzeugt war. In ihrem Job gehörte sie zur Spitze.
Ein wenig neue Schminke, etwas Puder, dann war die kurze Unterbrechung vorbei. Auch die Flügel waren gerichtet, und jeder machte sich bereit für den neuen Versuch.
Die Fotografen gaben ihr Zeichen, dass alles in Ordnung war und Judy starten konnte.
»Action!«
Es war wohl Aris Lieblingswort. Das kam daher, weil er früher mal beim Film gearbeitet hatte. Da war er zweiter oder dritter Regisseur gewesen und hatte dieses Wort immer rufen dürfen.
Judy King startete zu ihrem zweiten Versuch.
Die Flügel brauchte sie durch den Mechanismus nicht selbst zu bewegen. Durch den Gegenwind stellten sich die leichten Gebilde hoch, und sogleich hatte sie wieder das Gefühl, über das Dach und auch an der Leinwand vorbei zu...
| Erscheint lt. Verlag | 30.12.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-4332-6 / 3838743326 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-4332-5 / 9783838743325 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich