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Geschichte Giafars des Barmeciden (Philosophischer Roman der Spätaufklärung) (eBook)

eBook Download: EPUB
2015 | 1. Auflage
560 Seiten
e-artnow (Verlag)
978-80-268-4395-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Geschichte Giafars des Barmeciden (Philosophischer Roman der Spätaufklärung) -  Friedrich Maximilian Klinger
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Dieses eBook: 'Geschichte Giafars des Barmeciden (Philosophischer Roman der Spätaufklärung)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Friedrich Maximilian von Klinger (1752-1831), war ein deutscher Dichter und Dramatiker. Sein Drama Sturm und Drang wurde namensgebend für eine ganze literarische Strömung.In seinen Werken knüpfte er an dramaturgische Eigenheiten William Shakespeares und an philosophische Ansichten Jean-Jacques Rousseaus an. Sie beinhalten sowohl gesellschaftskritische als auch starke gefühlsorientierte Momente. Aus dem Buch: 'Damit hat es noch lange Zeit, und geschieht es einst, so wird es damit gehen, wie mit Allem, was die Menschen thun. Sei ruhig, mein Sohn, über diesen Punkt. Der Faden ist für die groben Sinne viel zu fein gesponnen, das Licht viel zu helle, als daß es die bloß an Helldunkel gewöhnten Augen der Menschen ertragen könnten. Und wagt sich einst dieser Denker hervor, so werden die Schüler meiner Weisheit ein solches Geschrei erheben, daß man die Stimme der Wahrheit nicht vernehmen wird. Meine Schüler, Leviathan, schreien für die Ehre, das Brod, das Handwerk, und ihre Zunft ist groß, wie du weißt. - Alles Das ist nur für die Hörsäle, allenfalls noch für die Wolkenritter, wie dein Barmende einer war.'

5.


Giafar war nach und nach mit Ahmet so vertraut geworden, als es dessen Ernst und ihn durchdringender Blick erlauben wollten. Er fühlte seinen Verstand von ihm unterjocht, ohne daß es jetzt sein Herz beschwerte, dunkel ahnte er aus seinem Betragen, daß sein Schicksal durch ihn eine andere Wendung nehmen müßte, und erwartete den Augenblick mit Sehnsucht. Als sie eines Tages auf der Klippe saßen und das von den Trümmern der Verwüstung bedeckte Thal vor sich liegen sahen, sagte Giafar mit einem tiefen Seufzer:

Aber wozu dieser Sturm? Warum dieser Wolkenbruch?

Ahmet (kalt). Vielleicht um ein fern wohnend, aus Durst verschmachtend Volk zu tränken, einen Boden zu wässern und zu befruchten, dessen Quellen die Sonne vertrocknet hatte.

Giafar. Diese Antwort ist mir nicht neu, und das, was sie in sich faßt, hat mich nur zu oft empört. Mußte er Diese ersäufen, um Jene zu tränken? Hier Weiber zu Wittwen, Kinder zu Waisen machen, damit das Blut Jener gekühlt werde? Wird es ein Trost für diese Unglücklichen sein, daß nun Jene, die ihnen nichts sind und sein können, auf ihre Kosten gerettet worden?

Ahmet. Sie leiden, seufzen, vergessen und bauen wieder auf, was der Sturm zerstört hat; sie können die ewigen Gesetze der Nothwendigkeit nicht, denen sie unterworfen sind, empfangen das Gute aus den Händen der Natur ohne Dank und das Böse ohne Groll.

Giafar. Beim Propheten, auch ich habe das sogenannte Glück der thierischen Stumpfheit in Persien bemerkt, und wenn du damit die Grausamkeiten des Khalifen rechtfertigen willst, so muß es dir freilich unbedeutend scheinen, ob ein Wolkenbruch, der mit der Verwüstung einer Sündfluth herunterstürzt, dasjenige bewirkt, was ein wohlthätiger, unschädlicher Regen eben so wohl hätte thun können. Gehe nun hin, Mensch, und nenne die Natur deine Mutter! Ahmet. Hast du die Wasser gegen die Bedürfnisse der Erde abgewogen und weißt du bestimmt, ob ein sanfter Regen das bewirken konnte, was der Sturm bewirkte?

Giafar. Bei dem Gefühl des Menschen, es ist scheußlich zu denken, daß hier ein Erdstrich mit seinen Bewohnern aufgefressen werde, damit ein ferner, uns unbekannter blühe! Dies ist es, was ich empfinde und was meinen Verstand erdrückt. Wenigstens ist es dem Menschen zu verzeihen, wenn er gegen Den murret, den er sich so mächtig denken soll und den er gleichwohl handeln sieht, wie die beschränkten Sterblichen, die nicht selten gezwungen sind, ein vermeintes und zwar sehr kleines Gute durch ein großes Uebel für sich oder andre zu erkaufen.

