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Die Suche nach der letzten Zahl (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2015
Unionsverlag
978-3-293-30453-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Suche nach der letzten Zahl - Juri Rytchëu
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Im Jahr 1918 landet Roald Amundsen, unterwegs zum Nordpol, vor der tschuktschischen Küste. Im Polarnebel zeichnen sich die Umrisse einer kleinen Siedlung ab. Wer sind die Bewohner, wie werden sie die Expedition empfangen? Der gemeinsame Winter verändert die Forscher ebenso wie die Einheimischen. Kagot, der Schamane, beginnt zu lesen, zu rechnen, die Maschinen zu öffnen; sein unstillbarer Erkenntnisdrang droht ihn aus der Bahn zu werfen. Amundsen findet in Kagot einen Bruder, mit dem er den Forschergeist teilt - aber auch eine tiefe Schuld. Juri Rytchëu kennt nicht nur Amundsens Tagebücher, sondern auch die Überlieferungen seiner Vorfahren über die seltsamen Fremdlinge. Aus einer Episode der Wissenschaftsgeschichte macht er ein fesselndes Epos über die Begegnung von zwei Zivilisationen.

Juri Rytchëu, geboren 1930 als Sohn eines Jägers in der Siedlung Uëlen auf der Tschuktschenhalbinsel im äußersten Nordosten Sibiriens, war der erste Schriftsteller dieses nur zwölftausend Menschen zählenden Volkes. Mit seinen Romanen und Erzählungen wurde er zu einem berufenen Zeugen einer bedrohten Kultur. Juri Rytchëu starb 2008 in St. Petersburg.

Juri Rytchëu, geboren 1930 als Sohn eines Jägers in der Siedlung Uëlen auf der Tschuktschenhalbinsel im äußersten Nordosten Sibiriens, war der erste Schriftsteller dieses nur zwölftausend Menschen zählenden Volkes. Mit seinen Romanen und Erzählungen wurde er zu einem berufenen Zeugen einer bedrohten Kultur. Juri Rytchëu starb 2008 in St. Petersburg.

1


Amundsen stand an Deck und lauschte dem Dröhnen der Maschine. Die »Maud« arbeitete sich langsam, gewissermaßen tastend voran, brach mit dem Heck laut prasselnd das junge, von frisch gefallenem Schnee überpuderte Eis.

Zunächst bot die Küste einen öden, ungastlichen Anblick. Die Aussicht auf ein neues Winterlager an solch menschenfernem, unbelebtem Ort hatte etwas Trostloses. Doch drei Hügel, die Amundsen schon durchs Fernrohr betrachtet und beinahe für Steinhaufen gehalten hätte, erwiesen sich als Jarangas, tschuktschische Wohnstätten. Rauchsäulen über den spitzen Dächern zeugten davon, dass sie bewohnt waren.

Aus tief hängenden Wolken fiel schwerer, feuchter Schnee – wie ein Vorhang verdeckte er allmählich das Küstenpanorama. Es gab aber keinen Grund, sich zu beklagen: Für den 24. September 1919 war die Eissituation hier durchaus erträglich. Vielleicht lag das an der starken Ostströmung, die immer wieder große Felder neugebildeten Eises von der Küste losriss und ins offene Meer hinaustrug.

Es wurde schnell dunkel. Die elektrische Laterne am Mast erfasste nur einen dichten Schleier fliegenden Schnees. Amundsen befahl, die Maschine zu stoppen und den Anker zu werfen. In dieser Finsternis war es sinnlos, mit den Eisschollen zu kämpfen.

Bevor der Leiter der norwegischen Polarexpedition die Kajüte betrat, schüttelte er sorgsam den an seiner Kleidung klebenden feuchten Schnee ab – bemüht, nicht an das bevorstehende Winterlager zu denken. Doch wie sehr er den Gedanken daran verdrängte – einen anderen Ausweg gab es nicht. Der zweite Winter erwartete sie schon an der Küste Russlands, eines Landes voller Rätsel, voller unbegreiflicher Vorgänge, von denen die »Maud« nur lückenhaft Kunde erhielt.

Ein langer Weg lag hinter der Expedition – vom heimatlichen Kristiania, um Skandinavien herum, durch die Meerengen, die die Inseln des Eismeers vom Festland trennten, zu den Küsten von Taimyr, der nördlichsten Halbinsel Asiens. Den ersten Winter hatte die »Maud« unweit des Dorfes Chabarowo verbracht – in der Hoffnung, im nächsten Sommer zur Beringstraße durchzukommen und so eine polare Weltumschiffung zu vollenden, was bisher noch niemandem gelungen war.

