John Sinclair 1129 (eBook)
64 Seiten
Bastei Lübbe (Verlag)
978-3-8387-3862-8 (ISBN)
Endlich als E-Book: Die Folgen der Kult-Serie John Sinclair aus den Jahren 2000 - 2009!
Das Blutmesser.
Michelle und Alain Maron waren Geschwister, die als Kinder schon wie Pech und Schwefel zusammenhielten. Nichts sollte sie trennen, auch der Tod nicht. Sie besiegelten ihren Schwur durch ihr eigenes Blut und mit dem Blutmesser.
Dann beging Alain Selbstmord. Den Schwur hatte er trotzdem nicht vergessen. Er wollte seine Schwester ebenfalls zu sich holen. Und er hatte etwas mit ins Jenseits genommen. Es war das Blutmesser.
John Sinclair ist der Serien-Klassiker von Jason Dark. Mit über 300 Millionen verkauften Heftromanen und Taschenbüchern, sowie 1,5 Millionen Hörspielfolgen ist John Sinclair die erfolgreichste Horrorserie der Welt. Für alle Gruselfans und Freunde atemloser Spannung. Tauche ein in die fremde, abenteuerliche Welt von John Sinclair und begleite den Oberinspektor des Scotland Yard im Kampf gegen die Mächte der Dunkelheit.
Das Blutmesser
Plötzlich waren die Stimmen da!
»Wir haben dich, Michelle! Du kannst uns nicht entkommen. Wir haben es dir versprochen. Wir freuen uns auf dich …«
Michelle Maron hörte noch ein schrilles böses Kichern, dann war es schlagartig still.
Sie blieb abrupt stehen. Ihr Stopp kam zu unerwartet für andere Menschen, die gegen ihren Rücken prallten und sie nach vorn stießen.
Sie konnte sich an einem Stuhl bei einem der Tische vor dem Café in der Einkaufspassage abstützen. Sie drehte sich und setzte sich hin. Die Beine hatten einfach nachgegeben.
Für eine Weile schloss sie die Augen. Trotzdem sah sie Bilder, die an ihr vorbeizogen. Sie konnte nichts Genaues erkennen, die einzelnen Sequenzen verschwammen wie schlechte Fotomontagen. Aber sie waren mit seltsamen Menschen gefüllt, die ungewöhnliche Kleidung und Kopfbedeckungen trugen. Zudem hielten sie etwas in den Händen, das an lange Stäbe oder Lanzen erinnerte, doch sicher war sich Michelle nicht.
Die Menschen bildeten eine schwankende Mauer, die gegen sie anrollte, um sie zu überschwemmen. Sie sagten nichts, sie glichen einfach nur stummen Zeugen, die ihren Weg von irgendwoher gefunden hatten.
»Möchten Sie was bestellen oder schlafen?«
Eine spöttisch klingende Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Michelle öffnete die Augen und war für einen Moment verwirrt, weil sie einen anderen Anblick erwartet hatte. Aber es war der Kellner, der vor ihr stand, ein junger Mann mit dunklen Haaren im Afrolook und sehr brauner Haut. Er trug ein weißes Hemd, eine schwarze Hose und eine helle Schürze.
Michelle schaffte ein schwaches Lächeln. »Pardon, aber ich bin für einen Moment eingenickt.« Die Worte kamen ihr glatt über die Lippen. »Die Luft hier, die Wärme – Sie verstehen …«
»Klar, wenn es draußen nieselt und feucht ist, geht es vielen Leuten hier mies.«
»Da bin ich ja beruhigt.«
»Ich empfehle Ihnen einen Espresso. Heiß, stark, echt super. Oder ein Glas Prosecco.«
»Schön.«
»Was nehmen Sie?«
»Beides.«
»Ho, das ist ein Wort, Madam. Da kommen Sie wieder auf Touren und können Bäume ausreißen.«
»Halme reichen mir schon«, erklärte sie.
»Okay, ich bringe Ihnen die beiden Aufputscher.« Er lachte und trat durch die offene Glastür in den Raum dahinter mit den weißen Wänden, der schwarzen Theke und den ebenfalls dunklen Tischen und Stühlen, die auf einem hellen Boden standen.
Michelle Maron ließ sich zurücksinken. Ihr war noch immer warm. Schweiß stand auf ihrer Stirn. Sie trug nur den dünnen Mantel und das graue Kostüm mit dem hellen Top darunter. Nein, für die Jahreszeit war sie nicht zu dick angezogen, doch in dieser Passage hatte es sie plötzlich überkommen.