Ahmet. So scheint es freilich.

Giafar. Scheint es nur? und dies wäre alles, was ein Mann wie du mir antworten könnte oder wollte? Gleichwohl weißt du, daß dem Menschen Alles nur Schein ist, daß er sich leider damit begnügen muß. – Wenn aber nun einer diesen Schein oder Schleier gewaltsam wegzureißen strebte, um zuzusehen, was er uns verbirgt? Und wenn er nun, indem er das trügerische Gewebe seines Scheinglücks zerstört, die Anordnungen eines Wesens mit zu frechem Blicke musterte, in dessen Macht es stand, unser Glück etwas fester zu gründen, und das sich uns ohne Zweideutigkeit enthüllen konnte!

Ahmet. Mit gleichem Rechte magst du hadern, daß dir die Materie des Lichts ein Geheimniß sei. Ziehe die Sonne dem Erdball näher, das wohlthätige Licht, das dich erwärmte, dir leuchtete und die Saat des Feldes zur Reife trieb, wird Gluth werden und dich und ihn zerschmelzen.

Giafar. Das Bild ist treffend, vielleicht schön; aber es läßt mich kalt, denn ich sehe dieses Thal vor mir.

Ahmet. Wie, und wenn dieses Wesen alles Dieses nun gethan hätte, was du forderst? Wenn es sich nun mir und dir und Jedem offenbart hätte, der mehr auf die innere Stimme, als auf die üppigen Verirrungen eines verdorbenen Verstandes hören will?

Giafar. Ahmet, der Verstand kann hier nicht entscheiden, das Gefühl, das diesen vergleichen lehrt und uns von unserem Elende jeden Augenblick so schmerzlich überzeugt, scheint mir dazu allein berechtigt. Ich habe den Khalifen und seine Sklaven Dinge begehen sehen, die mir die Welt zur Hölle machten. Vor meinen Augen wurde mein edler Vater erdrosselt, weil er es mit der Tugend hielt, und ich Elender fiel in Betäubung vor dem Verschnittenen nieder, der mir im Namen des Tyrannen den dritten Theil seines Vermögens zusagte. Noch glühe ich vor Scham, und nie werde ich diesen Stachel aus meinem Herzen ziehen können. Ich floh und rettete mich in diese wilde, unzugängliche Einsamkeit, wie der bebende Vogel vor dem Geier. Hier glaubte ich mich sicher in Ruhe und hoffte, die Wunden meines Herzens sollten heilen; plötzlich verwüstet ein Wolkenbruch meine Einsamkeit, ertränkt Tausende vor meinen Augen, damit, wie du sagst, ein fernes Volk, das mir und ihnen nichts ist, gerettet werde – es sei so; aber ich sehe hierbei nichts als Unordnung, Mangel und Gebrechen in dem Ganzen und weiß nicht, warum ich vor allen Thieren die so hoch gepriesene Fähigkeit erhalten mußte, dieses recht tief zu fühlen und recht klar zu denken.

Ahmet. Ich begreife es, daß ein fühlender Mensch, der von früher Jugend ein Zeuge der Gräuel der Tyrannei war, der einen so edlen Vater durch sie verlor, und den der Egoismus gegen diese Frevel weder verkälten noch zum Mitschuldigen machen konnte, oft vor diesen Verbrechen zurück starren mußte, fasse es, daß ein solches Schauspiel, worin weder Zweck noch Verstand zu erblicken ist, deine sich eben entwickelnde Vernunft verwirren mußte, und daß du in dieser Betäubung nicht mehr wußtest, ob du den Menschen allein anklagen, oder ob du außer seiner Sphäre die Ursache dieser Uebel suchen solltest. In so weit rechtfertigt dich mein eigenes Herz, und es macht sogar dem deinigen in einem gewissen Sinne Ehre.

