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Kennedys Hirn (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2015 | 1. Auflage
400 Seiten
Paul Zsolnay Verlag
978-3-552-05760-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Kennedys Hirn -  Henning Mankell
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Als die Archäologin Louise Cantor von ihrer Ausgrabung in Griechenland zu einem Vortrag nach Schweden reist, will sie auch ihren 25-jährigen Sohn wiedersehen. Doch als sie die Wohnung in Stockholm betritt, liegt Henrik tot im Bett. Louise glaubt nicht an einen Selbstmord. In Henriks Kleiderschrank findet sie eine Menge Material zu der Frage, warum Kennedys Hirn nach der Obduktion spurlos verschwand. War dieser junge Idealist einem kriminellen Geheimnis auf der Spur? In Louise Cantors spannender Recherche, die sie von Australien über Barcelona nach Maputo in Mosambik zu den Ärmsten der Aids-Kranken führt, finden die Hauptthemen in Henning Mankells Schreiben zusammen: die Aufdeckung aktueller Verbrechen in unserer Gesellschaft und die sozialen Probleme auf dem schwarzen Kontinent.

Henning Mankell (1948 - 2015) lebte als Schriftsteller und Theaterregisseur in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay Treibsand (Was es heißt, ein Mensch zu sein, 2015), die Neuausgabe von Die italienischen Schuhe (Roman, 2016), Die schwedischen Gummistiefel (Roman, 2016) und die frühen Romane Der Sandmaler (2017), Der Sprengmeister (2018) und Der Verrückte (2021).

1


Die Katastrophe kam im Herbst und brach ohne Vorwarnung über sie herein. Sie warf keine Schatten, sie bewegte sich vollkommen lautlos. Zu keinem Zeitpunkt hatte sie eine Vorstellung davon, was geschah.

Es war, als wäre sie in einer dunklen Gasse in einen Hinterhalt geraten. Doch die Wahrheit war, daß sie gezwungen wurde, sich von den Ruinen abzuwenden, einer Wirklichkeit zu, um die sie sich eigentlich nie gekümmert hatte. Gewaltsam wurde sie in eine Welt hinausgeschleudert, in der sich niemand besonders für das Ausgraben bronzezeitlicher griechischer Grabanlagen interessierte.

Sie hatte tief in ihren staubigen Tongruben gelebt, hatte sich über zerbrochene Vasen gebeugt, die sie zusammenzusetzen versuchte. Sie hatte ihre Ruinen geliebt und nicht gesehen, daß die Welt um sie her im Begriff war einzustürzen. Sie war die Archäologin, die aus der Vergangenheit an ein Grab trat, von dem sie sich nie hatte vorstellen können, sie würde an ihm stehen.

Es gab keine Vorzeichen. Der Tragödie war die Zunge herausgeschnitten worden. Sie hatte ihr keine Warnung zurufen können.

Am Abend bevor Louise Cantor nach Schweden reiste, um an einem Seminar über die laufenden Ausgrabungen bronzezeitlicher Gräber teilzunehmen, trat sie im Badezimmer mit dem linken Fuß in eine Keramikscherbe. Der Schnitt war tief und blutete stark. Die Keramikscherbe war aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, und das Blut auf dem Fußboden bereitete ihr Übelkeit.

Sie befand sich in der Argolis auf der Peloponnes, es war September, und die Grabungskampagne des Jahres ging ihrem Ende zu. Sie ahnte schon schwache Windstöße, die Vorboten der kommenden Winterkälte mit sich trugen. Die trockene Wärme mit ihrem Duft von Rosmarin und Thymian verlor sich bereits.

Sie stillte den Blutfluß und schnitt ein Pflaster zurecht. Eine Erinnerung schoß ihr durch den Kopf.

Ein rostiger Nagel, der ihr direkt in den Fuß gedrungen war, nicht den, an dem sie sich eben geschnitten hatte, sondern den anderen, den rechten. Sie war fünf oder sechs Jahre alt gewesen, der braune Nagel war ihr direkt in die Ferse gedrungen, hatte die Haut und das Fleisch durchstoßen, als wäre sie aufgespießt von einem Pfahl. Sie hatte vor Entsetzen hemmungslos geschrien und gedacht, daß sie jetzt die gleichen Qualen erlebte wie der Mann am Kreuz da vorn in der Kirche, in der sie manchmal ihre einsamen Gruselspiele spielte.

