John Sinclair 1952 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-7325-2035-0 (ISBN)
An diesem Abend würde der Tod reichlich Ernte halten.
Und genau deshalb war der ganz in Schwarz gekleidete Mann unterwegs. Er stoppte den ebenfalls schwarzen Mercedes Sprinter unweit seines Ziels, das zum Schauplatz eines blutigen Dramas werden würde.
Als der Mann im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit auf das pompöse Anwesen zueilte, war das unheilvolle Geschehen bereits in vollem Gange. Hinter den hohen Mauern des zweistöckigen Hauses fielen Schüsse.
Da wusste der Mann, dass er keine Sekunde zu früh gekommen war ...
Dem schwarz Vermummten war klar, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Polizei hier eintraf. Bis dahin musste er mit seiner Beute wieder verschwunden sein. Doch das kannte er ja schon zur Genüge.
Das Grundstück wurde nur durch eine hüfthohe Hecke begrenzt, die um einen metallenen Zaun herum wucherte, aber akkurat gestutzt worden war. Dahinter stieg das Gelände sanft an, bis zu dem herrschaftlichen Anwesen, dessen Außenwände in einem zarten Gelb gestrichen waren. Ein schmaler Sims verlief unterhalb des ersten Stockwerks und teilte das Haus optisch in zwei Hälften. Die Fenster waren hoch und schmal. Von außen konnte man keinen Blick hineinwerfen, denn sie waren von innen verhängt.
Der Schwarzgekleidete sprang mit einem kurzen Anlauf einfach über die Hecke hinweg. Das allein hätte einem unbeteiligten Beobachter gezeigt, wie durchtrainiert der nächtliche Besucher war.
Zwischen Hecke und Haus breitete sich ein dichter grüner Rasen aus. Kein Baum oder Strauch wuchs darauf. Erst direkt an der Mauer des Anwesens erstreckten sich links und rechts von dem hohen Eingangsportal zwei schmale Beete mit bunten Frühlingsblumen. Von diesem Portal führte ein breiter Kiesweg zu dem Tor, das die Hecke unterbrach. In der Dunkelheit sah der Pfad aus wie gemalt.
Insgesamt machte alles einen sehr sterilen, unbewohnten Eindruck. Doch der Mann wusste, dass dieser Eindruck täuschte. Der eigentliche Garten befand sich auf der Rückseite des Anwesens.
Dort wollte der Mann aber nicht hin. Er huschte lautlos wie ein Schatten über den Rasen auf die Eingangstür zu.
Kein Geräusch durchbrach mehr die Stille der nächtlichen Idylle. Hier, am Rand von Kopenhagen, genossen die Anwohner die Ruhe und vornehme Gediegenheit eines Vororts, in dem nur Mitglieder der oberen Zehntausend zu wohnen pflegten. Hier zu leben war ein Privileg.
Der Schwarzgekleidete war sich sicher, dass sein Schützling seine Aufgabe bereits erfüllt hatte. So ging er das Risiko ein und betätigte die Türklingel. Ein sanfter, draußen nur schwach zu vernehmender Gong hallte durch das Haus. Niemand rührte sich. Der nächtliche Besucher wurde langsam nervös. Er lauschte. Einerseits nach Geräuschen aus dem Inneren des Anwesens, andererseits nach den Sirenen der Polizei.
Stattdessen hört er links über sich ein leises Schaben. Ein Fenster wurde geöffnet.
Der Mann trat von dem Eingangsportal zurück und legte den Kopf in den Nacken. Eines der hohen Fenster im ersten Stock stand offen. Die weißen Vorhänge wehten lautlos und gespenstisch im leichten Wind, bauschten sich auf und wurden wieder nach Innen gedrückt.
Ein Bein erschien in der Öffnung. Der Fuß steckte in einem schwarzen, blank polierten Herrenschuh, der mehr gekostet haben musste als die komplette Montur des Schwarzgekleideten. Der Fuß tastete nach dem Sims und fand dort auch wenige Sekunden später Halt. Eine Hand folgte, klammerte sich an den Rahmen des Fensters. Allein dies war schon ein Kunststück, denn am Handgelenk baumelte ein schwarzer Aktenkoffer.
