Piratenherz (eBook)
416 Seiten
Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
978-3-522-65307-7 (ISBN)
Marliese Arold wurde als jüngstes Kind von drei Geschwistern in Erlenbach am Main geboren. Das Nesthäkchen liebte die Märchen, die ihre Mutter ihr erzählte und entdeckte sehr früh die Liebe zu Geschichten. Sie konnte von Büchern nicht genug bekommen, aber Bücher waren knapp. Um Abhilfe zu schaffen, beschloss sie kurzerhand, selbst zu schreiben. Über zweihundert Bücher hat die Vollzeit-Autorin, die ihrem Mann noch immer in Erlenbach lebt, schon geschrieben. Ihre beiden Kinder sind inzwischen erwachsen. Ihre lustigen, traurigen, spannenden und frechen Erzählungen vermehren sich fröhlich weiter und, tatsächlich, langsam wird es auf ihren Bücherregalen eng!
Kapitel eins
NEUE UFER
Ich bin nirgendwo zu Hause außer auf dem Meer.
K.S.
»Wir können nicht hierbleiben«, sagte Dad eines Abends, ungefähr zwei Monate nach der Beerdigung.
Ich hatte Simon gerade ins Bett gebracht und dafür gesorgt, dass er sich zuvor die Zähne putzte. Wie immer hatte ich meinem Bruder eine Gutenachtgeschichte vorgelesen und darauf bestanden, dass er ein Stück selber las und zwar laut.
Ich liebte das abendliche Ritual, es schweißte uns zusammen. Manchmal redeten wir über Mama. Simon war mit seinen sieben Jahren fest überzeugt, dass sie jetzt im Himmel war und durch die Wolken auf uns herabschaute. Ich beneidete ihn um seinen kindlichen Glauben und wünschte mir, ich könnte genauso Trost finden wie er. Es fiel mir schwer, mir etwas anderes vorzustellen außer dass Mamas Körper jetzt unter der Erde zerfiel und dass nur unsere Erinnerungen von ihr übrig blieben. Gab es ein Weiterleben im Jenseits? Oder wurden wir alle irgendwann wiedergeboren, in einer anderen Zeit, in einer anderen Gestalt? Es gab niemanden, den ich fragen konnte, und ich hatte auch aufgehört, im Internet nach Antworten zu suchen.
»Warum können wir nicht hierbleiben?«, fragte ich Dad. »Wie meinst du das?«
»Ich dachte, wir könnten nach Hamburg ziehen«, sagte er, ohne mich anzusehen.
»Zu Oma?« Ich schnappte nach Luft.
»Genau. Ihr Haus ist groß genug für uns alle. Ich habe schon mit ihr gesprochen.«
Etwas schnürte meine Kehle zu. Ich kannte meine Oma väterlicherseits kaum. Mit fünf Jahren hatte ich sie das letzte Mal gesehen. Sie wohnte in einem Schloss. So kam mir damals die riesige Villa vor – ein Schloss mit einer bösen Königin, die Mama nicht leiden konnte. Weil sie Künstlerin war. Und weil sie Papa geheiratet hatte und er ihretwegen nicht in den Familienbetrieb eingestiegen war.
»Das ist nicht dein Ernst«, sagte ich.
Dad wich immer noch meinem Blick aus.
»Ich fürchte, wir haben keine andere Wahl, Rebekka.« Seine Stimme war jetzt so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte. »Wir sind pleite. Ich muss das Haus verkaufen, um die Schulden zu bezahlen.«
Mamas Krankheit hatte zuletzt viel Geld verschlungen, besonders, als klar war, dass ihr die Schulmedizin nicht helfen konnte. Dad hatte immer wieder nach alternativen Möglichkeiten gesucht, vergebens. Niemand konnte sie heilen, weder die Professoren in New York noch der Schamane in Österreich. Meine Eltern hatten sich an jeden Strohhalm geklammert.
»Ich habe schon einen Makler beauftragt«, redete Dad weiter. »Morgen Vormittag kommen die ersten Interessenten.«
Ich konnte es nicht fassen. Offenbar hatte er schon alles organisiert. Ich sprang auf.
