John Sinclair 1955 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-2471-6 (ISBN)
Sie waren zu dritt. Einer arbeitete als Richter, der Zweite als Staatsanwalt und der Dritte als Rechtsanwalt. Etwas einte sie. Die schwachen Urteile der Richter gegen die Verbrecher.
Deshalb holten sie nach, was ihrer Meinung nachgeholt werden musste. Nur hatten sie dabei das Pech, dem Teufel in die Quere zu kommen. Ab da begann das große Töten ...
Still würde es bis zu seinem Ende sein, das ihn in diesem verdammten Verlies erwartete, in dem die Luft immer knapper wurde, und er sogar den Eindruck hatte, dass er sie schmeckte, als würde er etwas probieren.
Dennoch dachte der Mann nicht nur an die Zukunft, die es für ihn kaum gab. Seine Gedanken drehten sich auch um die Vergangenheit, denn sie war wichtiger. Und er hatte sie durchlebt. Allerdings nicht als normaler und gesetzestreuer Mensch, nein, er war genau das Gegenteil davon gewesen. Er war nie nett gewesen. Er hatte auch nie normal gelebt, sondern immer wieder wie auf der Flucht. Er hatte einen schlechten Charakter, und der hatte aus ihm einen Raubmörder werden lassen. Genauso hatte er sein Geld verdient, durch Mord, durch Betrügereien. Er war sogar zum Auftragskiller aufgestiegen. Hatte für verschiedene Geheimdienste gearbeitet, und nie hatte man ihm etwas nachgewiesen. Dazu war er zu schlau. Er dachte daran, dass er der Polizei immer wieder entwischt war und dass sie nicht mal seinen Namen kannten.
Dafür die anderen.
Es war an einem Samstag passiert, das wusste er genau. Da hatten sie ihn plötzlich abgefangen, und all seine Warnsinne hatten sich nicht gemeldet.
Sie waren plötzlich bei ihm gewesen. Innerhalb von Sekunden war ihm das Lachen vergangen. Er hatte sich auch nicht wehren können und ebenfalls nicht gesehen, wer ihm den Schlag gegen den Kopf verpasst hatte, denn um ihn herum war alles dunkel gewesen.
Und das blieb auch so bis zu dem Augenblick, als man ihm den Sack vom Kopf gezogen hatte. Nur war er jetzt gefesselt, und er saß auf einem Stuhl in einem recht kahlen Raum mit grauen Wänden. Allerdings gab es vor ihm einen kleinen Tisch, auf dem ein Hammer lag. Rechts und links des Tisches standen zwei Stühle, die aber unbesetzt waren. Ebenso wie der Stuhl vor dem Tisch.
Winston Stuart wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, aber als positiv wollte er es nicht einstufen. Danach sah es nicht aus, nach dem, was er erlebt hatte.
Man ließ ihn allein.
Er versuchte, die Fesseln zu lösen, was ihm nicht gelang. Es waren Fachleute gewesen, die sie ihm angelegt hatten. Warten – aber auf was oder wen warten?
Er wusste es nicht. Genau bis zu dem Zeitpunkt, als die Tür geöffnet wurde und drei Gestalten den Raum betraten. Es waren Männer, davon ging er aus, aber er konnte ihre Gesichter nicht sehen. Die Männer trugen lange Kutten, die bis zum Boden reichten. Die Kapuzen waren über die Köpfe gestülpt, und die Gesichter verschwanden hinter schwarzen Masken.
Da war nichts zu erkennen.
Er hatte sie auch nicht an ihren Stimmen erkannt. Sie waren ihm fremd oder verfremdet worden.
Wenig später waren die Stühle besetzt. Der Mann in der Mitte holte unter seinem dunklen Umhang ein Blatt Papier hervor und faltete es auf.
Dann begann er laut zu lesen.
Und es waren keine Worte, die Winston Stuart gefallen konnten. Sie beschäftigten sich mit ihm. Mit seinen Taten, mit dem, was er getan und wen er umgebracht hatte.