Giafar. Ahmet, wer sein Herz einmal gefühlt hat, kann Der kalter Zuschauer dieser Verwüstungen bleiben? Wie kochte es in meinem Busen, wenn ich mein Unvermögen empfand, diesen Gewalthätigkeiten Einhalt zu thun. Oft trieb mich das Nachdenken über die Unvernunft der Tyrannen, die durch ihre Grausamkeiten gegen sich selbst wüthen, bis zum Wahnsinn. Wenn ich dann die Augen aufschlug und den Himmel heiter über diesen schwarzen Gräueln hängen sah, mußte ich nicht denken, er achte unsers Daseins nicht und habe das schreckliche Loos über uns geworfen, noch mehr von der Gewalt unsers Gleichen, als der Gewalt der Natur zu leiden? Kann unser Verstand, der jeden Augenblick durch eine neue peinliche Erscheinung zerrüttet wird, die Wunden des Herzens heilen? Ich spürte den Ursachen dieser Uebel aus allen Kräften nach; aber nur zu geschwind entdeckte ich, daß eben über dem, was der Mensch am begierigsten zu wissen wünscht, und wozu ihn ein innerer, unwiderstehlicher Trieb zu berechtigen scheint, das schwärzeste Dunkel liegt. Da ich nun diesen verworrenen Knäuel nicht selbst loswickeln konnte, versuchte ich es durch die Weisesten der Menschen der alten und neuen Zeit, las ihre Schriften –

Ahmet. Und fandest in dem stolzen Gewebe ihrer Systeme die Beweise der Armuth, der Pein ihres Geistes, das Unerforschliche nicht erforschen zu können. Dein Verstand verwirrte sich von nun an noch mehr, und deine Zweifel wurden stechender.

Giafar. Ach, wie ekelhaft wird uns die Menschheit durch diese Demüthigung, wenn wir sehen, daß Männer, ausgerüstet mit dem feinsten Verstand, mit dem schärfsten Blick, die Alles wissen, was der Mensch durch Erfahrung, Fleiß und Anstrengung erhaschen kann, die Alles durchforscht haben, uns gerade darüber, worüber wir sie fragen, keine befriedigende Antwort geben können.

Ahmet. Dies ist nun freilich demüthigend und sollte uns, deucht mich, von dem Wahn heilen, das erforschen zu wollen, was man uns so geflissentlich verbirgt; aber hast du dich auch je gefragt, ob es zu unserm Glücke so nöthig ist? Ob eine entscheidende Antwort auf die kühne Frage vielleicht nicht das wenige Glück, das wir, wie du selbst nicht leugnen wirst, genießen, gänzlich zerstören würde? So unsinnig wirst du doch nicht sein, den Schleier von dem ungeheuren All, wovon du nur einen unausdrückbaren kleinen Theil umspannen kannst, ganz wegziehen zu wollen? Denn eben so leicht möchtest du die Gewässer des Weltmeers mit deinem Trinkbecher messen wollen. Würdest du nicht über die Ameise, die hier im Moose vor uns kriecht, lachen, wenn sie mit dem Schöpfer haderte, daß sie nicht jenes Gebirge, so wie wir, übersehen kann? Gelänge es uns nun auch, einen Zipfel von diesem Schleier aufzuheben, würden wir mehr als ein kleines Theilchen von einem ungeheuren Ganzen sehen können? Würden wir, da das Ganze über unsere Fassung geht und wir die Theilchen nirgends einzupassen wissen, mehr damit unternehmen können, als mit den übrigen Bruchstücken?

Giafar. Macht diese Ueberzeugung unsere Lage besser? Warum mußten wir einen Theil fassen und begreifen können, da das Ganze über unsre Vorstellung geht? Geschah es darum, um uns lüsterner auf das zu machen, was uns vorenthalten ist? Oder sollten wir darum den unbedeutendsten Theil begreifen, um unsere Beschränktheit, unsere Stumpfheit desto peinlicher zu fühlen?

Ahmet. Vielleicht weil Befriedigung hierüber durch einen einzigen Schlag das ganze moralische Wesen des Menschen vernichten und das edelste Geschöpf des Unnennbaren zwar zu einer vollendeten, aber auch zu einer sehr langweiligen und sich selbst sehr lästigen Maschine machen würde. Barmecide, du hast bisher nach nichts gestrebt und weißt nicht, in wie weit uns der rechte Gebrauch unsrer Kräfte veredeln und weiser machen kann.

Giafar. Weiser?

Ahmet. Ich sage weiser und in eben den Dingen, die dir so dunkel scheinen.

Giafar. (ward ernsthaft und...

Erscheint lt. Verlag 4.9.2015
Verlagsort Prague
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Essays / Feuilleton
Literatur Romane / Erzählungen
Geisteswissenschaften Philosophie
Schlagworte Aufklärung • Charakterstudie • Der Fürst • Deutscher Dichter • Dramaturgische Eigenheiten • Friedrich Schiller • Gesellschaftskritik • Goethe • James Joyce • Jean-Jacques Rousseau • Kant • Max Horkheimer • Philosophischer Roman • Sartre • Schauplatz Persien • Simon Weinert • Spätaufklärung • Sturm und Drang • William Shakespeare
ISBN-10 80-268-4395-9 / 8026843959
ISBN-13 978-80-268-4395-5 / 9788026843955
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