Hinzu kamen die geheimnisvollen Stimmen dieser ebenfalls geheimnisvollen Wesen. Sie allein waren der Grund allen Übels. Ihretwegen fühlte sich Michelle verfolgt, und sie waren manchmal wie eine Peitsche, und ihretwegen fürchtete sie sich auch vor der Nacht. Tagsüber und bei Dunkelheit hatte sie das Wispern gehört, das böse Ahnungen in ihr hochjagte, aber sie war noch nie so direkt damit konfrontiert worden wie bei diesem Bummel.
Mit beiden Händen fuhr sie durch ihr braunes Haar, in das sich graue Strähnen hineingestohlen hatten. Dabei war sie gar nicht so alt. Eben mal 35. Doch das Erbe ihrer Mutter ließ sich nicht verleugnen, und sie wollte die Haare auch nicht färben. Michelle war dagegen, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. Sie gehörte auch nicht zu den Frauen, die viel Wert auf Schminke legten. Mit Farben ging sie anderweitig um, denn sie war eine Malerin, die es immer wieder schaffte, Bilder zu entwerfen, die auch verkauft wurden. Dabei ging sie nicht einmal auf den Geschmack der Kunden ein. Sie malte, was ihr in den Kopf kam. Blumen, Landschaften, Menschen und Räume. Das alles etwas verfremdet, surrealistisch, überzeichnet und verändert, aber die Bilder kamen an, weil die Motive etwas aussagten.
Michelle konnte gut von ihrer Arbeit leben, und sie hatte sich in ihrem Haus auch wohl gefühlt – bis vor zwei, drei Wochen. Da war es zu den unheimlichen Vorgängen gekommen. Da hatte sie die Stimmen gehört. Dieses Flüstern, diese bösen Versprechungen, die ihr verdammt stark unter die Haut gingen.
Der Espresso wurde serviert und auch der Prosecco. Der Kellner lächelte wieder breit, als er die beiden Getränke abstellte. »Danach werden Sie sich toll fühlen, Madam, das kann ich Ihnen versprechen.«
»Danke. Darf ich schon bezahlen?«
»Wenn Sie wollen.«
Er tippte die Rechnung in einen kleinen Hand-Computer, der auch den Beleg ausdruckte. Eine Handtasche hatte Michelle nicht mitgenommen. Sie trug einen kleinen Rucksack aus Leder, der noch immer auf ihrem Rücken hing und sie auch beim Sitzen nicht störte. Etwas Geld hatte sie in die Tasche ihrer Kostümjacke gesteckt, und sie legte noch ein gutes Trinkgeld hinzu.
»Danke, Madam, sehr freundlich. Folgen Sie meinem Rat, und Sie werden wieder hipp sein.«
»Das hoffe ich.«
»Schönen Tag noch.«
Der Espresso dampfte. Sie fasste die Tasse am Henkel an und führte sie behutsam zum Mund. Das heiße Getränk trank sie mit langsamen Schlucken. Es war bitter, aber sie nahm keinen Zucker, und beim Trinken beobachtete sie sich in der nahen Scheibe.
Sie sah eine Frau mit einem leidlich hübschen Gesicht. Schmale Wangen, ein etwas breiter Mund, wie bei Julia Roberts, eine hohe Stirn und braune Augen. Es waren eben die Augen, die aus dem Gesicht etwas Besonderes machten, und oft genug spiegelten sie ihre Gefühle wider.
Im Moment war der Blick unstet. Geprägt von der Erinnerung an das Erlebte. Es war nicht real gewesen, aber trotzdem so echt, dass sie noch jetzt erschauerte. Das zu begreifen und damit zurechtzukommen, war nicht einfach. Mittlerweile hatten sich die Belästigungen schon zu einer Qual entwickelt und für Angstzustände gesorgt. Besonders bei Dunkelheit waren sie schlimm. Da hatte sie einfach das Gefühl, als wäre ihr Haus mit Gespenstern der übelsten Sorte gefüllt.
Der heiße Espresso brachte sie noch mehr ins Schwitzen. Sie hatte plötzlich das Gefühl, innerlich zu kochen und diese innere Hitze sorgte bei ihr für einen erneuten Schweißausbruch.
Ein paarmal tupfte sie mit dem Taschentuch das Gesicht ab, aber es brachte nicht viel, denn der Schweiß kehrte immer wieder zurück.