Der Mann in der Mitte wusste alles. Er schien sein Zwillingsbruder zu sein, denn er ließ nichts aus, und kannte alles in seinem Leben.
Es war eine Anklage, die selbst dieser Mörder als schlimm empfand, doch er gab darauf keine Antwort. Er presste die Lippen zusammen und schwieg, während Schweiß auf seinem Gesicht eine Schicht bildete.
Alles bekam er zu hören. Jedes Detail, sie wussten es. Sie schienen sein ganzes Leben durchleuchtet zu haben, und sie hatten recht, das war das Fatale.
Dann kam der Ankläger zum Schluss. Seine Worte klangen wie von Hammerschlägen begleitet an seine Ohren.
Für all seine verfluchten und gnadenlosen Taten gab es Beweise. Man hätte ihn längst aus dem Verkehr ziehen müssen, aber die Richter waren immer gnädig, weil diese Beweise einfach nicht ausreichten. Man hatte ihn stets wieder laufen lassen müssen. Und da hatte er sich als einen Glückspilz bezeichnet, dass sie ihn nicht gefasst hatten. Bis die Sache mit dem Tuch durchgezogen wurde.
Hier saß er wieder vor einem Gericht. Aber er ging nicht davon aus, dass er diesmal entkommen würde. Man hatte ihm seine Taten vorgeworfen, und jede stimmte.
Die Anklage war vorgetragen worden, und man stellte dem Mann eine Frage. »Hast du alles verstanden?«
»Das habe ich.«
»Und was sagst du dazu?«
»Nichts.«
»Aha. Und du willst nicht zugeben, dass alles so ist, wie ich es gesagt habe? Gut. Dann wäre im Prinzip alles erledigt und können zum Urteil kommen.«
URTEIL!
Dieses eine schreckliche Wort raste raketengleich durch den Kopf des Verbrechers. Er, der gefesselt auf dem Stuhl saß, sollte verurteilt werden. Und das durch einen selbst ernannten Richter, der seinen Kopf bewegte, als würde er nicken.
»Du hast alles verstanden?«
Diesmal nickte Winston.
»Gut. Dann werde ich das Urteil sprechen. Aufgrund der schweren Verbrechen kann nur ein Urteil gefällt werden. Und das ist der Tod. Ja, der Tod.« Für einen Moment schwangen die Worte noch nach, dann stellte den Mann in der Mitte die nächste Frage.
»Hat jemand Einwände gegen das Urteil?«
»Nein!«
»Dann werden wir es so rasch wie möglich vollstrecken, denn wir sind nicht nur Richter, sondern auch Henker.«
»So sei es!«
Danach war Winston Stuart aus dem Raum geführt worden. Man hatte ihn in dieses Verlies geworfen, in dem er jetzt noch lag und darauf wartete, dass dieses Urteil vollstreckt wurde.
Die andere Seite ließ sich Zeit. Für ihn war das so etwas wie eine Folter, denn immer wieder kehrten seine Gedanken zu dieser Gerichtsszene zurück. Sie war entscheidend für ihn gewesen. Für seine weitere so kurze Zukunft.
Wann kamen sie, um ihn zu holen?
Er wusste es nicht. Sie hatten nichts angedeutet und ihn im Unklaren gelassen. Er hatte wohl etwas zu trinken bekommen, das war alles. Ansonsten quälte ihn der Hunger.
Und dann zuckte Winston Stuart zusammen. Er hatte etwas gehört. Und zwar von dort wo sich die Tür befand. So etwas wie ein Kratzen. Dann hörte er ein schleifendes Geräusch, und wenig später huschte ein Lichtkegel durch den Raum, der auf seinem Gesicht hängen blieb.
Eine Stimme erreichte ihn. »Ich an deiner Stelle würde so liegen bleiben. Es sei denn, du willst, dass wir dir zwischen die Beine schießen.« Der Lichtkegel wanderte und blieb genau an der Stelle haften, die der Mann erwähnt hatte.