Wir werden von diesen angespitzten Pfählen durchbohrt, dachte sie, während sie das Blut von den gesprungenen Fliesen aufwischte. Eine Frau lebt immer in der Nähe all dieser Spitzen, die dem, was sie zu schützen versucht, schaden wollen.

Sie humpelte in den Teil des Hauses, der ihr Arbeitsplatz und ihr Schlafzimmer war. In einer Ecke hatte sie einen knarrenden Schaukelstuhl und einen Plattenspieler. Den Schaukelstuhl hatte der alte Leandros ihr geschenkt, der Nachtwächter. Leandros war schon in den dreißiger Jahren als armes, aber neugieriges Kind dabeigewesen, als die schwedischen Ausgrabungen in der Argolis begannen. Jetzt schlief er sich als Nachtwache auf dem Mastoshügel schwer durch die Nächte. Aber alle, die an der Arbeit beteiligt waren, verteidigten ihn. Leandros war ein Maskottchen. Ohne ihn wären alle zukünftigen Mittel für weitere Ausgrabungen gefährdet. Mit dem Fortschreiten des Alters war Leandros in der letzten Zeit ein zahnloser und meistens auch ziemlich schmutziger Schutzengel geworden.

Louise Cantor setzte sich in den Schaukelstuhl und betrachtete ihren verletzten Fuß. Sie mußte lächeln beim Gedanken an Leandros. Die meisten schwedischen Archäologen, die sie kannte, waren auf eine aufrührerische Weise gottlos und weigerten sich, in den verschiedenen Behörden etwas anderes zu sehen als Hindernisse für die Weiterführung der Grabungen. Götter, die seit langem jede Bedeutung verloren hatten, konnten kaum irgendeinen Einfluß auf das Geschehen in den entfernten schwedischen Behörden haben, wo die unterschiedlichen archäologischen Grabungsetats abgelehnt oder bewilligt wurden. Die Bürokratie war ein Tunnelsystem mit Eingängen und Ausgängen, doch nichts dazwischen, und die Beschlüsse, die schließlich in den heißen griechischen Grabungsstätten eintrafen, waren häufig äußerst schwer verständlich.

Ein Archäologe gräbt immer aus einer zweifachen Gnade, dachte sie. Wir wissen nie, ob wir finden, was wir suchen, oder ob wir suchen, was wir finden wollen. Wenn wir das Richtige finden, ist die Gnade groß gewesen. Doch wir wissen nie, ob wir die Erlaubnis und das Geld bekommen, weiter in die wunderbaren Ruinenwelten einzudringen, oder ob das Euter plötzlich zu versiegen beschließt.

Es war ihr persönlicher Beitrag zum Archäologenjargon, die bewilligenden Behörden als Kühe mit launischem Euter zu betrachten.

Sie sah auf die Uhr. Es war in Griechenland kurz nach acht, eine Stunde früher als in Schweden. Sie streckte sich nach dem Telefon und wählte die Nummer ihres Sohns in Stockholm.

Es klingelte, doch niemand nahm ab. Als der Anrufbeantworter ansprang, lauschte sie seiner Stimme mit geschlossenen Augen.

Es war eine Stimme, die sie ruhig machte. »Dies ist ein Anrufbeantworter, und du weißt, was du tun mußt. Ich wiederhole auf englisch. This is an answering machine and you know what to do. Henrik.«

Sie sprach ihre Nachricht: »Vergiß nicht, daß ich nach Hause komme. Ich bin zwei Tage in Visby, Bronzezeit, du weißt schon. Danach komme ich nach Stockholm. Ich liebe dich. Wir sehen uns bald. Vielleicht rufe ich nachher noch einmal an. Wenn nicht, melde ich mich aus Visby.«

Sie holte die Keramikscherbe, an der sie sich den Fuß aufgeschnitten hatte. Eine ihrer engsten Mitarbeiterinnen, eine eifrige Studentin aus Lund, hatte sie gefunden. Es war eine Keramikscherbe wie Millionen anderer Scherben, ein Stück attischer Keramik, und sie vermutete, daß der Krug, zu dem sie gehörte, kurz vor dem Aufkommen der später dominierenden roten Farbe hergestellt worden war, sie dachte an das frühe fünfte Jahrhundert.

Sie liebte das Puzzlespiel mit Keramikscherben, liebte es, sich ganze Gefäße vorzustellen, die sie vielleicht niemals würde rekonstruieren können. Sie würde Henrik die Scherbe als Geschenk mitnehmen. Sie legte sie auf ihren fertig gepackten Koffer, dessen Schloß darauf wartete, geschlossen zu werden.

