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Kelidar (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2015
825 Seiten
Unionsverlag
978-3-293-30511-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Kelidar - Mahmud Doulatabadi
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Der Stamm der Kalmischi weiß keinen Ausweg mehr. Die Herden werden von der Seuche dezimiert, die Steuereintreiber bedrängen sie, die Blutrache droht. Da ziehen die Männer und Frauen in die Berge. Weil sie sich über jedes Gesetz stellen und zu Räubern werden, beginnen die Legenden um sie zu wachsen. Heimlicher Held dieses Romans ist das Land Chorassan, die Wiege der nomadischen Kultur, mit seinen Steppen, Bergen und Naturgewalten, seinen uralten Städten, geduckten Dörfern, stolzen Zeltsiedlungen und seinen Menschen, die durch große Gefühle und ungestüme Leidenschaften verkettet sind. »Kelidar«, so Mahmud Doulatabadi, »ist ein Buch der Liebe: Liebe zwischen Mann und Frau, die Liebe zwischen Freunden, die Liebe des Menschen zur Erde und zur Natur, zwischen Mensch und Tier. «

Mahmud Doulatabadi, geboren 1940 im Nordosten Irans, arbeitete in der Landwirtschaft und als Handwerker. Später absolvierte er die Theaterakademie in Teheran und war eine Zeit lang Schauspieler. Aus politischen Gründen war er zwei Jahre in Haft. Mahmud Doulatabadi gilt als bedeutendster Vertreter der zeitgenössischen persischen Prosa; er lebt mit seiner Familie als freier Schriftsteller und Universitätsdozent für Literatur in Teheran.

Mahmud Doulatabadi, geboren 1940 im Nordosten Irans, arbeitete in der Landwirtschaft und als Handwerker. Später absolvierte er die Theaterakademie in Teheran und war eine Zeit lang Schauspieler. Aus politischen Gründen war er zwei Jahre in Haft. Mahmud Doulatabadi gilt als bedeutendster Vertreter der zeitgenössischen persischen Prosa; er lebt mit seiner Familie als freier Schriftsteller und Universitätsdozent für Literatur in Teheran.

Erster Teil


I

Kurden haben die Einwohner von Chorassan schon häufig gesehen; oft sind sie mit ihnen in Berührung gekommen, in angenehme und unangenehme. Doch warum sie jetzt so gebannt auf Maral schauten, das wussten sie selber nicht.

Maral, das Kurdenmädchen, hatte sich den Zügel ihres schwarzen Pferdes über die Schulter geworfen und ging, den Nacken fest und gerade aufgerichtet, mit großen Schritten selbstbeherrscht und ruhig auf das Polizeirevier zu. Ihre Wangen waren gerötet. Alte Messingmünzen hingen vom Saum ihres Kopftuchs in die Stirn und das runde, erhitzte Gesicht und pendelten bei jedem Schritt weich um ihre Wangen und Augenbrauen. Ihre vollen Brüste traten deutlich hervor: zwei ungeduldige Tauben, die aus dem Kragen auffliegen wollten. Die Enden von Marals Kopftuch verdeckten die Brüste, die bei jeder Bewegung wippten, und ihr langer, weiter Rock schwang bei jedem Schritt im Gleichtakt mit dem Wippen der Brüste um die bestrumpften Waden. Marals Augen blickten unverwandt geradeaus, ihre Blicke flogen über die Köpfe der Vorübergehenden hinweg, die hübschen Lippen waren fest verschlossen. Sie schritt aus wie ein Held, der erhobenen Hauptes aus dem Kampf zurückkehrt. Auch ihr Rappe Gareh-At hatte seinen Hals so gewölbt, reckte die Brust und setzte seine Hufe so stolz aufs Straßenpflaster auf, als erweise er der Erde eine Gnade und fühle sich über alles ringsum erhaben.

Einem Moritatensänger, der seine Bildtafel an die Mauer gehängt hatte, stockte die Stimme, denn alle seine Zuhörer hatten ihr Auge von seiner Bildtafel und das Ohr von seiner Stimme abgewandt; sie schauten dem schwarzen Pferd und dem Mädchen nach und lauschten dem würdevollen Klopfen der Pferdehufe auf dem Straßenpflaster, bis der Sänger laut seinen Vortrag wieder aufnahm, um die Aufmerksamkeit der Leute erneut auf sich zu lenken.