Man sollte meinen, es wäre genug Ehre und Ruhm für einen Menschen, dass er die Nordwestpassage und den Südpol bezwungen hatte. Doch der Nordpol … Noch nie war es einem Menschen gelungen, beide Pole des Planeten zu betreten. Vor allem aber lockte der kühne, noch nicht verwirklichte Plan, den ein anderer großer Norweger, Fridtjof Nansen, erarbeitet hatte: sich im Eis nördlich der Beringstraße einfrieren zu lassen und so bis zum Pol zu driften. Eigens dafür war das neue Expeditionsschiff »Maud« gebaut worden, dessen Konstruktion in vielem der berühmten »Fram« glich.

Nachdem Amundsen die letzten Schneereste abgeschüttelt hatte, betrat er die Offiziersmesse, einen nach Schiffsmaßstäben ziemlich großen Raum. Dort war es warm und gemütlich. An der Wand hingen Fotos, die aus der »Fram« übernommen waren. Hier befanden sich auch Geschenke des Königspaars an die Expedition aus dem Jahr 1910, darunter ein silberner Becher, der auf einem schönen Schränkchen stand. Bei der Luke zum Maschinenraum prangte ein Grammophon, das nach festgelegter Ordnung nur einmal in der Woche spielte – sonnabends, damit das Erlebnis nichts von seinem Reiz verlor. Erzeugt doch nichts so schnell Überdruss wie die endlose Wiederholung eines Vergnügens. Der Fußboden der Messe war mit Linoleum ausgelegt, darüber waren Kokosmatten gebreitet.

Hier, in dieser Offiziersmesse, an diesem großen Tisch unter der Hängelampe, hatte das letzte Gespräch mit Tessem und Knutsen stattgefunden, ehe sie von Bord gingen. Das war vor etwa einem Jahr gewesen, am 4. September 1918, und bis jetzt hatten sie nichts von ihnen gehört. Was war mit ihnen? War es ihnen gelungen, die zivilisierte Welt zu erreichen, oder streiften sie noch immer durch die unermesslichen Weiten des von Revolution und Bürgerkrieg erfassten russischen Nordens?

Rasch verschlang der Expeditionsleiter ein leichtes Abendessen und begab sich in seine Kajüte. Kaum lag sein Kopf auf dem Kissen, versank er in tiefen, traumlosen Schlaf.

Der nächste Morgen war etwas klarer als der vorangegangene. Jedenfalls hatte der gar zu lästig gewordene Schneefall aufgehört, und hin und wieder blickte aus den aufgerissenen, wild über den Himmel jagenden Wolken eine winterliche, nicht mehr wärmende Sonne. Die »Maud« stand dicht am Küsteneis, und auf dem höher gelegenen Ufer sah man jetzt deutlich drei Jarangas mit einigen menschlichen Gestalten davor.

Offensichtlich hatte das Auftauchen eines unbekannten Schiffs die Aufmerksamkeit der Bewohner dieser winzigen Siedlung geweckt. Aber noch kam niemand auf die »Maud« zu – entweder hatten sie Scheu vor den Unbekannten, oder das Eis trug sie noch nicht.

»Sieht ganz so aus, als wollten sie uns nicht besuchen«, sagte Amundsen. »In diesem Fall gebietet es die Höflichkeit, dass wir ihnen als Erste einen Besuch abstatten.«

Sie warfen das Fallreep und ließen sich behutsam aufs Eis hinab. Voran ging Gennadi Olonkin, ein russischer Expeditionsteilnehmer, der sich ihnen auf Nowaja Semlja angeschlossen hatte, dahinter Hansen, und als Letzter stapfte Roald Amundsen. Das Eis krachte bedrohlich unter ihren Füßen, auf dem weißen Schnee, der die zugefrorene Oberfläche des Meeres überpuderte, bildeten sich Risse. Ein Aufschrei ließ Amundsen sich umdrehen. Unter Hansen war das Eis gebrochen, und nur eine schnelle Reaktion – er konnte noch beiseite springen – verhinderte, dass er im Eismeer versank.

»Haltet größeren Abstand!« befahl er.

»Seht nur, Wie viel Schwemmholz!« Hansen zeigte auf Bruchstücke von Stämmen, die unterm Schnee hervorragten, bisweilen waren es auch ganze Bäume mit Resten von Wurzeln und Ästen. Von gewaltigen Flüssen aus der unermesslichen sibirischen Taiga ins Meer getragen, hatten sie einen weiten Weg zurückgelegt, ehe die Strömung sie hier anspülte.