Wie immer vor einer Abreise fühlte sie sich rastlos. Es fiel ihr schwer, sich gegen die wachsende Ungeduld zu wehren, und sie beschloß, ihre Pläne für den Abend zu ändern. Bis sie sich an der Scherbe geschnitten hatte, war sie darauf eingestellt gewesen, ein paar Abendstunden dem Aufsatz über die attische Keramik zu widmen, an dem sie arbeitete. Doch jetzt löschte sie die Lampe auf ihrem Arbeitstisch, stellte den Plattenspieler an und ließ sich in den Schaukelstuhl fallen.

Wie meistens, wenn sie Musik hörte, begannen draußen in der Dunkelheit die Hunde zu bellen. Sie gehörten ihrem nächsten Nachbarn Mitsos, einem Junggesellen und Mitbesitzer an einem Bagger. Ihm gehörte auch das kleine Haus, das sie mietete. Die meisten ihrer Mitarbeiter wohnten in Argos, aber sie hatte es vorgezogen, in der Nähe der Ausgrabung zu bleiben.

Sie war beinah eingeschlafen, als sie zusammenschrak. Plötzlich fühlte sie, daß sie die Nacht nicht allein verbringen wollte. Sie stellte den Ton leiser und rief Vassilis an. Er hatte versprochen, sie am nächsten Tag nach Athen zu bringen. Da die Lufthansa-Maschine nach Frankfurt sehr früh abging, würden sie schon um halb vier Uhr losfahren müssen. Sie wollte in einer Nacht, in der sie sowieso nur unruhigen Schlaf finden würde, nicht allein sein.

Sie blickte zur Uhr und dachte, daß Vassilis noch in seinem Büro wäre. Eine ihrer seltenen Streitereien hatte seinem Beruf gegolten. Vermutlich war ihre Äußerung, Rechnungsprüfer müsse der brennbarste Beruf sein, den es gebe, nicht besonders feinfühlig gewesen.

Sie erinnerte sich noch an die genaue Formulierung, die sie benutzt hatte, eine unbeabsichtigte Bosheit.

»Der brennbarste Beruf, den es gibt. So knochentrocken und leblos, daß er sich jeden Augenblick von selbst entzünden kann.«

Er war erstaunt gewesen, vielleicht traurig, vor allem aber wütend. In dem Moment hatte sie begriffen, daß er sich tatsächlich nicht allein ihres Sexuallebens annahm. Er war ein Mann, mit dem sie ihre Freizeit teilen konnte, obwohl oder vielleicht weil er überhaupt nicht an Archäologie interessiert war. Sie hatte befürchtet, er könne so verletzt sein, daß er die Beziehung beendete. Aber sie hatte ihn überzeugen können, daß sie nur einen Scherz gemacht hatte.

»Die Welt wird von Rechnungsbüchern beherrscht«, hatte sie gesagt. »Rechnungsbücher sind die Liturgie unserer Zeit, Rechnungsprüfer sind unsere Hohenpriester.«

Sie wählte die Nummer. Besetzt. Sie schaukelte langsam im Stuhl. Vassilis war sie durch einen Zufall begegnet. Aber waren nicht alle wichtigen Begegnungen im Leben Zufälle?

Ihre erste Liebe, der rothaarige Mann, der Bären jagte, Häuser baute und zwischendurch für lange Perioden in Melancholie versinken konnte, hatte sie eines Tages mitgenommen, als sie nach dem Besuch einer Freundin in Hede den Schienenbus verpaßt hatte und per Anhalter nach Sveg zurückgefahren war. Emil war in einem alten Laster gekommen, sie war sechzehn Jahre alt und hatte es noch nicht geschafft, den Schritt ins Leben zu tun. Er fuhr sie nach Hause. Es war im Spätherbst 1967, sie blieben ein halbes Jahr zusammen, bis sie sich aus seiner riesenhaften Umarmung zu befreien vermochte. Danach zog sie von Sveg nach Östersund, fing auf dem Gymnasium an und beschloß,...

Erscheint lt. Verlag 9.10.2015
Übersetzer Wolfgang Butt
Verlagsort Wien
Sprache deutsch
Original-Titel Kennedys Hjärna
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte 21. Jahrhundert • Bestseller • Krimi • Schweden
ISBN-10 3-552-05760-9 / 3552057609
ISBN-13 978-3-552-05760-9 / 9783552057609
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