Dann erschien der restliche Teil des Mannes. Es war Vater der hier lebenden Familie, gekleidet, als ob er gerade von der Arbeit nach Hause gekommen wäre. Schwarze Anzughose, darüber ein hellblaues Hemd und eine weinrote Krawatte. Die sah der nächtliche Besucher aber nur kurz im Wind flattern, denn der Mann bewegte sich mit Gesicht und Bauch in Richtung Mauer.
Mit beiden Beinen stand der Hausherr jetzt auf dem schmalen Sims der Außenmauer.
Der Schwarzgekleidete, der immer noch vor der Eingangstür wartete und nach oben blickte, schluckte und bekam große Augen.
In der rechten Hand hielt der Mann, der offensichtlich aus dem eigenen Haus ausbrach, eine schwere Pistole. Doch das Absurdeste an der ganzen surrealen Szenerie war der seltsame Kopfschmuck des Flüchtlings. Der Mann trug nämlich einen großen, dunklen Gehörschutz, wie man ihn auch bei Schießübungen verwendete.
Mit dem Bauch an die Wand gepresst, blickte der Mann zu dem offenen Fenster. Den nächtlichen ungebetenen Besucher bemerkte er nicht. Angst und Verzweiflung standen dem Flüchtenden ins Gesicht geschrieben.
Offenbar diktierte die Panik sein Handeln. Denn der Schwarzgekleidete erkannte weder eine unmittelbare Bedrohung, noch sah er einen Weg, wie der Flüchtende von dem Sims zur Erde kommen konnte. Es sei denn, er wollte springen.
In dem Moment, in dem ihm der Gedanke kam, rutschte der linke Fuß des Hausherrn ab. Hektisch fuchtelte er mit der linken Hand in der Luft herum, und der Aktenkoffer tanzte am Handgelenk wie wild hin und her.
Doch der Mann fand keinen Halt mehr. Dafür hätte er die Pistole fallen lassen müssen, an die er sich mit der rechten Hand wie an einen Rettungsanker klammerte. Lieber riskierte er einen drei Meter tiefen Sturz. Kein Laut kam über die Lippen des Mannes, als er vollends das Gleichgewicht verlor.
Er kippte nach hinten und schlug mit einem dumpfen Laut auf dem weichen Rasen auf. Zum Glück für den Flüchtenden war er nicht auf die steinerne Umrandung des schmalen Blumenbeets gefallen. Und das Glück war ihm auch in anderer Hinsicht hold geblieben, denn offenbar hatte sich der Mann nicht verletzt. Langsam richtete er sich auf und kam unsicher, schwankend auf die Beine.
Jetzt hörte der nächtliche Besucher einen leisen, wimmernden Laut zwischen den Lippen des Hausherrn hervordringen. Vielleicht hatte er sich bei dem Sturz doch verletzt. Der Gehörschutz war jedenfalls nicht verrutscht, und auch die Pistole umklammerte er immer noch. Der schwarze Aktenkoffer war durch Handschellen mit dem Handgelenk verbunden. Der Mann blickte sich hektisch um.
Erst als er den anderen Mann sah, erstarrte er. Der Schwarzgekleidete hatte noch gehofft, dass der Schatten der Eingangstür ihn verbergen würde, doch das war ein Trugschluss gewesen. Langsam wanderte seine rechte Hand in Richtung Gürtel, wo er für alle Fälle eine Waffe in einem Holster trug.
Der Hausherr bewegte den Mund, doch es kam kein Laut heraus, geschweige denn ein verständliches Wort. Stattdessen hob er die rechte Hand, mit der er immer noch wie selbstverständlich die schwere Pistole umklammerte, die der nächtliche Besucher jetzt als Beretta identifizieren konnte. Und das auch nur, weil im Erdgeschoss das Licht angegangen war und mit seinem Schein auch das Geschehen vor dem Haus sanft beleuchtete.