»An Holz werden wir jedenfalls keinen Mangel haben«, bemerkte Amundsen.

Als sie fast am Ufer waren, lösten sich von den Jarangas zwei Menschen und kamen ihnen entgegen.

Sie waren ziemlich groß für die Einheimischen, trugen warme, ordentliche Kleidung und lächelten freundlich.

»Ettyk! – Seid gegrüßt!« riefen sie fast gleichzeitig.

Als Amundsen und seine Gefährten ihnen die Hände entgegenstreckten, streiften sie bereitwillig ihre warmen Renfell-Handschuhe ab und schüttelten mit sichtlichem Vergnügen die Hände der Gäste.

Die Küste war ziemlich steil, und zu den Jarangas mussten sie vorsichtig hochsteigen – sie konnten leicht abrutschen und sich auf dem Eis des Meeres wieder finden.

Die Hausherren führten die Gäste in eine Jaranga.

Eine so geräumige Wohnstatt hatten die Reisenden in dieser Gegend noch nie gesehen. Ihr Durchmesser war fast fünfzig Fuß, und an der Stelle, wo durch den Rauchabzug der Himmel hereinschaute, betrug die Höhe sicherlich fünfzehn Fuß. Alles im Innern war solide und fest und zeigte, dass die Bewohner keine Nomaden waren, sondern ständig hier lebten, vielleicht gehörten sie gar zu den Ureinwohnern dieses Landes.

Die Jaranga war in mehrere Räume unterteilt. Der vordere war der kalte Teil, der Tschottagin, wo man Gäste empfing und ein fröhliches Feuer brannte, für das hier offenkundig nicht mit Brennholz gespart wurde. Im Hintergrund sah man den aus erlesenen Renfellen genähten Schlaf-Polog. Daraus blickten zwei Kinder und eine Frau auf die Gäste.

Der ältere Mann, offenbar der Hausherr, ordnete in seiner Sprache etwas an, und vor den Gästen, die sich auf einem als Sitz dienenden Walwirbel niedergelassen hatten, erschien ein aus einem ganzen Holzstück geschnitzter flacher Trog. Dahinein legte die Frau gekochtes Renfleisch aus dem über dem Feuer hängenden Kessel.

»Ich heiße Amtyn«, erklärte der Hausherr, als jeder Gast ein Stück Fleisch verspeist hatte, »und er Kagot.« Er wies auf den zweiten Mann, der schweigend und konzentriert an seinem Fleisch kaute.

Amundsen tippte sich seinerseits auf die Brust und sagte: »Ich heiße Amundsen, und meine Gefährten Hansen und Olonkin.«

»Warum seid ihr mit dem Schiff so spät gekommen?« sagte der Mann, der als Kagot bezeichnet worden war, und Amundsen antwortete vor Verwunderung nicht sofort. Dass er hier in dieser Eiswüste einen Mann treffen würde, der Englisch sprach, hatte er nicht gedacht.

»Verzeihung«, sagte er, und obwohl er begriff, dass seine Frage dumm war, erkundigte er sich für alle Fälle: »Sie sprechen Englisch?« 

»Ja«, antwortete Kagot. »Allerdings nicht sehr gut.«

»Ich finde, nicht schlecht«, sagte Amundsen anerkennend. »Wo haben Sie es denn gelernt?«

»Ich bin auf einem amerikanischen Schoner gefahren.«

Amundsen betrachtete das Gesicht des Einheimischen genauer. Jetzt sah er, dass der Mann ziemlich jung war – nur wegen seiner dunklen Gesichtsfarbe wirkte er älter. Die Hiesigen verlieren nie die Frostbräune, zu der im Sommer noch die Bräune von der nie untergehenden Sonne kommt. Der Blick des Mannes war sehr ernst und forschend, und Amundsen war es peinlich, dass er, statt auf die ihm gestellte Frage zu antworten, selbst Kagot ausfragte.

...

Erscheint lt. Verlag 15.12.2015
Übersetzer Charlotte Kossuth
Verlagsort Zürich
Sprache deutsch
Original-Titel Magiceskie cisla (1986)
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Arktis • Eis • Ethnologie • Kälte • Mathematik • Nordpol • Polarforscher • Roald Amundsen • Russland • Schamanismus • Tschukotka • Tschuktschen • Wissenschaft
ISBN-10 3-293-30453-2 / 3293304532
ISBN-13 978-3-293-30453-6 / 9783293304536
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