Maral blieb vor dem Gebäude stehen, über dessen Portal eine Fahne wehte, und wandte sich an den Polizisten, der im Schilderhaus neben dem Tor stand: »Bruder, ich muss zu meinem Bräutigam und zu meinem Vater. Es wird jetzt ein Jahr, dass sie im Gefängnis sitzen. Bist du so gut, mir den Weg zu zeigen?«

Der junge Polizist sah mit seinen glänzenden Augen das Kurdenmädchen und den Rappen, der sein Maul über die Schulter des Mädchens hielt, genauer an und sagte: »Mit deinem Pferd kannst du aber nicht in den Hof gehen. Du musst das Pferd irgendwo anbinden.«

»Wenn du mir versprichst, darauf aufzupassen, binde ich seinen Zügel an den Baum da.«

»Dass du aber nicht zu lange wegbleibst, denn in einer halben Stunde ist meine Wache vorbei.«

Maral zog ihr Pferd zum Weidenbaum, band den Zügel um den mageren Stamm, nahm die Satteltasche aus festem Stoff von der Kruppe des Pferdes, warf sie sich über die Schulter, streifte das Gesicht des Polizisten mit einem freundlichen Blick und trat in den Torweg, der unter einem halbmondförmigen Gewölbe zum Hof führte. Maral blieb einen Augenblick stehen und sah sich den Hof an, der sich vor ihr ausbreitete: Mit Ziegelsteinen gepflasterter, feuchter Boden, in der Mitte ein Wasserbecken, einige Zimmer auf einer Seite, hohe Lehmmauern und Schatten, eine Gruppe Männer und Frauen, die wartend in einer Ecke nahe der Treppe standen. Auf der Veranda oberhalb der Treppe saß hinter einem alten Tisch ein Unteroffizier, der ein Messingschild auf der Brust hängen hatte; mit einem weißen Taschentuch wischte er sich den Schweiß von seinem fetten Nacken. Als er Maral dort stehen sah, rief er ihr von Weitem zu: »He … Mädchen, was willst du? Komm hierher!«

Maral sah ihn an und setzte sich in Bewegung; entschlossenen Schrittes stieg sie die Treppe hinauf, blieb auf der Veranda neben dem Tisch des Diensthabenden stehen und sagte: »Meinen Bräutigam und meinen Vater will ich sehen.«

Der Diensthabende – er hatte ein weißes, gedunsenes Gesicht, hennagefärbtes, weiches Haar und einen Schnurrbart – sah Maral aufmerksam und länger als nötig an und fragte schließlich: »Haben die keinen Namen? Wie heißen sie?«

»Delawar und Abduss. Mein Vater heißt Abduss, mein Bräutigam Delawar.«

»Ich weiß, wen du meinst. Vom Kurdenstamm der Tupkalli!«

»Nein, Bruder. Vom Stamm der Mischkalli. Aus Dahneh-ye Schur. Aus der Gegend von Ssar-Tscheschmeh. Zuerst waren sie im Gefängnis von Nischabur.«

»Und wie heißt du? Was soll man denen sagen, wer gekommen ist?«

»Maral. Die Maral von Abduss. Ich komme gerade vom Berg Kelidar.«

»Schön, stell dich da zu den Frauen; ich sag dann, man soll sie rufen.«

Maral ging zur Ecke und gesellte sich zu den wartenden Leuten; aus den Augenwinkeln beobachtete sie den Unteroffizier, der einen Polizisten zu sich winkte, ihm einen Zettel gab und sagte: »Sag, sie sollen schneller aufrufen, die Zeit ist knapp.«

Nachdem er das gesagt hatte, blickte der Unteroffizier das Kurdenmädchen an. Maral senkte den Kopf, wandte das Gesicht ab, nahm die Satteltasche von der Schulter und lehnte sich an die hohe Hofmauer. Ein frischer Luftzug stieg vom mit Wasser besprengten Boden auf, und der Geruch drang Maral in die Nase. Der Geruch der alten Lehmmauer, der Geruch der feuchten Ziegel, der Geruch der sommerlichen Schatten, der Geruch des abgestandenen grasgrünen Wassers im Becken, das von einer Schicht Wasserlinsen überzogen war, der Geruch der Blätter von Granatapfel- und Quittenbaum, der Geruch der fremden Menschen und der Fremdheit überhaupt – alle diese Gerüche stiegen Maral in die Nase und weckten in ihr ein neues Gefühl.