Die Hand des Hausherrn zitterte. Die Bewegungen übertrugen sich auch auf die Waffe.
Dem Schwarzgekleideten brach der Schweiß aus allen Poren. Seine rechte Hand erstarrte auf dem Weg zu seiner eigenen Pistole. Langsam hob er den linken Arm, zeigte dem verängstigten Gegenüber die offene Handfläche mit den gespreizten Fingern. Eine Geste der Beschwichtigung, mit der der Schwarzgekleidete den Flüchtenden beruhigen wollte.
Zu spät. Der Hausherr krächzte etwas Unverständliches, Tränen liefen aus seinen Augen. Dann betätigte er den Abzug und schoss seinem Gegenüber zweimal in die Brust.
***
Die Einschläge trafen den Schwarzgekleideten kurz nacheinander, perforierten die Lunge, die sich augenblicklich mit Blut zu füllen begann. Es fühlte sich an, als ob er von einem Pferd getreten worden war.
Die Schüsse verhallten in der Nacht. Der Getroffene taumelte zurück. Seine Sicht verschleierte sich kurz, er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch es drang kein Laut zwischen den Lippen hervor.
Stattdessen schmeckte er eine metallische, süßliche Flüssigkeit. Blut. Die linke Hand hielt er immer noch erhoben, und wie durch Watte gefiltert hörte er, wie das hohe Fenster neben der Eingangstür geöffnet wurde. Eben jenes Fenster, hinter dem das Licht angegangen war, bevor der Hausherr geschossen hatte.
Der Schwarzgekleidete fühlte keinen Schmerz. Nur eine sonderbare Schwäche, die ihn nach unten zog, so als ob mit Blei gefüllte Gewichte an seinem Körper hängen würden. Er sackte in die Knie und kippte langsam nach vorn. Er wollte sich noch mit der linken Hand abstützten, doch der Arm knickte unter dem Gewicht seines Körpers einfach ein. Rechts hatte er überhaupt kein Gefühl mehr.
Das Blut füllte seinen Mund immer weiter aus und rann über Unterlippe und Kinn auf den Rasen, wo es zwischen den saftig-grünen Halmen versickerte.
Wie in Zeitlupe hob der tödlich Verwundete den Kopf, und wie durch einen Schleier sah er eine kleine Gestalt aus dem offenen Fenster nach draußen springen.
Ein Junge. Vielleicht acht oder neun Jahre alt, in einem altmodischen, längs gestreiften Schlafanzug. Braune Haare standen nach allen Seiten ab. Wie Stroh, dachte der Sterbende und hätte beinahe gekichert. Er verschluckte sich an seinem eigenen Blut und musste husten.
Der Junge rannte über den Rasen, stellte sich zwischen den Sterbenden und den Todesschützen. Die kleinen Hände zu Fäusten geballt, die Arme angespannt, den Kopf leicht nach vorn gebeugt, rief er dem Mann, seinem Vater, etwas zu.
»Bitte, Papa! Hör auf! Bitte, bitte, sei wieder lieb.«
Doch der Vater hörte nicht auf seinen Sohn. Das konnte er gar nicht, denn unter dem hochwertigen Gehörschutz vernahm er rein gar nichts. Da riss der Junge den Mund weit auf, immer weiter, und der Sterbende vernahm einen schrillen Schrei, der in ein infernalisches Singen überging.
Ein letztes Mal hob der Schwarzgekleidete den Kopf und sah, wie der Vater die Pistole, die er immer noch ausgestreckt vor sich hielt, leicht senkte. Dann drückte er abermals zweimal hintereinander ab. Zwei Feuerblumen leckten aus dem Lauf, begleiteten den Tod auf seiner endgültigen Reise.
Die Projektile hämmerten in den...
| Erscheint lt. Verlag | 8.12.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-7325-2035-8 / 3732520358 |
| ISBN-13 | 978-3-7325-2035-0 / 9783732520350 |
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