Mit leicht zitternder Hand griff sie nach dem Glas, in dem der Prosecco perlte. Die prickelnde Kühle tat ihr gut.
’Der nette dunkelhäutige Kellner hatte recht behalten. Sie fühlte sich jetzt wohler und atmete tief durch. Bisher hatte sie verkrampft auf dem Stuhl gesessen. Jetzt streckte sie die Beine aus und schaute nach vorn. Direkt hinein in den Trubel der Einkaufspassage, in der sich die Käufer und Seher drängten, denn das schlechte Wetter hatte sie in die mit Geschäften gefüllten Ladenstraßen hineingetrieben.
Frauen, Männer, Kinder, bepackt mit Taschen und Tüten, als gäbe es am nächsten Tag nichts mehr zu kaufen. Viel Platz war nicht. Die Menschen bewegten sich im Schneckentempo voran.
Alles war normal und trotzdem fremd. Sie liebte es im Prinzip, sich unter die Menschen zu mischen, denn durch sie erhielt sie immer neue Eindrücke, die auch auf die Arbeit umschlugen.
Plötzlich war er da!
Er! Die Gestalt! Inmitten der anderen bewegte sie sich, ohne dass sie gesehen wurde. Sie ging einfach weiter, sie blieb vor ihr stehen, und die Frau auf ihrem Stuhl erstarrte. In der rechten Hand hielt sie das dünne Glas. Finger zuckten und das Material zerbrach. Sie merkte nicht, dass Blut aus den kleinen Wunden ihrer rechten Hand trat, denn ihre Augen waren nur auf die Gestalt in der roten Kutte gerichtet und in das graue, alte zerfurchte Gesicht. Auf dem Kopf saß der spitze Hut, ebenfalls grau, aber auch metallisch schimmernd.
Der Unheimliche beugte sich vor. Sein Gesicht kam näher und näher. Er kippte den Stab, dessen Ende auf ihre Brust wies. Es war keine Lanze, die sie hätte durchbohren können, denn sie sah eine kleine Kugel darauf sitzen.
Warum kommt denn niemand? schrie es in ihr. Warum hilft mir denn keiner? Die Menschen müssen doch gesehen haben, was hier vor sich geht! Sie können nicht vorbeigehen. Sie müssen fragen, was geschieht und mir helfen …
Nichts davon geschah.
Michelle Maron blieb allein.
Und sie schaute zu, wie die Lanze mit der Kugel kippte und auf sie zugeschoben wurde.
Näher, immer näher!
Michelle fürchtete sich vor dem Kontakt. Sie ahnte, dass dies alles andere als gut für sie sein könnte. Es war ihr auch nicht möglich, einen Schrei auszustoßen. Sie hockte allein in dem Trubel und schien von allem abgeschirmt zu sein.
Dann spürte sie den leichten Druck direkt unter dem Hals, wo die Haut so weich war. Es war kalt wie Eis, dann wurde es heiß, danach glühend, und plötzlich wusste sie nicht mehr, wo sie sich befand. Die Umgebung verschwand, nichts war zu sehen, keine Menschen, kein Café, keine Geschäfte. Dafür öffnete sich ihr eine völlig andere und grauenvolle Welt …
*
Es war nicht dunkel um sie herum, obwohl es Michelle im ersten Augenblick so vorkam. Aber sie hielt die Augen offen, und sie sah, dass die Dunkelheit allmählich verschwand. Dabei verwandelte sie sich nicht in ein strahlendes Hell, das Schwarz wurde nur von einer anderen düsteren Farbe abgelöst. Von einem finsteren und blutigen Rot, das ihre gesamte Umgebung wie ein Anstrich umgab.
Sie selbst saß auf dem Boden, die Beine angewinkelt, hin zur rechten Seite gedreht. Sie hatte sich mit einer Hand abgestützt, die linke...
| Erscheint lt. Verlag | 28.10.2015 |
|---|---|
| Reihe/Serie | John Sinclair | John Sinclair |
| Verlagsort | Köln |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Horror |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | blutig • Clown • Gruselroman • Horror • Horror Bücher ab 18 • horror thriller • Jason Dark • Lovecraft • Paranomal • Sinclair • Slasher • Splatter • Stephen King • Steven King • Zombies |
| ISBN-10 | 3-8387-3862-4 / 3838738624 |
| ISBN-13 | 978-3-8387-3862-8 / 9783838738628 |
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