»Toll, du hast es einfach beschlossen, ohne mir ein Wort zu sagen!« Empört verließ ich das Wohnzimmer und schmetterte die Tür hinter mir zu. Ich rannte in mein Zimmer hinauf und warf mich aufs Bett. Mein Herz raste. Ich griff nach meinem Kopfkissen und schleuderte es auf den Boden. Meine Wut war riesig. Ich hatte große Lust, etwas kaputt zu machen. Dad hatte einfach über mich und Simon bestimmt, ohne uns zu fragen, wie wir uns unser zukünftiges Leben vorstellten. Vermutlich hatte er keinen Gedanken daran verschwendet, dass wir unsere Freunde verlieren würden. Und nicht nur das …
Ich schloss die Augen. Tausend Gedanken drehten sich in meinem Kopf. Hamburg – das bedeutete neue Schule, andere Lehrpläne, fremde Mitschüler und Lehrer. Ganz zu schweigen davon, dass wir bei Oma wohnen sollten. Eine Gänsehaut kroch meinen Rücken empor. Mein Bauch verkrampfte sich. Nein, nein, niemals im Leben! Es musste doch noch eine andere Möglichkeit geben. Wir konnten hierbleiben und in eine kleine Mietwohnung ziehen. Meinetwegen konnte sie ganz winzig sein, ich war auch bereit, mein Zimmer mit Simon zu teilen. Alles – aber nicht zu Oma, nicht nach Hamburg …
»Hamburg ist doch so was von cool«, meinte Silke am nächsten Tag, als ich ihr in der Pause von Dads Plänen erzählte. »Ich komm dich garantiert besuchen. In der Großstadt hast du viel mehr Möglichkeiten als hier … Wow, und du hast mir noch nie verraten, dass deine Oma stinkreich ist.«
Ich starrte meine Freundin an und verstand nicht, wie sie so reden konnte. Gut, ich hatte ihr nichts von dem Konflikt erzählt, der zwischen meiner Mutter und meiner Oma geherrscht hatte. In der letzten Zeit hatte es eigentlich nur zwei Gesprächsthemen zwischen uns gegeben: Mamas Krankheit und Silkes Beziehung zu diversen Jungs. So unterschiedlich diese Themen auch waren, sie versetzten uns in ähnliche Stimmungen, himmelhoch jauchzend oder abgrundtief traurig. Ich lief wie auf Wolken, wenn sich Mamas Zustand besserte und es Hoffnung auf Heilung gab. Silke war im siebten Himmel, wenn sie sich mit ihrem neusten Schwarm verabredet hatte. Doch sowohl Silkes als auch meine Welt stürzten regelmäßig zusammen: Der Neue entpuppte sich wieder einmal als Dumpfbacke und bei meiner Mutter stand die nächste Chemo an. Mum wurde blasser und wog immer weniger, und Silke verlor allmählich das Vertrauen, dass es irgendwo einen Jungen gab, der kein Arschloch war.
»Ich kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben als hier«, sagte ich und ließ meinen Blick über den Schulhof schweifen. Alles war so vertraut, und ich spürte einen Stich in der Magengegend bei dem Gedanken, von hier weg zu müssen.
»Du bist ein Angsthase.« Silke lachte und warf ihre blonde Mähne mit Schwung nach hinten – eine Geste, auf die die Jungs abfuhren. »Ich wäre glücklich, wenn ich an deiner Stelle wäre. Stattdessen muss ich in diesem Kaff versauern. Ich kann es gar nicht abwarten, bis ich achtzehn bin und irgendwo studieren kann.«
Ich seufzte. Silke und ich waren so verschieden – und doch waren wir die allerbesten Freundinnen. Sie war mutig und abenteuerlustig und ich wollte eher Sicherheit. Sie war gefühlsbetont und ließ sich von ihren Emotionen leiten, während ich immer alles hinterfragte und eher meinem Verstand als meinem Bauchgefühl vertraute.