Die Leute, wie sie da in einer Ecke zusammengedrängt standen und jeder seinen mageren Hals in eine andere Richtung bog, erinnerten Maral an eine vor Hitze schmachtende Gruppe von Schafen, die von der Herde abgetrennt und in einem Stall als Pfand zurückbehalten wurden. Verwelkt und bekümmert waren sie, von einem jeden Gesicht konnte man irgendwelche Sorgen ablesen. Ein vertrockneter Städter in einem weißen Hemd aus Kunstseide mit aufgekrempelten Ärmeln, mit Handgelenken dünn wie Stiele, aschgrauen Lippen und grauem Haar saß auf der Treppe zur Veranda und rauchte. Eine alte Bäuerin saß in Gedanken versunken auf dem Boden, den Rücken an die Mauer gelehnt. Eine junge Stadtfrau mit mondblassem Gesicht saß auf einer Stufe, hatte sich ihr Kind auf die Knie gelegt und wiegte es sachte. Etwas weiter entfernt beim Blumenbeet stand ein lang aufgeschossener Polizist im Schatten der hohen Mauer und besah einen am Ast hängenden Granatapfel.

Maral wurde aufgerufen: »Dorthin! Durch die Tür da.« Sie hob die Satteltasche auf, warf sie sich über die Schulter und setzte den Fuß auf die Treppe, als der Polizist vortrat und ihr die Satteltasche abnahm: »Das ist verboten, Schwester. Leg sie hierhin.«

Maral blickte ihn zögernd an: »Versprichst du mir, ihnen die Sachen auszuhändigen, Brüderchen?«

Die Andeutung in Marals Worten ärgerte den Polizisten. »Glaubst du, unsereins hat noch keinen Gurmast gesehen? Los, trödle nicht! Die Zeit ist knapp.«

Das Schimpfen des Polizisten erschreckte Maral nicht, aber irgendwie schämte sie sich über ihr eigenes Verhalten. Den Zettel, den sie vom Polizisten erhalten hatte, steckte sie ein, setzte sich neben die Satteltasche, holte daraus ein in Tuch eingeschlagenes Brot, den schwarzen Lederbeutel mit Gurmast und das Sahnetöpfchen hervor und vertraute alles dem Polizisten an. Ihr Schamgefühl überwindend, musterte sie ihn nochmals, so als wolle sie seinen Augen die Gewissheit entnehmen, dass er das ihm Anvertraute auch heil und sicher abliefern werde. Und als wolle sie sich die Merkmale seines Gesichts einprägen, um ihn bei einem Versehen wieder erkennen zu können: ein kurzer Schnurrbart unter den Löchern der spitzen Nase, eine große Warze auf der Unterlippe, eine Narbe auf der linken Wange, braune Augen in den Höhlen unter der Stirn und die zwei Striche der Augenbrauen, weich wie Katzenfell.

Unter dem forschenden, wachsamen Blick des Kurdenmädchens nahm der Polizist Brotbündel, Beutel und Töpfchen an sich, trug sie in eine andere Ecke des Hofs zu einer grünen, schmutzigen Tür – dem Haupteingang des Gefängnisses –, reichte eins nach dem andern unter Namensnennung durch eine Klappe und sagte noch einmal laut: »Für Delawar und Abduss.«

Als Maral die Namen der Ihren hörte, beruhigte sie sich und schöpfte Hoffnung, dass ihr Vater und Delawar Sahne und Brot und Gurmast erhalten würden. So setzte sie sich wieder hin, knotete die Bänder der Satteltasche zu, hob die Tasche auf, trug sie zu dem Polizisten, der am Granatapfelbaum stand, legte sie an die Mauer und sagte: »Bis ich zurückkehre, vertrau ich sie dir an, Bruder.«

Der lang aufgeschossene Polizist schüttelte nachlässig den Kopf; ein farbloses Lächeln umspielte seine Lippen; er sagte: »Geh die Treppe hinauf, zur Tür da. Dort sind sie.«

Maral dankte ihm und ging die Treppe hinauf. Sie durchquerte die Veranda und kam zu einer ausgeblichenen Tür. Sie blieb stehen, fasste den Türgriff und drückte ihn ungeduldig. Die Tür öffnete sich nicht. Maral drehte sich um und schaute suchend umher. Der Mann im weißen kunstseidenen Hemd kam die Treppe herauf und blieb vor der Tür, dicht neben ihr,...

Erscheint lt. Verlag 6.11.2015
Übersetzer Sigrid Lotfi
Verlagsort Zürich
Sprache deutsch
Original-Titel Kelidar (1978–1983)
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Arabien • Asien • Chorassan • Iran • Nomaden • Persien
ISBN-10 3-293-30511-3 / 3293305113
ISBN-13 978-3-293-30511-3 / 9783293305113
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