»Ist schon okay!«, krächzte der Killer.
Es schoss wirklich niemand. Aber er hörte Schritte. Man näherte sich ihm, blieb dann stehen, und eine Hand drehte ihn auf den Bauch, damit er in die richtige Lage geriet.
Die Arme wurden ihm auf den Rücken gedrückt, und wenig später klickten Handschellen um Stuarts Gelenke.
»So, jetzt kannst du aufstehen!«
Das schaffte der Gefangene nicht. Er war zu steif geworden, was auch gesehen wurde. So half man ihm, auf die Beine zu gelangen, und als er stand, schwankte er leicht von einer Seite zur anderen, konnte sich aber fangen und fiel nicht um.
»Alles klar?«, wurde er gefragt. Es hatte der Mann gesprochen, der ihn auch verurteilt hatte.
Stuart lachte nur.
»Dann können wir ja!«, sagte ein zweiter Mann. Eine Handfläche klatschte gegen Stuarts Rücken, und er stolperte voran. Seine Füße musste er schon sehr anheben, um nicht zu stolpern.
Und so lief er seinem Todesurteil entgegen …
***
Winston Stuart hatte gedacht, dass sie mit ihm kurzen Prozess machen würden, aber das traf nicht zu. Sie führten ihn eine Treppe hoch, und sie standen kurz danach vor einem Haus. Stuart spürte den kalten Abend- oder Nachtwind in seinem Gesicht.
Die vier Männer blieben nicht lange zusammen vor dem Haus stehen. In der Dunkelheit betraten sie einen Hof, in dem ein Auto parkte. Es war ein Volvo, auf dessen Rücksitz genügend Platz für den Verurteilten war.
Noch immer gefesselt wurde er in den Wagen gedrückt und blieb auf der Rückbank liegen. Wohin er gebracht werden sollte, das hatte ihm niemand gesagt, aber er glaubte nicht daran, dass die andere Seite das Urteil aufgehoben hatte.
Die Tür wurde zugeschlagen. Vor ihm nahmen zwei Vermummte Platz und neben ihm der dritte. Nur der Fahrer nahm die Kapuze ab, aber dessen Gesicht sah der Gefangene nicht.
Man fuhr an.
Winston Stuart fragte nicht nach, wohin sie fuhren. Es würde sein Grab sein, der Ort, um zu sterben, und den erreichte er noch früh genug. Dass er einmal so enden würde, das hätte er nie geglaubt. Er, der Killer, war mehr darauf geeicht worden, dass man ihn irgendwann mal erwischte. Und zwar die Polizei, aber nicht die Typen, die um keinen Deut besser waren als er.
Aber er hatte verloren. So war das nun mal im Leben. Da konnte man nichts machen.
Der Fahrer lenkte den Volvo über eine normale Straße, aber das blieb nicht so. Irgendwann bog der Wagen nach links ab und damit auf einen Untergrund, der den Begriff Straße nicht verdiente, sodass der Wagen ins Schaukeln geriet. Hin und wieder kratzten auch Zweige an der Karosserie entlang, ansonsten war es still, denn keiner der drei Männer sagte auch nur ein Wort.
Es ging weiter. Tiefer hinein in die Natur, davon ging auch der Verurteilte aus. Kein Licht fiel durch die Fenster. Nur die Scheinwerfer vorn gaben die Helligkeit.
Und dann waren sie da. Der Fahrer bremste. Es gab einen Ruck, dann stand der Wagen.
Winston Stuart spürte den Druck im Magen, der dort nicht blieb, sondern sich bis zur Kehle hin hochdrückte. Gut, er hatte sich mit seinem Ende...
| Erscheint lt. Verlag | 29.12.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-7325-2471-X / 373252471X |
| ISBN-13 | 978-3-7325-2471-6 / 9783732524716 |
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