»Ich weiß, dass du deine Mutter vermisst«, sagte Silke. »Aber du musst nach vorne schauen. Das Leben geht weiter.«
»Meine Großmutter ist ein Ungeheuer«, murmelte ich dumpf. »Mir wird eiskalt bei dem Gedanken, dass wir bei ihr einziehen sollen.«
»Meine Güte! Du kennst sie doch gar nicht richtig. Gib ihr eine Chance, Bekka.«
Das hätte auch mein Vater sagen können. Es erstaunte mich, solche Worte aus Silkes Mund zu hören. War ich wirklich so engstirnig und verbohrt? Ich versuchte, mich an meine Großmutter zu erinnern, aber in meinem Kopf tauchte nur ein riesiges Gebäude mit einer geschniegelten Rasenfläche auf. Ein marmorner Springbrunnen mitten in der Auffahrt. Kiesbestreute Wege. Ein Badezimmer mit einer viel zu großen Badewanne. Hohe Räume mit Samtvorhängen an den Fenstern …
»Es ist eine ganz andere Welt …«
»Die Welt der Reichen und Schönen«, ergänzte Silke. »Und du gehörst dazu. Wie ich dich beneide. Bestimmt habt ihr auch einen Ballsaal. Ich stelle mir schon vor, wie du als Debütantin in die feine Hamburger Gesellschaft eingeführt wirst …«
Ich schüttelte den Kopf. »Du hast zu viele schnulzige Filme angeschaut.«
Silke hakte mich lachend unter. »Was willst du anziehen? Sicher bekommst du ein tolles Kleid. Du wirst mit deiner Oma in den teuersten Geschäften shoppen, sie bezahlt überall mit ihrer Platin-Kreditkarte und anschließend bucht sie einen Benimmkurs für dich. Du wirst Golf spielen …«
»Nur über meine Leiche«, erwiderte ich.
»Wollen wir wetten? Wenn ich recht habe, lernst du schwimmen.«
Schwimmen. Mein schwacher Punkt. Mit meinen fast sechzehn Jahren konnte ich immer noch nicht schwimmen. Ich hatte höllische Angst vor Wasser. Im Schwimmbad bekam ich schon im Nichtschwimmerbecken die Krise. Es hatte deswegen immer wieder zahlreiche Kämpfe und Diskussionen gegeben, aber weder Drohungen noch die Aussicht auf Belohnung hatten meine Angst überwinden können. Mein Vater ließ mich in dieser Hinsicht inzwischen in Ruhe und auch die Sportlehrer hatten ihre Bemühungen eingestellt.
»Einverstanden«, sagte ich. »Und wenn du die Wette verlierst, musst du deine Haare raspelkurz schneiden.«
Silke stieß einen erschrockenen Schrei aus. Die langen Haare waren ihre ganzer Stolz, die Friseurinnen durften die Spitzen nur immer wenige Millimeter kürzen.
»Es muss schon wehtun«, behauptete ich. »Sonst ist es nicht fair.«
Silke zögerte. »Okay«, sagte sie dann und streckte mir die Hand entgegen. Ich schlug ein.
»Du wirst sehen, ich gewinne, Bekka.«
Alles ging viel zu schnell. Dad fand einen Käufer für unser Haus, ein Umzugsunternehmen wurde bestellt, eine Gärtnerei würde sich um Mums Grab kümmern. Schon zwei Tage nach Ferienbeginn brachen wir auf in Richtung Norden. Unser alter Kombi war so vollgepackt, dass Simon auf dem Rücksitz kaum Platz hatte.
Die Fahrt dauerte ewig, und es war brütend heiß. Die Klimaanlage des Wagens hatte schon vor Jahren ihren Geist aufgegeben. Auf der A7 war Stau, wir kamen nur im Schritttempo voran oder standen ganz. Simons ständiges Gejammer machte sogar meinen sonst so geduldigen Vater nervös.
»Herrje, ich kann es nun mal nicht ändern. Halt endlich mal die Klappe.«
Simons Augen füllten sich mit Tränen. »Aber ich muss Pipi.«
Dad stöhnte. Er stieg aus. Ich half ihm, Simon zwischen all den Decken und Bettzeug aus seinem Kindersitz zu befreien,...
| Erscheint lt. Verlag | 12.10.2015 |
|---|---|
| Verlagsort | Stuttgart |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre | |
| Schlagworte | Geheimnis • Jugendbuch • Liebe • Liebe, Liebesgeschichte • Liebesgeschichte • Liebesroman • Mädchenbuch • Piraten • Spannung |
| ISBN-10 | 3-522-65307-6 / 3522653076 |
| ISBN-13 | 978-3-522-65307-7 / 9783522653077 |
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